Wildern in den Texten von Michel de Certeau (Teil 1)

Schon mehrfach ist im RaT-Blog der Name Michel de Certeau erwähnt worden. Certeau war einer der Lieblingsdenker von Papst Franziskus. Eines seiner Hauptwerke ist die Kunst des Handelns, die im Jahr 1980 im französischen Original mit dem Titel L’Invention du Quotidien erschienen ist.

Der gemeine Mann

Es geht in diesem Buch um die Handlungen des gemeinen Mannes. Certeau beschreibt den gemeinen Mann nicht als eine konkrete Person, sondern als eine philosophische und literarische Figur. Er ist der namenlose Anti-Held und wird mit Figuren wie „Jedermann“ oder „Niemand“ gleichgesetzt.

Die Literatur nutzt diesen Jedermann, um eine universelle Wahrheit darzustellen. Der gemeine Mann steht insofern für „alle“. Diese Figur wird dazu verwendet, um über das Universelle (wie den Tod oder das Schicksal) zu sprechen.

Als Österreicher denke ich beim Wort Jedermann unwillkürlich an das Theaterstück von Hugo von Hofmannsthal, das seit mehr als 100 Jahren bei den Salzburger Festspielen aufgeführt wird. Die Vorlage für den Jedermann war ein englisches Mysterienspiel: Everyman. A Morality Play, gedruckt in London im zweiten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts. Es ist ein Charakteristikum eines solchen Mysterienspiels, dass nicht Individuen auftreten, sondern Personifikationen: etwa der Sensenmann, der Mammon, der Glaube. Die Handlung des Mysterienspiels ist demnach eine Allegorie des christlichen Weltgefüges, vor dem sich jedermann verantworten muss.

Ein anderes Synonym für den gemeinen Mann ist laut Certeau der Niemand. Damit kommen wir zum listenreichen Odysseus. Als Odysseus den Zyklopen Polyphem blendet, nutzt er den Namen „Niemand“ als List, als taktisches Werkzeug, um seinen körperlich überlegenen Gegner in die Irre zu führen. Odysseus überlebt durch metis – eine Form von Intelligenz, die sich dem Augenblick anpasst und die Kraft des Gegners (wie ein Trampolin) gegen ihn selbst wendet.

Wie bereits in Zusammenhang mit dem Mysterienspiel erwähnt wurde der gemeine (Jeder-)Mann strategisch von Gelehrten und Schriftstellern für universelle Aussagen verwendet. Sigmund Freud hat in seinem Essay Das Unbehagen in der Kultur an vielen Stellen vom gemeinen Mann gesprochen. Genau genommen hat er sich jedoch als Experte über den gemeinen Mann erhoben. Certeau merkt auch an, dass der „alte Freud“ erkannte, dass er selbst vielleicht auch nur ein gemeiner Mann und sein Werk auch nur ein „Zeitvertreib“ sein könnte, was die Grenze zwischen dem „erhabenen Wissenden“ und dem „gemeinen Mann“ wieder auflöst.

Die (vorgebliche) Perspektive des oft vergessenen, gemeinen Mannes wird auch oft von den Politikern benutzt. Beispielsweise hat Donald Trump 2017 in seiner Inaugural Address gesagt: „The forgotten men and women of our country will be forgotten no longer. Everyone is listening to you now.”

Strategien und Taktiken, Ort und Raum

Certeau unterscheidet zwischen den Strategien der Mächtigen, die ihren eigenen Ort haben (z.B. Gesetzestexte, bürokratische Regeln, IT Systeme) und den Taktiken des gemeinen Mannes, der die sich in den Orten ergebenden (Frei-)Räume wie ein Mietnomade bewohnt. Wir gemeinen Männer nutzen kleine Gelegenheiten, „wildern“ in den Systemen der Mächtigen und biegen die Regeln kreativ um.

In Certeaus Buch geht es darum, wie der gemeine Mann versucht mit subversiven und listigen Taktiken in den Mühlen der Macht mit ihren Überwachungs- und Regelungsstrategien zu überleben. Certeau interessiert sich insbesondere für die identitätsstiftende Funktion dieser listigen Taktiken.

Expertensprache und Alltagssprache

Die Strategien der Macht nutzen das Wissen von Experten, z.B. Experten für Technologien. Diese Experten beschränken sich jedoch in ihren Aussagen nicht auf ihre Kernexpertise, sondern nutzen ihr Ansehen bzw. die daraus abgeleitete Autorität und treffen generelle Aussagen darüber, wie das menschliche Zusammenleben organisiert werden sollte. Dabei kommt es zum „Paradox der Autorität“: Je mehr Autorität ein Experte ausübt, desto mehr „verliert“ er seine ursprüngliche fachliche Kompetenz. Seine Kompetenz wird „erschöpft“ wie die Energie eines Fahrzeugs. Um seine Macht zu behalten, muss er so tun, als hätte er noch das Wissen, während er in Wahrheit nur noch die Rolle der Autorität spielt.

