{"id":1400,"date":"2021-03-02T18:56:08","date_gmt":"2021-03-02T18:56:08","guid":{"rendered":"https:\/\/rat-blog.at\/?p=1400"},"modified":"2023-07-06T09:50:21","modified_gmt":"2023-07-06T09:50:21","slug":"nun-sag-wie-hast-dus-mit-der-religion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=1400","title":{"rendered":"Nun sag\u2019, wie hast du\u2019s mit der Religion? Beobachtungen und Anmerkungen zum interdisziplin\u00e4ren RaT-Workshop \u201eDer Begriff der Religion und seine Transformation\u201c vom 02.02.21"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1920\" height=\"1080\" src=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/stadium-931975_1920.jpg?w=1024\" alt=\"\" class=\"wp-image-1413\" srcset=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/stadium-931975_1920.jpg 1920w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/stadium-931975_1920-300x169.jpg 300w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/stadium-931975_1920-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/stadium-931975_1920-768x432.jpg 768w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/stadium-931975_1920-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/stadium-931975_1920-520x292.jpg 520w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/stadium-931975_1920-610x343.jpg 610w\" sizes=\"auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ein Essay von <strong>Marian Weingartshofer<\/strong>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der folgende Essay ist nicht aus Expert*innenperspektive, sondern aus der Position eines interessierten Zuh\u00f6renden verfasst. Im ersten Teil meines Textes wird der Versuch unternommen, einen Einblick in die beim Workshop pr\u00e4sentierten Forschungsfelder zu geben. Anschlie\u00dfend daran habe ich im zweiten Teil versucht, einige Reflexionen \u00fcber die Frage des produktiven Umgangs mit diesen verschiedenen Zug\u00e4ngen anzustellen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein facettenreiches Programm\u2026<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Er\u00f6ffnungsvortrag von Astrid Mattes f\u00fchrte direkt in die Welt der empirischen Forschung: Mattes, die aktuell das \u00d6AW-Forschungsprojekt \u201eYoung Believers Online\u201c leitet, stellte dabei u.a. dar, wie sehr Religion als gesellschaftlich konstituierte Differenzkategorie zur Be-, Auf- und Abwertung von Menschen verwendet wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der in den unterschiedlichen Forschungsprojekten jeweils zugrunde gelegte Religionsbegriff sei dabei stark von der gerade untersuchten Fragestellung geleitet. Dies bringe aber eine gewisse Spannung zwischen den in der Forschung verwendeten diversen Zug\u00e4ngen einerseits und dem Versuch allgemeinerer Bestimmungen von Religion andererseits mit sich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einen thematischen Sprung vollzog anschlie\u00dfend Hans Schelkshorn, der \u00fcber das von Karl Jaspers gepr\u00e4gte Konzept der Achsenzeit referierte. Die Achsenzeit beschreibt dabei einen von Schelkshorn so genannten \u201eReflexionsschub\u201c, der in verschiedenen, voneinander unabh\u00e4ngigen Kulturen ungef\u00e4hr zur gleichen Zeit einsetzte und sich \u00fcber einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten vollzog. Gemeinsam sei all den in der Achsenzeit ihren Anfang nehmenden geistigen Str\u00f6mungen (was die sog. Weltreligionen ebenso einschlie\u00dft wie die Philosophie), dass sie eine Vorstellung von der Gesamtheit der Wirklichkeit entwickeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Bezug auf die Debatte um den Religionsbegriff schloss Schelkshorn seinen Vortrag mit dem Pl\u00e4doyer daf\u00fcr, die in der Achsenzeit grundgelegten Weltauslegungen ernst