Sprechakte sind wie Gehen in der Stadt
Certeau überträgt vier Begriffe aus der Sprachwissenschaft auf das menschliche Handeln: realisieren, aneignen, postulieren und Zeitlichkeit. Für de Certeau ist „etwas benutzen“ (wie eine Bank oder ein Textbuch) genau dasselbe wie „einen Satz sprechen“.
Das System (die Sprache, das Gesetz) ist rein virtuell. Es ist wie ein staubiges Wörterbuch im Regal: Es tut nichts, solange niemand ein Wort daraus benutzt. Erst durch die „Äußerung“ (den Sprechakt oder die Handlung) wird das System realisiert. Der Nutzer eignet sich die Sprache an. Er ist nicht mehr nur ein Rädchen im Getriebe, sondern er wird zum Akteur. Jeder Sprechakt braucht ein Gegenüber. Man spricht nie ins Leere; man konstituiert durch das Sprechen eine Beziehung. Jede Handlung setzt einen „Anderen“ voraus, mit dem man in Kontakt tritt (einen Partner, einen Gegner, einen Zeugen). Das System (die Regeln der Sprache) will zeitlos und beständig sein. Der Sprechakt (die Taktik) hingegen findet immer nur jetzt statt. Indem man ein System realisiert, es sich aneignet (es für sich nutzt), einen anderen Partner postuliert und die Zeitlichkeit nutzt, wird jedermann somit zum aktiven „Autor seines eigenen Lebens“.
Certeau überträgt die vier Begriffe (Realisieren, Aneignen, Postulieren, Zeitlichkeit) nun eins zu eins auf den Fußgänger. Der Fußgänger eignet sich das topographische System (den Stadtplan) an, genau wie der Sprecher sich die Sprache aneignet. Er sagt: „Das ist jetzt mein Weg.“ Der Stadtplan ist nur eine tote Zeichnung. Erst durch das Gehen wird der Ort realisiert. Das Gehen schafft eine Beziehung zwischen den Orten. Es verbindet das „Hier“ mit dem „Dort“. Gehen findet zu einer konkreten Zeit und den dann herrschenden Bedingungen statt (Regen oder Sonnenschein).
Rabelais gegen die Schrift-Wirtschaft
Certeau nutzt Rabelais (den Autor von Gargantua und Pantagruel), um das „Wilde“ und das „Körperliche“ gegen die kalte, ordnende Schrift-Wirtschaft der Moderne auszuspielen. Die Schrift-Wirtschaft ist das System der Bürokratie, der großen Unternehmen und der Wissenschaft, das versucht, das Leben in saubere Spalten, Bilanzen und Texte zu pressen. Rabelais steht für eine Sprache, die überquillt, die lacht, die körperlich ist und die sich nicht disziplinieren lässt. Rabelais erinnert uns daran, dass es immer einen Rest gibt – einen „Abfall“ oder ein „Fleisch“ –, das nicht in die Bilanz passt. Rabelais ist berühmt für seinen Humor, der das Hohe (die Kirche, das Recht) mit dem Niedrigen (dem Fressen, dem Verdauen, der Sexualität) vermischt. Certeau übernimmt von ihm die Idee, dass man eine übermächtige Institution (wie die Sorbonne bei Rabelais) durch Parodie und Übertreibung unterwandern kann.
An Michel Foucault und Pierre Bourdieu kritisiert Certeau, dass sie das Subjekt zum passiven Opfer der Dispositive der Macht (Foucault) oder zur Marionette der sozialen Herkunft bzw. des Habitus (Bourdieu) machen. Er sieht hingegen in den subversiven Taktiken des gemeinen Mannes einen größeren Spielraum des Subjekts.
Auf zeitgenössische Denker bezogen: Würde Slavoj Žižek Kafkas die listigen Taktiken des gemeinen Mannes feiern? Aus Žižeks Perspektive könnte man argumentieren, dass Kafkas und Maiers private Fluchten genau jene verdeckte Ideologie des Systems stützten. Sie fungieren vielleicht nur als das notwendige Sicherheitsventil, das es dem gemeinen Mann ermöglicht, den restlichen Tag als funktionierendes Rädchen in den großen Unternehmen zu verbringen.
