{"id":2321,"date":"2022-02-03T12:47:51","date_gmt":"2022-02-03T12:47:51","guid":{"rendered":"https:\/\/rat-blog.at\/?p=2321"},"modified":"2023-07-06T09:52:55","modified_gmt":"2023-07-06T09:52:55","slug":"gnostischer-mythos-und-aufklarung-von-der-perversitat-institutionellen-versprechens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=2321","title":{"rendered":"Gnostischer Mythos und Aufkl\u00e4rung: Von der Perversit\u00e4t institutionellen Versprechens"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Wie kann der Diskurs um die \u201aGnosis\u2018 in ein zeitgem\u00e4\u00dfes Licht ger\u00fcckt oder \u00fcberhaupt noch erfasst werden? <strong>Christian Zolles<\/strong> versucht eine Ann\u00e4herung ausgehend von Edgar Allan Poes Kurzgeschichte &#8222;The Imp of the Perverse&#8220; \/ &#8222;Der D\u00e4mon der Perversit\u00e4t&#8220; und Jacob Taubes\u2019 &#8222;Ausf\u00fchrungen \u00fcber Das Unbehagen an der Institution&#8220;.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Zur englischen Fassung dieses Artikels geht es<\/em> <a href=\"https:\/\/rat-blog.at\/2022\/02\/11\/gnostic-myth-and-enlightenment-on-the-perversity-of-institutional-promise-misspeaking-versprechen\/\"><em>hier entlang<\/em><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"i-der-damon-der-perversitat\">I. Der D\u00e4mon der Perversit\u00e4t<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus gutem Grund ist Edgar Allan Poe (1809\u20131849) als ein Leuchtturm der modernen K\u00fcnste bezeichnet worden:<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Wie kaum ein anderer hat er die Grenzen menschlicher Vernunft ausgeleuchtet und den \u00fcberw\u00e4ltigenden Schauer beschrieben, den die Konfrontation mit dem Unbekannten und Unsichtbaren in uns ausl\u00f6st \u2013 umso mehr, als sich das Andere als ein Teil unserer selbst erweisen k\u00f6nnte, den wir niemals wahrhaben wollten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So handelt auch die Kurzgeschichte <em>The Imp of the Perverse<\/em> \/ <em>Der D\u00e4mon der Perversit\u00e4t<\/em> aus dem Jahr 1845 von einem uneingestandenen menschlichen Trieb, n\u00e4mlich dem Drang, in entscheidenden Situationen einem <em>wahren<\/em> inneren Impuls zu folgen und das <em>Falsche<\/em> zu tun. Die Geschichte setzt folgenderma\u00dfen an:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Bei der Betrachtung der F\u00e4higkeiten und Impulse \u2013 der<em> prima mobilia<\/em> der menschlichen Seele \u2013 haben es die Phrenologen vers\u00e4umt, einem Trieb seinen Platz zuzuordnen, der zwar offensichtlich als radikales, primitives, nicht zerlegbares Gef\u00fchl existiert, aber von allen Psychologen, die ihnen vorausgingen, ebenfalls \u00fcbersehen worden ist. Im reinen Hochmut der Vernunft haben wir alle ihn \u00fcbersehen. Wir haben zugelassen, dass seine Existenz unserer Wahrnehmung entging, einzig und allein, weil wir ihn nicht wahrhaben wollten, weil uns der Glaube fehlte \u2013 sei es der Glaube an die Offenbarung oder der Glaube an die Kabbala. [\u2026] Der Intellektuelle oder logisch denkende Mensch \u2013 im Gegensatz zum begreifenden oder beobachtenden Menschen \u2013 machte sich daran, Gott Pl\u00e4ne zu unterstellen, ihm seine Ziele zuzudiktieren. Nachdem er dieserart die Intentionen Jehovahs zu seiner Zufriedenheit ergr\u00fcndet hatte, konstruierte er aus diesen Intentionen seine zahllosen Gedankensysteme.