{"id":1229,"date":"2021-01-22T14:31:23","date_gmt":"2021-01-22T14:31:23","guid":{"rendered":"http:\/\/rat-blog.at\/?p=1229"},"modified":"2023-07-06T09:49:49","modified_gmt":"2023-07-06T09:49:49","slug":"michalski-ware-dagegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=1229","title":{"rendered":"Michalski w\u00e4re dagegen"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/bild_michalski_2_preview.jpeg?w=1024\" alt=\"\" class=\"wp-image-1230\" width=\"551\" height=\"367\" srcset=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/bild_michalski_2_preview.jpeg 1200w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/bild_michalski_2_preview-300x200.jpeg 300w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/bild_michalski_2_preview-1024x683.jpeg 1024w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/bild_michalski_2_preview-768x512.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 551px) 100vw, 551px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Es ist nicht besonders geschmackvoll, wenn man Verstorbene zu aktuellen Debatten befragt: Das passierte allerdings bereits einigen Philosophen, die post mortem Fragen zu tagespolitischen Themen beantworten mussten oder einem Karl Rahner, der fast 30 Jahren nach seinem Tod zu den Angelegenheiten des synodalen Weges twittert. Anderseits ist es selbstverst\u00e4ndlich, dass das bereits Gedachte in die aktuellen Streitfragen hineinflie\u00dfen muss. <strong>Piotr Kubasiak<\/strong> stellt einen streitbaren Europ\u00e4er vor.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sieht man die gegenw\u00e4rtigen Debatten um Covid-19 und die Bereitschaft zum Impfen, um den EU-Haushalt oder die gewaltigen Transformationsprozesse auf der ethischen, gesellschaftlichen und politischen Ebene (aktuell beispielsweise bei der Frage der Versch\u00e4rfung des Abtreibungsgesetzes in Polen oder der Aufarbeitung der Missbrauchsskandale in der Katholischen Kirche), ist man versucht, den 2013 verstorbenen polnisch-\u00f6sterreichischen Philosophen Krzysztof Michalski dazu zu befragen. Ein solches Gedankenspiel w\u00e4re unanst\u00e4ndig, trotzdem m\u00f6chte man schreien: \u201eMichalski w\u00e4re dagegen\u201c. Als Erlaubnis es dennoch zu tun, k\u00f6nnte man ein Interview sehen, das er 2010 der polnischen Tageszeitung \u201eGazeta Wyborcza\u201c gab und \u201eDer Papst w\u00e4re dagegen\u201c betitelte, zu einem Zeitpunkt also, als der Papst schon f\u00fcnf Jahre tot war.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wer war Krzysztof Michalski?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Krzysztof Michalski (*1948 in Warschau; \u2020 2013 in Wien) war ein Wissenschaftler und ein Wissenschaftsmanager: als Wissenschaftler Philosophieprofessor an den Universit\u00e4ten Warschau und Boston; Kenner der Philosophie von Heidegger, Husserl und Pato\u010dka; ein eigenst\u00e4ndiger Denker, der nach einem Dialog zwischen Paulus und Nietzsche suchte. Als Wissenschaftsmanager der Gr\u00fcndungsrektor des IWM (Institut f\u00fcr die Wissenschaften vom Menschen, Wien); der Organisator der Castelgandolfo-Gespr\u00e4che in der Sommerresidenz der P\u00e4pste; Gr\u00fcnder, Mitgr\u00fcnder, Beirat und Organisator unz\u00e4hliger Institutionen, Konferenzen und Gespr\u00e4chsrunden. Biographisch-philosophisch hat er sich immer gewehrt, in eine Schublade gesteckt zu werden, weil die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Schule oder einer Richtung schlie\u00dflich keine Bedeutung habe: Es gehe um die Kraft der Argumente und darum, ob das Gesagte vom Leben getragen werden k\u00f6nne. Zuordnen kann man ihn sowieso nicht: Ein Mann, der in derselben Woche den Papst besuchte, mit George Soros Kaffee trank, \u00fcber Nietzsche lehrte und Gelder f\u00fcr sein Institut einwarb, ist entweder ein Opportunist oder ein Genie: Auf die Frage von Dieter Simon, ob das von Michalski gegr\u00fcndete Institut von der CIA, dem KGB oder dem Vatikan finanziert sei, erhielt er die Antwort, dass es wahrscheinlich alle drei gleichzeitig seien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wof\u00fcr stand Krzysztof Michalski?