{"id":4019,"date":"2024-05-24T08:50:22","date_gmt":"2024-05-24T08:50:22","guid":{"rendered":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=4019"},"modified":"2024-07-10T14:22:04","modified_gmt":"2024-07-10T14:22:04","slug":"kriminalliteratur-mit-religioeser-qualitaet-zur-aesthetischen-und-theologischen-hermeneutik-in-agatha-christies-kriminalromanen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=4019","title":{"rendered":"Kriminalliteratur mit religi\u00f6ser Qualit\u00e4t. Zur \u00e4sthetischen und theologischen Hermeneutik in Agatha Christies Kriminalromanen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">I.<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dem Ende <em>der gro\u00dfen Erz\u00e4hlungen<\/em> wurde in der Postmoderne aus kultureller und gesellschaftlicher Perspektive Kirche und Religion das Ende attestiert. Es ist kein Geheimnis, dass mit Beginn des Zeitalters der Reformation, von der Vormoderne weitergef\u00fchrt, der Stellenwert der Religion im gesellschaftlichen Kontext als nachhaltig bescheidener anzusehen ist. Bildeten noch im Mittelalter Kirche und Gesellschaft eine Einheit, derart, dass der Alltag der Menschen sich in beidem gleichsam vollzog, zeigte allein ein in Etappen wiederkehrendes Aufb\u00e4umen kirchlicher Strukturen, dass es l\u00e4ngst zum Bruch \u00f6ffentlicher Einigung, diesbez\u00fcglich zu einer Transformation in Gesellschaft und Kunst gekommen war. Der gemeinsame Kontext von Glauben und Leben war aufgebrochen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Umso erstaunlicher ist es, dass gerade verschriftete wie auch bildende K\u00fcnste ein anderes Bild geben und sich weiterhin deutlich religi\u00f6s-theologischen Bez\u00fcgen widmen<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, sie weiterhin vertreten, konterkarieren, diskutieren oder schlicht darstellen. Literarische Verweise auf und die Bearbeitung von religi\u00f6s-theologischer Thematik l\u00e4sst sich auch ohne ein \u02bbAbsuchen\u02bc von \u201eLiteratur auf religi\u00f6s relevante Stellen hin\u201c<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\">[2]<\/a> bewerkstelligen, wird doch das sensitive Lesepublikum h\u00e4ufig Spuren gewahr, die das Verwobensein von Theologie\/Religion und Literatur erkennen lassen. Beides greift ineinander, umwindet, umschlingt einander, um schlie\u00dflich wieder einmal eine Einheit zu bilden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwar ist diese neue (?) Einm\u00fctigkeit nicht mit dem mittelalterlichen Gepr\u00e4ge gleichzusetzen, diese neu erkennbare Einheit gibt sich weniger \u00f6ffentlich, sie ereignet sich subtil \u2013 und doch ist sie nicht wegzuleugnen oder zu tilgen. Zusammenh\u00e4nge zwischen Theologie\/Religion und Literatur, gerade im Sinne von Weltliteratur, gibt es weiterhin, auch im 20. und 21. Jahrhundert. Bez\u00fcge, die nicht unmittelbar erscheinen, verm\u00f6gen diesbez\u00fcglich die Rezeption ebenfalls anzuregen. Selbst im Kontext der Kriminalliteratur ergibt sich bis in die Epoche der Metamoderne<a href=\"https:\/\/mail.aol.com\/d\/list\/referrer=oldMail&amp;folders=1&amp;accountIds=1&amp;listFilter=OLDMAIL\/messages\/AEwbg7hV3cjKZk9JNArdQIjDWUs#_ftn3\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">[3]<\/a> hinein&nbsp;die M\u00f6glichkeit, eine religi\u00f6se Dimension, auch und gerade das Regel- und Wertesystem betreffend, auszumachen, die brach liegend und unentdeckt eine entscheidende Komponente in der Rezeption au\u00dfer Acht lie\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwar gilt es weiterhin zwischen Autor\/innenschaft und Text zu unterscheiden, doch bleibt Wolfgang Isers Diktum weiterhin g\u00fcltig, dass Auslegung und Literatur zusammengeh\u00f6rten mit Verweis auf ein zum literarischen Text zugeh\u00f6riges \u201eelaboriertes System von Auslegungsverfahren&nbsp; [\u2026], die zur Ausbildung unterschiedlicher Hermeneutiken f\u00fchrten, [\u2026] [wobei sich] die Frage wieder auf[dr\u00e4ngt], ob Literatur als Medium auch noch anderes als Gegenstand von Textinterpretation sein kann\u201c<a href=\"#_ftn4\" id=\"_ftnref4\">[4]<\/a>. Auf die Antike zur\u00fcckgehende Theorien zur allegorischen Textinterpretation, im 4. Jahrhundert erweitert wie bspw. der Drei- zum Vierfachen Schriftsinn (Johannes Cassianus), taten das ihre zu solcher Problematik. Perspektivwechsel und Marginalisierung, Einbindung in sozio-kulturelle Zusammenh\u00e4nge lassen Literatur schlicht als Medium verstehen und werden in ihrer Eindimensionalit\u00e4t dieser nicht gerecht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">II.