{"id":2687,"date":"2022-06-30T14:30:07","date_gmt":"2022-06-30T14:30:07","guid":{"rendered":"https:\/\/rat-blog.at\/?p=2687"},"modified":"2023-07-06T09:53:53","modified_gmt":"2023-07-06T09:53:53","slug":"die-unsrigen-und-die-anderen-menschen-auf-der-flucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=2687","title":{"rendered":"Die Unsrigen und die Anderen. Menschen auf der Flucht"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Der Krieg in der Ukraine bewegt zurzeit viele Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen und in \u00d6sterreich oder Deutschland Schutz und Hilfe zu suchen.Zugleich macht sich eine Ungleichbehandlung von fl\u00fcchtenden Menschen entlang natio-ethno-kultureller Grenzen breit (Mecheril 2003). <strong>Bettina Brandstetter<\/strong> reflektiert eine pers\u00f6nliche Erfahrung vor dem Hintergrund postkolonialer Theorien.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dieser Artikel ist bereits am 26. Mai 2022 auf dem Blog <a href=\"https:\/\/theocare.wordpress.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">theocare <\/a>des Instituts f\u00fcr Praktische Theologie erschienen. Wir ver\u00f6ffentlichen ihn hier mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>(M)ein Zug voller fl\u00fcchtender Menschen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Samstagnachmittag, Ende April 2022. M\u00fcde von einem intensiven Blockseminar stehe ich am Bahnhof und warte genervt auf den Zug nach Hause, dessen Versp\u00e4tung sich im f\u00fcnf-Minuten-Takt verl\u00e4ngert. Endlich, mit 40 Minuten Versp\u00e4tung, kann ich in den Zug einsteigen. Ich suche nach dem Ruheabteil, denn ich m\u00f6chte die Zugfahrt wie \u00fcblich zum Arbeiten nutzen. Doch der Zug ist \u00fcbervoll. Frauen mit Babys auf den Armen und Kinder. Kinder \u00fcber Kinder. Selbstbezogen, m\u00fcde und besessen von der Idee, meine Arbeit nicht ins Wochenende mitzunehmen, sp\u00e4he ich nach einem Sitzplatz zum Arbeiten. Endlich winkt mir eine Frau um die Sechzig zu und macht mir den Fensterplatz neben sich frei. Ich lasse mich erleichtert nieder. Sofort erkl\u00e4rt sie mir, dass sie den Sitzplatz nicht an eine der \u201eRoma-Frauen\u201c freigeben wollte. \u201eDas sind keine Fl\u00fcchtlinge aus der Ukraine\u201c, sagt sie in gebrochenem Deutsch. \u201eDas sind Roma. Sie nutzen die jetzige Situation aus, um nach Deutschland zu kommen und vom Sozialsystem zu profitieren. Sie sind organisiert, sie wissen genau, wo sie hinm\u00fcssen, um Geld und Unterst\u00fctzung zu bekommen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>In Rassismus verwickelt<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Augenblicklich \u00fcberf\u00e4llt mich ein Gef\u00fchl der Ohnmacht und der Besch\u00e4mung. Ich bin zur Privilegierten geworden auf Kosten der Diskriminierung anderer, auf Kosten von Frauen und Kindern auf dem Weg in eine hoffnungsvollere Zukunft. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>&#8222;Was soll ich tun? Gleich wieder aufstehen und gehen? Prompt entgegnen? Allianzen suchen?&#8220;<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was soll ich tun? Gleich wieder aufstehen und gehen? Prompt entgegnen? Allianzen suchen? Oder meinen Laptop \u00f6ffnen und tun, was ich tun wollte? Vorerst geht nichts von alledem. Ich sinne nach. \u00dcber die Irritation, \u00fcber meine Ohnmacht und \u00fcber die Optionen, die ich gew\u00e4hlt habe und die es dar\u00fcber hinaus gegeben h\u00e4tte. Die vielfach kritisierte Zwei-Klassen-Migrationsordnung, nach der zwischen legitimierten \u201eKriegsvertriebenen\u201c und unerw\u00fcnschten \u201eFl\u00fcchtlingen\u201c unterschieden wird, hatte mich voll erwischt und ich sa\u00df mittendrin.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Europ\u00e4er*innen und ihre Anderen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Differenzierung meiner Sitznachbarin erinnert mich an das von Edward Said und Gayatri Chakravorty Spivak entwickelte Konzept des <em>Otherings <\/em>(Said 1978, Spivak 1985). Es bezeichnet im Kontext postkolonialer Theorien die diskursive \u201eHerstellung\u201c der \u201eAnderen\u201c als Gegen\u00fcber zu einem fiktiven \u201eWir\u201c. Im deutschsprachigen Raum wird dieses Konzept zunehmend auch in der Theologie aufgegriffen (Silber 2021), um das Fortwirken kolonialer Verh\u00e4ltnisse in gegenw\u00e4rtigen Gesellschaften aufzuzeigen. Das Gedankengut der \u00dcberlegenheit, Aufkl\u00e4rung und des Fortschrittes besteht im postkolonialen Europa fort und f\u00fchrt \u00fcber Praktiken der Abwertung bzw. Exklusion zur Schlechterstellung \u201eAnderer\u201c in \u201emodernen\u201c Gesellschaften.