zu nehmen, da sie selbst die unhintergehbare Grundlage f\u00fcr das Weltverst\u00e4ndnis der Religionswissenschaften bilden w\u00fcrden und daher nie nur deren Untersuchungsobjekt seien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der dritte Beitrag von Christian Danz pr\u00e4sentierte einen von ihm entwickelten Religionsbegriff. Dabei zeigte er sich insbesondere kritisch gegen\u00fcber Ans\u00e4tzen, die von der Existenz eines religi\u00f6sen Allgemeinen ausgehen, das jenseits der konkreten Religionen zu verorten sei und sie alle in sich umfassen w\u00fcrde. Denn so riskiere der Religionsbegriff, ein blo\u00df theoretisches Konstrukt zu bleiben, das sich nur im Kopf der Theoretikerin, nicht aber in der Wirklichkeit wiederfinde. Stattdessen m\u00fcsse die Selbstzuschreibung der Angeh\u00f6rigen einer Religion ernstgenommen werden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein Einblick in die rechtliche Debatte und die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis von Religion und Staat heute<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anschlie\u00dfend wurde der Studientag mit einem Panel zur Rolle der Religion im Recht fortgesetzt. Dabei pr\u00e4sentierte Stefan Hammer einen Abriss der historischen Entwicklung des Verh\u00e4ltnisses von Religion und Staat und schloss mit einem Einblick in die aktuelle Debattenlage zur Frage, ob der Begriff der Religion im Recht \u00fcberhaupt noch zeitgem\u00e4\u00df sei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der n\u00e4chste, von Andreas Kowatsch gehaltene Vortrag sp\u00fcrte den Schwierigkeiten des staatlichen Verh\u00e4ltnisses zur Religion anhand einiger Beispiele aus der \u00f6sterreichischen und europ\u00e4ischen Rechtsprechung nach, wobei er etwa aufzeigte, dass es gar keinen eindeutig definierten rechtlichen Religionsbegriff g\u00e4be, sondern dass von Religion in den unterschiedlichsten Kontexten die Rede sei (z.B. als Religionsgemeinschaft, Religionsbekenntnis, Religionsunterricht etc.).<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Religionsbegriff aus j\u00fcdischer Perspektive, ein Ausflug auf die Meta-Ebene und ein Ausflug in die Religionswissenschaft<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anschlie\u00dfend pr\u00e4sentierte Gerhard Langer einen kritischen Blick auf den Religionsbegriff aus innerj\u00fcdischer Sicht. Seinen Beitrag begann er mit der doch in einiger Hinsicht \u00fcberraschenden Feststellung, dass dieser Begriff zwar eine hebr\u00e4ische \u00dcbersetzung aufweist (<em>\u05d3\u05ea<\/em> <em>dat<\/em>), es aber passieren k\u00f6nne, dass ein Jude oder eine J\u00fcdin sich zwar als gl\u00e4ubig, nicht aber als religi\u00f6s bezeichnet. Dies liege daran, dass <em>dat<\/em> im Judentum f\u00fcr das Einhalten der Dekrete und Rechtssatzungen stehe. Jemand k\u00f6nne also durchaus an den Gott des Judentums glauben, sich dabei aber z.B. nicht an die Gebote eines koscheren Kochbuches halten und w\u00e4re dann in diesem Sinne zwar gl\u00e4ubig, aber nicht religi\u00f6s.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Sprung auf die Meta-Ebene wurde anschlie\u00dfend <a>von<\/a> Karsten Lehmann vollzogen, der ein allgemeines heuristisches Modell zur Beschreibung von Religionen vorstellte. Dieses Modell soll es erlauben, die verschiedenen Aspekte von Religion auf einer Mikro-, Meso- und Makroebene zu erfassen. Dies bedeute, dass die verschiedenen Zugangsweisen zur Religion, von den einzelnen Gl\u00e4ubigen bis hin zu religi\u00f6sen Gemeinschaften und zur Ebene der allgemeinen gesellschaftlichen Diskurse dabei ber\u00fccksichtigt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis von Politik und Religion stand im Mittelpunkt des Vortrags von Ingeborg Gabriel, die kritisch