{"id":3793,"date":"2023-11-13T12:30:17","date_gmt":"2023-11-13T12:30:17","guid":{"rendered":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=3793"},"modified":"2023-11-14T08:47:57","modified_gmt":"2023-11-14T08:47:57","slug":"eine-halbvergessne-sage-franz-werfels-roman-die-vierzig-tage-des-musa-dagh-als-dokument-des-ersten-genozids","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=3793","title":{"rendered":"\u201eEine halbvergessne Sage\u201c? Franz Werfels Roman \u201eDie vierzig Tage des Musa Dagh\u201c als Dokument des jungt\u00fcrkischen Genozids an den Armeniern"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In seinem fast 1000seitigen Roman hat Franz Werfel im Jahr 1932\/33 den ersten staatlich organisierten Genozid zum Thema gemacht. Ausgel\u00f6st wurde der Roman, wie Werfel in einer Art Vorwort dazu schrieb, durch das \u201eJammerbild verst\u00fcmmelter und verhungerter Fl\u00fcchtlingskinder, die in einer Teppichfabrik arbeiteten.\u201c Auf sie traf er, als er sich im Fr\u00fchjahr 1929 in Damaskus aufhielt. Diese Kinder bildeten einen Rest derer, die dem Genozid der Jungt\u00fcrken entkommen waren. 1,5 Millionen Armenierinnen und Armenier waren dem nationalistisch organsierten Abschlachten in den Jahren 1915-1917 zum Opfer gefallen, im Schatten des Ersten Weltkriegs, in dem auch Werfel eingezogen war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Franz Werfel war damals, als er diese Reise unternahm, 39 Jahre alt. Wenige Monate danach heiratete er Alma Mahler, die, deutsch-nationalistisch und antisemitisch gesonnen, von Werfel als Bedingung der Ehe seinen Austritt aus der Wiener j\u00fcdischen Gemeinde verlangte. Dem kam Werfel nach, trat jedoch unmittelbar nach der Eheschlie\u00dfung ohne Wissen seiner Gattin wieder in die j\u00fcdische Gemeinde ein. Die von ihm gelebte Solidarit\u00e4t mit dem durch die Geschichte gejagten, geknechteten und immer wieder auferstandenen j\u00fcdischen Volk verpflichtete ihn sein Leben lang. Auf dieser Solidarit\u00e4t basierte seine Empathie eben auch mit dem armenischen Volk, dessen Geschick f\u00fcr Werfel dem des j\u00fcdischen Volkes nahestand. In den \u201eVierzig Tagen des Musa Dagh\u201c finden sich deshalb auch viele Ankl\u00e4nge an j\u00fcdische \u00dcberlieferung, auch wenn die gesamte Anlage des Romans von der christlichen Widerstandsgeschichte einer armenischen Gruppe gegen das jungt\u00fcrkische Morden bestimmt ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Profil, Charakter und Geschick des Protagonisten Gabriel Bagradian werden Grundz\u00fcge des biblischen Moses erkennbar. Gabriel Bagradian w\u00e4chst wie Mose mit den Anforderungen und \u00dcberforderungen mit. Sein Profil wird sch\u00e4rfer, seine Ausrichtung bestimmter, seine Einsamkeit dramatischer und h\u00e4rter. Und am Schluss wird Gabriel Bagradian, w\u00e4hrend der ausgemergelte Rest seiner Gruppe vom Kreuzer \u201eGuichen\u201c aufgenommen wird, noch einmal zur\u00fcckgerufen zum Grab seines Sohnes, der in einem Kampfgeschehen gefallen war. Dort ist er allein und denkt an seinen Sohn und die Hundertschaften von Toten, die der Widerstandskampf gekostet hatte \u2013 ein Bild wie am Berg Nebo, wo der einsame Mose der Bibel sich noch einmal sammelt. Wie Mose, so wird auch Bagradian nicht den letzten Schritt der Rettung gehen k\u00f6nnen. Doch gleichzeitig zeigt sich ein dramatischer Unterschied der beiden Szenen. Mose starb am Berg Nebo und sah bei Tag ins versprochene Land hin\u00fcber, Werfels Gabriel Bagradian wird am Musa Dagh in stockdunkler Nacht liquidiert. In einem letzten Gewaltbild verdichtet Werfel noch einmal den Terror dieses Genozids, wenn er paradox schreibt: \u201eGabriel Bagradian hatte Gl\u00fcck: Die zweite T\u00fcrkenkugel durchschmetterte ihm die Schl\u00e4fe. Er klammerte sich ans Holz, riss es im Sturze mit. Und das Kreuz des Sohnes lag auf seinem Herzen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine zweite Verbindung findet sich in der Grundzahl 40. Sie strukturiert die biblische Mosegeschichte in drei 40-Jahr-Perioden; in der dritten Periode, in der des Zugs durch die W\u00fcste hin zu den Grenzen des versprochenen Landes, sammeln sich gewisserma\u00dfen die Zeiten davor ein, weil alles als Hinweg zum Land Israel gelesen wird. Im Roman verdichtete Franz