&#8220;<a id=\"_ftnref2\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es sei dies ein \u201eradikaler, elementarer Urimpuls\u201c im Menschen, \u201edas Falsche um des Falschen willen\u201c<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\">[3]<\/a> zu tun, dem kein weiteres Motiv zugrunde gelegt werden kann. Als direkte Gegenkraft zur Verstandeskraft sei er nur <em>a posteriori <\/em>zu erfassen: Er zeige sich in einem Redeschwall gerade in dem Moment, in dem Besonnenheit geboten w\u00e4re; im permanenten Aufschieben einer Aufgabe, die zwingend zu erledigen w\u00e4re oder ansonsten ruin\u00f6se Folgen nach sich ziehen w\u00fcrde; oder in der Faszination, den ein Abgrund aus\u00fcbt, gerade je eindringlicher die Vernunft vor einer Ann\u00e4herung warnt. Zwischen Ratio und Impuls komme es zu einem \u201eKonflikt des Entschiedenen mit dem Unentschiedenen, der Substanz mit dem Schatten\u201c,<a href=\"#_ftn4\" id=\"_ftnref4\">[4]<\/a> als ob diese zwei Kr\u00e4fte miteinander im direkten Gegenstreit liegen w\u00fcrden und man innerlich eher bereit sei, sich dem v\u00f6lligen Verderben auszuliefern, als der Vernunft einen letzten Triumph zuzugestehen. Es sei ein unwiderstehliches Vorgef\u00fchl vollkommener Freiheit, welches der \u00e4u\u00dferste Moment eines irrationalen Loslassens verspricht und alle daraus resultierenden qualvollen Konsequenzen ausblenden l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"ii-von-falscher-personlicher-identifikation-zu-wahrer-sozialer-irritation\">II. Von falscher pers\u00f6nlicher Identifikation zu wahrer sozialer Irritation<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den Lesegewohnheiten seiner Zeit entsprechend hat Poe den theoretischen Ausf\u00fchrungen zu diesem \u201aperversen\u2018 Impuls einen narrativen Rahmen gegeben: Es ist ein in der Todeszelle sitzender H\u00e4ftling, der erkl\u00e4rt, wie er nach der Ver\u00fcbung eines perfekten Mordes aus dem tiefsten Inneren immer zwingender dazu gedr\u00e4ngt wurde, alle Vorsicht \u00fcber Bord zu werfen und ein \u00f6ffentliches Gest\u00e4ndnis abzulegen. Nicht der genauestens durchkalkulierte Mord selbst, sondern die sp\u00e4tere Fixierung auf den Moment enormer Gefahr ist also ausschlaggebend \u2013 und eben in dieser Faszination, loszulassen und wie willenlos an die eigenen Grenzen zu gehen, l\u00e4sst sich der \u201aD\u00e4mon der Perversit\u00e4t\u2018 auch im erw\u00e4hnten Zusammenhang zum Glauben an die Offenbarung oder an die Kabbala betrachten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Poes Lehre mutet paradox an: \u00dcber ein die vern\u00fcnftige Stimme ausblendendes falsches Handeln wird etwas Wahres im Menschen zum Vorschein gebracht, das ansonsten \u201avor der Welt\u2018 f\u00fcr immer verborgen bleiben w\u00fcrde. Von zentraler Bedeutung scheint die Anstiftung zur vollkommenen Selbstaufgabe zu sein, die einen wie ein Sog erfasst, zu einer gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen inneren Spannung f\u00fchrt und am Ende absolute psychische Entlastung (des Gewissens) verspricht. Das Uneingestandene h\u00f6rt dann auf, zw\u00e4nglicher Teil der pers\u00f6nlichen Identifikation zu sein, und wird gewisserma\u00dfen in die Allgemeinheit entlassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So schr\u00e4g und verkehrt (\u201apervers\u2018) die zur Schau gestellte innere Entlastung zun\u00e4chst auch wirken mag, es scheint, als