auf die Verwendungsweisen des Religionsbegriffs in Reflexionen \u00fcber Politik und Gewalt Bezug nahm. Als Paradebeispiel daf\u00fcr diente ihr der Begriff der \u201epolitischen Religion\u201c, der vom Politikwissenschaftler und Juristen Eric Voegelin angesichts der Schrecken des Nationalsozialismus und Stalinismus gepr\u00e4gt wurde. Der Begriff ist bei Voegelin mit der These verbunden, dass der Totalitarismus mit seinen Heilsversprechen und seinem F\u00fchrerkult versucht, den Platz der Religion im gesellschaftlichen Leben einzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An diesen und \u00e4hnliche Ans\u00e4tze stellte Gabriel die kritische R\u00fcckfrage, ob diese Verwendung des Religionsbegriffs nicht auf einer falschen Zuschreibung von au\u00dfen beruhe. Denn dadurch w\u00fcrden Ph\u00e4nomene als religi\u00f6s benannt, die sich selbst nicht als religi\u00f6s oder sogar antireligi\u00f6s verstehen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu guter Letzt  kam der Vortrag von Gerald H\u00f6dl,&nbsp;der einen interessanten Einblick in die reiche Diskussion innerhalb der Religionswissenschaften gab. Dabei stellte er die beiden haupts\u00e4chlich diskutierten Paradigmen zur Bestimmung des Religionsbegriffs vor: Religion sei demnach immer wieder entweder essentialistisch oder funktionalistisch definiert worden. Beide Zug\u00e4nge h\u00e4tten dabei mit dem Problem zu k\u00e4mpfen, den Religionsbegriff entweder zu eng (Essenzialismus: es gibt ein bestimmtes Wesen der Religion) oder zu weit (Religion ist das, was eine bestimmte Funktion in der menschlichen Gesellschaft erf\u00fcllt) zu fassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Aufgabe der Religionswissenschaftlerin bestehe darin, verschiedene Ph\u00e4nomene daraufhin zu untersuchen, ob sie ihrem Begriff gem\u00e4\u00df unter die Definition von Religion fallen w\u00fcrden. Insofern sei auch die Frage angemessen, ob etwa die unbedingte Liebe zu einem Fu\u00dfballclub (das Wiener Paradebeispiel hierf\u00fcr ist nat\u00fcrlich der SK Rapid) als religi\u00f6s zu verstehen sei.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u2026 und viele offene Fragen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im zweiten Teil dieses Textes m\u00f6chte ich ein wenig \u00fcber einige grunds\u00e4tzliche Problematiken nachdenken, die sich im Verlauf des Workshops herauskristallisiert haben: Die Vielzahl der im Forschungszentrum RaT vertretenen Disziplinen zeigt, dass Religion ein vielschichtiges Ph\u00e4nomen darstellt das \u2013 Stichwort: Religion and <em>Transformation<\/em> \u2013 noch dazu einem st\u00e4ndigen Wandel unterliegt. Einem solchen Ph\u00e4nomen, so viel scheint klar zu sein, kann man sich am besten aus verschiedenen Blickwinkeln ann\u00e4hern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Frage, die sich dann stellt ist, wie die verschiedenen Zug\u00e4nge zur Religion sich zueinander verhalten: Eine der auch in den Diskussionen angesprochenen M\u00f6glichkeiten ist es, sie schlicht als eine Bereicherung zu sehen. Die verschiedenen Zug\u00e4nge w\u00fcrden demnach nach dem Prinzip der Arbeitsteilung vorgehen und einander nicht in die Quere kommen. Ein Beispiel daf\u00fcr w\u00e4re etwa die nach der Pr\u00e4sentation von Gerald H\u00f6dl diskutierte Frage nach Konflikten um Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Religion: Die Aufgabe der Religionswissenschaft besteht dabei darin, diese Konflikte zu beschreiben, w\u00e4hrend ihre Entscheidung den geistlichen Autorit\u00e4ten der jeweiligen Religion \u00fcberlassen bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mir scheint aber, dass diese Sicht der Dinge, sollte sie zu einseitig betont werden, \u00fcbersieht, dass dieser Austausch auch immer