Werfel den entscheidenden Weg auf 40 Tage und lehnte damit diese Periode deutlich an die letzte Exodusperiode an. Das hielt eine klare Botschaft bereit: Die Massaker dieses Genozids und seine Folgen d\u00fcrfen nicht das letzte Wort behalten und die Zeiten definieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einer dritten Hinsicht verbindet Werfel die Fluchtm\u00f6glichkeit des armenischen Restes \u00fcbers Meer mit dem Durchzug der Mosegruppe durchs Rote Meer. Wo wie in der Gegenwart spekuliert wird aufs (Mittel-)Meer als Massengrab, das seine Toten verschlingt und verschweigt, kehrt sich durch literarische Intervention das Meer als der Ort des Ertrinkens in beiden Erz\u00e4hlungen um. Es wird Hoffnungszone f\u00fcr Rettung, die es heute f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge immer noch ist, trotz allem. Exodus, das gro\u00dfe Versprechen, das massakrierte Fl\u00fcchtlinge immer noch anzog, auch wenn sie fast willenlos voranstolperten wie in Werfels Roman, hat Werfel entlang der biblischen Geschichte auch seinem Roman im Widerstand gegen diesen Genozid eingeschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Romane wie \u201eDie vierzig Tage des Musa Dagh\u201c geh\u00f6ren dem Fiktionalen zu. Ihre Impulse liegen h\u00e4ufig in Erfahrungen, die schreibend weitergearbeitet, gestaltet, umgebaut, neu gefasst und schlie\u00dflich zu einem Gesamtdrama gebildet werden. F\u00fcr den Roman suchte Werfel dar\u00fcber hinaus Archive und Menschen auf, die ihn in den historischen Kontext der Jahre 1915-1917 setzten. Das steht in gro\u00dfer \u00c4hnlichkeit zu dem, was die biblischen Geschichten zeigen. Auch sie sind von Erfahrungen ausgel\u00f6st, werden \u00fcberliefert, weiter verarbeitet und irgendwann schriftlich gefasst und so \u00fcbermittelt; historische Bez\u00fcge lassen sich entdecken, doch die Geschichten selbst liefern keine Protokolle dessen, was gesagt worden und was unmittelbar geschehen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von den Schreibern biblischer Schriften wei\u00df man fast nichts. Das liegt daran, dass die Idee eines \u00e4sthetischen Genies, dessen narratives oder k\u00fcnstlerisches Werk an seinem Namen h\u00e4ngt, etwa 300 Jahre alt ist und daher die meisten biblischen Schreiber im Anonymen verschwunden bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und doch gibt es manche Spuren in die Vergangenheit, die mit der Schreibarbeit Franz Werfels konvergieren. Am Roman \u201eDie vierzig Tage des Musa Dagh\u201c schrieb er nach eigener Auskunft vom Juli 1932 bis zum M\u00e4rz 1933; unterbrochen wurden die Arbeiten nur durch Vortragsreisen, auf denen er die erfolgslosen Verhandlungen zwischen Enver Pascha und Pastor Johannes Lespius entsprechend seiner eigenen Archivarbeit in der Fassung des Romans vortrug. Sonst aber schrieb er an diesem Werk in der Einsamkeit seines Hauses, das auf einem H\u00f6henzug lag, der zu Breitenstein geh\u00f6rt und der Rax gegen\u00fcberliegt. Abgewandt dem L\u00e4rm der Gro\u00dfstadt Wien, schrieb er in einer Einsamkeit, in die Werfel im Prophetenroman \u201eH\u00f6ret die Stimme\u201c, 1937 ver\u00f6ffentlicht, den Propheten Jeremia versetzte, als dieser seine Schriftrolle neu schrieb, nachdem der K\u00f6nig sie hatte verbrennen lassen (Jer 36,27f). In solcher Einsamkeit entsteht etwas, das sich prophetische Aufmerksamkeit nennen l\u00e4sst: Fokussierung auf ein Entscheidendes, Pflichtiges \u2013 und das steht stets im Zusammenhang mit humaner Gegenwart und Zukunft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Franz Werfel hat seinen Armenier-Roman vor 90 Jahren ver\u00f6ffentlicht. Die armenische Kirche von \u00d6sterreich hat ihm diesen Einsatz nicht vergessen. 