{"id":120,"date":"2017-06-11T23:43:06","date_gmt":"2017-06-11T23:43:06","guid":{"rendered":"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/?p=120"},"modified":"2023-07-06T09:43:41","modified_gmt":"2023-07-06T09:43:41","slug":"was-bedeutet-die-reformation-fuer-die-moderne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=120","title":{"rendered":"Was bedeutet die Reformation f\u00fcr die Moderne?"},"content":{"rendered":"<p>\u00a0<\/p>\n<p><em>Dass die Reformation ein wichtiges geschichtliches Ereignis darstellt, ist weitgehend unbestritten. Schwieriger ist es indes mit der Frage nach ihrer geistes- und kulturgeschichtlichen Bedeutung. \u00dcberlegungen von <strong>Christian Danz<\/strong>, warum es darauf vielf\u00e4ltige Antworten gibt.<br \/><\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die B\u00fccherflut zu Martin Luther und seiner Reformation, die bereits im Vorfeld des anstehenden Jubil\u00e4ums einsetzte, die zahllosen erschienenen Abhandlungen und Studien von mehr oder weniger informierten Autorinnen und Autoren machen un\u00fcbersehbar, dass es auf die Frage nach der heutigen Bedeutung der Reformation mehr als eine Antwort gibt. Nicht nur Protestanten deuten die Reformation anders als Katholiken, auch innerhalb der beiden gro\u00dfen Konfessionen gibt es h\u00f6chst unterschiedliche Voten, wenn es darum geht, was sie mit dem Wittenberger Theologen verbinden. Auch Nichtgl\u00e4ubige und Andersgl\u00e4ubige \u00e4u\u00dfern sich mit gutem Recht zu dem Thema. Ein Konsens dar\u00fcber, was die Reformation bedeutet, ist nicht in Sicht. Das kann auch gar nicht anders sein, da die Haltung, die man gegen\u00fcber Luther und seinem Werk einnimmt, seine Beurteilung immer mitbestimmt.<\/p>\n<p><strong>Reformation als Revoultion?<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber die Bedeutung der Reformation wird nicht erst in unserer Gegenwart gestritten. Schon in der Aufkl\u00e4rung gab es sehr unterschiedliche Stellungnahmen hierzu. F\u00fcr viele, vor allem liberale protestantische Intellektuelle, war Luther ein nationaler Freiheitsheld. Er, so sahen sie es, erneuerte die Religion, befreite diese von der Herrschaft des r\u00f6mischen Papstes. Die eigene Gegenwart um 1800 wurde in eine Kontinuit\u00e4tslinie mit dem Wittenberger Freiheitshelden ger\u00fcckt. Das Werk, das er begonnen und das bislang noch unvollendet geblieben war, vollende sich nun. Der Topos von der unvollendeten Reformation wurde zun\u00e4chst von liberalen protestantischen Intellektuellen gebraucht und mit der nationalen Einheit Deutschlands und liberalen Staatskonzeptionen verbunden. Aber auch Katholiken stellten die modernen Ideen von Freiheit und Rechtsgleichheit in eine Linie mit dem Reformator. Sie setzten jedoch andere Akzente. Das, was in Wittenberg begann, offenbare in der Franz\u00f6sischen Revolution nur sein wahres Gesicht: Subjektivismus, Liberalismus, Terror der Jakobiner und Aufl\u00f6sung der gottgegebenen Ordnung sowie der Religion. Allerdings lassen sich solche Deutungen nicht auf die Konfessionen verteilen, sie gehen quer durch diese hindurch. Auch konservative Lutheraner wie der Staatstheoretiker Friedrich Julius Stahl grenzten die Reformation von der Revolution ab. Jene habe die wahre, in Gott begr\u00fcndete Freiheit hervorgebracht. Eine solche Freiheit kann auch der Staat nicht entbehren, da diese die sich fragmentierende Gesellschaft integriere und die Moral der Staatsb\u00fcrger st\u00e4rke.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist die moderne Welt mit ihren individuellen Freiheitsrechten nicht einfach das Ergebnis der Reformation. Die Moderne ist, wie es der protestantische Theologe Ernst Troeltsch genannt hat, eher ein Resultat der Reformation wider Willen. Die Konfessionalisierung, also die Entstehung der lutherischen, calvinistischen und r\u00f6mischen Kirchen im 16. Jahrhundert, f\u00fchrte zun\u00e4chst dazu, dass das Ideal einer religi\u00f6sen Einheitskultur im Kleinen und hier viel erfolgreicher verwirklicht wurde. Andersgl\u00e4ubige wurden, wenn nicht umgebracht, vertrieben. Von religi\u00f6ser Freiheit kann im konfessionellen Zeitalter also keine Rede sein. Deren Durchsetzung verdankt sich