wieder Konfliktlinien und Br\u00fcche zutage f\u00f6rdern wird, die sich nicht einfach durch eine Arbeitsteilung aus der Welt schaffen lassen. Im Folgenden soll daher der Versuch einer Analyse dieser Konfliktlinien unternommen werden, die sich, so stellt es sich mir nach dem Workshop dar, anhand von zwei Hauptlinien differenzieren lassen:<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sozial- und kulturwissenschaftliche Debatten\u2026<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einerseits gibt es innerhalb der Sozial- und Kulturwissenschaften selbstverst\u00e4ndlich unterschiedliche Standpunkte und Paradigmen. So wurde beispielsweise die Frage nach der Existenz einer \u201eunsichtbaren\u201c bzw. \u201eimpliziten\u201c Religion in mehreren Beitr\u00e4gen angesprochen und auch unterschiedlich beantwortet: Dabei geht es, grob gesagt, um die Frage, ob man einen Religionsbegriff entwickeln kann, der Religion als einen bestimmten Weltbezug bestimmt, den man auch dort konstatieren kann, wo sich Menschen nicht explizit als religi\u00f6s bezeichnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend etwa Christian Danz in seinem Vortrag diese Konzeption als eine zur\u00fcckwies, die nicht in der Welt, sondern nur im Kopf der Theoretikerin existieren w\u00fcrde, und Ingeborg Gabriel infrage stellte, ob die Benennung von Ph\u00e4nomenen als religi\u00f6s, die sich selbst nicht so verstehen, zul\u00e4ssig sei, ging Gerald H\u00f6dl ganz im Gegenteil davon aus, dass in der Religionswissenschaft einzig und allein ein theoretisch konstruierter Religionsbegriff (Stichwort: Religion als metasprachlicher Begriff) zu verwenden sei. Es sei demnach also unzul\u00e4ssig, wie Astrid Mattes ausf\u00fchrte, in der Forschung den Religionsbegriff aus dem zu untersuchenden Kontext zu \u00fcbernehmen, da sonst die Gefahr best\u00fcnde, die eigenen Untersuchungskategorien mit denen des untersuchten Feldes verschwimmen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich glaube, diese Diskussionen weisen auf eine allgemeinere Auseinandersetzung innerhalb der Sozialwissenschaften hin, die man mit Pierre Bourdieu als Konflikt zwischen \u201eSubjektivismus\u201c und \u201eObjektivismus\u201c<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> bezeichnen kann. Sp\u00e4testens seit \u00c9mile Durkheim davon sprach, dass \u201edie soziologischen Tatbest\u00e4nde wie Dinge behandelt werden sollen\u201c<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a>, ist diese Auseinandersetzung f\u00fcr die Sozialwissenschaften pr\u00e4gend geworden. In diesem Streit stehen auch fundamentale Fragen \u00fcber Methode, Epistemologie und Zielsetzung der Wissenschaft auf dem Spiel. Klar ist au\u00dferdem auch, dass all diese Fragen nicht von einer Reflexion \u00fcber Machtverh\u00e4ltnisse und dar\u00fcber, welche institutionellen Strukturen und Interessen dem Blick der Theoretikerin jeweils zugrunde liegen, getrennt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Sinne schiene es mir wichtig zu sein, dass die unterschiedlichen im Forschungszentrum vertretenen sozial- und kulturwissenschaftlichen Zug\u00e4nge ihre diesbez\u00fcglichen Grundannahmen explizit darlegen. Dass dies das gemeinsame Verst\u00e4ndnis bereichern k\u00f6nnte, wurde auch daran ersichtlich, dass in den Vortr\u00e4gen und Diskussionen immer wieder Schl\u00fcsselbegriffe wie \u201eErkl\u00e4ren\u201c, \u201eVerstehen\u201c \u201eSinn\u201c oder \u201eBeobachtung\u201c auftauchten, ohne dass explizit auf sie reflektiert worden w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u2026 und das Aufeinandertreffen unvereinbarer (?) Perspektiven<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zweite Grundunterscheidung, die in den Vortr\u00e4gen und Diskussionen