“Der Glaube ist der Markt” – Der immanente Gott des Kapitalismus nach Lacan, Deleuze und Guattari

Gott, ob Schöpfer, Erhalter oder Lenker der Welt, kann mindestens zwei sehr verschiedene Rollen spielen. Zwei fast schon inversive Auftritte gewährt Jacques Lacan Gott in den beiden Texten „Namen des Vaters“ von 1963 und „Triumph der Religion“ von 1947. So ist Gott einerseits in „Namen des Vaters“ transzendent. Er ist das Jenseits des sprechenden Subjekts, dem er Stimme verleiht, und der Sprache, dessen Ordnung er gewährleistet.[1] Anders als der primordiale Urvater vor Gesetz und Inzestverbot ist er der Eigenname, der despotische (Herren-)Signifikant, der große Andere, der – in dem Text unter verschiedenen Namen der Bibel – die Linearität der Signifikant-Signifikaten-Kette herstellt.[2] Diese Beschreibung eines übergeordneten ordnenden Signifikanten zielt auf eine Kritik der Linguistik und symbolischen Ordnung im Namen des sich ihr Entziehenden, dem Unbewussten, ab.[3] In dieser Hinsicht ist Lacan also Religionskritiker.

Auch in “Triumph der Religion” ist Religion dasjenige, was den Dingen einen Sinn gewährt. Dies geschieht allerdings nicht über einen externen großen Anderen, vielmehr sieht Lacan hier den Glauben untrennbar verbunden mit einer spezifisch strukturierten Öffentlichkeit, dem Forum: “Der Glaube ist der Markt.”[4] Das Reale als “das […], was nicht geht”[5], scheint vielmehr als Resultat kollektiver Zurück- oder sogar Verdrängung zu sein. Glaube, aber auch Religion, wird damit immanent. Gott scheint vielmehr jener inhaltlich unbestimmte gemeinsame Nenner zu sein, der von verschiedenen Inhalten besetzt werden kann, die ‘triumphieren’.[6] Während den Angelegenheiten des großen Anderen in der säkularen und insbesondere kapitalistischen Gesellschaft vielleicht eine Präsenz eingeräumt wird, die er so gar nicht mehr hat, scheint es eher ein kleiner Gott zu sein, der auf dem Forum dieser Gesellschaft sein Unwesen treibt und vielleicht in den Worten Ludwig Wittgensteins in so etwas wie einem Spiel als gemeinschaftlicher Gebrauch zu entstehen.[7] Dies soll im Folgenden über den Begriff ‘Gott’ bei Deleuze (und Guattari) verhandelt werden,[8] um schließlich einen konkreteren Begriff von Gott im Kapitalismus zu bekommen, den Lacan in “Triumph der Religion” impliziert verhandelt.

Die zwei Auftritte Gottes bei Lacan scheinen den zwei Bedeutungen des „Wort Gottes“[9] zu entsprechen, die Spinoza Deleuze zufolge aufzeigt: „ein ausdrückendes Wort, das weder Wörter noch Zeichen braucht, sondern allein das Wesen Gottes und den Verstand des Menschen. Und ein Eindruck machendes, befehlendes Wort, das durch Zeichen und Gebote wirkt“[10]. Während letzteres von einer eminenten Transzendenz aus dem Jenseits stamme, welche an die Offenbarung, insbesondere Bibel und Schrift gebunden sei, ist ersteres Ausdruck einer Substanz als absolut unendlichem Sein, welches sich durch die Attribute in allen Dingen ausdrückt und durch diese bestimmt.[11]

Deleuze und Guattari räumen dieser Bestimmung von Gott als immanenter Ursache einen fast schon ontologischen Status ein. Gott ist die für jede (Realitäts-)Schicht oder Stratifizierung notwendige doppelte Gliederung von Inhalt und Ausdruck: „Gott ist ein Hummer oder eine Doppelzange, ein double bind.“[12] Einzelne Schichten, aber auch die allgemeine Schichtbildung auf dem organlosen Körper als unbestimmte Materie seien Gottesurteile.[13] Unabhängig von der Spezifität des Ausdrucks, welcher in den verschiedenen von Deleuze und Guattari ausgemachten Schichten unterschiedliche Formen annimmt, und dessen Verhältnis zum Inhalt: „Ausdrücken heißt immer das Lob Gottes singen.“[14]

Dieser ontologische Status der verschiedenen Ausdrücke in den verschiedenen Schichten wird von Guattari und Deleuze an der vorhergehenden Wunschproduktion relativiert. Dabei ist Gott diejenige Energie, „Numen[15], die die (ontologisch) primären konnektiven Wunschketten (der Produktion von Produktion) auf dem organlosen Körper als Immanenzebene disjunktiv einschreibt (Produktion von Aufzeichnung). Gerade bezüglich eines gesellschaftlichen Körpers (Sozius) bezeichnen Deleuze und Guattari als Akt der Aufzeichnung die Herstellung einer Oberfläche verschiedenartiger Kräfte und Agenten, die als alternativlos erscheinen und innerhalb derer die Produktion von Produktion schließlich stattfindet.[16] Diese Einschreibung als disjunktiver Syllogismus des „sei es…sei es“[17] setze Gott voraus, sodass Deleuze und Guattari diesen (auch im Sinne Kants) als Gesamtheit der Realität fassen:

