{"id":1915,"date":"2021-08-26T15:39:15","date_gmt":"2021-08-26T15:39:15","guid":{"rendered":"https:\/\/rat-blog.at\/?p=1915"},"modified":"2023-07-06T09:51:23","modified_gmt":"2023-07-06T09:51:23","slug":"sind-die-taliban-jihadisten-zur-religiosen-identitat-der-neuen-herrscher-afghanistans","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/sind-die-taliban-jihadisten-zur-religiosen-identitat-der-neuen-herrscher-afghanistans.htm","title":{"rendered":"Sind die Taliban Jihadisten? Zur religi\u00f6sen Identit\u00e4t der neuen Herrscher Afghanistans"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">To read the English version of this article, click <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/rat-blog.at\/2021\/09\/09\/are-the-taliban-jihadists-on-the-religious-identity-of-afghanistans-new-rulers\/\" target=\"_blank\">here<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">I<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In westlichen Medien werden die Taliban teilweise mit jihadistischen Gruppierungen, dem \u201eIslamischen Staat\u201c (IS) oder der al-Qaida in Zusammenhang gebracht oder zumindest dem politischen Salafismus zugeordnet. Historisch ist es zwar richtig, dass die Taliban w\u00e4hrend ihres ersten \u201eIslamischen Emirats Afghanistan\u201c, also vor ihrem Sturz 2001, der al-Qaida Zuflucht gew\u00e4hrten, allerdings war dies eher dem <em>Paschtunwali<\/em>, also dem paschtunischen Gewohnheitsrecht, das dem Schutz von G\u00e4sten hohe Priorit\u00e4t einr\u00e4umt, sowie historischen Verbindungen aus der Zeit der gemeinsamen Unterst\u00fctzung des antisowjetischen Kampfes geschuldet als ideologischen und religi\u00f6sen Gemeinsamkeiten. Im heutigen Afghanistan ist al-Qaida nicht mehr vertreten und der IS ist ein Feind der Taliban. Die Bek\u00e4mpfung des IS in Afghanistan durch die Taliban war sogar ein wesentlicher Grund f\u00fcr die Ann\u00e4herung Russlands, Chinas und des Iran an die Taliban, da diese als effiziente Gegner des IS gesehen wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Beitrag soll es allerdings weniger um Realpolitik und die dabei oft absurd erscheinenden B\u00fcndnisse gehen, sondern um die Frage nach den religi\u00f6sen Hintergr\u00fcnden der Taliban. Handelt es sich dabei um eine jihadistischen oder salafitische Gruppierung oder doch um etwas grundlegend anderes?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Jihadismus, wie wir ihn kennen und wie er in der al-Qaida und im IS weltweit aktiv ist, ist eine terroristische Sonderentwicklung aus der politischen <em>Salafiya<\/em>. Beim Salafismus handelt es sich um eine Str\u00f6mung des (sunnitischen) Islams, der die historische Entwicklung der verschiedenen <em>madh\u0101hib<\/em>, also der \u201eRechtsschulen\u201c des Islams (Singular: ma\u1e0fhab, Plural: madh\u0101hib), ablehnt und die historisch entwickelte Theologie, Rechtswissenschaft und Philosophie durch eine Imitation des Propheten und seiner Gef\u00e4hrten ersetzen will.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Steht der Salafismus im Allgemeinen f\u00fcr eine r\u00fcckw\u00e4rtsgewandte Utopie, eine R\u00fcckkehr zur Gesellschaft des Propheten, seiner Gef\u00e4hrten und der ersten Generationen des Islams, so steht der politische Salafismus daf\u00fcr, ein solches politisches System zu erk\u00e4mpfen, das dieser Gesellschaft (bzw. dem, was seine heutigen Anh\u00e4ngerInnen darunter verstehen) entspricht. Im Jihadismus kommt noch die Idee des <em>Takfir<\/em> \u2013 also gewisserma\u00dfen die \u201eExkommunikation\u201c der meisten Muslime<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> \u2013 und die Idee des (kleinen) Jihad, also des bewaffneten Jihad als individuelle religi\u00f6se Pflicht hinzu.