Couch, empty chair und Beichtstuhl. Teil 2: Möbel in Beziehung

Der erste Teil dieses Beitrags kann hier nachgelesen werden.

Dieser Blog-Beitrag will auf nichts Bestimmtes hinaus, hat keine These und enthält keine Argumente. Die Autorin widmet sich einem etwas ausgerissenen Thema, das sie aus Gründen, die ihr selbst nicht klar sind, interessiert.

Sigmund Freud hatte ca.130 Patient*innen, nicht alle (wohl kaum z.B. der „kleine Hans“), aber doch sehr viele davon haben auf der Couch Platz genommen. Auf Freuds Couch saß man angeblich eher aufrecht, um nicht einzuschlafen. Manche Psychoanalytikerinnen haben für jede Klient*in einen eigenen Polster – Hygiene neben der Seelenhygiene. Manche bevorzugen eine schlichte Couch, manche eine üppigere à la Freud. Zahlreiche Bildbände zeugen davon, dass die Möbel der Psychoanalyse auch als ästhetische und sinnbildliche Objekte in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt sind. Man kann sich also für die materielle, symbolische oder ästhetische Beschaffenheit der psychoanalytischen Couch interessieren, hier soll es allerdings um einen anderen Gesichtspunkt gehen: die Relationen, in denen gewisse Möbel – und damit die darauf Sitzenden – zu anderen Gegenständen und ihrer Umgebung stehen.

Die Möbel, von denen hier die die Rede sein wird, sind die Couch der Psychoanalyse, der empty chair der Gestalttherapie (bzw. des Psychodramas) und der Beichtstuhl der Kirchen (in seiner seit dem Barock bis heute gebräuchlichen Form). Die Couch dient dazu, der Klient*in die Möglichkeit zu geben, ihren Assoziationen freien Lauf zu lassen; der empty chair gibt einer abwesenden Person Präsenz – er verleiht ihr die Möglichkeit, in Dialog mit der anwesenden Person zu treten (für eine genauere Erklärung siehe Teil 1); der Beichtstuhl dient der gläubigen Katholik*in dazu, ihre Sünden zu bekennen und Lossprechung zu erlangen.

Hinsichtlich ihrer Relationalität erkennt man sofort einen grundlegenden Unterschied zwischen den drei Möbeln: Die Couch steht in erster Linie in einer bestimmten Relation zum Raum bzw. einem Möbelstück anderer Art (dem Sessel der Therapeut*in). Der leere Stuhl befindet sich unter Seinesgleichen (oder er ist allein). Der Beichtstuhl ist  in einer Kirche, er hat als einziges der drei Möbelstücke wesentlich eine Relation nach innen (Beichtender und Priester befinden sich in ihm), und ansonsten steht er vor allem in Relation zum unräumlichen Übersinnlichen.

Anordnungen. Auch wenn der primäre Bezugspunkt der Couch der Raum ist, weil sie den Klienten auf sich selbst zurückverweisen und dieser daher kein anderes Gegenüber haben soll, gehört doch zur Couch wie auch zu den anderen beiden Möbeln mindestens eine zweite Position: Zur Couch gehört der Sessel der Analytiker*in, zum Sitz der Beichtenden der Sitz des Beichtvaters, zum empty chair gehören (potentiell) andere Sessel bzw. der Platz der Therapeut*in. Selbst in ihren jeweiligen Zweier- oder Mehrfachkonstellationen gesehen unterscheiden sich die drei „Möbel für das Seelenheil“ allerdings: In der Gestalttherapie und im Psychodrama gibt es eine große Vielfalt an Konstellationen – unter Umständen ist überhaupt kein zweiter Stuhl im Spiel (wenn die Therapeut*in steht); häufig gibt es aber, im Gegenteil, gleich mehrere Stühle,  kreis- oder halbkreisförmig angeordnet, weil mehrere Personen Thema sind. Diese Vielfalt an Konstellationen findet sich weder in der Psychoanalyse noch in der Beichtpraxis:[1] In der Analyse wie in der Beichte sitzen zwei Personen auf zwei Sitzmöbeln. Die Ausrichtung dieser Sitzmöbel kann in psychoanalytischen Settings dabei einige Varianten aufweisen – siehe Skizze.[2]

Abb. 1

Häufig trifft man die Anordnung rechts oben an – es ist auch jene, die Freud gewählt hat, allerdings spiegelverkehrt zur Skizze, da er am rechten Ohr zunehmend schwerhörig wurde. Interessanterweise ist die rechtwinklige Anordnung auch die, die man im Beichtstuhl antrifft: Dort befindet sich im „Abteil“ des Priesters ein der Tür zugewandter Sitz, in jenem der Gläubigen ein Sitz oder eine Kniebank, die auf die vergitterte Öffnung in der Trennwand hin ausgerichtet ist. Es macht diese Anordnung besonders, dass sie sich von der alltäglichen unterscheidet: Die Personen blicken weder in dieselbe Richtung, auf ein gemeinsames Ziel, noch einander gegenseitig an. Was sie miteinander machen, machen sie also in einem gewissen Sinn nicht miteinander; sie sind an einer Sache beteiligt, aber in einer schon durch die Sitzordnung zum Ausdruck gebrachten grundsätzlich unterschiedlichen Funktion. In der Gestalttherapie ist dieser Funktionsunterschied auch vorhanden, wird aber optisch-materiell nur zum Ausdruck gebracht, wenn der Therapeut steht. Das Machtgefälle in der Psychoanalyse und viel mehr noch in der Kirche ist Gegenstand heftiger Kritik. Die räumliche Gestaltung verschleiert dabei nicht, wie die Beteiligten zueinander stehen, sondern machen es sogar offen sichtbar.

