{"id":1034,"date":"2020-11-04T11:30:39","date_gmt":"2020-11-04T11:30:39","guid":{"rendered":"http:\/\/rat-blog.at\/?p=1034"},"modified":"2023-07-06T09:49:05","modified_gmt":"2023-07-06T09:49:05","slug":"terroranschlage-in-wien-stimmen-von-rat-mitgliedern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=1034","title":{"rendered":"Terroranschl\u00e4ge in Wien: Stimmen von RaT-Mitgliedern"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p><span class=\"uppercase\"><strong>Die Theologie der Gewalt<\/strong><\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Die Ereignisse in Wien in der Nacht vom 2. auf den 3. November mit der Ermordung und Verletzung etlicher Menschen sind Ausdruck einer Theologie der Gewalt, die nicht nur in der Organisation IS Form angenommen hat. Sie ist auch formierendes Element von zahlreichen dschihadistischen Subkulturen und von Milieus, die sich im Kraftfeld dieser Organisation bewegen. Diese Theologie der Gewalt legitimiert das gewaltsame Vorgehen gegen alle, die sich ihr nicht unterwerfen. All diese Menschen werden ausgeschlossen: Muslim*innen, die nicht der Verherrlichung der Gewalt folgen, Gl\u00e4ubige anderer Religionen, Nichtgl\u00e4ubige, schlicht Nichtinteressierte an den Ideen des IS, Menschen mit der nach Meinung des IS falschen sexuellen Orientierung, Frauen, die sich ein Leben jenseits der Vollverschleierung vorstellen k\u00f6nnen und viele mehr. Die Welt wird geteilt in die gewaltbereiten \u201awahren\u2018 Gl\u00e4ubigen und den weit gr\u00f6\u00dferen \u201eRest\u201c, der zur Vernichtung bestimmt ist. Dies rechtfertigt f\u00fcr die Mitglieder dieser Subkulturen und Milieus solche Mordtaten wie die in Wien. Allein eine menschliche Haltung der Inklusion kann solchen Weltsichten entgegenwirken.<\/p>\n\n\n\n<p>R\u00fcdiger Lohlker<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><strong><span class=\"uppercase\">Auf der Suche nach einer Sprache der Verletzlichkeit und Inklusion<\/span><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wann und wo muss, wenn ich die \u00dcberlegungen von R\u00fcdiger Lohlker aufgreifen darf, die Aufgabe der Inklusion, die zuvor vers\u00e4umt worden ist, beginnen? Vielleicht schon in der Sprache? Im Folgenden m\u00f6chte ich einige Eindr\u00fccke von der Verwendung der Sprache im Laufe des ersten Tages nach dem Anschlag vom 2. November 2020 in der Wiener Innenstadt mitteilen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Nacht von 2. auf 3. November sprach zun\u00e4chst Fassungslosigkeit aus den vielen Berichten und Interviews, die auf improvisierte Weise f\u00fcrs Fernsehen zusammengestellt wurden. Von staatlicher Seite und von Seiten der Exekutive wurde Entschlossenheit im Vorgehen gegen den oder die T\u00e4ter signalisiert. Dabei war die Spannung zwischen der Betonung des Ernstes der Lage einerseits und der Vermeidung von Panik andererseits bezeichnend. Das \u00f6ffentlich-rechtliche Fernsehen war bem\u00fcht, ma\u00dfvoll auszuw\u00e4hlen, was gezeigt und gesagt werden kann und was eine Grenze der Scham \u00fcberschreitet. Nicht allein ermittlungstaktische Kooperation mit der Exekutive schien hier leitend zu sein, sondern ein journalistisches Ethos. Einschl\u00e4gige private Kan\u00e4le haben dabei eine rote Linie \u00fcberschritten.