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">All diese Aspekte machten ihn nicht zu einem Stubengelehrten, sondern sehr schnell zu einem \u201epublic intellectual\u201c. W\u00e4hrend er 1982 mit seinem Institut in Wien als eine bescheidene Plattform des Austausches zwischen Ost und West begann, war er 1989 bereits zum Anwalt des Ostens Europas im Westen geworden, und Vermittler des Westens im \u00f6stlichen Teil Europas. Dem Westen wollte er zeigen, wie der Titel eines seiner Vortr\u00e4ge lautete, dass Osteuropa \u201eein Problem, eine Not, eine Wunde\u201c sei. Im Osten wollte er Vielen \u00c4ngste nehmen, vor einer falschen S\u00e4kularisierung warnen, zum Umdenken bewegen und Denkanst\u00f6\u00dfe geben, damit man die eigenen Erfahrungen verstehen und verarbeiten kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Aufgabe der Philosophie sah Michalski die Kunst des Fragens und des Hinterfragens. Das dabei Gefundene m\u00fcsse in ein konkretes Leben integriert werden. Damit werde es zu einem Teil der Identit\u00e4t: Diese sei aber nie abgeschlossen, sondern befinde sich im st\u00e4ndigen Werden \u2013 f\u00fcr Michalski keine Entdeckung der Postmoderne, sondern eine zutiefst biblische Botschaft, die sich zwischen Verzweiflung und Hoffnung befindet. Dem Unfertigen und Werdenden m\u00fcsse man sich stellen und ihnen nicht durch Verdr\u00e4ngung oder \u201eSchlafmittel\u201c (Systeme, Traditionen oder Wissenschaft) zu entgehen versuchen. Und schlie\u00dflich m\u00fcsse man f\u00fcr das Leben, das gr\u00f6\u00dfer als alles Gedachte sei, Verantwortung \u00fcbernehmen, denn f\u00fcr Michalski gibt es keine \u201eeisernen Gesetze der Geschichte\u201c, sondern lediglich unser Tun und unser Unterlassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Unabgeschlossene sah Michalski auch im Christentum: F\u00fcr ihn ist Gott keine Sicherheit, keine Erg\u00e4nzung zu unserer Vernunft, keine Legitimierungsinstanz f\u00fcr unsere Werte und Ansichten. Vielmehr sei Religion eine Hoffnung, doch sie d\u00fcrfe nicht zu einem billigen Trost werden. Gott k\u00f6nne man \u2013 so ein weiterer Gedanke Michalskis \u2013 im N\u00e4chsten begegnen. Die N\u00e4chstenliebe \u2013 eine urchristliche Forderung \u2013 sollte bedingungslos sein: Eine nahezu unm\u00f6gliche Aufgabe. Deshalb k\u00f6nne man kein Christ sein, man k\u00f6nne sich nur auf dem Weg der Christwerdung befinden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach Michalski kann es aber nicht nur um mich, mein Leben, meinen Gott und meinen N\u00e4chsten gehen. Es geht zugleich auch um uns als Gemeinschaft. Deshalb tat Michalski alles, um die Zivilgesellschaft zu st\u00e4rken und einen europ\u00e4ischen Zusammenschluss zu f\u00f6rdern, der aber nie blo\u00df eine politische, sondern immer auch eine kulturelle und geistige Gr\u00f6\u00dfe sein sollte. Um das zu leben und zu erreichen, braucht es, davon war Michalski \u00fcberzeugt, einen europ\u00e4ischen Patriotismus, der von Solidarit\u00e4t und einer Ausrichtung auf eine Zukunft gepr\u00e4gt ist: Dies seien wiederum die beiden Werte, die uns zusammenhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlie\u00dflich war Michalski auch ein Vermittler zwischen den Religionen und Europa. Religion als Privatsache zu betrachten \u2013 so mahnte Michalski auf der einen Seite die Europ\u00e4er \u2013, f\u00fchre zu Ausgrenzung und neuen Konflikten. Auf der anderen Seite mahnte er die Religionen: Diese seien durch das Europa-Projekt vor neue Herausforderungen gestellt. Es reiche n\u00e4mlich nicht mehr, Werte zu predigen \u2013 mit Werten lasse sich weder argumentieren noch Politik machen. Die Religionsgemeinschaften m\u00fcssten sich in ein Ringen der Vernunft einschalten und als Teil der Zivilgesellschaft aktivieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wogegen w\u00e4re Michalski?