ob sich das Individuum damit schrittweise jener Verstellungen entledige, die es sich auferlegt hat. Es kommt ein bislang nicht Wahr-Genommenes an ihm zum Vorschein, etwas Unsichtbares wird pl\u00f6tzlich sichtbar, etwas Unsagbares sagbar, etwas Unerh\u00f6rtes h\u00f6rbar. Es tritt ein Verdr\u00e4ngtes und Verschleiertes an die \u00d6ffentlichkeit, das die pers\u00f6nliche Gegenwart in einem anderen Licht erscheinen l\u00e4sst und die allgemeinen traditionellen Tendenzen hinterfragt, vergangene Erlebnisse einfach ad acta zu legen und sich chronologisch von ihnen zu distanzieren. Poes Demonstration einer Kraft reiner Freisetzung \u2013 einer im Menschen wirkenden, bislang unentdeckten physikalischen Gr\u00f6\u00dfe \u2013 verr\u00e4t letztlich viel \u00fcber die Fragilit\u00e4t sozialer Identit\u00e4t und die damit in direktem Zusammenhang stehende Bannmacht der Sprache.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"iii-eine-gnostische-spur\">III. Eine gnostische Spur<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es w\u00e4re also vorschnell, den \u201aperversen\u2018 Trieb einfach in Umkehrung der Bemerkung des Paulus von Tarsus zu deuten: \u201eDenn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das B\u00f6se, das ich nicht will, das tue ich.\u201c<a href=\"#_ftn5\" id=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Der Impuls bezieht sich schlie\u00dflich nicht direkt auf die Tat, sondern auf den unz\u00e4hmbaren Drang zur Ent\u00e4u\u00dferung. Ebenso wenig l\u00e4sst er sich einfach der Todes- oder Destruktionstriebtheorie von Sigmund Freud zuordnen.<a href=\"#_ftn6\" id=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Der Umstand scheint noch etwas komplexer, nicht nur aus der Psyche heraus, sondern im funktionalen Zusammenhang mit dem sozialen Setting (der \u201asymbolischen Ordnung\u2018 nach Jacques Lacan) betrachtet werden zu m\u00fcssen. Die \u201apers\u00f6nliche Umkehr\u2018 ist damit immer auch von wesentlicher gesellschaftlicher Bedeutung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dieser Feststellung gelangt man interessanterweise auf ein Gebiet, das dem Judaisten und Religionsphilosophen Jacob Taubes zufolge auch eine Ann\u00e4herung an die Besch\u00e4ftigung mit dem \u201agnostischen Mythos\u2018 zul\u00e4sst. Denn man m\u00fcsse entsprechend \u201aanders\u2018 denken, um auf den tieferen Grund abrahamitischen Glaubens zu sto\u00dfen, und zwar vom Zustand der Entfremdung aus. Der Zusammenhang zwischen pers\u00f6nlichem Seelenheil und Gemeinschaftlichkeit erschlie\u00dfe sich erst mit dem \u201agnostischen\u2018 Gleichheitssatz: \u201eMenschen sind Br\u00fcder, weil sie alle fremd in der Welt sind.\u201c<a href=\"#_ftn7\" id=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Das kann in Anschluss an die vorherigen \u00dcberlegungen so viel bedeuten wie: Der \u201aD\u00e4mon der Perversit\u00e4t\u2018, der aus dem tiefsten Inneren kommende Drang, mit der rationalen Verstellung Schluss zu machen und sich gleichsam einem kosmisch-physikalischen Gesetz folgend zu enth\u00fcllen, komme in \u201agnostischen\u2018 oder \u201aapokalyptischen\u2018 Momenten kollektiv ans Tageslicht. In dem Augenblick, in dem man dann auch am Anderen das allt\u00e4gliche \u201afalsche\u2018 Handeln und das verborgen gehaltene \u201awahre\u2018 Selbst erkennt, k\u00f6nne es zu einer neuen, unverstellten Form sprachlicher \u00dcbereinstimmung