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben den Berichten \u00fcber die Ereignisse zeigten sich schon in den Nachtstunden zwei Versuche der Kontextualisierung des Geschehens. F\u00fcr das Unbegreifliche suchen wir nach Mustern: Zum einen wurden die Ereignisse von Wien sehr schnell in Analogie zu Terroranschl\u00e4gen der letzten Jahre in anderen europ\u00e4ischen St\u00e4dten gebracht. Ob nicht gerade bei solchen Vergleichen Vorsicht geboten ist, zumal das Geschehen aus so unmittelbarer N\u00e4he noch gar nicht beurteilt werden kann? K\u00f6nnen wir wirklich schon gemeinsame Muster ausmachen? Oder geht es hier weniger um Erkenntnis als um die Suche nach Formen emotionaler Verbundenheit und internationaler Solidarit\u00e4t? Wenn schon die COVID-19- und die Fl\u00fcchtlingskrise zeigen, wie wenig solidarisch die europ\u00e4ischen Staaten selbst untereinander agieren, wollen wir doch in der Terrorkrise mit Paris, London \u2026 vereint sein \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Zum anderen wurden die Ereignisse mit terroristischen Akten, die sich in der Vergangenheit (besonders in den 1980er Jahren) in \u00d6sterreich abgespielt haben, in einen Zusammenhang gebracht. Dahinter scheint mir der Versuch zu stehen, den Mythos der Singularit\u00e4t des Geschehens nicht aufkommen zu lassen. Dieser Versuch wurde jedoch auch konterkariert. Sowohl Innenminister Nehammer als auch Bundespr\u00e4sident Van der Bellen haben es vermieden, das Ereignis als singul\u00e4r und im Superlativ zu pr\u00e4sentieren. Der Bundespr\u00e4sident sagte in seiner Ansprache, dass das Attentat zwar \u201ein seiner Dimension und kalten Menschenverachtung das schlimmste unserer j\u00fcngeren Geschichte ist\u201c, nannte es aber eben nicht das schlimmste Attentat \u00fcberhaupt. In der Pressekonferenz vom 3. November um 6.00 Uhr sprach der Innenminister von einer Situation, \u201ewie wir sie in \u00d6sterreich seit Jahrzehnten nicht mehr erleben mussten\u201c. In einer medialen Wiedergabe wurde daraus: \u201eEs sei eine Situation, wie sie \u00d6sterreich noch nie erlebt habe, so Nehammer.\u201c Mit dieser Steigerung zum Superlativ wird einem brutalen Mord, vielleicht der Tat eines Einzelnen, Macht \u00fcber die Geschichte \u00d6sterreichs schlechthin gegeben. Das Geschehen erh\u00e4lt damit die Resonanz, die es gesucht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sprache, die in den Statements der Nacht zu h\u00f6ren war, hatte nicht selten einen martialischen Charakter. In der Fr\u00fch verlautbarte Angela Merkel noch: \u201eDer islamistische Terror ist unser gemeinsamer Feind. Der Kampf gegen diese M\u00f6rder und ihre Anstifter ist unser gemeinsamer Kampf.\u201c Die Aussage der deutschen Bundeskanzlerin kann als paradigmatisch f\u00fcr viele weitere Erkl\u00e4rungen angesehen werden, wenn auch der Ton untertags allgemein etwas gemildert und nun kollektiv dem Hass abgeschworen wurde, freilich in einer Perpetuierung seiner Erw\u00e4hnung, wie der Medienexperte Martin Gsellmann betonte: Viel war von \u201eHass\u201c, \u201eFeind\u201c, \u201eKampf\u201c, \u201eTerrorismus\u201c, \u201eTerroranschlag\u201c die Rede. Der Attent\u00e4ter kam immer weniger vor, stattdessen wurde der Hass als gemeinsamer Feind aufgebaut, von dem man sich, was Gemeinschaft stiftet, distanzieren kann. Zu h\u00f6ren war wieder: \u201eUnseren Hass bekommt Ihr nicht.\u201c Der \u00f6sterreichische Bundespr\u00e4sident Alexander van der Bellen verlautbarte: \u201eDer Hass wird in unserer Gesellschaft nicht auf fruchtbaren Boden fallen. Denn Terror will verunsichern und Streit s\u00e4en. Wir werden uns von diesem Hass nicht anstecken lassen. Wir werden uns und unsere Werte sch\u00fctzen und verteidigen. [\u2026] Hass kann niemals so stark sein wie unsere Gemeinschaft in Freiheit, in Demokratie, in Toleranz und in Liebe.