<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beeinflusst wurde der Jihadismus auch von einer dem Salafismus zwar \u00e4hnlichen Bewegung, die allerdings nicht in der selben Radikalit\u00e4t die madh\u0101hib ablehnt, sondern gewisserma\u00dfen eine Radikalisierung einer dieser \u201eRechtsschulen\u201c darstellt, n\u00e4mlich den<em> Hanbaliten<\/em>. Auf diese auf Ahmad ibn Hanbal (780\u2013855) zur\u00fcckgehende ma\u1e0fhab bezog sich der im 18. Jahrhundert lebende Gelehrte Muhammad ibn \u02bfAbd al-Wahh\u0101b, der Begr\u00fcnder des <em>Wahhabismus<\/em>, der durch das B\u00fcndnis mit dem Geschlecht der Saud in Saudi-Arabien zur Staatsreligion wurde und u.a. Usama bin Laden beim Aufbau seiner al-Qaida inspirierte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">II<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Taliban sind allerdings weder Salafiten noch Wahhabiten und betonen dies seit ihrer R\u00fcckeroberung Kabuls Mitte August 2021 auch immer wieder. Religi\u00f6s sind die Taliban sunnitische Muslime, die der sunnitischen ma\u1e0fhab der <em>Hanafiya<\/em> angeh\u00f6ren. Die Hanafiten waren die Reichs-Rechtsschule des Osmanischen Reiches und dominieren heute sowohl in S\u00fcdosteuropa, in der T\u00fcrkei<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> als auch in Zentralasien und unter den indischen Muslimen. Religi\u00f6s betrachtet sind die Taliban damit nichts anderes als die meisten anderen sunnitischen Muslime in Afghanistan. Sie erkl\u00e4ren auch keine anderen Muslime zu Nichtmuslimen \u2013 wie wir dies eben z.B. vom IS kennen. Der anti-schiitische Drall, der bei der ersten Macht\u00fcbernahme der Taliban in den 1990er-Jahren un\u00fcbersehbar war, stellte eher einen radikalisierten Rassismus gegen\u00fcber den vielfach rassistisch diskriminierten Hazara dar als eine theologisch begr\u00fcndete Position.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Entstanden sind die Taliban bekanntlich \u00fcberwiegend aus Koransch\u00fclern der sog. <em>Deobandis<\/em>, einer Bewegung innerhalb des hanafitischen sunnitischen Islams, die zwar revivalistische Z\u00fcge tr\u00e4gt, allerdings nie die salafitische Ablehnung der Tradition und der madh\u0101hib \u00fcbernahm. Das 1866 gegr\u00fcndete Dar ul-\u02bfUlum (Haus des Wissens) in der indischen Kleinstadt Deoband wurde unter britischer Kolonialherrschaft zu einer der wichtigsten islamischen Universit\u00e4ten, aus der auch viele antikoloniale islamische Gelehrte hervorgingen und die auch Gelehrte aus Afghanistan anzog. Die Deobandis, eine Fremdbezeichnung, die von ihnen selbst abgelehnt wird, wurden zu einer der wichtigsten Str\u00f6mungen des sunnitischen Islams in Indien. Die Bezeichnung als \u201eDeobandi-Orden\u201c, die sich manchmal in westlichen Medien findet und sich an verschiedene Sufi-Gemeinschaften anlehnt, die in westlichen Sprachen auch oft als \u201eOrden\u201c bezeichnet werden, ist dabei nicht ganz richtig, da es sich dabei eher um eine sehr literalistische und revivalistische Str\u00f6mung handelt, die gerade im Kontext der britischen Kolonialherrschaft \u00fcber Indien eine R\u00fcckbesinnung auf die \u201egro\u00dfe Zeit\u201c des Islams inkludierte und zwar \u00e4hnliche Organisationsformen wie die Sufi-Orden der Region aufweist, selbst jedoch keine Sufi-Str\u00f6mung darstellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Deobandis verf\u00fcgen neben Afghanistan auch in Pakistan, Indien, Bangladesch, Malaysia, S\u00fcdafrika und Indonesien \u00fcber einen nicht zu vernachl\u00e4ssigenden Einfluss. Sie vertreten eine dogmatische, orthodoxe und puritanische Lehre, die tendenziell antiwestlich orientiert ist, grenzen sich aber nicht gegen\u00fcber anderen Muslimen ab und vertreten durchaus auch innerhalb ihrer Bewegung verschiedene Positionen. In der Ablehnung der Gr\u00e4ber- und Heiligenverehrung gibt es Parallelen zum Wahhabismus und Salafismus, die sie zu scharfen Gegnern der ebenfalls hanafitischen Barelw\u012b-Bewegung machte, allerdings nicht zu einer \u00dcbernahme anderer wahhabitischer oder salafitischer Positionen f\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als der reformorientierte proeurop\u00e4ische afghanische Herrscher Ghazi Amanullah Khan in den 1920er-Jahren den wichtigsten Geistlichen des Landes,<em> Sher Agha<\/em>, vertrieb, ging dieser nach Deoband ins Exil und sammelte dort im Umfeld des Dar ul-\u02bfUlum konservative sunnitische Koransch\u00fcler und Mullahs aus Afghanistan um sich, die nach dem Scheitern von Ghazi Amanullah Khan und seiner Flucht nach Italien 1929 zur\u00fcckkehrten. Die Deobandis galten seither als wichtiger Bezugspunkt auch f\u00fcr Afghanistan.