und enthierarchisierter Gemeinschaftlichkeit kommen. Dies f\u00fchrte Taubes zu der, f\u00fcr ihn typisch universell gefassten, religionsgeschichtlichen Interpretation:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Die fundamentale Einheit aller gnostischen Sprache muss in der gnostischen Vorstellung vom Menschen erblickt werden. [\u2026] Folgt man der gnostischen Menschenkunde, dann gibt es im Menschen einen \u201aFunken\u2018, der in allen Menschen gleich ist und der Welt gegen\u00fcber fremd bleibt. Die Menschen teilen ihre tiefe Einsamkeit in einem entfremdeten Kosmos, in einer fremd gewordenen Welt. [\u2026] Nicht die nat\u00fcrlichen Gemeinschaften, Familien und St\u00e4mme, waren des Menschen Heimat; seine Heimat war vielmehr die \u201aKirche\u2018, eine Bruderschaft derjenigen, die die Fremdartigkeit der Welt erfahren hatten und sich selbst als Selbst in ihrer Entfremdung davon entdeckten. Die neue Gemeinschaft war eine \u00fcbernat\u00fcrliche Gemeinschaft, nicht etwa im Sinn eines magischen Hokuspokus, sondern in der grundlegenden Bedeutung, dass alle nat\u00fcrlichen Verbindungen verworfen und \u00fcberschritten wurden und dass damit eine neue, nicht nat\u00fcrliche Verbundenheit zwischen Mensch und Mensch gegr\u00fcndet wurde \u2013 ein neues, pneumatisches <em>Wir<\/em> wurde geboren.&#8220;<a id=\"_ftnref8\" href=\"#_ftn8\">[8]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese S\u00e4tze demonstrieren einerseits Taubes\u2019 religionswissenschaftlichen Scharfsinn; sie lassen andererseits aber auch die gro\u00dfe Gefahr in der Auseinandersetzung mit der \u201aGnosis\u2018 als Konzept erkennen: Es verleitet dazu, Eigenschaften des menschlichen Bewusstseins zu generalisieren, Zeiten und R\u00e4ume kurzzuschlie\u00dfen und spezifische zeitgen\u00f6ssische Kontexte und Abh\u00e4ngigkeiten auszublenden. Auch hier muss also gelten: Die Angelegenheit ist komplexer, man darf es sich mit der Deutung niemals zu einfach machen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"iv-die-aufgabe-der-aufklarung\">IV. Die Aufgabe der Aufkl\u00e4rung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Taubes zufolge sei ein derartiges Empfinden tiefer Entfremdung \u2013 oder mit Poe die Annahme eines an die Lehren der Offenbarung oder der Kabbala erinnernden Triebes, der darauf abzielt, den Zustand der Entfremdung und der Vereinzelung aufzuheben, was auch immer danach kommen mag \u2013 f\u00fcr ein allgemeines <em>Unbehagen an der Institution<\/em> verantwortlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einem so betitelten Aufsatz versuchte er das tiefe Misstrauen gegen jene Kr\u00e4fte zu ergr\u00fcnden, die im Laufe der Geschichte das Subjekt den absolutistischen Herrschaftsgepflogenheiten entsprechend gepr\u00e4gt haben. Seine \u00dcberlegungen f\u00fchren dabei bis in die unmittelbare Gegenwart, da anzunehmen sei, dass sich auch noch nach der b\u00fcrgerlichen politischen Emanzipation in der von der industriellen Revolution gezeichneten Moderne feudal anmutende Hierarchien etabliert haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eben diese aus Sicht \u201avon unten\u2018 berechtigte Widerst\u00e4ndigkeit gegen autorit\u00e4re Machtstrukturen gelte es als historische Gr\u00f6\u00dfe zu sehen und produktiv zu machen. \u201eDer Regre\u00df des Bewu\u00dftseins ist inkarniert in der Lehre von den Institutionen\u201c:<a href=\"#_ftn9\" id=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Die aus den Entfremdungserfahrungen zu ziehende Lehre m\u00fcsse \u00fcber sozialpsychologische Analysen der Institutionengeschichte gehen, um erkennen zu k\u00f6nnen, \u201ewohin das Gebiet des Kampfes um Emanzipation sich heute verlagert hat\u201c.