Interessanterweise machen Intellektuelle etwas Ähnliches: auch sie haben üblicherweise gewisse Kernkompetenzen, treffen dann aber Aussagen, die die ganze Gesellschaft betreffen. Anders als die Experten sprechen Intellektuelle jedoch nicht aus einer Position der Macht.

Die Experten sprechen eine Fachsprache, die der gemeine Mann nur schwer versteht. Durch die Nutzung dieses Jargons erhebt sich der Experte vom über den gemeinen Mann. Die dialektische Pointe ist jedoch, dass letztlich die Expertensprache der alltäglichen Sprache unterlegen ist. Denn die Alltagssprache bietet viel mehr Ausdrucksmöglichkeiten – inkl. Witz und Ironie – als die Expertensprache. Certeau spricht davon, dass die Alltagssprache die Expertensprache überflutet, so wie „das Meer Strände überflutet“.

Die von den Experten geschaffene moderne Wissenschaft hat sich künstliche Inseln geschaffen, die durch strikte Grenzen und künstliche Sprachen definiert sind. Diese Bereiche funktionieren nach rationalen, formalisierten Regeln und versuchen, alles „Dunkle“ oder „Abergläubische“ zu eliminieren. Alles, was nicht in diese rationalen Raster passt – das Unvorhersehbare, das Banale, das Alltägliche –, wird als „Kultur“ bezeichnet. Dieser Bereich ist für de Certeau das „Everyday Life“, das Ursprungsland, aus dem die Wissenschaft einst geflohen ist. Aber das, was von den Experten mühsam abgetrennt worden ist, das Banale, und der gemeine Mann, kehrt als Ort zurück, an dem das Wissen sich selbst erschüttert sieht.

Philosophen

Im Unterschied zum Experten beharrt ein Philosoph bzw. ein Intellektueller gegenüber den einzelnen Techniken (Mathematik, Logik, Psychiatrie etc.) auf der Relevanz allgemeiner Fragestellungen. Er versucht, die Verbindung zum Ganzen zu halten. Auch Philosophen und Intellektuelle sprechen häufig in einer Fachsprache, die dem gemeinen Mann unverständlich bleibt, und Certeau selbst ist hier keine Ausnahme.

Certeau beruft sich in diesem Zusammenhang auf Ludwig Wittgenstein, der die künstliche Sprache der Experten (insbesondere der Experten in Sachen Metaphysik und Ethik) reinigen wollte. Er wollte – mit anderen Worten –  die Herrensignifikanten (ein Ausdruck von Jacques Lacan, dessen Seminare Certeau regelmäßig besucht hat) wie Nietzsche mit dem Hammer abklopfen, um herauszufinden, ob sie innen hohl sind. Wittgenstein und Certeau werfen den Philosophen vor, Wörter aus dem Alltagsgebrauch herauszunehmen und auf einen Altar zu stellen. Für sie ist die Sprache jedoch eher ein Werkzeugkasten, der zum allgemeinen Gebrauch bestimmt ist.

Wittgenstein verfolgt das Ziel, Wörter von ihrem „metaphysischen“ Gebrauch wieder auf ihren „alltäglichen“ Gebrauch zurückzuführen.                 Er weigert sich, die Sprache zu abstrahieren oder sie in ein künstliches System zu pressen. Anstatt nach einer „höheren Wahrheit“ hinter den Wörtern zu suchen, betrachtet er sie als sprachliche Praktiken, die in das soziale Leben eingebettet sind. Wittgenstein kritisiert insbesondere auch den Philosophen als Experten. Er behandelt die Sprache so, dass niemand eine höhere Kompetenz beanspruchen kann als der gewöhnliche Sprecher selbst.

Während Heidegger das Wort „Zeit“ wie ein mysteriöses Objekt behandelt, das man im Labor untersuchen müsste, stellt Wittgenstein stattdessen die Frage: „Wie benutzen wir das Wort ‚Zeit‘ eigentlich im Alltag?“. Wir sagen beispielsweise: „Ich habe keine Zeit“, „Die Zeit vergeht wie im Flug“ oder „Komm pünktlich zur Essenszeit“. Wittgenstein legt sich ein strenges Programm auf: Nichts zu sagen, außer dem, was sich tatsächlich sagen lässt. Er möchte die Augiasställe der Intellektualität ausmisten.