Die Kunst der Urteilskraft
Es geht de Certeau darum, dass die Theorie (ein Begriff der 1970er) selbst eine „Kunst“ (im Sinne von Techne oder Handwerk) werden muss. Eine Theorie, die das Handeln nur in Tabellen und Gesetze presst (die „Schrift-Wirtschaft“), tötet ihren Gegenstand. Die Theorie soll eher wie eine Erzählung sein. Sie soll nicht behaupten, die ganze Wahrheit „von oben“ zu sehen, sondern sie soll sich unter die Praktiken mischen. Anstatt zu sagen „So ist es“ (dogmatisch), sollte die Theorie sagen „Und dann passierte das…“ (narrativ). Sie sollte den Reichtum der Möglichkeiten offenhalten, statt ihn durch Definitionen zu schließen. Certeau stellt fest, dass die Menschen ihre „Kniffe“ und Listen meist in Form von Geschichten weitergeben. Eine Taktik lässt sich nicht in einer mathematischen Formel fixieren, sondern sie entfaltet sich in einem Reisebericht, wo der Ort zum Raum wird. In diesem Zusammenhang beruft sich Certeau auch auf Immanuel Kant. Er findet in Kants Kritik der Urteilskraft eine Form des Denkens, die nicht nach starren Regeln funktioniert, sondern die Regel erst im Handeln, im Einzelfall findet.
Es spukt
Certeau fragt, warum wir überhaupt bestimmte Wege einschlagen. Was treibt uns an? Für ihn sind Ortsnamen „mythische Relikte“. Ein Name Universität oder Stephansdom ist ein leerer Behälter, den der Gehende mit seinen eigenen Geschichten füllt. Jeder bewohnte Raum ist ein „Spukort“. Er ist von den Geistern der Vergangenheit, von persönlichen Erinnerungen und Legenden besiedelt. Ein Ort wird erst dadurch menschlich, dass dort etwas „spukt“ – das sind Erinnerungen, geheime Wünsche oder Geschichten, die dort früher passiert sind. Unter der geplanten Stadt der Strategen liegt eine unsichtbare Stadt der Mythen und Träume.
Schiff und Kerker
Certeau nutzt die Metapher der Eisenbahn und des Schiffes, um das Paradoxon der modernen Existenz in Institutionen zu beschreiben. Er beschreibt den Zug, das Schiff (metaphorisch vielleicht das Büro) als einen Kerker oder goldenen Käfig, der sich durch die Landschaft bewegt. Während der Körper unbeweglich am Schreibtisch verharrt, „reist“ der Geist durch das Fenster nach draußen. Das Fensterglas (z.B. auch das Gehalt) schützt, aber es isoliert dich auch.
Für Franz Kafka war die Prager AUVA jener mächtige Ort, an dem die Strategien der Moderne – die Verwaltung von Unfällen, die Bürokratisierung des Leids und die technologische Überwachung – ihren festen Sitz hatten. In den Mühlen dieser Macht fungierte Kafka offiziell als jener Experte: Er beherrschte die Fachsprache der Versicherungstechnik und verfasste Berichte über Holzbearbeitungsmaschinen, die von jener Autorität strotzten, die das System von ihm verlangte. Doch ich stelle mir vor, dass Kafka während er nach außen hin die Strategien der Institution repräsentierte, im Inneren die reinste Form der Taktik praktizierte: Kafka bewohnte seinen Büroschreibtisch wie ein „Mietnomade“. Er nutzte die Infrastruktur der Macht – das Papier, die Tinte, die Stille des Vormittags –, um seine eigenen, subversiven Räume zu schaffen
Kafka nutzte den Jargon der Beamten, aber nicht, um Autorität zu zementieren, sondern um das „Vertraute unvertraut zu machen“. In seinen Texten wird die Alltagssprache, angereichert mit der unterkühlten Präzision des Protokolls, zu jenem Meer, das die Strände der bürokratischen Logik überflutet. Kafka klopfte die hohlen „Herrensignifikanten“ der kaiserlich-königlichen Verwaltung mit dem Hammer ab und legte das Rätselhafte und Groteske des Status quo frei.