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>&#8222;Mittels Othering wird den als \u201eanders\u201c bezeichneten Gruppen und Individuen ein Ort in der Gesellschaft zugewiesen, der sie kontrollierbar macht, diszipliniert und deren Benachteiligung oder Ausgrenzung legitimiert.&#8220;<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Solche Verh\u00e4ltnisse sind nicht auf ehemalige Kolonialm\u00e4chte beschr\u00e4nkt, sondern durchziehen auch die \u00f6sterreichische und deutsche Gesellschaftspolitik. Die Konstruktion der \u201eAnderen\u201c erfolgt dabei in bin\u00e4ren Gegens\u00e4tzen zu einem hegemonialen \u201eWir\u201c und dient dessen Selbstvergewisserung. Sie ist als Negativfolie konstitutiv f\u00fcr die Definition und Legitimation einer privilegierten Position, des \u201eEigenen\u201c und \u201eNormalen\u201c und n\u00fctzt der Absicherung vorherrschender Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse. Mittels Othering wird den als \u201eanders\u201c bezeichneten Gruppen und Individuen ein Ort in der Gesellschaft zugewiesen, der sie kontrollierbar macht, diszipliniert und deren Benachteiligung oder Ausgrenzung legitimiert. Mit dem zugewiesenen sozialen Ort sind gesellschaftliche Positionen, soziale Ressourcen und Privilegien bzw. Benachteiligungen sowie Bildungs- und Aufstiegschancen verbunden. Soziale Ordnungen sind allerdings nicht in Stein gemei\u00dfelt, auch darauf weisen postkoloniale Theoretiker*innen hin, und machen Praktiken des Widerstands gegen ungerechte Strukturen, der Subversion hegemonialer Diskurse oder der Erm\u00e4chtigung einzelner Individuen sichtbar.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>\u00d6konomisierung von Flucht<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der gegenw\u00e4rtigen Fl\u00fcchtlingsfrage l\u00e4sst sich eine solche bin\u00e4re Kodierung feststellen. Die Kriegsvertriebenen, die als Ukrainer*innen gelesen werden, erhalten Unterst\u00fctzung, die anderen Menschen aus Kriegsgebieten nicht zuteil wird. Ukrainer*innen erfahren zurzeit eine Willkommenskultur, wie sie 2017 rasch wieder abgeklungen ist. Sie erhalten von Anfang an einen rechtlichen Status, den andere Menschen mit Fluchterfahrungen nur m\u00fchsam oder gar nicht erreichen k\u00f6nnen. Ukrainer*innen werden als Europ\u00e4er*innen, als Nachbar*innen angesehen und damit der \u201eWir\u201c-Gemeinschaft zugerechnet. Eine rasche Einbindung in die Arbeitswelt wird von ihnen erwartet. Der Verdacht einer \u00d6konomisierung von Flucht liegt nahe, wenn bei Ukrainer*innen die Grenzen nur scheinbar national gezogen werden. Denn etwa Sinti*zze und Rom*nja, Menschen, die eine dunklere Haut haben, aus \u00e4rmeren Verh\u00e4ltnissen kommen und ihre sozialen Beziehungen anders organisieren, geh\u00f6ren zu den \u201eAnderen\u201c, wenngleich auch sie aus den Kriegsverh\u00e4ltnissen der Ukraine fl\u00fcchten (Petrus 2022). Mittels der bin\u00e4ren Unterscheidung werden nationalstaatlich organisierte Systeme gesichert, die die Verteilung sozialstaatlicher Ressourcen regeln, aber auch internationale und globale kapitalistische Verh\u00e4ltnisse legitimiert.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Von der Schwierigkeit zu handeln<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Sitznachbarin greift diesen politisch-gesellschaftlich gef\u00fchrten Diskurs auf und f\u00fchlt sich durch die Migration der Frauen und ihren Kindern, die sie als Rom*nja identifiziert, offenbar irritiert. Ich spreche mit ihr dar\u00fcber, wie betroffen mich die Situation dieser Frauen und ihrer Kinder macht, gleich wo sie herkommen. Sp\u00e4ter sehe ich, wie sie ihre zwei mitgebrachten Jausenbrote mit der Romni auf der anderen Seite des Ganges teilt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich beobachte, wie die fremden Frauen ihre Kinder versorgen, ihnen zu Essen geben, sie necken und kosen, ihnen einen Schlafplatz auf dem Scho\u00df und sogar unter der Bank zurecht richten. Sie verhalten sich sehr ruhig.