<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade das Feld der Kriminalliteratur l\u00e4dt zu einer besonders beachtenswerten Hermeneutik ein. Im Falle der weltbekannten englischen Autorin Agatha Christie k\u00f6nnte sich dieses Genre zudem als \u02bbrealer\u02bc Zeitzeuge einer bewegten Epoche, des sog. \u2018Golden Age\u2019<a href=\"#_ftn5\" id=\"_ftnref5\">[5]<\/a>, im Zeitfenster der beiden Weltkriege im England des 20. Jahrhunderts eignen. In dem 1971 erstmals publizierten Roman <em>Nemesis<\/em><a href=\"#_ftn6\" id=\"_ftnref6\">[6]<\/a> r\u00fcckt das R\u00e4tsel als hermeneutisches Prinzip des Kriminalromans in den Fokus der Aufmerksamkeit. Dabei spielt die Bedeutung des Namens eine entscheidende Rolle. Einmal ist es der Name einer griechischen Zornesg\u00f6ttin, deren Bedeutung sich mit dem Vers aus dem biblischen Buch Amos deckt und als Leitspruch den Roman durchl\u00e4uft: \u201eEs str\u00f6me aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.\u201c (Amos 5,24)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Spiel mit den sprechenden Namen ist in diesem Roman allgegenw\u00e4rtig und betrifft i. A. Figuren, die mit bestimmten Ereignissen der Vergangenheit in Verbindung stehen, Verbrechen, die, wie der Romanverlauf zeigen wird, eigentlicher Grund f\u00fcr den ungew\u00f6hnlichen Auftrag sind. Die Protagonistin, Hobby-Detektivin und Vertreterin von Recht und Gerechtigkeit, wird scherzhaft (?), zumindest der \u00e4u\u00dferen Erscheinung zuwiderlaufend, mit dem Namen \u02bbNemesis\u02bc tituliert. Bei n\u00e4herem Hinsehen entspricht die betagte, glaubensstarke und sittentreue Amateurdetektivin Miss Jane Marple sehr wohl den Vorstellungen von jener G\u00f6ttin. Aus Zusammenh\u00e4ngen Christie\u2019scher Literatur bekannt, wird sie bis zu diesem Roman bereits als ingeni\u00f6se Ermittlerin wertgesch\u00e4tzt. Sie sieht alles und durchschaut alle. Die stets erfolgreiche Ermittlerin nimmt den an sie gestellten Auftrag als pers\u00f6nliche Herausforderung an und begibt sich ins Ungewisse.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese literarische Figur teilt mit ihrer Sch\u00f6pferin die Liebe zu R\u00e4tsel und T\u00e4uschung und leitet schrittweise, d.h. dialogisch-maieutisch, zur Ermittlungst\u00e4tigkeit hin, nicht zuletzt um die noch Unwissenden gem\u00e4\u00df Iser als implizite Leser(innen), zum integrativen Teil des Handlungsgeschehens zu machen. Dabei werden \u00fcbliche Wahrnehmungsmuster durchbrochen. Der rechte Ort und die rechte Zeit, der \u02bbSitz im Leben\u02bc, sind entscheidend. Das Kriminal- und Detektivgeschehen l\u00e4sst sich i. A. durch strukturelle Planung und systematische Umsetzung definieren. Informationen zur L\u00f6sung stehen meist dosiert bereit, oft sind sie erst sp\u00e4t, ggf. nach Aufkl\u00e4rung der Verbrechen zu deuten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die anf\u00e4ngliche Unsicherheit und Unwissenheit auf Seiten der Leser und Protagonisten zwingt diese, sich auf eine unbekannte Reise zu begeben mit dem unbestimmten Gef\u00fchl, von unsichtbarer Hand gelenkt zu sein. Regeln und Normen werden vorausgesetzt, die Christie nach Selbstbezeugung durch die Erfahrungsberichte ihrer Mutter und Gro\u00dfm\u00fctter inhaliert hatte: \u201eI started with Miss Jane Marple, the sort of old lady who would have been rather like some of my grandmother\u2019s Ealing cronies \u2013 old ladies whom I have met in so many villages where I have gone to stay as a girl.\u201c (2010, 435)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine recht eindimensionale Handlung, das i. A. \u00fcberschaubare Sozialgef\u00fcge mit seinem, der Kriminalgeschichte jeweils angepassten, wechselnden inneren Kreis an Figuren, laden die Leser zu einer Tour um die S\u00fcdk\u00fcste der britischen Insel ein, in vergangene Zeiten versetzt, wo bestimmte Berufsgruppen und Familienverb\u00e4nde ganze D\u00f6rfer und Landstriche beherrschten.