Deleuze kann als einer der wichtigsten und konsequentesten atheistischen Denker des 20. Jahrhunderts gesehen werden. Allerdings handelt es sich beim Deleuzianischen Atheismus um eine Beweislastumkehr: Statt Gottesbeweise aufzustellen bzw. atheistisch zu entkräften, geht Deleuze davon aus, dass Gott omnipräsent und absolut ist, um schließlich einen philosophischen Gegenentwurf aufzustellen bzw. Gott loszuwerden. Im Folgenden soll einmal die zentrale konzeptionelle Rolle dargestellt werden, die Gott bei Deleuze spielt, um anschließend zu zeigen, inwiefern Deleuze trotzdem Atheist ist und was dieser Atheismus konkret bedeutet.
Deleuze geht tatsächlich davon aus, dass Gott überall ist. Und dies auf zwei Weisen in Verknüpfung zweier für ihn wichtigen Philosophien und deren Gottesbegriffe: die Kants und die Spinozas.
1) Kant bestimmt in der Kritik der reinen Vernunft, in der Transzendentalen Dialektik, ‘Gott’ als ein transzendentales Ideal, das “der durchgängigen Bestimmung, die notwendig bei allem, was existiert angetroffen wird, zum Grunde liegt” (KrV A576/B604). Deleuze übernimmt den Gedanken von Gott als hypostasiertes Prinzip a priori bzw. als “regulatives Prinzip”, welches den Zusammenhang der Realität garantiert. Dies explizieren Deleuze und Guattari beispielsweise in Anti-Ödipus:
„Demjenigen, der uns fragen sollte, ob wir an Gott glauben, werden wir in echt Kantischer […] Manier zu antworten haben: natürlich, aber nur an ihn als Meister des disjunktiven Syllogismus, als Prinzip a priori dieses Syllogismus (Gott bestimmt als Omnitudo realitatis, der alle abgeleiteten Realitäten durch Teilung entspringen).“ (AÖ, 20)
Als “Meister des disjunktiven Syllogismus” ist hier diejenige Instanz gemeint, die eine klare Trennung zwischen zwei sich ausschließenden Aussagen aufmacht, ein entweder-oder, und dessen Gültigkeit auch garantiert (vgl. ebd., 102 f.). Ein kleines Beispiel: Ein Lichtschalter ist entweder aus oder an. Der Lichtschalter ist nicht aus, also muss er an sein. Kant zufolge braucht es für die Validität dieser Aussage eine Instanz, die den gegenseitigen Ausschluss von “Licht an” und “Licht aus” garantiert. Zugespitzt könnte man sagen, dass ein Gott der Elektroinstallation uns den logischen Zusammenhang garantiert, dass die beiden Zustände sich gegenseitig ausschließen. Dasselbe gilt nach Kant allgemein für die Logik. Erst durch einen Bezug auf ein “transzendentales Ideal”, das ist Gott, ist der Satz des ausgeschlossenen Widerspruchs gültig – und dadurch die Realität durchgängig bestimmbar (vgl. KrV A582/B610). Als ein Vernunftprinzip ist mit Kant und Deleuze Gott die Gesamtheit der Realität (die omnitudo realitatis).
2) Vorrangig verstand sich Deleuze immer als Spinozist – das betrifft auch den Gottesbegriff. Mit Spinoza erweitert Deleuze den Begriff von Gott als omnitudo realitatis um das materielle Prinzip als “deus sive natura” (vgl. E IV P4 D). Diese Konzeption beschreibt einen immanenten Gott, der sich in allen Dingen, verstanden als Modifikationen der einen göttlichen Substanz, ausdrückt: „Ausdrücken heißt immer das Lob Gottes singen.“ (TP, 65) Das heißt, dass dieser spinozistische Gott in jeder Äußerung impliziert ist und expliziert wird. Dieses Verhältnis von Ausdruck und Substanz arbeitet Deleuze in seiner ersten Spinoza-Monographie Spinoza und das Problem des Ausdrucks von 1967 heraus.