Die mythische Praxis des Schreibens
In der Moderne hat das Schreiben die Funktion übernommen, die früher der Mythos hatte. Es ist das Werkzeug, mit dem wir die Welt ordnen und uns ihrer bemächtigen. Früher erklärten Mythen, wie die Welt entstanden ist. Heute glauben wir, dass wir die Zukunft „schreiben“ können (durch Planung, Wissenschaft und Bürokratie). Das Schreiben ist unser moderner Glaube daran, dass wir die Welt durch Vernunft und Dokumentation perfektionieren können.
Das Schreiben beginnt mit einer radikalen Trennung: dem Isolieren eines eigenen Ortes, der leeren Seite. Die leere Seite ist ein Raum, der von der „wilden“, unordentlichen Welt da draußen abgegrenzt ist. Auf dieser Seite ist der Schreibende der Herrscher. Er kann dort eine eigene Welt erschaffen, die logisch und kontrolliert ist; Certeau nennt dies die Transformation: das rohe Material wird in Zeichen verwandelt. Das Ziel ist ein fertiges Produkt – das Buch, der Bericht, das Gesetz. Dieses Produkt soll die Realität da draußen verändern oder beherrschen. Certeau zieht eine Parallele zur Eroberung Amerikas. Das Schreiben ist wie das Hissen einer Flagge. Der Text ist ein Eroberungswerkzeug. In der Moderne gilt nur das als „wirklich“, was schriftlich fixiert ist. Wer schreibt, hat die Macht, die Geschichte zu definieren.
Für die Schrift-Wirtschaft ist die Welt da draußen (das Leben, die Natur, die mündliche Tradition) zunächst nur rohes Material. Die Schrift-Wirtschaft will die Welt „lesbar“ machen. Was nicht geschrieben steht, was nicht in einer Datenbank erfasst ist oder in einer Bilanz auftaucht, gilt in der modernen Gesellschaft als nicht existent oder als „Rauschen“.
Inkorporation, Repräsentationsmechanismus
Die „Schrift-Wirtschaft“ arbeitet nicht mehr nur auf Papier, sondern nutzt den menschlichen Körper selbst als Schreibfläche. Das Gesetz ist zunächst nur ein abstrakter Text, eine tote Schrift. Damit es Macht erlangt, muss es inkorporiert werden. Das Wort muss Fleisch werden. Certeau bezieht sich hier auf Franz Kafkas Erzählung In der Strafkolonie. Dort ritzt eine Maschine dem Verurteilten das Gesetz direkt in die Haut und tötet ihn damit.
In der modernen Arbeitswelt ist die Maschine subtiler. Die Einritzung geschieht durch: den Dresscode und die Erfassung der Arbeitszeiten. Im Home Office durch das grüne Symbol der Anwesenheit in der Teams App. Der Bürostuhl und die Tastatur zwingen die Hände und den Rücken in eine bestimmte Form.
Certeau argumentiert, dass ein gut disziplinierter Körper ein Zitat des Gesetzes ist. Wir glauben, wir drücken uns selbst aus, aber meistens „führen wir nur das Gesetz auf“, das in uns eingeschrieben wurde. Ein Unternehmen und eine Behörde brauchen Körper als „Darsteller“ ihrer Funktionen, damit ihre eigenen Regeln „wahr“ wirken.
Certeau beschreibt einen ständigen Austausch: (1) Abstieg: Das Gesetz steigt herab und prägt den Körper (Erziehung, Training, Disziplin). (2) Aufstieg: Der geprägte Körper produziert nun wieder Zeichen (Berichte, Handlungen, Daten), die zurück in die „Schrift-Wirtschaft“ fließen. (3) Das geschlossene System: Die Schrift produziert Körper, und die Körper produzieren Schrift. Es ist ein sich selbst erhaltender Kreislauf, der keinen „Außenraum“ duldet.