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn man all diese Aspekte im Hinterkopf beh\u00e4lt, ergibt es sich von selbst, wogegen er war und w\u00e4re. Um zu den anfangs beschriebenen Ph\u00e4nomenen zur\u00fcckzukommen: Das Virus \u2013 Michalski w\u00fcrde wohl sagen \u2013 dieses verdammte Virus zeigt, wie jede Krise, eine Wahrheit \u00fcber uns und \u00fcber die Grundlagen unserer Gesellschaft auf: Zusammenhalt, Solidarit\u00e4t, und Sorge um und f\u00fcreinander w\u00e4ren wohl seine Forderung. Bei Corona-Leugnern w\u00fcrde er kein Verst\u00e4ndnis zeigen, ihnen wohl aber Respekt entgegenbringen: Respekt f\u00fcr die Menschen, die hinter den skandierten Parolen stehen. Auf die Frage des EU-Haushaltsbudgets, das von Ungarn und Polen blockiert zu werden droht, w\u00fcrde er wohl wie 2000 im Fall J\u00f6rg Haiders und der FP\u00d6 reagieren: Damals vertrat er den Standpunkt, dass die meisten Elemente dieser Weltanschauung abgelehnt werden m\u00fcssen \u2013 Haider aber zu verteufeln, w\u00fcrde nur seine Anh\u00e4nger st\u00e4rken. Man d\u00fcrfe und m\u00fcsse dagegen protestieren, gleichzeitig m\u00fcsse man aber nach den Quellen der Popularit\u00e4t dieser Politiker suchen und nicht einfach moralische Urteile abgeben. Und schlie\u00dflich m\u00fcsse man \u2013 eine der Lebensaufgaben Michalskis \u2013 die Zivilgesellschaft st\u00e4rken: Die einzige Kraft, die sich diesen Tendenzen entgegenstellen und viele der L\u00fcgen entkr\u00e4ften kann. Im Fall der Versch\u00e4rfung des Abtreibungsgesetzes in Polen w\u00fcrde er diese ablehnen, wohl aber auch diejenigen, die als Reaktion auf die Versch\u00e4rfung Gottesdienste st\u00f6ren und Kirchen mit Steinen bewerfen. Dies hei\u00dft allerdings nicht, dass er die Kirchen prinzipiell \u201aschonen\u2018 w\u00fcrde: Im Fall McCarrick und den Vorw\u00fcrfen der Missbrauchs-Vertuschung gegen den ehemaligen Sekret\u00e4r von Johannes Paul II. w\u00fcrde er wohl grenzenlose Aufkl\u00e4rung und Konsequenzen einfordern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht w\u00fcrde er auch etwas ganz anderes sagen. Sicher ist aber: Es braucht viel mehr von denen, die wie Thomas Schmid \u00fcber Michalski schrieb, \u201eEurop\u00e4er des ganzen Kontinents sind\u201c und Denkerinnen und Denker, die das vorleben, was Leszek Ko\u0142akowski, ein Lehrer Michalskis, postulierte &#8211; \u201eG\u00fcte ohne Nachsicht, Mut ohne Fanatismus, Intelligenz ohne Verzweiflung und Hoffnung ohne Verblendung. Alle anderen Fr\u00fcchte des philosophischen Denkens sind unwichtig\u201c.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bild vom Autor.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Rat-Blog Nr. 3\/2021<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist nicht besonders geschmackvoll, wenn man Verstorbene zu aktuellen Debatten befragt: Das passierte allerdings bereits einigen Philosophen, die post mortem Fragen zu tagespolitischen Themen beantworten mussten oder einem Karl Rahner, der fast 30 Jahren nach seinem Tod zu den Angelegenheiten des synodalen Weges twittert. Anderseits ist es selbstverst\u00e4ndlich, dass das bereits Gedachte in die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,137,151,143],"tags":[21,33,82,87,110],"ppma_author":[333],"class_list":["post-1229","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-beitraege","category-christentum","category-philosophie","category-politik","tag-covid-19-pandemie","tag-geschichte","tag-philosophie","tag-portraets","tag-theologie","eq-blocks"],"authors":[{"term_id":333,"user_id":0,"is_guest":1,"slug":"piotr-kubasiak","display_name":"Piotr Kubasiak","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/?s=96&d=mm&r=g","author_category":"","user_url":"","last_name":"Kubasiak","first_name":"Piotr","job_title":"","description":"Dr. Piotr Kubasiak ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl f\u00fcr Liturgiewissenschaft der Universit\u00e4t Regensburg und Studienleiter bei den Theologischen Kursen und bei der Akademie am Dom, Wien."}],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1229","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1229"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1229\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3459,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1229\/revisions\/3459"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1229"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1229"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1229"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fppma_author&post=1229"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}