„Demjenigen, der uns fragen sollte, ob wir an Gott glauben, werden wir in echt Kantischer oder Schreberscher Manier zu antworten haben: natürlich, aber nur an ihn als Meister des disjunktiven Syllogismus, als Prinzip a priori dieses Syllogismus (Gott bestimmt als Omnitudo realitatis, der alle abgeleiteten Realitäten durch Teilung entspringen).“[18]

Wie sieht also dieser Sinn aus, der auf der Oberfläche des organlosen Körpers in der heutigen Gesellschaft eingeschrieben ist? Nach Deleuze und Guattari ist dies im Kapitalismus, Körper des Kapitals, nicht mehr die Signifikant-Signifikaten-Kette, welche durch einen übercodierenden despotischen Herrensignifikanten gewährleistet wird.[19] Mit Marx gehen die beiden davon aus, dass diese ehemals bestehende gesellschaftliche Produktion und Repräsentation, die Art und Weise, wie sich Sinn stiftet, an gesamtgesellschaftlich durchgesetztem Eigentum, welches doppelt freie Arbeiter und privatisiertes Kapital herstellt, decodiert und aufgelöst wird.[20]

In diesem Sinne impliziert „Der Glaube ist der Markt“ nicht nur die Verortung der sinnstiftenden Instanz in einem gemeinschaftlichen Gebrauch und einer Öffentlichkeit. Vielmehr macht sich Sinn an der konkreten Ausgestaltung derselben fest. In Gesellschaften mit kapitalistischer Produktion, die sich maßgeblich durch den (Waren-)Tausch differenzieren, ergibt sich ein aus der Kommensurabilität qualitativ unterschiedlicher Waren entstehendes allgemeines quantitatives Äquivalent, der Wert.[21] Für immer mehr bildet der Wert, die Verwertung und Produktivität den Maßstab, inwiefern es weiter auftritt. Der deterritorialisierte Geldstrom reißt nach Deleuze und Guattari den ökonomischen Arbeitsstrom, sowie den technischen oder wissenschaftlichen Wissensstrom mit. Alles wird produktiv gemacht für die Verwertung, ist mehr und mehr der gesellschaftlichen Produktion immanent.[22] Die Einschreibung im Kapitalismus läuft also weniger über die Herstellung konkreter Bedeutungszusammenhänge als über die Relativierung an abstrakten Kategorien: Privateigentum, Ware und Wert. Der immanente Gott ist im Kapitalismus weniger despotischer Herrscher als ‚axiomatisch‘ und berechnend. Es ist der Gott der Privatpersonen, der freien und gleichen Menschen, welche entweder mit Geld mehr Geld machen oder ihre Arbeitskraft verkaufen müssen.

Gott in diesem Verständnis als immanente Ursache unterstellt die Historizität jeglicher theoretischen Bestimmungen, insbesondere dessen wie sich Repräsentation oder Bedeutung in einer Gesellschaft herstellt. Während Luce Irigaray in The poverty of psychoanalysis nicht nur Freud, sondern gerade auch Lacan, Ahistorizität vorwirft,[23] gehen andere von der Relativität der Konzepte Lacans, insbesondere des Ödipus-Komplexes, aus.[24] Die Frage nach dem Status der Theorien innerhalb des Werkes von Lacan trägt nichts dazu bei, wie denn die immanente Ursache der Bedeutung, eine Theorie der Repräsentation im Kapitalismus ausschauen würde.

Dass allerdings mit und in der Terminologie Lacans auch die gegenwärtige Gesellschaft beschrieben werden kann, zeigt beispielsweise Anna Kornbluh in ihrem Buch Immediacy – or The Style of Too Late Capitalism. Kornbluh vertritt die These, dass in dieser Gesellschaft des Zu-spät-Kapitalismus die symbolische Ordnung und damit die gesellschaftliche Praxis der Vermittlung als sozialer Prozess der expliziten Herstellung von Repräsentation abnimmt. Stil als Ausdrucksform würde dabei im Kapitalismus als Stil der Unmittelbarkeit, als Stil der eigentlich keiner ist, gedacht werden.[25] Kornbluh erklärt dies unter anderem mit dem Klimawandel, der Technisierung und Funktionsweise von Social Media, aber insbesondere auch mit der notwendigerweise immer schneller werdenden Zirkulation, die im späten Kapitalismus einem tendenziellen Fall der Profitrate entgegenwirken muss:[26] “The twenty-first-century concentration on circulation, with its premium on flow, conditions immediacy as cultural style that immanentizes presences, eclipses relay, and negates mediation.”[27]