Wittgenstein versucht nicht, die Welt von oben herab zu erklären, sondern er analysiert die Sprache wie ein Spiel, dessen Regeln wir bereits kennen. Er beweist, dass es hier keine Experten gibt, sondern nur Teilnehmer an gemeinsamen „Lebensformen“. Der Philosoph hat keinen privilegierten Ort mehr, von dem aus er die Welt überblicken oder kontrollieren könnte. Jede Herrschaftsposition des Diskurses wird aufgelöst, da sowohl das analysierende Subjekt als auch das analysierte Objekt denselben Status haben: Sie sind beide von den Regeln der praktischen Tätigkeit bestimmt.

In Bezugnahme auf Merleau-Ponty beschreibt Certeau die Sprache als ein lebendiges, fließendes Geflecht von Handlungen und spricht von der „Prosa der Welt“ in Abgrenzung zur Lyrik der Metaphysik oder dem Jargon der Experten.

Er verwendet die Metapher des Schiffs: Wir sind in die Alltagssprache „eingeschifft“. Wir bewegen uns mit ihr, wir steuern sie, aber wir stehen niemals außerhalb der Fluten. Die Prosa der Welt ist keine statische Struktur, sondern eine ständige Bewegung. Die Sprache ist ein „Ensemble von Praktiken“. Die „Prosa der Welt“ ist unordentlich, vieldeutig und geschichtlich – und genau das macht ihre Stärke aus, weil sie sich der totalen Kontrolle durch Experten entzieht.

Certeau argumentiert hier ähnlich wie Lacan, der ebenfalls betont hat, dass niemand außerhalb der Sprache stehen kann. Daher kann sich auch ein Philosoph oder Sprachexperte nicht über die Sprache erheben, um sie zu kontrollieren, da er selbst ein Produkt dieser Sprache ist.

Ethnologen in der Alltagswelt

Certeau schlägt nun den Intellektuellen vor, sich wie Ethnologen in der Alltagswelt zu bewegen. Es geht darum, das Vertraute unvertraut zu machen. Denn wenn man näher darüber nachdenkt, ist der Status quo oft sehr rätselhaft. Certeau spricht von der Unheimlichkeit des Alltags. Auch Denker wie Slavoj Zizek oder Zygmunt Bauman weisen uns deutlich darauf hin, dass es eine (verdeckte) Ideologie ist, die uns sagt, dass es keine Alternative zur flüchtig modernen und kapitalistischen Konsumgesellschaft gibt.

In diesem Zusammenhang fällt mir die Persiflage einer ethnologischen Dokumentation ein, bei der ein afrikanisches Forscherteam das „Stammritual“ der Oberösterreicher – das rituelle Verzehren von Grillhendln bei Volksfesten, das im Vogerltanz kulminiert  – untersucht (Das Fest des Huhnes“ von 1992, Regie Walter Wippersberg). Die Kamera beobachtet Trachten, Musik, Bierzelte und das kollektive Verspeisen von Hühnern – alles mit der distanzierten, wissenschaftlich-anthropologischen Sprache klassischer Ethnologie. Alltägliche Praktiken wirken dadurch plötzlich irrational, kultisch oder grotesk.

„Trampolinagem“ – Die listige Akrobatik

Ein Trampolinspringer besitzt nicht den Boden; er nutzt die Spannung eines Netzes, das andere für ihn aufgespannt haben. Certeau illustriert diese listige Akrobatik am Beispiel von indigenen Bauern in Lateinamerika, das er als Missionar bereist hat. Sie besitzen kein Land und keine politischen Institutionen. Sie befinden sich im „Netz der etablierten Kräfte“. Statt gegen das Netz zu kämpfen, nutzen sie dessen eigene Elastizität (die Regeln der Mächtigen), um sich in die Luft zu katapultieren. Sie nehmen beispielsweise die christlichen Symbole aber machen etwas völlig anderes daraus: Wenn sie ein christliches Gebet sprachen oder ein Heiligenbild verehrten, taten sie das oft, um im Geheimen ihre eigenen alten Götter oder Ahnen zu ehren. Die äußere Form war christlich (Strategie der Eroberer), aber der innere Sinn war indigen (Taktik der Ureinwohner).

Ein gutes Besipiel ist die Figur des Scapin in Molières Komödie Die Schelmenstreiche des Scapin (Les Fourberies de Scapin). Er ist ein Diener, der für seine Herren lügt und betrügt. Aber er tut es mit einer solchen artistischen Brillanz, dass er am Ende der eigentliche Regisseur des Geschehens ist: Im Stück wird Scapin von zwei jungen Männern um Hilfe gebeten, deren geizige und autoritäre Väter ihre Heiratspläne verhindern wollen. Scapin nutzt die Gier und die Eitelkeit der Väter als Trampolin. In einer Szene redet er dem geizigen Vater Géronte ein, sein Sohn sei von Türken auf einer Galeere entführt worden und man müsse sofort Lösegeld zahlen. Scapin bringt den Geizhals in der Folge dazu, ihm freiwillig Gold zu geben, während er innerlich über dessen Dummheit lacht.

