Couch, empty chair und Beichtstuhl. Teil 1: Drei Möbel für das Seelenheil

Ein junger Mann hadert mit sich selbst, weil er seiner Schwester das Glück mit ihrer Lebensgefährtin nicht gönnt. Soll er einen Priester, eine Psychoanalytikerin oder einen Gestalttherapeuten aufsuchen? In dieser Frage wird ihn wohl kaum die Wahl des Sitzmöbels leiten, auf dem er bei dem Zusammentreffen mit den drei Personen Platz nehmen würde.

Dass ebendiese Möbel aber doch eine beachtliche Rolle spielen, zeigt sich im Fall der Psychoanalyse schon daran, dass sich Ausbildungen der psychoanalytisch-psychodynamischen Richtung unter anderem dadurch voneinander abgrenzen, ob im Sitzen oder im Liegen praktiziert wird, sprich: der Klient auf dem Sessel oder der Couch Platz nimmt.

Für Außenstehende mag es seltsam klingen, aber wenn ein Therapeut eine Person im Liegen behandelt, der nur für die Therapie im Sitzen ausgebildet ist, könnte das als Kunstfehler angesehen und geahndet werden. Handelt es sich dabei nur um einen lächerlichen „Bandenkrieg“ zwischen Ausbildungseinrichtungen? Die Funktionen, die die Couch in einer Therapie übernimmt, können sehr unterschiedlich, ja in gewissem Sinn sogar konträr gesehen werden, eines aber haben sie gemeinsam: Sie sind tatsächlich wichtig, rühren an die Fundamente der Psychoanalyse. Nach Donald Winnicott, einem der Grandseigneurs der Psychoanalyse, wird

die psychoanalytische Couch in der analytischen Übertragung sowohl zum Uterus als auch zum bergenden, schützenden mütterlichen Arm und zur Chiffre mütterlicher Geborgenheit. Damit verliert das Bett den Status eines unbelebten Möbelstücks, sondern nimmt in der Übertragung die Qualität eines menschlichen Körpers an. [1]

Das Bett, und damit die Couch in der Analyse kann aber auch – für ein unerwünschtes Kind – der Ort sein, an dem es „abgestellt wurde, isoliert von den Menschen, zu denen es Kontakt wünschte“. Selbst in diesem, so entgegengesetzt wirkenden Fall, ist das Bett allerdings das „einzige[.] Objekt, das noch da war, wenn sich das lebendige Objekt, die Mutter, dem Kontakt entzog“[2]. Dass das Hinlegen die Regression fördern könne, gilt als Grund, die Behandlung auf der Couch für gewisse schwere psychische Erkrankungen als kontraindiziert anzusehen. Im Liegen entspannt man sich, gibt Kontrolle ab. Medizinisch gefasst wird beim Hinlegen das Default Mode Network (Ruhezustandsnetzwerk) des Gehirns aktiviert, das Selbstreflexion und den Zugriff auf eigene Erinnerungen und Gefühle unterstützt. In allen diesen Perspektiven ist die große Bedeutung der Couch unabweislich.

Auch beim empty chair mag eine (friedliche) Konkurrenz von Schulen ein erstes Indiz für seine Relevanz liefern: Während der leere Stuhl längst zum Sinnbild der Gestalttherapie geworden ist (und auch Eingang in die Methoden der systemischen Psychotherapie gefunden hat), kann die psychotherapeutische Richtung des Psychodramas ihn als Symbol für sich reklamieren: ihr Gründer, Jacob Levy Moreno, hat den leeren Stuhl in die Therapie eingeführt.

Abb. 1: Moreno, Ort unbekannt
Abb. 2: Moreno, vermutlich auf der Bühne von Beacon Hill

Moreno selbst liefert uns auch eine schöne Erklärung, was es mit diesem Möbel auf sich hat:

Der ‚leere Stuhl‘ wird als ein Stuhl definiert, der einen Abwesenden darstellt. […]. Dem Großvater kann ein alter bequemer Sessel, dem Kind ein Kinderbettchen gedient haben, dem Pfarrer eine leere Bank in seiner Kirche. Er wendet sich an die Bank, so als ob sie von Zuhörern besetzt sei. Für einen heimkommenden Sohn können um einen Tisch herum mehrere Stühle gestellt werden Sie stellen die verschiedenen Familienmitglieder, Vater, Mutter, Schwestern und Bruder dar. Wichtig ist nur, daß der Stuhl, die Bank oder das Bettchen als von konkreten Personen besetzt erlebt werden, mit denen der Protagonist so lebhaft wie mit wirklich vorhandenen Menschen verkehrt. Das Erlebnis kann unter Umständen sogar stärker als in Wirklichkeit sein, da die wirkliche, der Spontaneität des Protagonisten entgegenwirkende Person nicht vorhanden ist. In Augenblicken starker Erregung übernimmt der Protagonist die Rolle des anderen, sitzt auf dem Stuhl, stellt den anderen dar, spricht und handelt für ihn. Dasselbe gilt für den Pfarrer, der die Rolle eines jeden Gläubigen übernimmt oder für die Mutter, welche die Rolle des Babys im Bettchen spielt, das geboren werden soll oder gestorben ist. [3]

Unmittelbar klar wird aus diesen Ausführungen auch, warum dieser empty chair wichtig ist. Nicht nur die Urheberschaft, sondern auch ein anderes Verständnis der Technik des leeren Stuhls behauptet das Psychodrama für sich: Während der Gründer der Gestalttherapie, Fritz Perls, die Klient*in dazu auffordert, sich die abwesende Person auf dem Sessel vorzustellen, hält Moreno – wie schon in dem Zitat beschrieben – die Kient*in dazu an, die Rollen zu vertauschen und selbst die abwesende Person „zu werden“. Nur in einem Psychodrama also würde der eingangs genannte junge Mann auf dem „leeren Stuhl“ zu sitzen kommen[4] – einem leeren Stuhl, der also überhaupt nicht mehr leer ist, sondern in gewisser Hinsicht sogar doppelt besetzt: von der Klient*in und der abwesenden Person.