\u201c (Van der Bellen)<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcsste nun nicht eine Phase einsetzen, in der man \u2013 nach all den Bekundungen der Entschlossenheit und nachdem man sich gegen den Hass eingeschworen hat \u2013 auch die Verletzlichkeit unserer Gesellschaft und die Fragilit\u00e4t des \u00f6ffentlichen Raumes auszusprechen wagt? \u201eWir werden diesem Hass keinen Raum geben\u201c (Bundeskanzler Sebastian Kurz), k\u00f6nnen aber nicht mit letzter Sicherheit verhindern, dass er sich diesen Raum holt. Nie wird der \u00f6ffentliche Raum, wenn er vielf\u00e4ltigen Nutzungen offensteht und frei zug\u00e4nglich ist, vor Gewalt und Terror v\u00f6llig sicher sein. Gerade die sch\u00f6nsten und geschichtstr\u00e4chtigsten Orte einer Stadt mit ihren verwinkelten Gassen sind davon besonders gef\u00e4hrdet.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcsste nun nicht eine Phase einsetzen, in der wir auf Zukunft ausgerichtet nach einer Sprache der Inklusion suchen, die sich von den Dualismen l\u00f6st, wie sie sich in den Bildern vom Kampf gegen den Feind finden? Ein meines Erachtens sch\u00f6ner Versuch in diese Richtung ist das Statement der Vorsitzenden der Ordensgemeinschaften \u00d6sterreichs: \u201eWenn es m\u00f6glich sein wird, bitten wir die Kirchent\u00fcren in der Innenstadt ab morgen zu \u00f6ffnen. Stehen wir ein f\u00fcr ein offenes Wien, f\u00fcr eine Stadt, die sich nicht f\u00fcrchtet, sondern zusammenh\u00e4lt. In Gebet oder Gedenken verbinden wir uns mehr, als dass Hass uns zu trennen vermag!\u201c Auch wenn am Ende doch noch der Hass erw\u00e4hnt werden muss, hat diese Aussage etwas angenehm Menschliches: Neben all der Entschlossenheit, die man in den letzten Stunden vernommen hat, kann hier im Konditional gesprochen werden: \u201eWenn es m\u00f6glich sein wird \u2026\u201c. Vor dem Imperativ, der auf eine gemeinsame Haltung einschw\u00f6rt (\u201eStehen wir ein \u2026\u201c), ist eine Bitte zu h\u00f6ren. Dem \u201eGebet\u201c als religi\u00f6s konnotierter Handlung wird vom Vertreter und der Vertreterin der Kl\u00f6ster das s\u00e4kular anschlussf\u00e4hige \u201eGedenken\u201c beigeordnet. Vielleicht k\u00f6nnen solche leiseren Aussagen ein Schritt auf dem Weg zu einer Sprache der Inklusion sein?<\/p>\n\n\n\n<p>Jakob Deibl<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><span class=\"uppercase\"><strong>#0211w \u2013 Soziale Medien<\/strong><\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Soziale Medien wie Facebook, Twitter, Instagram, Tiktok u.\u00e4. decken eine breite Palette an privaten und beruflichen Interessen ab. Wenig erstaunlich also, dass soziale Medien auch im Moment eines Terroranschlags rege genutzt werden. Das Bed\u00fcrfnis nach Information im Angesicht einer akuten Krise, das von etablierten Medien nicht oder erst nach einer gewissen Zeit befriedigt werden kann, ist nachvollziehbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem in den ersten zwei Stunden des Terroranschlages kursierten in den sozialen Medien, bspw. auf Twitter und Instagram, unz\u00e4hlige unbest\u00e4tigte Informationen: Es wurden (wie sich wenig sp\u00e4ter herausstellte) falsche Informationen \u2013 nicht zuletzt auch von namhaften Journalistinnen und Journalisten via Twitter \u2013 weiterverbreitet, und es kursierte ein hohe Zahl teils drastischen Bildmaterials, darunter Videos von Schusswechseln, Fotos von verletzten Menschen und Aufnahmen von vermeintlichen Festnahmen. Es hat sich gestern also sehr deutlich gezeigt, was bereits f\u00fcr andere Terrorattacken festgestellt wurde: soziale Medien werden w\u00e4hrend einer Krise nicht nur von besorgten Menschen innerhalb und au\u00dferhalb des Geschehens konsultiert, sondern sind auch f\u00fcr Journalist*innen eine der ersten Anlaufstellen, um rasch an Informationen zu gelangen. Ebenso greifen Beh\u00f6rden in ihrer Krisenkommunikation zunehmend auf social media zur\u00fcck. Beispielsweise hat die Wiener Polizei wiederholt darauf hingewiesen, keine Videos zu verbreiten, um die Arbeit der Polizist*innen nicht unn\u00f6tig zu erschweren. Und schlie\u00dflich: soziale Medien wirken als Echokammern und verst\u00e4rken Effekt und Reichweite eines \u2013 insbesondere vermutet islamistischen \u2013 Terroranschlags.