{"id":3367,"date":"2023-01-24T12:21:58","date_gmt":"2023-01-24T12:21:58","guid":{"rendered":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=3367"},"modified":"2023-04-12T08:18:02","modified_gmt":"2023-04-12T08:18:02","slug":"wie-junge-menschen-glauben-zugehoerigkeitswelten-religioeser-jugendlicher-erkunden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wie-junge-menschen-glauben-zugehoerigkeitswelten-religioeser-jugendlicher-erkunden.htm","title":{"rendered":"Wie junge Menschen glauben: Zugeh\u00f6rigkeitswelten religi\u00f6ser Jugendlicher erkunden"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr viele Jugendliche ist Religion \u00fcberhaupt kein Thema. Wie aber halten es die, f\u00fcr die Glaube eine Rolle spielt? Die Zugeh\u00f6rigkeitswelten religi\u00f6ser Jugendlicher aus Wien lassen sich in einer neuen Applikation, der <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/app.youbeon.eu\/\" target=\"_blank\">YouBeOn Map<\/a>, erkunden. YouBeOn steht f\u00fcr \u201eYoung Believers Online\u201c und ein innovatives Forschungsprojekt, das digitale Welten mit der Offline-Umgebung und den da wie dort vertretenen Ideen in Verbindung setzt. Durchgef\u00fchrt wurde das Projekt am <a href=\"https:\/\/www.oeaw.ac.at\/isr\/home\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.oeaw.ac.at\/isr\/home\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Institut f\u00fcr Stadt- und Regionalforschung der \u00d6sterreichischen Akademie der Wissenschaften<\/a> in Kooperation mit dem Forschungszentrum RaT.  Grundlage daf\u00fcr sind Interviews mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus sieben religi\u00f6sen Traditionen in Wien. Christlich-orthodoxe, katholische, evangelische, j\u00fcdische, muslimische, alevitische und sikh Jugendliche wurden im Rahmen des Projektes \u00fcber ihre Lebenswelten, ihre Social-Media-Aktivit\u00e4ten und wichtige Orte in Wien und rund um den Globus befragt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Junge religi\u00f6se Menschen in Wien wachsen in einem superdiversen Umfeld auf, in dem ihre Religion eine von vielen ist und in dem sich der Gro\u00dfteil der Menschen als nicht-religi\u00f6s versteht. So geh\u00f6rt die Mehrheit der Wienerinnen und Wienern nach <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.statistik.at\/fileadmin\/pages\/439\/neu__Religion_2021_Bundesland.ods\" target=\"_blank\">j\u00fcngsten Daten der Statistik Austria<\/a> der Gruppe der Konfessionslosen an. Gleichzeitig geistern in der Politik Vorstellungen einer ganz bestimmten Form von \u201e\u00f6sterreichisch sein\u201c herum, in denen Referenzen auf das Christentum nicht fehlen und der Islam als \u201eganz anders\u201c und Musliminnen und Muslime h\u00e4ufig als nicht zugeh\u00f6rig portr\u00e4tiert werden. Diesen engen Identit\u00e4tsvorstellungen stehen die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Jugendliche durch Digitalisierung und wachsende r\u00e4umliche Mobilit\u00e4t diametral entgegen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die ganze Welt am Smartphone<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn junge Gl\u00e4ubige Instagram \u00f6ffnen, sehen sie im Feed \u2013 dem fortlaufend angezeigten Content ihrer individuellen Profile \u2013 religi\u00f6se Inhalte, die ihre Interessen und Erfahrungen widerspiegeln. Da findet sich etwa die Moschee, die eine junge Frau w\u00e4hrend ihres Auslandjahres besucht hat, oder die Kirchengemeinde im Heimatdorf der Gro\u00dfeltern, Bekanntschaften vom Weltjugendtag, online Gebetsgruppen und vieles mehr. Gerade das