Blickrichtungen. Den Positionen der Sitzmöbel korrespondieren Blickrichtungen; die Möbel bestimmen, was man sieht – und, was man nicht sieht. Der empty chair ist leer – auf ihm gibt es nichts zu sehen; er verweist in der Gestalttherapie auf den Platz, den jemand nicht eingenommen hat (obwohl er/sie hätte sollen). Er steht aber in grundsätzlich beliebiger Position und Anordnung, gibt also die Blicke überall hin frei; ausgeschlossen – quasi logisch – ist nur der Blick auf die Position, von der aus gesprochen wird.

Schon bei der Einrichtung des Raumes stellt die Couch die Analytiker*in vor eine Entscheidung: Was soll die Patient*in sehen? Soll der Blick der Patient*in zum Fenster oder zur Tür gerichtet sein, damit der Assoziationsfluss möglichst unabgelenkt bleibt? Jedenfalls aber: Auf der Couch liegend sieht man die Analytiker*in nicht; diesen Blick gibt die Anordnung der Möbel vor.

Auch im Beichtstuhl sieht man den Gesprächspartner nicht, allerdings bewirkt das ein der Konstellation der Sitze externer Gegenstand: das Gitter der Trennwand. Diese materielle Verhinderung des Sehens unterscheidet sich von der geometrischen im Psychoanalyse-Setting hinsichtlich ihrer Reziprozität: Während es die Anordnung der Möbel in der Psychoanalyse ermöglicht, dass die Therapeut*in die Klient*in sehr wohl sieht (wenn auch nicht unbedingt ihr Gesicht), impliziert die Wahrung der Anonymität des Beichtenden durch das nicht oder schlecht durchsichtige Gitter auch umgekehrt die Unsichtbarkeit des Priesters (die vielleicht den „Blick“ frei macht auf Gott … – den man nicht sieht).

Körperpositionen. Die Möbel bestimmen nicht nur den Blick, sondern auch die Körperstellungen. Alle drei Möbel fixieren die Person, die sich darauf niederlässt, für eine gewisse Zeit auf eine bestimmte Position. Sie „bewirken“, dass man sitzt oder liegt, und nicht steht oder gar geht. Der Philosoph und Pädagoge Otto Friedrich Bollnow beschreibt Spezifika der Positionen:

Wenn der Mensch sich hinlegt, […] so ist das einfach eine Bewegung innerhalb des Raums, wobei der Raum feststünde und der Mensch sich in ihm bewegte, sondern es ändert sich dabei von Grund auf das Verhältnis des Menschen zum Raum […]. Das beruht auf einem tiefgreifenden Unterschied zwischen dem Stehen […] und dem Liegen. Das Stehen erfordert eine beständige Anspannung, um dem Zug der Schwerkraft Widerstand leisten zu können.[3]

Die Möbel schaffen Zeiten der Ruhe, des Verharrens. Obwohl auch der empty chair zum Einnehmen einer bestimmten Position und Verweilen in ihr einlädt, unterscheidet er sich von der psychoanalytischen Couch und dem Beichtstuhl insofern, als er doch auch zum Wechseln der Position bestimmt ist. Von der Couch und aus dem Beichtstuhl wechselt man nur in den Alltag.


Fußnoten:

[1] Gruppenanalysen und die allgemeine Beichte aller Gottesdienstbesucher*innen sollen hier ebenso wenig thematisiert werden wie Psychoanalyse im Sitzen – wenn die Klient*in der Therapeut*in auf einem Sessel gegenüber sitzt –, da es hier um die drei genannten Möbelstücke gehen soll.

[2] Ich habe chatGPT ersucht, mir verschiedene Konstellationen von Couch und Sessel zu zeichnen. Zu meiner Überraschung hat es das nicht zusammengebracht (variiert hat es im Wesentlichen nur die Position eines Blumentopfs). Da ich aber von den Zeichnungen die Möbelstücke übernommen habe, bedanke ich mich an dieser Stelle korrekterweise dafür.

[3] Otto Friedrich Bollnow. 1963. Mensch und Raum. Stuttgart: Kohlhammer, S. 170.


Photocredits: Titelbild: ROBERT HUFFSTUTTER, CC BY 2.0 https://creativecommons.org/licenses/by/2.0, via Wikimedia Commons; Abb 1: Created using ChatGPT


RaT-Blog Nr. 10/2026

  • DDr. Esther Heinrich ist Assoziierte Professorin am Institut für Philosophie der Universität Wien und Vizesprecherin des Forschungszentrums RaT.

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