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sprache, die diese F\u00fclle an (Des-)Informationen spricht, gleicht einem lauten Rauschen. Ich meine, es ist in diesen ersten Stunden des Terroranschlags deutlich lauter auch als der martialische Charakter der ersten Einordnungen von offizieller Seite gewesen, auf die sich Jakob Deibl bezieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne die Komplexit\u00e4t des Problemfeldes klein- oder einem Kulturpessimismus das Wort zu reden, scheint es doch wichtig, im Angesicht von Krisen wie derjenigen des 2. Novembers, das \u201e\u00d6kosystem\u201c der online-Information und seine Beziehung zu demokratischen wie gesamtgesellschaftlichen Strukturen kritisch zu befragen. Dabei mangelt es in der Sozialwissenschaft nicht an Analysen, die sich diesem Beziehungsgeflecht widmen. Nebst dieser wissenschaftlichen Auseinandersetzung sollte aber eine kritische Reflexion der eigenen Position in besagtem \u00d6kosystem nicht zu kurz kommen.<\/p>\n\n\n\n<p><em><a href=\"https:\/\/inex.univie.ac.at\/members\/katharina-limacher\/\">Katharina Limacher<\/a>, Post-Doc am Forschungszentrum RaT<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<p>Der Beitrag von Jakob Deibl erschien auch auf <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.settimananews.it\/societa\/vienna-accaduto-linguaggio\/\" target=\"_blank\">settimananews <\/a>in einer italienischen \u00dcbersetzung von Marcello Neri unter dem Titel &#8222;<em>Vienna: l\u2019accaduto e il linguaggio<\/em>&#8222;.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<p>Bildquelle: S. Erben<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Rat-Blog Nr. 24\/2020<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fundamentalismen jeglicher Art sind die Kehrseite der Medaille einer liberalen, pluralen, s\u00e4kularen Gesellschaft. Entsprechend wichtig ist es, allen Auspr\u00e4gungen dieser Fundamentalismen vehement entgegenzutreten, ohne die Pluralit\u00e4t der Lebensweisen zu verneinen. Gerade weil der Griff nach einfachen Erkl\u00e4rungen und klaren Narrativen der Schuldzuweisung in au\u00dfergew\u00f6hnlichen Situationen, wie in der Folge des gestrigen Terroranschlages, naheliegt, tut ein differenzierter Blick Not. Ohne Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit skizzieren einige Mitglieder des Forschungszentrums ihre Gedanken zu den Ereignissen der letzten beiden Tage.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1037,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[169,146,138,158,150],"tags":[36,48,121],"ppma_author":[301,271],"class_list":["post-1034","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-soziale-medien","category-gesellschaft","category-islam","category-migration","category-theologie","tag-gewalt","tag-internet-und-social-media","tag-wien","eq-blocks"],"authors":[{"term_id":301,"user_id":0,"is_guest":1,"slug":"ruediger-lohlker","display_name":"R\u00fcdiger Lohlker","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/?s=96&d=mm&r=g","author_category":"1","user_url":"","last_name":"Lohlker","first_name":"R\u00fcdiger","job_title":"","description":"R\u00fcdiger Lohlker ist Professorial Research Fellow beim Forschungszentrum Religion and Transformation (RaT). 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