<a href=\"#_ftn10\" id=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnte eine Neubetrachtung alter Konflikte dazu beitragen, den \u201emythischen Anspruch der Institutionen\u201c abzulegen und \u201eeine \u201eneue Identit\u00e4t des Menschen als m\u00fcndiges Individuum und eine neue Identit\u00e4t der Institutionen als Assoziationen freier Menschen\u201c<a href=\"#_ftn11\" id=\"_ftnref11\">[11]<\/a> zu begr\u00fcnden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese gewiss utopisch anmutende Aufgabe f\u00fchrt also bestimmt nicht \u00fcber den R\u00fcckfall in eine irrationale (oder auch ontologische) Mythologie \u2013 darin liege im Gegenteil eine der gr\u00f6\u00dften Gefahren in der technifizierten Moderne. Der Weg habe bedingungslos \u00fcber die beschwerliche Arbeit der Aufkl\u00e4rung zu erfolgen, um zum einen mit den gesellschaftlichen Entwicklungen laufend Schritt zu halten und zum anderen als Korrektiv <em>f\u00fcr<\/em> die Gesellschaft zu wirken, um also, wie es Taubes an anderer Stelle \u00fcber die Aufgabe der Intellektuellen und der Universit\u00e4t ausf\u00fchrte, \u201eim Proze\u00df der Entzauberung den technischen Verstand zur Vernunft zu bringen\u201c.<a href=\"#_ftn12\" id=\"_ftnref12\">[12]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit f\u00fchrt auch die Auseinandersetzung mit dem \u201agnostischen Mythos\u2018 zu einem verdrehten Schluss: Nicht \u00fcber die Hinwendung zu einer dunklen irrationalen Kraft, sondern \u00fcber die Aufdeckung der Zust\u00e4nde, die der Irrationalit\u00e4t ihre dunkle Kraft verleihen, kann sich der Status der Entfremdung erschlie\u00dfen. Anzuschlie\u00dfen gelte es demnach an einer Aufkl\u00e4rungsbewegung, die sowohl vom demokratischen Versprechen als auch vom demokratischen Mangel der Institutionen und ihrer Diskurse wei\u00df und sich gewisserma\u00dfen an deren Grenzen entlangbewegt, die sowohl das (esoterisch) Ausgeschlossene miteinzuschlie\u00dfen und das (exoterisch) Eingeschlossene aufzuschlie\u00dfen versteht. Dabei w\u00e4re jener emanzipatorischen Kraft zu folgen, die Ernst Cassirer im Jahr 1932 gegen\u00fcber den neu aufziehenden Mythologeme der Weimarer Republik so hellsichtig beschrieben hat:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Denken der Aufkl\u00e4rung durchbricht immer wieder die starren Schranken des Systems, und es sucht sich, gerade in den reichsten und originalsten Geistern, der strengen systematischen Zucht zu entwinden. Seine Beschaffenheit und seine eigent\u00fcmliche Bestimmtheit tritt nicht dort am reinsten und am klarsten hervor, wo es sich in einzelnen Doktrinen, in Axiomen und Lehrs\u00e4tzen feststellt, sondern wo es noch mitten im Werden des Gedankens begriffen ist, wo es zweifelt und sucht, wo es niederrei\u00dft und aufbaut.<a href=\"#_ftn13\" id=\"_ftnref13\">[13]<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"v-von-der-perversitat-institutionellen-versprechens\">V. Von der Perversit\u00e4t institutionellen Versprechens<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201e[W]ir k\u00f6nnten eigentlich diese Perversit\u00e4t als unmittelbare Anstiftung des Gottseibeiuns betrachten, w\u00e4ren nicht auch F\u00e4lle bekannt, wo sie das Gute bef\u00f6rdert.