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"200\" src=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Wendover_England_Red_Lion_Hotel-300x200.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4029\" srcset=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Wendover_England_Red_Lion_Hotel-300x200.jpg 300w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Wendover_England_Red_Lion_Hotel-150x100.jpg 150w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Wendover_England_Red_Lion_Hotel.jpg 550w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 1: Das Red Lion Hotel in Wendover, England<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine pers\u00f6nliche Welt althergebrachter Traditionen, eine \u00c4ra, die Moral und Benimmregeln h\u00f6her bewertete als echte Gef\u00fchle und Emotionen, die die Menschen ihrer Zeit zu verbergen wussten, eine Zeit, der sich mit einer \u2018Archaeology of Good Behaviour\u2019 (Matthew Sweet) gen\u00e4hert werden kann, lie\u00df einer Frau nur wenig Raum zur Entfaltung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Selbst Schreiben blieb eine Herausforderung, da Frauen \u201esich nicht auf eine weibliche literarische Tradition beziehen [\u2026] [konnten und] in der traditionellen Geschichtsschreibung keinerlei Ber\u00fccksichtigung\u201c<a href=\"#_ftn7\" id=\"_ftnref7\">[7]<\/a> fanden; weibliche Akteure blieben, au\u00dfer in ihrer Funktion als wissenschaftliche und k\u00fcnstlerische Objekte, dennoch unsichtbar: \u201eDer auff\u00e4lligen Pr\u00e4senz von Frauengestalten in Schriften von M\u00e4nnern, die sich mit der \u02bbewigen Sphinx\u02bc Weiblichkeit besch\u00e4ftigen, steht die geringe Partizipation von Frauen an gesellschaftspolitischen Prozessen gegen\u00fcber.\u201c<a href=\"#_ftn8\" id=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Ins h\u00e4usliche Milieu verbannt blieb der Bekannten- und Familienkreis \u00fcberschaubar, selbst Probleme der Umgebung zeigten sich h\u00e4uslich, zumindest pers\u00f6nlich. Hier leistet die Autorin Widerstand durch extreme Mobilit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kaum vorstellbar sind Christies Kriminalromane ohne Dynamik und Invention, ohne die Erfahrungen mit den Weltkriegen, die zahlreichen Reisen um den Globus, h\u00e4ufige H\u00e4user- und Ortswechsel, Aufenthalte im Nahen Osten und nicht zuletzt die unterschiedlichen Mordmethoden der T\u00e4ter, die nicht selten unter den Giftmischern zu suchen sind \u2013 ein Hinweis auf Christies Arbeit im medizinisch-pharmazeutischen Bereich zu Kriegszeiten. Eine breite Kenntnis \u00fcber Medikationen und Gifte fand noch lange in ihren Kriminalf\u00e4llen Niederschlag, ebenso unvergessen die Schilderungen der Kriegserlebnisse, die alptraumgleich sich in den Textzeilen \u02bbharmloser\u02bc Kriminalliteratur spiegeln. Die pr\u00e4tenti\u00f6sen Figuren mit Interesse an Partys, teuren Kleidern und schnellen Vehikeln, eine oberfl\u00e4chliche \u02bbHigh Society\u02bc-Gesellschaft, selbstzentriert und desinteressiert an den Leiden und Missst\u00e4nden ihrer Umgebung, kontrastieren die Verbrechen mit einer gegens\u00e4tzlichen, krassen Realit\u00e4t. Der Betonung von Werten wie Geld und Ansehen stehen moralische Gr\u00f6\u00dfen wie Anstand und Bildung entgegen, die oft ein Wunschziel bleiben.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"240\" src=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/West_Worlington_England_St_Mary-300x240.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4030\" style=\"width:333px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/West_Worlington_England_St_Mary-300x240.jpeg 300w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/West_Worlington_England_St_Mary-150x120.jpeg 150w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/West_Worlington_England_St_Mary-768x614.jpeg 768w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/West_Worlington_England_St_Mary.jpeg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 2: Kirche St. Mary in West Worlington, England<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der extreme Kontrast zur erlebten Realit\u00e4t und die Konstrukte zu Verbrechenshergang und -aufkl\u00e4rung sind ebenso bezeichnend wie die nachhaltige Treue zu Prinzipien gepaart mit einem unbeirrbaren Glauben, auf den Christie in ihrer Autobiographie hinweist: \u201eI am today the same person as that solemn little girl with pale flaxen sausage-curls. The house in which the spirit dwells, grows, develops instincts and tastes and emotions and intellectual capacities, but I myself, the true Agatha, am the same. I do not know the whole Agatha. The whole Agatha, so I believe, is known only to God.