Wildern in den Texten von Michel de Certeau (Teil 3)

Lesen als Wilddieberei

Dieser Abschnitt ist vielleicht der befreiendste Teil des Buches. Nachdem Certeau  die beklemmende „Schrift-Wirtschaft“ und die „Junggesellenmaschinen“ analysiert hat, die uns wie Zahnräder einspannen wollen, zeigt er nun den Fluchtweg auf. Er rehabilitiert den Leser (und den Nutzer) als jemanden, der niemals ganz kontrolliert werden kann.

Certeau räumt mit dem Vorurteil auf, dass Lesen ein passiver Vorgang sei, bei dem man Informationen einfach nur „empfängt“.Certeau sagt: Nein! Der Leser ist kein passiver Konsument, sondern ein Wilddieb. Er dringt in das fremde Eigentum (den Text des Autors oder das System der Verwaltung) ein und holt sich dort das, was er braucht, ohne sich an die Regeln des Eigentümers zu halten.

Certeau betont, dass das Lesen eine unsichtbare Tätigkeit ist. Während das Schreiben Spuren hinterlässt und kontrollierbar ist (durch Berichte, Akten, Bilanzen), hinterlässt das Lesen keine Spur. Niemand kann kontrollieren, was du denkst, während du liest. Das ist deine letzte Bastion der Freiheit.

Wichtig ist weiters, dass der Sinn eines Textes nicht im Text liegt, sondern erst beim Lesen entsteht. Selbst wenn das System autopoietisch und selbstreferenziell ist, kann es den „Akt des Lesens“ (den individuellen Gebrauch) nicht kontrollieren. Das psychische System „wildert“ im sozialen System.

Solange Menschen lesen, können Systeme niemals völlig totalitär sein. Denn jedes System muss gelesen werden, um zu funktionieren – und im Akt des Lesens wird das System immer „verfälscht“, „individualisiert“ und „unterwandert“.

Glauben

Gegen Ende des Buches untersucht Certeau, was passiert, wenn der religiöse Glaube aus den Kirchen auswandert und in die politischen und wirtschaftlichen Institutionen einsickert. Die „Schrift-Wirtschaft“ behauptet, dass sie keinen Glauben mehr braucht. Alles soll auf Fakten, Daten und Berechnungen beruhen. Glauben wird als etwas „Niedrigeres“, als Mangel an Information abgewertet. Certeau entlarvt das als Illusion. Er zeigt, dass jedes System – insbesondere das Finanzsystem – auf einem massiven „Kapital an Glauben“ beruht. Ohne das Vertrauen (lateinisch: credo, ich glaube), dass das Geld einen Wert hat, bricht die Wirtschaft am nächsten Tag zusammen. Der Glaube wurde nicht abgeschafft, er wurde nur unsichtbar gemacht.

Certeau betreibt hier eine Art Archäologie der Geistesgeschichte. Er zeigt, dass der Glaube nicht verschwindet, sondern seine Objekte wechselt. Früher glaubten die Menschen an Gott und die Kirche; heute glauben sie an „Wachstum“, „Stabilität“ oder „den Markt“.

Wie bringt uns das System dazu, an es zu glauben, wenn es keine Götter mehr hat? Durch die Inszenierung. De Certeau sagt, dass die Medien und Institutionen uns die „Realität“ ständig vorspielen (Statistiken, Nachrichten, Bilanzen). Wir sollen nicht mehr glauben, sondern nur noch sehen.

Wir glauben an den Status quo, weil uns ständig Geschichten über ihn erzählt werden (Erfolgsgeschichten, Krisenszenarien). Certeau diagnostiziert jedoch eine Krise: Die Menschen glauben den „großen Erzählungen“ der Institutionen immer weniger. Deshalb ziehen sie sich in kleine, private Praktiken zurück.

Der Tod

Certeau stellt fest, dass der Tod in unserer modernen Gesellschaft das „Undenkbare“ schlechthin ist. Die gesellschaftliche Ordnung ist auf Funktion, Produktion und Wachstum ausgelegt. Der Tod ist das absolute Ende der Produktion – deshalb hat das System keine Sprache für ihn. Der Tod wird aus dem Alltag verbannt und in Krankenhäuser isoliert. Er ist die einzige „Praktik“, die sich nicht in eine nützliche „Taktik“ verwandeln lässt.

In der Konfrontation mit dem Sterbenden verändert sich die Sprache radikal. Wenn wir mit einem Sterbenden sprechen, tauschen wir keine „Informationen“ mehr aus. Das Sprechen wird zu einem reinen Akt der Beziehung. Sprechen bedeutet dann, dem anderen zu glauben, dass er existiert, auch wenn er bald nicht mehr da ist. Es ist ein „Glaubensbekenntnis“ zum anderen Menschen, jenseits aller Nützlichkeit.

Zum Ende des Buches feiert Certeau das Flüchtige. Das System will alles für die Ewigkeit festhalten.  Certeau hingegen sieht die Würde des Menschen gerade in seiner Vergänglichkeit. Das wahre Leben findet in den Momenten statt, die keine Spur hinterlassen (wie das Gehen in der Stadt oder das stille Lesen). Der Tod ist die Bestätigung, dass wir nicht aus „Schrift“ bestehen, sondern aus Fleisch, das vergeht.

Am Ende bleibt nicht die Schrift, nicht das System, nicht die zölibatäre Maschine. Es bleibt das Verschwinden. Die Vergänglichkeit ist die letzte Wahrheit.


Photocredit: Title image created using Gemini AI.


RaT-Blog Nr. 04/2026

  • Christian Macha hat an der WU Handelswissenschaften studiert und im Fach Soziologie mit einer Arbeit über Jürgen Habermas, Ulrich Beck und Niklas Luhmann promoviert, das was 1993. Seit 2017 ist er Student im PhD-Studium advanced theological studies und arbeitet an einer Dissertation über Zygmunt Bauman. Beruflich macht er ganz ewas anderes ... Sein Substack-Blog findet sich hier: https://open.substack.com/pub/christianmacha

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