Der Begriff der spinozistischen Substanz ist rückgebunden an eine Ausdrucksform. Laut Deleuze wird die Substanz, also Gott, nicht ausgedrückt, sondern ist für Spinoza selbst nur expressiv. Die Substanz als adressiertes, ausgesprochenes, ausgedrücktes Konzept wird daher für Deleuze zum paradoxen Element, in seiner Terminologie zum konstitutiven “Unsinn” (vgl. etwa DW, 198). In diesem Rahmen lässt sich das zwar nicht ganz entfalten, aber es sei so viel gesagt: Gott als Substanz, die sich in allem ausdrückt, führt zu Unsinn, wenn Gott, ergo reiner Ausdruck, sich selbst wiederum im Ausdruck „Gott“ ausdrückt (ein Russelsches Paradox). Unsinn versteht Deleuze sehr affirmativ: Er ist das konstitutive Element eines jeden “Sinns”.
Wir haben also einen ziemlich totalen Gottesbegriff bei Deleuze, wenn diese beiden Konzepte, der immanente Gottesbegriff von Spinoza und der der transzendentalen Theologie Kants synthetisiert werden. Man könnte also an dieser Stelle sagen: Wenn Gott nach Deleuze omnipräsent und konstitutiv ist für die Gesamtheit der verstandesmäßigen und materiellen Realität, dann war Deleuze doch kein Atheist, sondern vielmehr zutiefst gläubig. Allerdings handelt es sich bei diesen beiden Seiten Gottes, der Kantischen als regulatives “Prinzip a priori” und der spinozistischen Seite als Gott als Substanz, um einen Ausschluss. Für diesen Ausschluss bemühen sie eine bemerkenswerte Figur: „Gott ist ein Hummer oder eine Doppelzange, ein double bind.“ (TP, 60)
Gott ist insofern ein Ausschluss, da er prinzipiell exklusiv disjunktiv verfährt. Die exkludierende, trennende Disjunktion besteht im Gegenteil zu einer inklusiven in einem sich ausschließenden entweder-oder, Gott in dem “Maximum an Bedingungen, unter denen die Personen sich differenzieren. […] als Prinzip a priori des disjunktiven Syllogismus […]: diesem entspringt durch Limitation einer größeren Realität (omnitudo realitatis) ein jedes Ding.” (AÖ, 97) Eine größere Realität, die sich selbst ausdrückende Substanz, in der keine exklusive Disjunktion gilt, wird beschränkt und übrig bleibt nur die Realität mit ihrem Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch, festen Identitäten und einer binären Logik. Damit können wir in eine erste Erklärung des Zitats einsteigen: Als Garant der Möglichkeit und Herrschaft des entweder-oder, des disjunktiven Syllogismus ist Gott ein double bind (vgl. TP, 61).
Entworfen vom Anthropologen Gregory Bateson ist der double bind als kommunikations-psychologisches Phänomen eine Art doppelter Botschaft, in der zwei sich widersprechende Äußerungen kommuniziert werden. Da sie auf unterschiedlichen kommunikativen Ebenen stattfinden, machen sie es dem Empfänger unmöglich, die Widersprüchlichkeit zu benennen oder gar zu erkennen: Das klassische Beispiel von Bateson ist die Mutter, die (aus einer Position der Schwäche) dem Kind einerseits sagt, es solle nicht weinen, und es dann andererseits dazu auffordert, als dieses seine Tränen zurückhält, seine Gefühle nicht zu verstecken. (Bateson et.al. 1969, 11–16) Deleuze und Guattari sehen in dieser doppelten Bindung nicht nur das Problem einzelner kommunikativer Phänomene, sondern eine für Sinn und Sprache grundlegende Struktur: “In einer Schicht gibt es überall Doppelzangen, überall und auf allen Seiten finden sich double-binds und Hummer, eine Mannigfalltigkeit von doppelten Gliederungen, die mal den Ausdruck und mal den Inhalt durchziehen.” (TP, 66)
Über die Theorie der doppelten Bindung erfasst Deleuze die transzendentale Dimension dessen, was Kant intendiert, nämlich, dass es hinter unseren Grenzen der Erfahrung ein regulatives Prinzip geben müsse, das den Zusammenhalt der Realität garantiert. Das läuft darauf hinaus, sich auf eine Ebene beziehen zu müssen, die der Anschauung unzugänglich ist. Auf der anderen Seite ist wie oben erwähnt der Begriff der Spinozistischen Substanz rückgebunden an eine Ausdrucksform: Das Konzept der Substanz wird zum paradoxen Element, wenn man es als Ausgedrücktes denkt – mit Deleuze gesprochen zum „Unsinn“. Wird diese Ebene des Ausdrucks, auf der das Konzept der spinozistischen Substanz ausgedrückt wird, nicht mehr adressiert, befinden wir uns in einer doppelten Bindung: Rein über die Form des Ausdrückens wird der Inhalt dessen bestimmt, was als substanziell zu gelten hat.