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als der Krieg in den 1980er-Jahren tausende afghanische Waisenkinder in den pakistanischen Grenzregionen zur\u00fccklie\u00df, waren es die Deobandis, die sich in ihren Koranschulen um sie k\u00fcmmerten und ihnen nicht nur ein Dach \u00fcber dem Kopf anboten, sondern auch deren sehr puritanischen hanafitischen Islam vermittelten. Aus genau diesen Koransch\u00fclern wurden in den 1990er-Jahren die Taliban, die auch heute noch religi\u00f6s dieser Form des hanafitischen Islams zuzurechnen sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei handelt es sich um eine sehr puritanische Version der hanafitischen Rechtsschule, die in vielem auch vom Rechts- und Ehrenkodex der Paschtunen, dem Paschtunwali, beeinflusst ist. Von Seiten des IS wird dem Taliban aufgrund dieser Inklusion paschtunischer Traditionen u.a. vorgeworfen \u201enationalistisch\u201c und damit \u201eunislamisch\u201c zu sein. Mit dem Wahhabismus und Salafismus haben die Taliban damit religi\u00f6s nicht viel gemeinsam, wenn es auch in den 1990er-Jahren politische B\u00fcndnisse auf der Basis gemeinsamer Feindbilder gegeben hat.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Fast alle Muslime sind sich darin einig, dass jeder Mensch, der an das Glaubensbekenntnis des Islams glaubt (dass es keinen Gott au\u00dfer Gott gibt und Muhammad der Prophet Gottes ist) ein Muslim ist und die Nichtbefolgung bestimmter Regeln einen zwar zu einem S\u00fcnder aber nicht zu einem Apostaten machen. F\u00fcr Takfiris, also Muslime die Takfir betreiben, sind allerdings schon minimale Abweichungen von der eigenen Interpretation des Islams nicht S\u00fcnde, sondern Glaubensabfall (Apostasie). Dies f\u00fchrt dazu, dass Takfiris die \u00fcberwiegende Mehrzahl der Muslime als Apostaten betrachten. Da in diesem Weltbild Apostasie auch schon im Diesseits ein todesw\u00fcrdiges Verbrechen darstellt, ist dies dann auch die Legitimation auch Muslime \u2013 in ihrer Sicht Apostaten \u2013 zu t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> N\u00e4her ausgef\u00fchrt findet sich dies u.a. in Thomas Schmidinger: Jihadismus. Ideologie, Pr\u00e4vention und Deradikalisierung. [2. Auflage] Mandelbaum Verlag. Wien, 2016.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Nicht in den kurdischen Gebieten: Die KurdInnen sind mehrheitlich Sch\u0101fi\u02bfiten.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bildquelle: Pixabay<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Rat-Blog Nr. 23\/2021<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie l\u00e4sst sich die aktuelle Lage in Afghanistan begreifen? Thomas Schmidinger gibt dazu einen Einblick in die religi\u00f6se Verortung der Taliban innerhalb des sunnitischen Islams und zeigt, dass religi\u00f6se Identit\u00e4ten komplexer sind als wir oft glauben.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1933,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[159,155,146,138,143,164],"tags":[33,50,85,112],"ppma_author":[312],"class_list":["post-1915","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-erziehung","category-geschichte-themen","category-gesellschaft","category-islam","category-politik","category-recht","tag-geschichte","tag-islam","tag-politik","tag-tradition-und-moderne","eq-blocks"],"authors":[{"term_id":312,"user_id":0,"is_guest":1,"slug":"thomas-schmidinger","display_name":"Thomas Schmidinger","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/?s=96&d=mm&r=g","author_category":"","user_url":"https:\/\/homepage.univie.ac.at\/thomas.schmidinger\/php\/bio.php","last_name":"Schmidinger","first_name":"Thomas","job_title":"","description":"Thomas Schmidinger ist Politikwissenschaftler und Kultur- und Sozialanthropologe in Wien."}],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1915","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1915"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1915\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3281,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1915\/revisions\/3281"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1933"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1915"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1915"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1915"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-json\/wp\/v2\/ppma_author?post=1915"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}