Mobilit\u00e4tsverhalten junger Menschen f\u00fchrt zu vielf\u00e4ltigen Kontakten an verschiedensten Orten der Welt, die dann digital aufrechterhalten werden k\u00f6nnen. Die ganze Welt, inklusive der anderswo gemachten Glaubenserfahrungen, wird so \u00fcber das Smartphone zug\u00e4nglich und bleibt auch dauerhaft verf\u00fcgbar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dazu kommen Vorschl\u00e4ge des Algorithmus auf Basis des bisherigen Nutzungsverhaltens. Wer etwa einem Account zu einem heiligen Ort folgt, bekommt \u00e4hnliche Accounts angezeigt. Wer oft die Beitr\u00e4ge eines Predigers ansieht, dem wird mehr Content dieser Art vorgeschlagen. Die Religion junger Menschen spiegelt sich also in ihren Social Media Accounts wider und entwickelt sich gleichzeitig auch \u00fcber ihr Nutzungsverhalten sozialer Medien weiter. Diese \u201etranslocal feeds of faith\u201c stellen einen neuen Aspekt gelebter Religion dar, der in Zukunft wohl noch an Bedeutung gewinnen wird.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Konfessionelle Grenzen verschwimmen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Konfessionelle Grenzen, wie sie offline im Religionsunterricht und in Glaubensgemeinschaften ganz stark gezogen werden, verschwimmen online zusehends. Der Algorithmus scheint ein religi\u00f6ses Interesse zu erkennen und sich bei Vorschl\u00e4gen an die pr\u00e4ferierte Religionstradition zu halten, konfessionelle Unterschiede aber zu vernachl\u00e4ssigen. Anders gesagt, wer dem Papst folgt, der wird nicht auch unbedingt der Dalai Lama als Account, dem man folgen sollte, vorgeschlagen. Selbst dann nicht, wenn Jugendliche ihrer \u00dcberzeugung nach gegen\u00fcber anderen Religion aufgeschlossen sind. Religion im digitalen Raum zu konsumieren, scheint aber andere Funktionen zu haben als das religi\u00f6s-ethische Weltbild einfach nur abzubilden. Influencer besprechen Themen, die Jugendlichen am Herzen liegen und offline kaum vorkommen. Die Konfession scheint dabei zweitrangig. Ob eine Modebloggerin Schiitin oder Sunnitin ist, war f\u00fcr die Teilnehmenden nicht so wichtig, wie ihr Gesp\u00fcr f\u00fcr Stil. Genauso verh\u00e4lt es sich bei christlichen Rockbands. Und auch die Produzent*innen der Inhalte sind oft an einer genaueren Verortung innerhalb einer Religionstradition nicht interessiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dagegen haben religi\u00f6se Autorit\u00e4ten und offizielle Accounts von Gemeinschaften oft einen schweren Stand. Trotz vielfach stark professionalisierter Social Media Auftritte werden ihre Inhalte von vielen Jugendlichen als unauthentisch, langweilig oder irrelevant beschrieben. Junge Gl\u00e4ubige folgen daher vergleichsweise selten religi\u00f6sen Autorit\u00e4ten auf Instagram, sondern pr\u00e4ferieren Influencer*innen, religi\u00f6sen Meme-Seiten und Accounts, die inspirierende religi\u00f6se Zitate verbreiten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Arbeiten an der eigenen Religion<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei ist das Verh\u00e4ltnis von Jugendlichen zu ihrer Religion keineswegs einfach. Fast alle Studienteilnehmer*innen schildern eine sehr kritische Auseinandersetzung mit den Inhalten und Praktiken, die sie im Elternhaus, in den Gemeinschaften und im Religionsunterricht kennengelernt haben. Ganz h\u00e4ufig passt das, was dort geglaubt, praktiziert und gelehrt wird nicht in ihre Lebensrealit\u00e4t. In diesem Zusammenhang werden oft der Umgang mit Geschlechterrollen, aber auch bestimmte Kleidungs- und Speisevorschriften oder zu hierarchische Gemeinschaftsstrukturen