Beides, das Anhalten Kants beim regulativen Prinzip als auch das Festhalten an einem bestimmten Konzept der spinozistischen Substanz, stellt dem Ausgangspunkt der jeweiligen philosophischen Untersuchung eine im Voraus bestimmte Ordnung voran, die dem gesamten Projekt ein theologisches Substrat unterjubelt, anstatt von einer Unordnung der Erfahrung oder einer Nicht-Konzipierbarkeit der Substanz auszugehen. Wir singen „das Loblied Gottes“ (vgl. TP, 65), anstatt dem “Gebrüll des Seins” (DW 377) zu lauschen. Deleuze Atheismus im Gegensatz dazu geht von einem chaotischen Ursprung aus, einem „Chaosmos“ (DW, 84), einem Un-Grund (sans-fond) (DW, 342), der sich einer Bestimmung verwehrt. Er will einen allumfassenden, überall implizierten Gott los werden.
Die philosophische Tragweite dessen lässt sich gut daran bemessen, was in diesem Zug alles mit auf dem Spiel steht:
“Die Ordnung Gottes umfaßt alle diese Elemente: die Identität Gottes als letztes Fundament, die Identität der Welt als umgebendes Milieu, die Identität der Person als wohlbegründete Instanz, die Identität der Körper als Basis, schließlich die Identität der Sprache als Macht zur Bezeichnung des ganzen Restes.” (LS, 354)
Gott ist nicht tot, diese Ordnung ist schließlich überall und muss mit Deleuze noch losgeworden werden. Dieser konsequente Atheismus muss sich allen drei Vernunftbegriffen als Regulativa entledigen, aber auch allen exklusiven Disjunktionen und Identifikationen eines Begriff mit der Substanz. Genau in dieser Radikalität ist Gilles Deleuze Atheist und er findet in folgender Programmatik philosophisch vielleicht noch größere Gegner als die Theologie: „der Tod Gottes; die Zerstörung der Welt; die Auflösung der Person; die Aufspaltung der Körper; der Funktionswandel der Sprache, die nur mehr Intensitäten ausdrückt.” (Ebd.)
Literaturverzeichnis:
Bateson, Gregory et.al. (1969). Schizophrenie und Familie. Beiträge zu einer neuen Theorie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1970.
[DW] Deleuze, Gilles (1968): Differenz und Wiederholung. Übers. v. J. Vogl. München: Wilhelm Fink Verlag 1993.
[SPA] Deleuze, Gilles (1968): Spinoza. und das Problem des Ausdrucks in der Philosophie. Übers. v. U. J. Schneider. München: Wilhelm Fink Verlag 1993.
[LS] Deleuze, Gilles (1969): Logik des Sinns. Übers. v. B. Dieckmann. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag 1993.
[AÖ] Deleuze, Gilles; Guattari, Félix (1972): Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I. Übers. v. B. Schwibs. 17. Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag 2021.
[TP] Deleuze, Gilles; Guattari, Félix (1980): Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II. Übers. v. G. Ricke; R. Voullié. Berlin: Merve Verlag 1992.
[KrV] Kant, Immanuel (1781/1787): Kritik der reinen Vernunft. A-Auflage, B-Auflage. Riga: Hartknoch.
[E] Spinoza, Baruch (1677): Ethik in geometrischer Ordnung dargestellt. Lateinisch-Deutsch Übers. von W. Bartuschat. Hamburg: Meiner 2010.
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RaT-Blog Nr. 08/2026