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>&#8222;Meinen Sitzplatz wollen sie nicht annehmen. Die Zur\u00fcckweisung ist nicht r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen. Doch das L\u00e4cheln wird erwidert und f\u00fchlt sich f\u00fcr mich an wie eine kleine Erl\u00f6sung inmitten meiner Ohnmacht.&#8220;<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Frauen und auch die Kinder sprechen leise, fast versch\u00e4mt miteinander. Ich beobachte, wie ein Kind lange aus dem Fenster blickt, gedankenverloren, irgendwie hoffnungsleer und m\u00fcde. Schlie\u00dflich schl\u00e4ft es ein.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Stille Begegnung jenseits rassistischer Zuschreibungen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich suche den Blickkontakt zu den Frauen und versuche, meine Anteilnahme und Solidarit\u00e4t zum Ausdruck zu bringen. Meinen Sitzplatz wollen sie nicht annehmen. Die Zur\u00fcckweisung ist nicht r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen. Doch das L\u00e4cheln wird erwidert und f\u00fchlt sich f\u00fcr mich an wie eine kleine Erl\u00f6sung inmitten meiner Ohnmacht. Bin ich es, die hier etwas, n\u00e4mlich eine Ent-schuldigung braucht? Die stille Antwort der Frau erm\u00f6glicht eine Begegnung \u00fcber nationale oder ethnische Grenzen hinweg. Sie erzeugt einen <em>Zwischenraum<\/em> jenseits der bin\u00e4ren Kodierung. Das machtvolle Gef\u00e4lle bleibt, denn schlie\u00dflich bin ich es, die die Situation steuert, w\u00e4hrend dies der Frau auf der anderen Seite nicht m\u00f6glich ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Europ\u00e4erin lebe ich in einem gesellschaftlichen Raum, der von kolonialen, hegemonialen und rassistischen Strukturen durchdrungen ist. Ich kann mich subtilen und offensichtlichen Ungleichbehandlungen, Diskriminierungen und Alltagsrassismen, die vielfach von mir als Privilegierte mitverantwortet sind, nicht entziehen. Bin\u00e4re Diskurse und Praktiken zu \u00fcberwinden, in hegemoniale Diskurse einzugreifen und \u00f6ffentlich Stellung zu beziehen ist nicht leicht, aber unausweichlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dieser Artikel ist bereits am 26. Mai 2022 auf dem Blog <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/theocare.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">theocare <\/a>des Instituts f\u00fcr Praktische Theologie erschienen. Wir ver\u00f6ffentlichen ihn hier mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Literaturverzeichnis:<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mecheril, Paul, Prek\u00e4re Verh\u00e4ltnisse. \u00dcber natio-ethno-kulturelle (Mehrfach-)Zugeh\u00f6rigkeit, M\u00fcnster, 2003.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Said, Edward W., Orientalismus, Frankfurt, 1978.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Silber, Stefan, Postkoloniale Theologien, T\u00fcbingen 2021.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Spivak, Gayatri Chakravorty, The Rani of Simur. An Essay in Reading the Archives, in: Barker, Francis et al. (Hrsg.), Europe and its Others. Colchester 1985.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Petrus, Klaus, Fl\u00fcchtlinge zweiter Klasse, in: Amnesty Journal. Ukraine, 2022, abrufbar unter: <a href=\"https:\/\/www.amnesty.de\/informieren\/amnesty-journal\/ukraine-fluechtlinge-diskriminierung\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Fl\u00fcchtlinge zweiter Klasse | Amnesty International<\/a> (20.5.2022)<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bildquelle: <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/@miteneva?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Maria Teneva<\/a> on <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/s\/photos\/refugees?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Unsplash<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>RaT-Blog Nr. 15\/2022<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Krieg in der Ukraine bewegt zurzeit viele Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen und in \u00d6sterreich oder Deutschland Schutz und Hilfe zu suchen.Zugleich macht sich eine Ungleichbehandlung von fl\u00fcchtenden Menschen entlang natio-ethno-kultureller Grenzen breit (Mecheril 2003). 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