genannt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcber die Religionsgrenzen hinweg ist zu beobachten, dass Jugendliche ihre Religion adaptieren. Dies tun sie teilweise nach innen hin, also im Hinblick auf religi\u00f6se Inhalte und Praktiken. Zum Beispiel lehnen einige das, was sie als unpassend ansehen, einfach ab, w\u00e4hrend andere sich intensiv darum bem\u00fchen, einen \u201ewahren Kern\u201c der Religion auszumachen und problematische Traditionen davon zu unterscheiden. Wieder andere finden in der Auslegung einer spezifischen Gemeinschaft oder in der m\u00f6glichst intensiven Auseinandersetzung mit ihrer Religion Wege um mit Ungereimtheiten umzugehen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Religi\u00f6se in der Minderheit<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jugendliche adaptieren ihre Religion aber auch aufgrund ihrer sozialen Situation und einem Anpassungsdruck, den sie in ihrem Umfeld erleben. Jugendliche aller Religionsgruppen sehen sich in einer Minderheitensituation, wobei sich unterscheidet, wer als Mehrheit verstanden wird. Viele Katholik*innen erleben sich als Minderheit in einer s\u00e4kularen Gesellschaft. F\u00fcr nicht-christliche Gruppen, ist dagegen das christliche (manchmal auch spezifisch katholische) \u00d6sterreich das Gegen\u00fcber. F\u00fcr Gruppen die au\u00dferdem noch rassistische, antisemitische, islamfeindliche oder andere Anfeindungen erfahren, ist die Situation nochmals komplexer: sie erleben Marginalisierung in unterschiedlichen Kontexten und Konstellationen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manche Jugendliche und junge Erwachsene suchen dann verst\u00e4rkt den Kontakt zu religi\u00f6s Gleichgesinnten, w\u00e4hrend andere auch gegen\u00fcber andersgl\u00e4ubigen oder nicht-religi\u00f6sen Personen sehr offen mit dem eigenen Glauben umgehen. Unter den Studienteilnehmer*innen gibt es auch situative Konfliktvermeidungsstrategien, wie das Ablegen religi\u00f6ser Symbole oder die Vermeidung des Themas Religion in Gespr\u00e4chen. Insgesamt zeigt sich deutlich, wie religi\u00f6ses Leben junger Menschen von Sozialstrukturen gepr\u00e4gt wird, die nicht als religionsfreundlich wahrgenommen werden. Auch das gilt es zu bedenken, wenn man \u00fcber Religion in einer superdiversen, aber eben auch zunehmend s\u00e4kularen Stadt spricht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>\u201eGemeindehopping\u201c und Freundeskreise<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die vielf\u00e4ltigen M\u00f6glichkeiten, die eine Metropole wie Wien auch im Hinblick auf Religion bietet, machen sich die Jugendlichen bewusst zu eigen. Viele praktizieren etwa in unterschiedlichen Gemeinschaften und h\u00e4ufig verschwinden auch hier konfessionelle Grenzen. Ganze Freundeskreise besuchen, je nachdem wo sie unterwegs sind, die n\u00e4chstgelegene Moschee oder gehen in die Synagoge, in der sie nebenan zum Essen eingeladen werden. Katholische Jugendliche nehmen an freikirchlichen Feiern teil, weil ihnen die Musik gef\u00e4llt, sch\u00e4tzen aber auch das Pfarrleben in bestimmten Gemeinden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einige Jugendliche erz\u00e4hlen zwar auch \u00fcber ganz klassische Formen der Religionsaus\u00fcbung und die Bindung an eine Gemeinschaft; die hohe Mobilit\u00e4t in der religi\u00f6sen Praxis ist aber in ganz unterschiedlichen religi\u00f6sen Kontexten aufgekommen, sodass anzunehmen ist, dass ein solches \u201eGemeinde\/Gemeinschaftshopping\u201c ein Zukunftsph\u00e4nomen urbaner Religionspraxis