\u201c<a id=\"_ftnref14\" href=\"#_ftn14\">[14]<\/a> Die positive Wirkkraft des \u201aD\u00e4mons der Perversit\u00e4t\u2018 zum Wahren \u00fcber komplett falsche Handlungen soll abschlie\u00dfend an einem Gedankenspiel verdeutlicht werden. Es schlie\u00dft an der Feststellung an, wonach den modernen \u00f6ffentlichen Institutionen zwar ein demokratisches Versprechen eingeschrieben ist, dass in ihnen allerdings nach wie vor absolutistisch anmutende Herrschaftsverh\u00e4ltnisse formpr\u00e4gend sind, die das \u201aUnbehagen an der Institution\u2018 weiterhin n\u00e4hren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man stelle sich nun, etwa im Rahmen einer prominent besuchten Veranstaltung einer Doctoral School, den aus dem Ruder laufenden Vortrag eines unter Dauerbelastung stehenden Doktoratsmitglieds vor, das, von seinem urspr\u00fcnglichen Thema immer weiter abkommend, nicht mehr aufh\u00f6ren kann, Folgendes zu adressieren: die prek\u00e4re Arbeitslage der Kolleginnen und Kollegen, die gro\u00dfen in Kauf genommenen Verzichte im privaten und famili\u00e4ren Bereich, die auf ihren R\u00fccken ausgetragenen Verteilungsk\u00e4mpfe, die Ignoranz neuen v.&nbsp;a. kollektiv erarbeiteten Forschungsideen gegen\u00fcber, die vielen Jahre, die es braucht, um offiziell geh\u00f6rt zu werden, die deutlich wahrnehmbaren Tendenzen universit\u00e4rer Refeudalisierung im Zeichen einer \u00d6konomisierung, usf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend in diesem performativen Versprechen also jene unerh\u00f6rten Zw\u00e4nge, \u00c4ngste und auch Erniedrigungen zur Sprache gebracht werden, die dem humanistischen Freiheitsversprechen des Bildungssystems diametral entgegenstehen und h\u00e4ufig verschwiegener Teil von Hochschulpraxis sind, w\u00e4hrend sich das Individuum von der Last der ihm auferlegten bildungsinstitutionellen Pr\u00e4gung entledigt und \u00fcber die falsche Ent\u00e4u\u00dferung zu einem unerh\u00f6rten, das soziale Gef\u00fcge irritierenden Wahren kommt, w\u00e4hrend sie dem kraftvollen, gleichsam physikalischen Drang bis zum Gef\u00fchl pers\u00f6nlicher Ohnmacht nachgibt \u2013 wird als unweigerliche Reaktion der Verlust der beruflichen Identit\u00e4t und aller Zukunftsaussichten erfolgen, und das gerade dann, wenn man sich von allen Hemmungen befreit hat. Das ist das Perverse an der ganzen Angelegenheit.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"fussnoten\">Fu\u00dfnoten<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a id=\"_ftn1\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a>&nbsp;Theodor W. Adorno, \u00c4sthetische Theorie. Frankfurt a. M. 2003, 38.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> Edgar Allan Poe, Der D\u00e4mon der Perversit\u00e4t. In: Neue unheimliche Geschichten, hg. v. Charles Baudelaire, \u00fcbers. von Andreas Nohl. M\u00fcnchen 2020, 9\u201319, hier 11f.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a> Ebd., 13.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref4\" id=\"_ftn4\">[4]<\/a> Ebd., 15.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref5\" id=\"_ftn5\">[5]<\/a>&nbsp;So legt es etwa der deutschsprachige Wikipedia-Eintrag nahe: de.wikipedia.org\/wiki\/The_Imp_of_the_Perverse (letzter Zugriff am 22.11.2021).