des Workshops sichtbar geworden ist, ist die zwischen einem Sprechen \u00fcber Religion einerseits und dem innerreligi\u00f6sen Sprechen andererseits, also zwischen Religionswissenschaft und den diversen Theologien bzw. innerreligi\u00f6sen Diskursen. Damit ist nat\u00fcrlich nicht gesagt, dass diese Grenzen nur oder haupts\u00e4chlich zwischen verschiedenen Individuen verlaufen, da ja Religionswissenschaftlerinnen einerseits selbst gl\u00e4ubig sein, andererseits auch gl\u00e4ubige Menschen religionswissenschaftliche Texte rezipieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum sollte hier also ein grunds\u00e4tzlich konflikthaftes Moment bestehen? Betrachtet man etwa die Wissenschaftsgeschichte, so verdanken die Sozial- und Kulturwissenschaften im heutigen Sinn ihre Entstehung ganz simpel gesagt dem Bruch mit religi\u00f6sen oder philosophischen Welterkl\u00e4rungen. Dies wurde im Verlauf des Workshops immer wieder unter dem Stichwort \u201emethodischer Atheismus\u201c diskutiert, was bedeutet, dass in wissenschaftlichen Weltdeutungen irgendwie geartete \u00fcbernat\u00fcrliche Ursachen nicht vorkommen d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Geht es etwa um die Frage, wie Judentum, Christentum oder Islam entstanden sind, dann kann ein sozial- bzw. kulturwissenschaftlicher Erkl\u00e4rungsversuch unm\u00f6glich von der Annahme ausgehen, dass dies aufgrund einer Offenbarung Gottes am Sinai, durch die Geburt eines Sohns Gottes oder durch die von Gott inspirierten Reden Mohameds geschehen ist, w\u00e4hrend all diese Erkl\u00e4rungen f\u00fcr die jeweiligen Religionen unverzichtbar sind. Ebenso scheint es mir bei der Frage nach der Funktion von Religionen zu sein: Eine Erkl\u00e4rung wie die Durkheims, wonach sich im Heiligen das Gesellschaftliche als solches zum Ausdruck bringt, kann innerreligi\u00f6s unm\u00f6glich vorbehaltlos akzeptiert werden.<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei geht es auch hier wieder um grunds\u00e4tzliche Machtfragen und darum, welcher Diskurs jeweils die Subjekt- und welcher die Objektposition einnimmt: F\u00fcr die Religionswissenschaft sind religi\u00f6se Weltdeutungen Untersuchungsgegenst\u00e4nde, Religionen nehmen aber ihrerseits in Anspruch, die Welt erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen. Zugespitzt lautet die Frage also: Was wird wodurch erkl\u00e4rt?<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zum Abschluss: Ein zweifach kritischer Blick auf den Workshop<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Ausf\u00fchrungen sollen keineswegs den Schluss nahelegen, als sei ein wechselseitiges Verstehen zwischen diesen Ans\u00e4tzen unm\u00f6glich. Es scheint mir aber, dass es f\u00fcr die Arbeit des Forschungszentrums RaT eine Bereicherung sein k\u00f6nnte, die Auffassungsunterschiede zwischen verschiedenen sozialwissenschaftlichen Ans\u00e4tzen einerseits und zwischen Sozialwissenschaften und innerreligi\u00f6sem Diskurs andererseits explizit zum Thema zu machen, was auch eine Verst\u00e4ndigung \u00fcber wissenschaftstheoretische Grundbegriffe mit einschlie\u00dfen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um, im Sinne Bourdieus, zur Selbstreflexion der Wissenschaft beizutragen, m\u00f6chte ich abschlie\u00dfend noch zwei Anmerkungen machen: Einerseits war das Geschlechterverh\u00e4ltnis zwischen den Vortragenden mit sieben M\u00e4nnern zu zwei Frauen \u00e4u\u00dferst unausgeglichen und es w\u00e4re daher wichtig, in Zukunft mehr Frauen (bzw.nicht-cis-m\u00e4nnliche Personen) in Sprecher*innenpositionen einzuladen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum zweiten scheint mir auch eine Reflexion auf die institutionellen Bedingungen des akademischen Arbeitens angebracht, die die Frage der Zeit mit ber\u00fccksichtigen: Wollen Vertreter*innen aus den verschiedenen, sich mit Religion besch\u00e4ftigenden Diskursfeldern in einen produktiven, verst\u00e4ndnisf\u00f6rdernden Austausch eintreten, so braucht es daf\u00fcr vor allem eines: Viel Zeit, denn ein eint\u00e4giger Workshop reicht daf\u00fcr bei weitem nicht aus. Die mit Vehemenz zu stellende Frage lautet also, inwiefern der akademische Betrieb durch sein Zeitregime die Ann\u00e4herung und den Dialog zwischen verschiedenen Forschungsfeldern zus\u00e4tzlich erschwert.