Kornbluh beschreibt, wie es im Kapitalismus die Bewegung weg von übergeordneten Bedeutungen hin zu einer vermeintlichen Offensichtlichkeit und Transparenz gibt, die allerdings selbst vermittelt ist durch Markt, Austausch und allgemein die Zirkulationssphäre, die Austragungsort immer kürzerer Umschlagszeiten als Ausgleich fallender Profitraten wird. Der kapitalistische Gott im Sinne einer immanenten Ursache der Bedeutung ist also weniger der despotische, der die Bezüge der Signifikanten-Kette aufrechterhält, sondern einer, der im Austausch, auf dem Markt, sein Unwesen treibt. Bedeutungen erscheinen als konkret und unvermittelt, hängen allerdings an einem Gott des gesamt-gesellschaftlichen Durchschnitts.


Fußnoten:

[1] vgl. Lacan 1963, 81 f.

[2] vgl. Nemitz 2015.

[3] vgl. Roudinesco 1972.

[4] Lacan 1947, 84.

[5] Ebd., 77.

[6] Vgl. ebd., 69 f.

[7] Vgl. Wittgenstein 1938, 106.

[8] Eine andere Art, diese Thematik zu behandeln findet sich bei Peter Klepec als Kategorie der Ideologie (vgl. Klepec 2019, 158.)

[9] Deleuze 1968, 52.

[10] Ebd.

[11] Vgl. ebd., 53 f., 61.

[12] Deleuze/Guattari 1980, 61.

[13] Vgl. ebd., 60, 83.

[14] Ebd., 65.

[15] Deleuze/Guattari 1972, 20.

[16] Vgl. ebd., 17–20.

[17] Ebd., 19.

[18] Ebd., 20.

[19] Vgl. ebd., 264 ff.

[20] Vgl. ebd., 289 ff.; vgl. MEW 23, 181 f.

[21] Vgl. ebd., 100f, 109.

[22] Vgl. Deleuze/Guattari 1972, 301 f., 305.

[23] Vgl. Irigaray 1977, 80 ff.

[24] Vgl. Evans 1996, 36 f.

[25] Vgl. Kornbluh 2023, 8 f., 58 f.

[26] Vgl. ebd., 28 f.

[27] Ebd., 30.


Zitierte Texte:

Deleuze, G. (1968): Spinoza. und das Problem des Ausdrucks in der Philosophie. Übers. v. U. J. Schneider. München: Wilhelm Fin Verlag 1993.

Deleuze, G.; Guattari, F. (1972): Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I. Übers. v. B. Schwibs. 17. Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag 2021.

Deleuze, G.; Guattari, F. (1980): Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II. Übers. v. G. Ricke; R. Voullié. Berlin: Merve Verlag 1992.

Evans, D. (1996): “Historicism and Lacanian theory”, in: Radical Philosophy, 79 (5), 35–40.

Irigaray, L. (1977): “The poverty of psychoanalysis”, in: Ebd.: The Irigaray Reader. Hg. v. M. Whitford. Oxford: Blackwell 1991, 79–104.

Klepec, P. (2019): “On Lacan’s The Triumph of Religion and Related Matters”, in: Filozofski vestnik, 40 (1), 139–162.

Kornbluh, A. (2023): Immediacy. or, The Style of Too Late Capitalism. London: Verso Books 2024.

Lacan, J. (1947): Triumph der Religion, welchem vorausgeht der Diskurs an die Katholiken. Übers. v. H.-D. Gondek. Wien: Turia + Kant 2006.

Lacan, J. (1963): Namen-des-Vaters. Übers. v. H.-D. Gondek. Wien: Turia + Kant 2006.

[MEW 23] Marx, K. (1864): „Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie“, in: MEW. Band 23. Berlin: Dietz Verlag 1985.

Nemitz, R. (21.1.2015): “Über den Eigennamen, erster Teil – Passagen aus Seminar IX. Übersetzung und Zusammenfassung”, in: Lacan Entziffern, https://lacan-entziffern.de/einzelner-zug/33332-psychoanalyse-eigenname/, letzte Aktualisierung 13.12.2025 (Zugriff 20.02.2026).

Roudinesco, E. (1972): “L’Action d’une métaphore”, in: La pensée, 162 (3), 54–73.

Wittgenstein, L. (1938): “Vorlesungen über den religiösen Glauben”, in: Ebd.: Vorlesungen und Gespräche über Ästhetik, Psychologie und Religion. Hg. v. Cyrill Barrett.

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1968, 87–110.


Photocredit: (C) Hannah Zipser


RaT-Blog Nr. 06/2026

  • Hannah Zipser studiert Philosophie im Master an der Universität Wien und schreibt ihre Masterarbeit über den Begriff des "double binds" bei Deleuze/Guattari. Außerdem ist sie Tutorin und Studienassistentin von Esther Heinrich.

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