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref6\" id=\"_ftn6\">[6]<\/a>&nbsp;Vgl. Sigmund Freud: Jenseits des Lustprinzips. In: Studienausgabe, Bd. III: Psychologie des Unbewussten. Frankfurt a.M. 1975.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref7\" id=\"_ftn7\">[7]<\/a>&nbsp;Jacob Taubes: Die gnostische Idee des Menschen. In: Apokalypse und Politik. Aufs\u00e4tze, Kritiken und kleinere Schriften, hg. v. Herbert Kopp-Oberstebrink und Martin Treml. M\u00fcnchen 2017, 109\u2013118, hier 117.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref8\" id=\"_ftn8\">[8]<\/a>&nbsp;Ebd., 118.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref9\" id=\"_ftn9\">[9]<\/a>&nbsp;Jacob Taubes, Das Unbehagen an der Institution. In: Apokalypse und Politik, 218\u2013230, hier 223.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref10\" id=\"_ftn10\">[10]<\/a>&nbsp;Ebd., 229.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref11\" id=\"_ftn11\">[11]<\/a>&nbsp;Ebd.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref12\" id=\"_ftn12\">[12]<\/a>&nbsp;Jacob Taubes, Die Intellektuellen und die Universit\u00e4t. In: Vom Kult zur Kultur. Bausteine zu einer Kritik der historischen Vernunft. Gesammelte Aufs\u00e4tze zur Religions- und Geistesgeschichte, hg. v. Aleida Assmann u.&nbsp;a. M\u00fcnchen 1996, 319\u2013339, hier 322.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref13\" id=\"_ftn13\">[13]<\/a>&nbsp;Ernst Cassirer: Die Philosophie der Aufkl\u00e4rung. Hamburg 2007, XIII.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a id=\"_ftn14\" href=\"#_ftnref14\">[14]<\/a>&nbsp;Poe, Der D\u00e4mon der Perversit\u00e4t, 16.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bildquelle: Arthur Rackham, Public domain, via Wikimedia Commons<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>RaT-Blog Nr. 03\/2022<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie kann der Diskurs um die \u201aGnosis\u2018 in ein zeitgem\u00e4\u00dfes Licht ger\u00fcckt oder \u00fcberhaupt noch erfasst werden? Christian Zolles versucht eine Ann\u00e4herung ausgehend von Edgar Allan Poes Kurzgeschichte The Imp of the Perverse \/ Der D\u00e4mon der Perversit\u00e4t und Jacob Taubes\u2019 Ausf\u00fchrungen \u00fcber Das Unbehagen an der Institution.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2322,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,137,155,146,139,145,151,149],"tags":[204,203,37,190,191,82,95],"ppma_author":[291],"class_list":["post-2321","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-beitraege","category-christentum","category-geschichte-themen","category-gesellschaft","category-judentum","category-literatur","category-philosophie","category-transformation","tag-gemeinschaft-und-sozialer-zusammenhalt","tag-gesellschaft","tag-gnosis","tag-kunst","tag-literatur-und-aesthetik","tag-philosophie","tag-religionswissenschaft","eq-blocks"],"authors":[{"term_id":291,"user_id":0,"is_guest":1,"slug":"christian-zolles","display_name":"Christian Zolles","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/?s=96&d=mm&r=g","author_category":"","user_url":"","last_name":"Zolles","first_name":"Christian","job_title":"","description":"Christian Zolles ist Assistent am Institut f\u00fcr Germanistik der Universit\u00e4t Wien und assoziiertes Mitglied des RaT-Clusters \u201eSoteriologische Transformationen: Millenarismus\u201c. 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