Metis als listiger Spielzug oder Trick

Certeau sieht in dem, was die alten Griechen als metis bezeichnet haben, eine Form des Wissens, die von der modernen, westlichen Vernunft verdrängt wurde. Während eine Strategie Zeit und einen ausgeklügelten Plan braucht, benötigt. metis hingegen nur den günstigen Augenblick (Kairos). Metis zeigt sich nur im Moment des „Coups“ (des Treffers) und verschwindet dann wieder.

Ein Spiel hat feste Regeln (Strategie), aber jeder einzelne Spielzug ist eine Taktik, die auf die konkrete Situation des Gegners reagiert. Die Spieler speichern keine abstrakten Gesetze ab, sondern ein Repertoire von Handlungsmodellen. Sie wissen aus Erfahrung, welcher Trick in welcher Situation funktioniert.

„Faire la perruque“

Diese im Französischen gebräuchliche Redewendung lässt sich nicht direkt ins Deutsche übersetzen. Es wird damit die Privatnutzung von Arbeitsmitteln bezeichnet. Ein Arbeiter nutzt beispielsweise die Maschinen, die Zeit und das Material seines Arbeitgebers, um während der Arbeitszeit etwas für sich selbst herzustellen (z.B. ein Möbelstück reparieren) oder ein Geschenk basteln. Der Arbeiter bestiehlt die Fabrik nicht direkt (er nimmt meist nur Reste), aber er entzieht der Fabrik Zeit und Profit. Er arbeitet „frei, kreativ und vor allem nicht für den Profit“ inmitten eines Systems, das ihn eigentlich kontrolliert.

Es bereitet Vergnügen, zwecklose Produkte zu erfinden, die nur dem eigenen Genuss oder der Solidarität unter Kollegen dienen. Certeau zieht eine Verbindung zum anthropologischen Konzept des Potlatch (ein rituelles Fest des verschwenderischen Schenkens), über das Marcel Mauss geschrieben hat. Certeau betont, dass auf diese Art die Ökonomie der Gabe wieder in ein System einzuführen, das ansonsten nur noch nach Profit und kalter Logik funktioniert. Die Perrücke wird zu einem Akt des Exzesses und des Protests gegen die totale Verwertbarkeit.

Man könnte auch sagen, dass Certeau selbst Perrücken gemacht hat: Er nutzte die wissenschaftlichen und theologischen Werkzeuge seiner Zeit, um eine Theorie der Freiheit des „kleinen Mannes“ zu schreiben, die eigentlich quer zu allen akademischen Disziplinen lag.

Ein zeitgenössischer Beleg für die Aktualität von Certeaus Taktiken findet sich in dem subversiven Manifest der französischen Ökonomin und Psychoanalytikerin Corinne Maier. In ihrem Bestseller Bonjour Paresse (dt. Die Entfesselung der Faulheit) beschreibt sie das moderne Großunternehmen – am Beispiel ihres eigenen Arbeitgebers Électricité de France – als einen jener Orte, an denen die strategische Expertenmacht eine hohle Jargon-Welt erschaffen hat. Maier empfiehlt dem gemeinen Mann im Büro eine Taktik der aktiven Desintegration: Anstatt das System frontal anzugreifen, plädiert sie dafür, sich innerhalb der Konzernstrukturen so unsichtbar wie möglich zu machen, keine Verantwortung zu übernehmen und die Zeit für private Belange zu nutzen. Dieser Ratschlag ist eine radikale, fast zynische Anwendung von Certeaus faire la perruque. Diese Taktik dient der Rettung des eigenen Subjekts. Man bewohnt den Raum der Macht als „Mietnomade“, der dem System nur noch die bloße körperliche Anwesenheit leiht, während der Geist längst „wildert“.


Photocredit: Title image created using Gemini AI.


RaT-Blog Nr. 2/2026

  • Christian Macha hat an der WU Handelswissenschaften studiert und im Fach Soziologie mit einer Arbeit über Jürgen Habermas, Ulrich Beck und Niklas Luhmann promoviert, das was 1993. Seit 2017 ist er Student im PhD-Studium advanced theological studies und arbeitet an einer Dissertation über Zygmunt Bauman. Beruflich macht er ganz ewas anderes ... Sein Substack-Blog findet sich hier: https://open.substack.com/pub/christianmacha

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