darstellt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Forschung mit, statt \u00fcber Jugendliche<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Forschungsergebnisse wurden auf der <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/app.youbeon.eu\/\" target=\"_blank\">YouBeOn Map<\/a> visualisiert und erfahrbar gemacht, Die Map versteht sich auch als Angebot an all jene, die zu den Themen Jugendreligiosit\u00e4t, Religionsvielfalt in der Stadt und den digitalen Welten junger Menschen bisher keinen Zugang hatten. Die Teilnehmer*innen des YouBeOn Projektes machen ihre Welt f\u00fcr Interessierte ein St\u00fcck weit auf. Dabei war es besonders wichtig, im Konsens mit den Jugendlichen zu arbeiten und sie in den Forschungsprozess einzubinden. Im Rahmen der Auswertungshase und im Zuge der Erstellung der YouBeOn Map hatten die Teilnehmer*innen wiederholt die M\u00f6glichkeit, mitzusprechen und auch jederzeit Einspruch zu erheben. Ziel dieser partizipativen Vorgansweise war es, ein Forschungsprojekt mit Jugendlichen, anstatt einer Studie \u00fcber diese Gruppe zu machen. Im Unterschied zu anderen Mapping-Projekten stellt die <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/app.youbeon.eu\/\" target=\"_blank\">YouBeOn Map<\/a> das dar, was die Menschen, die dazu beigetragen haben, zeigen wollen und ist somit auch eine Einladung zum Kennenlernen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bildquelle: YouBeOn-Projekt<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>RaT-Blog Nr. 02\/2023<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In ihrem Beitrag stellt <b>Astrid Mattes<\/b> die Ergebnisse eines k\u00fcrzlich abgeschlossenen Forschungsprojektes mit christlichen, muslimischen, j\u00fcdischen, alevitischen und sikh Jugendlichen in Wien dar. Diese zeichnen ein buntes Bild vernetzter, translokaler und adaptierter Jugendreligiosit\u00e4t.<a href=\"https:\/\/app.youbeon.eu\/\">Mittels einer eigens geschaffenen Online-Applikation<\/a> lassen sich diese Lebenswelten erkunden.<\/p>\n<p>Das YouBeOn Projekt wurde am <a href=\"https:\/\/www.oeaw.ac.at\/isr\/home\">Institut f\u00fcr Stadt und Regionalforschung der \u00d6sterreichischen Akademie der Wissenschaften<\/a> in Kooperation mit dem Forschungszentrum RaT der Uni Wien durchgef\u00fchrt<\/p>\n<p>Dieser Beitrag ist im Rahmen der Zusammenarbeit zwischen RaT und der Tageszeitung derstandard auch auf derstandard.at erschienen und kann  <a href=\"https:\/\/www.derstandard.at\/story\/2000142723531\/wie-junge-menschen-glauben-zugehoerigkeitswelten-religioeser-jugendlicher-erkunden\">hier<\/a> angesehen werden.  <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3369,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[169,159,146,158,156,149],"tags":[],"ppma_author":[317],"class_list":["post-3367","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-soziale-medien","category-erziehung","category-gesellschaft","category-migration","category-religionswissenschaft","category-transformation","eq-blocks"],"authors":[{"term_id":317,"user_id":0,"is_guest":1,"slug":"astrid-mattes","display_name":"Astrid Mattes","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/744c72f27eb7ef16e569cfd0b84e81732a94a01eb7e068a54e11bce6a6700487?s=96&d=mm&r=g","author_category":"","user_url":"","last_name":"Mattes","first_name":"Astrid","job_title":"","description":"Astrid Mattes ist Tenure Track Professorin f\u00fcr Sozialwissenschaftliche Religionsforschung am Forschungszentrum Religion and Transformation in Contemporary Society der Universit\u00e4t Wien. 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