Ein Inkarnationsapparat ist nichts anderes als die Summe aller Werkzeuge und Verfahren, die aus einem biologischen Menschen ein funktionierendes Mitglied der Gesellschaft – oder eben z.B. einen Beamten – machen. Die Inkarnationsapparate funktionieren wie eine Fabrik. De Certeau beschreibt das fast wie einen chirurgischen Eingriff: Der „wilde“ Körper (der vielleicht lieber im Wald spazieren ginge oder über Gott nachdenken würde) wird durch den Inkarnationsapparat „zurechtgestutzt“.
Allerdings kann man auch nur so tun, als sei das Gesetz perfekt eingeschrieben, während man innerlich einem ganz anderen „Text“ folgt. Man kann wie Franz Kafka in meinem Bild im Büro sitzen und an einer Erzählung arbeiten.
Den finalen Schritt, wie die „Schrift-Wirtschaft“ (ein Unternehmen, der Staat) den Menschen benutzt, um sich selbst als real zu beweisen, beschreibt Certeau als Repräsentationsmechanismus. Es geht darum, wie das Subjekt verschwindet, damit die „Rolle“ (der Beamte) für die Außenwelt sichtbar wird. Certeau vergleicht die Gesellschaft mit einem lebenden Gemälde. Jeder hat seinen Platz, um die Ordnung darzustellen. Wer aus der Rolle fällt, stört das gesamte Bild der Macht.
Ich möchte die Ideen Certeaus bezüglich der Pole Mündlichkeit / Schriftlichkeit mit den diesbezüglichen Gedanken anderer Denker in Bezug bringen: In seinem Aufsatz Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen entwirft Walter Benjamin eine Sprachphilosophie, die ebenfalls das (göttliche) Wort stark macht. Für Benjamin war die Sprache im Paradies schöpferisch. Gott sprach, und die Dinge waren da. Es gab keine Trennung zwischen Wort und Ding. Im Gegensatz dazu ist unsere heutige Sprache eine „gefallene“ Sprache. Sie ist nur noch funktional. Benjamin glaubt, dass in den menschlichen Sprachen noch Funken dieser „reinen Sprache“ stecken. Er sucht nicht nach Kommunikation, sondern nach der Offenbarung, die im Wort verborgen liegt.
Vielleicht kann man Certeaus Auffassung ähnlich interpretieren wie die Benjamins. Während jedoch Benjamin auf eine verlorene Einheit von Wort und Welt zielt, interessiert Certeau weniger die Ursprünglichkeit als der Gebrauch.
Derrida hat bekanntlich ganz anders argumentiert als Benjamin und Certeau. Er greift in seinem Hauptwerk Grammatologie das an, was er Phonozentrismus nennt: Seit Platon glaubt das Abendland, dass das gesprochene Wort „näher an der Wahrheit“ oder der Seele sei, weil der Sprecher präsent ist. Die Schrift galt nur als künstlicher, „toter“ Ersatz. Derrida dreht das um. Für ihn ist Sprache immer schon wie Schrift organisiert. Bedeutung ist nie sofort „da“, sondern entsteht erst durch Unterschiede und Aufschub (Différance). Die Schrift ist bei Derrida nicht der Feind, sondern das Modell für die Instabilität jeder Bedeutung. Er verteidigt die Schrift, um zu zeigen, dass es keine absolute, festgepinnte Wahrheit gibt.
Die Junggesellenmaschine (machine célibataire)
Die Metapher der „Junggesellenmaschine“ ist eine Anleihe von Marcel Duchamp. Certeau nutzt sie, um das absurde Endstadium der „Schrift-Wirtschaft“ zu beschreiben: Eine Maschine, die zwar perfekt funktioniert, aber nur noch sich selbst produziert.
Eine Junggesellenmaschine ist ein geschlossenes System. Sie produziert kein Gut für die Außenwelt. Ihr einziger Zweck ist das Funktionieren an sich. Certeau sieht in der modernen Verwaltung genau so eine Junggesellenmaschine. Es werden Berichte über Berichte geschrieben, Sitzungsprotokolle für die nächste Sitzung erstellt. Die Schrift-Wirtschaft hat sich so weit verselbstständigt, dass sie die „wirkliche Welt“ (das Fleisch, die Natur, das Chaos) nicht mehr braucht. Sie operiert nur noch mit ihren eigenen Zeichen.