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Marian&nbsp;Weingartshofer&nbsp;ist&nbsp;seit&nbsp;Oktober&nbsp;2020&nbsp;Studienassistent&nbsp;am Institut&nbsp;f\u00fcr&nbsp;theologische&nbsp;Grundlagenforschung der Universit\u00e4t Wien &nbsp;und&nbsp;schreibt&nbsp;gerade&nbsp;an seiner&nbsp;Philosophie-Masterarbeit&nbsp;zu&nbsp;Deleuze&nbsp;und&nbsp;Hegel.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Vgl. Pierre Bourdieu: <em>Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft<\/em>, \u00fcbers. a. d. Franz\u00f6sischen von G\u00fcnter Seib, Frankfurt\/M.: Suhrkamp 1993 [1980].<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> \u00c9mile Durkheim: <em>Die Regeln der soziologischen Methode<\/em>, herausg. u. eingeleitet von Ren\u00e9 K\u00f6nig, Neuwied und Berlin: Luchterhand (4., revidierte Auflage) 1976, S. 89.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Der immer wieder im Verlauf des Workshops angesprochene, aus der evangelischen Religionsdiskussion stammende Versuch, Religion als anthropologische Konstante oder als notwendig in der Struktur des Bewusstseins verankert zu begreifen l\u00e4sst sich, glaube ich, so wie die jahrhundertealte Debatte um den Unterschied zwischen \u201enat\u00fcrlicher\u201c und \u201eoffenbarter Religion\u201c, ebenfalls auf diesen Grundkonflikt hin lesen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bild von Pixabay.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>RaT-Blog Nr. 9\/2021<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Essay von Marian Weingartshofer.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,151,143,164,136,156,150,149],"tags":[51,82,85,90,93,95,110,115],"ppma_author":[278],"class_list":["post-1400","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-beitraege","category-philosophie","category-politik","category-recht","category-religion","category-religionswissenschaft","category-theologie","category-transformation","tag-judentum","tag-philosophie","tag-politik","tag-recht-und-religionsfreiheit","tag-religionsbegriff","tag-religionswissenschaft","tag-theologie","tag-veranstaltungsberichte","eq-blocks"],"authors":[{"term_id":278,"user_id":0,"is_guest":1,"slug":"marian-weingartshofer","display_name":"Marian Weingartshofer","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/?s=96&d=mm&r=g","author_category":"","user_url":"","last_name":"Weingartshofer","first_name":"Marian","job_title":"","description":"Marian Weingartshofer studiert Philosophie im Master und ist derzeit Organisationassistent beim Forschungszentrum Religion and Transformation."}],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1400","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1400"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1400\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3446,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1400\/revisions\/3446"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1400"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1400"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1400"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fppma_author&post=1400"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}