Abb. 3: Barocker Beichtstuhl im Innsbrucker Dom

Die dritte Option des jungen Mannes, nämlich einen Priester in einem Beichtstuhl aufzusuchen, lässt sich nicht nur als Weg zum individuellen Seelenheil begreifen, sondern auch als ein Geschehnis, in dem es wesentlich um Macht geht. Das hat u.a. Martin Luther erkannt, und, etwas spezifischer, kann man den Beichtstuhl mit Foucault als eine Vorrichtung zur Erzeugung jener Geständnisse verstehen, mit denen das Christentum den Subjekten eine durchgängige und radikale Selbsterforschung abverlangt, um so aus ihrem „gesamten Begehren einen Diskurs zu machen“[5]. Die heutige, aus dem Barock stammenden Form des Beichtstuhls,[6] trägt ihren Teil dazu bei: Priester und Beichtender durch eine Wand getrennt, in der sich eine Ausnehmung mit einem Gitter befindet; durch dieses Gitter können die beiden Personen sprechen, aber einander nicht (deutlich) sehen. Dem Beichtenden mag es Sicherheit geben, dass der Beichtstuhl durch seine Bauweise die Anonymität des Beichtenden bewahrt, er liefert sich damit aber auch einer ungesehenen Instanz – dem Priester, der Macht, Gott – aus. Übrigens steht nicht nur der Beichtstuhl als Ort, an dem Machtgefälle ausgenützt werden, in der Kritik, sondern auch die psychoanalytische Couch.[7]

Die drei Möbelstücke werden kaum den Ausschlag geben, ob man einen Analytiker, eine Gestalttherapeutin oder Priester mit seinen Nöten aufsucht, aber sie erweisen sich doch als essentiell für die Praktiken und Techniken, in die sie involviert sind. „Möbelstück“  meint in den drei Fällen jedoch sehr Verschiedenes: Während es für die Psychoanalyse tatsächlich das Möbelstück in seiner Materialität, mit seinen haptischen und Form-Eigenschaften ist, ist, das diese Rolle spielt, ist der konkrete Sessel für die Funktion des empty chair weitgehend irrelevant. Scott Kellog geht zu weit, trifft aber doch einen Punkt, wenn er sagt: “Chairwork has nothing to do with chairs”[8]. Wichtig ist aber der Sessel in dem Sinn, dass eine abwesende Person tatsächlich situiert wird, an einer bestimmten Stelle im Raum zum Sitzen gebracht wird. Der Beichtstuhl nimmt hinsichtlich der Rolle seiner Materialität eine Mittelstellung zwischen Couch und empty chair ein: Es ist nur ein kleiner Teil des ganzen Dings, eine Konstruktionseigenschaft, die hier eine Rolle spielt, nämlich die Trennung der Räume von Priester und beichtender Person, die einander hören, aber nicht sehen können; um das Fühlen des Möbels geht es hier, wie beim empty chair, nicht.

Zum zweiten Teil dieses Beitrags geht es hier entlang.


Fußnoten:

[1] Claudia Guderian: Die Couch in der Psychoanalyse. Psychosozial-Verlag: Gießen, 2018, S. 110.

[2] Claudia Guderian. 2018. Die Couch in der Psychoanalyse. Gießen: Psychosozial-Verlag, S. 109.

[3] Jacob Levi Moreno. 1996. Die Grundlagen der Soziometrie. 3. Auflage. Opladen: Leske + Budrich, S. 420.

[4] Heute bestehen diese Unterschiede zwischen Psychodrama und Gestalttherapie in der Praxis nicht mehr.

[5] Vgl. Michel Foucault. 1999. Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 26; Michel Foucault, Michel. 2014. Die Regierung der Lebenden. Vorlesungen am Collège de France 1979–1980, S. 122f.

[6]  Die älteste Form des Beichtstuhls ist die eines gewöhnlichen Stuhls für den Priester, vor dem der Beichtende kniet, aber von diesem soll hier nicht die Rede sein.

[7] Siehe dazu den 2025 erschienenen, von Nicole Burgermeister, Lalitha Chamakalayil, Esther Hutfless und Barbara Zach herausgegebenen Band: Psychoanalyse und soziale Ungleichheiten. Gesellschaftliche Machtverhältnisse auf der Couch. Cham: Springer.

[8] https://www.youtube.com/watch?v=i_UsgOnt6zw&t=1524s, min. 0:23


Photocredits: Titelbild: ROBERT HUFFSTUTTER, CC BY 2.0 https://creativecommons.org/licenses/by/2.0, via Wikimedia Commons; Abb. 1: © Michael Schacht (herzlichen Dank für die Erlaubnis, das Foto zu verwenden!); Abb. 3: Burkhard Mücke, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons. Für das zweite Foto von Moreno konnte die Verfasserin keine Rechtinhaber ausfindig machen. Bitte gegebenenfalls um Kontaktaufnahme.


RaT-Blog Nr. 09/2026

  • DDr. Esther Heinrich ist Assoziierte Professorin am Institut für Philosophie der Universität Wien und Vizesprecherin des Forschungszentrums RaT.

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