Warum „Junggesellen“? Weil diese Maschine keine Nachkommen zeugt. Sie verbindet sich mit nichts anderem. Der Text produziert neuen Text. In der Finanzwelt bedeutet das: Geld produziert Geld, Zahlen produzieren Zahlen.
Certeau endet dieses Kapitel mit einer gewissen Melancholie. Er sieht eine Welt, die in ihrer eigenen Schrift gefangen ist – eine glänzende, effiziente Maschine, die aber „allein“ bleibt. Die Junggesellenmaschine ist das Stadium, in dem das System (die Schrift-Wirtschaft) absolut wird. Sie braucht keinen Gott und keinen Menschen mehr, sie braucht nur noch ihre eigenen Prozeduren. Der Mensch in dieser Maschine ist nur noch ein Schmierstoff. Er sorgt dafür, dass die Zahnräder der Repräsentation ineinandergreifen, aber er bringt keine „neue Schöpfung“ hervor. Er ist Teil eines sterilen Prozesses.
Was Certeau als Junggesellenmaschine oder als Schrift-Wirtschaft beschreibt, erinnert an das, was Niklas Luhmann als autopoietische, selbstreferenzielle Systeme definiert hat. Luhmann sagt radikal: „Der Mensch ist kein Teil der Gesellschaft.“ Der Mensch (als psychisches System) gehört zur Umwelt des sozialen Systems. Das System kommuniziert nur mit Rollen (der Beamte), nicht mit Individuen. Das erinnert strukturell an denRepräsentationsmechanismus, den wir gerade besprochen haben. Das System „beschreibt“ den Körper, macht ihn zum „Zeichen“ und löscht das Individuelle aus.
Das perfekte luhmannsche System ist hochgradig ausdifferenziert, selbstreferenziell und blind für alles Außer-Systemische. Certeaus Verdienst ist es, uns zu zeigen, dass man in dieser Maschine überleben kann, indem man zum „Parasiten“ wird.
Vergleichen wir diese düstere Darstellung der machine célibataire durch Certeau mit der Darstellung im Anti-Ödipus von Deleuze und Guattari dann wird deutlich, dass man diese Maschinen auch anders bewerten kann: Bei Deleuze und Guattari ist die zölibatäre Maschine positiv-produktiv, sie erzeugt Intensität und Differenz und ist insofern subversiv und sogar revolutionär.
Die zeitgenössische Filmindustrie lässt sich vielleicht als die ultimative, globale Junggesellenmaschine deuten. Was Certeau 1980 über die „Schrift-Wirtschaft“ schrieb, findet in der heutigen Hollywood-Maschinerie seine technologische Vollendung. In der Filmindustrie ist der Körper des Schauspielers nicht mehr sein eigenes Eigentum, sondern das „Inkarnationskapital“ des Studios. Das ästhetische Gesetz des Marktes (ewige Jugend, Symmetrie, Fitness) wird physisch in das Fleisch eingeschnitten. Ein Schauspieler wie Tom Cruise muss eine Norm repräsentieren. Die Chirurgie entfernt das „Zu-viel“ (Falten, Fett) und fügt das „Fehlende“ hinzu, damit der Körper zum perfekten Emblem der Industrie wird.
Die CGI-Revolution geht noch einen Schritt weiter: es kommt zur Loslösung vom Körper. Die CGI-Filmindustrie ist eine Junggesellenmaschine, weil sie den realen Körper als Medium gar nicht mehr braucht. Sie produziert Bilder aus Bildern (Pixel aus Code). Sie ist zölibatär, weil sie nicht mehr aus der Begegnung zwischen Regisseur und lebendigem Schauspieler „zeugt“, sondern sich rein technisch aus sich selbst reproduziert. Ein digital verjüngter Harrison Ford oder eine komplett animierte Figur wie in Avatar sind „Junggesellenprodukte“. Sie haben keinen Atem, kein echtes „Körpergeräusch“ sondern sind reine, kontrollierbare Hüllen.Was hier passiert ist kein Auswuchs eines unterdrückenden Machtapparats, es ist eher produktiv und ermöglicht neue Erfahrungen.
Photocredit: Title image created using Gemini AI.
RaT-Blog Nr. 03/2026