den Stiefkindern der Reformation, den spiritualistischen Gruppen, den T\u00e4ufern und andern, die von den Kirchen in die Neue Welt vertrieben wurden und auf Europa zur\u00fcckwirkten. Mit dem Nachlassen der Pr\u00e4gekraft der konfessionellen Gegens\u00e4tze im Zeitalter der Aufkl\u00e4rung und der Herausbildung von modernen Staatsverst\u00e4ndnissen setzten sich deren Auffassungen durch und bewirkten im Bereich des Protestantismus vor dem Hintergrund der ver\u00e4nderten soziokulturellen Lage dessen grundlegende Umformung. Welche Bedeutung kommt vor dem skizzierten geschichtlichen Hintergrund der Reformation zu, deren 500-j\u00e4hriges Jubil\u00e4um in diesem Jahr begangen wird? Oder hat sie nur noch historischen Erinnerungswert?<\/p>\n<p><strong>Pluralisierung, Freiheitsgewinn und Individualismus<\/strong><\/p>\n<p>Es sind mindestens drei Aspekte, an denen die Bedeutung der Reformation sichtbar wird. Die Reformation f\u00fchrte zun\u00e4chst zur Herausbildung von Konfessionskirchen in Europa und damit zu einer Pluralisierung des abendl\u00e4ndischen Christentums. Das Christliche, wenn man es so nennen kann, gab es von nun an nur noch in Form von heterogenen konfessionellen Deutungen, die sich nicht mehr unter einem Begriff zusammenf\u00fchren lassen. Das bedeutet aber, dass es so etwas wie <em>das<\/em> Christentum sowenig gibt wie <em>den<\/em> Islam. Selbst der Protestantismus existiert nur in Form von sehr unterschiedlichen Auspr\u00e4gungen, die \u2013 zumindest an den R\u00e4ndern \u2013 nur sehr wenig miteinander zu tun haben.<\/p>\n<p>Sodann ist die durch die Reformation hervorgebrachte Pluralisierung der christlichen Religion grunds\u00e4tzlich zu begr\u00fc\u00dfen und nicht als s\u00fcndhafte Spaltung der einen Kirche zu beklagen. Denn Pluralisierung, so sehr sie das Leben erschwert, ist ein Freiheitsgewinn. Eine Einheit der Kirche, die durch die Reformation verloren gegangen sein soll, gab es geschichtlich nie, jene ist also nicht mehr als eine Wunschphantasie von kirchenvernarrten Dogmatikern. Auch im Zuge des anstehenden Reformationsjubil\u00e4ums ist viel \u00f6kumenische Einheitsrhetorik zu vernehmen. Es wird oft und gern eine Einheit der Kirche beschworen, die es als solche nie gegeben hat und auch nicht geben wird. Schon vor Jahren hat man ca. 33000 unterschiedliche Christent\u00fcmer gez\u00e4hlt. Die Vorstellung von einer Einheit der Kirche, wie sie von \u00d6kumenikern gern in den Mund genommen wird, wirkt angesichts des empirischen Befundes geradezu l\u00e4cherlich.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich wurde durch die Reformation der religi\u00f6se Individualismus grunds\u00e4tzlich ins Recht gesetzt. Bei Luther ist dieser zwar durch seinen Rekurs auf die Bibel als objektive Wahrheitsinstanz gleichsam eingehegt, sodass die Idee der religi\u00f6sen Autonomie sich erst in der Aufkl\u00e4rung herausbilden konnte und auch erst im 20. Jahrhundert grundrechtlich festgeschrieben wurde. In einer modernen Gesellschaft gibt es jedoch zur religi\u00f6sen Autonomie keine Alternative mehr. Zumindest in einem demokratischen Staat kann eine solche keine Religion r\u00fcckg\u00e4ngig machen. Freiheit bedeutet die Wahl der eigenen religi\u00f6sen \u00dcberzeugung, die damit nur noch im Plural auftritt. Das f\u00fchrt zu Spannungen und Deutungskonflikten, da man die Dinge eben sehr unterschiedlich und immer auch anders sehen kann. Allein die Vielfalt der religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen ist f\u00fcr eine moderne Gesellschaft nicht nur konstitutiv, sie ist auch der Ausdruck einer freiheitlichen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Auch wenn Luther nicht mehr als nationaler Freiheitsheld gefeiert wird, so stellt doch die religi\u00f6se Freiheit des Einzelnen, so sehr diese auch den Kirchen der Reformation erst abgerungen werden musste, den grundlegenden Aspekt des Reformationsgedenkens dar.<\/p>\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>RaT-Blog Nr. 2\/2017<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass die Reformation ein wichtiges geschichtliches Ereignis darstellt, ist weitgehend unbestritten. 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