30 Jahre nach Werfels Tod im amerikanischen Exil im Jahr 1945 finanzierte die Leitung der armenisch-orthodoxen Kirche die Exhumierung Werfels und seine Beisetzung auf dem Wiener Zentralfriedhof in einem Ehrengrab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das macht: Dichter und K\u00fcnstler teilen mit den Propheten den scharfen, analytischen Blick, das genaue Hinsehen, das feinsinnige Hinh\u00f6ren \u2013 mit einem Wort: gesteigerte Wahrnehmung, die empathisch macht und deshalb, nur deshalb ahnen l\u00e4sst, was kommen wird. Werfels Roman \u00fcber den Genozid, den die Jungt\u00fcrken am armenischen Volk ver\u00fcbt hatten, liest sich wie eine d\u00fcstere Anfangsgeschichte von Genoziden, die folgten und in der Schoa ihren Tiefpunkt erreichten; Werfel sah das kommen, wie Vortr\u00e4ge bereits aus den fr\u00fchen 1930er Jahren zeigen, konnte sich jedoch die Gr\u00fcndlichkeit und Technik nicht vorstellen, die im Gesamtraum des NS-Regimes zur Schoa, zur Vernichtung aller Juden und J\u00fcdinnen f\u00fchrte, derer man habhaft werden konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit seinem Roman ragt Werfel auch 90 Jahre sp\u00e4ter in die Gegenwart. Kaum h\u00f6rt man heute dichterisch-empathische Worte, alte und gegenw\u00e4rtige. Prophetisches wird von Massengeschrei \u00fcberstimmt, das Parolen, Schlagworten und L\u00fcgen folgt, die allesamt terroristische Drohungen mit sich f\u00fchren, jederzeit bereit f\u00fcr die Realisierung. Dass in diesen Tagen und Wochen deren realste und h\u00e4rteste wieder einmal die j\u00fcdischen Gemeinschaften treffen, in Israel und \u00fcberall dort, wo sich j\u00fcdische Gemeinschaften finden, ist eine Katastrophe, keine Trag\u00f6die, weil eine Trag\u00f6die keine Verantwortlichkeiten kennt. Im Sog des Hamas-Terrors hetzen und drohen russische und iranische Staats- und Religionsideologen, die diesen Terror direkt unterst\u00fctzen, weil sie wieder einmal ihre Chance wittern, durch einen Genozid zumindest den Staat Israel auszul\u00f6schen. Daraus machen diese M\u00e4chte so wenig Geheimnis wie damals, als die Jungt\u00fcrken ihre Agenda formulierten und aus\u00fcbten oder sp\u00e4ter, in einem qualitativen Sprung, der NS-Staat Reichsgesetze schuf, die das Morden zur Pflicht erhoben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Traurig, wie aktuell dieser Roman Franz Werfels ist. Als h\u00e4tte man aus der Geschichte nichts gelernt, sondern wiederholte sie in immer neuen Gewaltausbr\u00fcchen, die immer gef\u00e4hrlicher und t\u00f6dlicher werden. Karl Marx\u2018 Diktum, wonach sich die Geschichte zweimal wiederhole, zuerst als Trag\u00f6die, dann als Farce, bildet eine \u00fcberholte Einsicht ab. Werfels Roman \u201eDie vierzig Jahre des Mus Dagh\u201c vor sich, erkennt man die gewaltige Steigerung von Gewaltaus\u00fcbung, wie sie in den vergangenen 110 Jahren seit dem Genozid am armenischen Volk erkennbar wird. Dass die offizielle politische Repr\u00e4sentation der T\u00fcrkei diesen Genozid bis heute leugnet, best\u00e4tigt, wie rhetorisches Gebr\u00fcll Taubheit, Blindheit und Apathie erzeugt, um hernach jede Gewalt aus\u00fcben zu k\u00f6nnen, der man sich verschreiben will.Traurig ist das. Doch Werke wie dieser Roman von Franz Werfel und andere wie sein Prophetenroman \u201eH\u00f6ret die Stimme\u201c z\u00fcnden in der Nacht ein kleines Licht an, in Erinnerung an starke Charaktere, die dem Geheul und den Gewaltausbr\u00fcchen ihren Widerstand entgegenstellten.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Photocredits: (C) Wolfgang Treitler<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>RaT-Blog Nr. 18\/2023<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach der Vertreibung der armenischen Bev\u00f6lkerung aus Bergkarabach im September 2023 wurden schmerzhafte Erinnerungen an den vor hundert Jahren ver\u00fcbten Genozid am armenischen Volk geweckt. <b>Wolfgang Treitler<\/b> stellt in seinem Beitrag den \u00f6sterreischichen Schriftsteller Franz Werfel vor, der mit seinem Roman &#8222;Die vierzig Tage des Musa Dagh&#8220; ein Denmkal gegen das Vergessen setzte. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3796,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[155,146,144,145,158,143],"tags":[],"ppma_author":[383],"class_list":["post-3793","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichte-themen","category-gesellschaft","category-kunst","category-literatur","category-migration","category-politik","eq-blocks"],"authors":[{"term_id":383,"user_id":0,"is_guest":1,"slug":"wolfgang-treitler","display_name":"Wolfgang Treitler","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/?s=96&d=mm&r=g","author_category":"","user_url":"","last_name":"Treitler","first_name":"Wolfgang","job_title":"","description":"Wolfgang Treitler, geb. 13.4.1961, seit 1998 ao. 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