\u201c (2010, 13)<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">III.<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch in ihren Detektivgeschichten ist das Verh\u00e4ltnis zu Gott, oft im Zusammenhang mit dem rechten Urteilen und Tun, Thema. Sowohl die betagte, alleinstehende und damit unabh\u00e4ngige Amateurdetektivin Jane Marple als auch der ingeni\u00f6se ehemals belgische Polizist Hercule Poirot als \u02bbgestrandeter\u02bc Immigrant in England sind mehr oder weniger als religi\u00f6se Charaktere gezeichnet, zeigen eine selbstsichere \u00dcberlegenheit, mit der die \u00e4ltliche Hobby-Ermittlerin bereits w\u00e4hrend eines Erholungsurlaubs einen Mord zu verhindern wei\u00df; Hilfe holt sich die als gl\u00e4ubig gezeichnete Protagonistin i. A. aus ihrem hervorstechenden Gottvertrauen, das ihr Sicherheit verleiht. Eine Szene gibt Aufschluss, wenn die Ermittlerin abendlich aufrecht im Bett sitzend sich dem \u00fcblichen Abendgebet widmet: \u201eIn the darkness she sent up a prayer. One couldn\u2019t do everything oneself. One had to have help. \u2018Nothing will happen tonight\u2019, she murmured hopefully.\u201c (2016a,206)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der ausgewiesene \u02bbRealismus\u02bc in der Darstellung Christie\u2019scher Figuren l\u00e4sst im Falle ihres belgischen Ermittlers die Fiktion hinter der Realit\u00e4t verschwinden, als dieser nach seinem Abschied in <em>Curtain<\/em> (1975) als erste Kunstfigur \u00fcberhaupt auf der Titelseite der New York Times einen Nachruf erhielt. Der gro\u00dfe Bekanntheitsgrad macht ihn zum realen Zeitzeugen, zu einer Plattform f\u00fcr Probleme und L\u00f6sungen im Kontext der Kriege und den Folgen f\u00fcr Kultur und Gesellschaft. Hier setzt das \u02bbMetabewusstsein\u02bc an, das Bewusstseinsforschende mit F\u00e4higkeiten verbinden, \u201enicht nur die Au\u00dfenwelt wahrzunehmen, sondern auch die eigenen inneren Prozesse und die anderer Menschen zu reflektieren und aus dieser integrierten Perspektive auch mehr oder weniger bewusst mitsteuern zu k\u00f6nnen\u201c<a href=\"#_ftn9\" id=\"_ftnref9\">[9]<\/a>. In Zeiten der Depression schuf Christie mit erfolgreichen, unbeugsamen \u2018Kreaturen\u2019 Hoffnung und Zuversicht f\u00fcr den Alltag. Poirot vereint in sich mehrere Welten, jenes \u201erelic from the late nineteenth century in appearance and manners [\u2026] is also a committed modernist\u201c.<a href=\"#_ftn10\" id=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Hierzu passt auch die N\u00e4he zum religi\u00f6s-theologischen Kontext. <\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"266\" src=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Saxby_England_All_Saints-300x266.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4031\" srcset=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Saxby_England_All_Saints-300x266.jpg 300w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Saxby_England_All_Saints-150x133.jpg 150w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Saxby_England_All_Saints-768x681.jpg 768w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Saxby_England_All_Saints.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 3: Kirche All Saints&#8216; in Saxby, England<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit deutlichem Abstand zum genau abgegrenzten Sozialgef\u00fcge im Kriminalgeschehen, dem wechselnden inneren \u2018closed circle\u2019 an Figuren, agiert der Detektiv zwischen Autorin und Handlung, von wo aus er urteilt, kommentiert, zum neutralen Beobachter und moralischen Richter wird, der Vorurteile vorbringt und gleichzeitig entkr\u00e4ftet. Religi\u00f6s vorgestellt wird der gro\u00dfe Detektiv als Katholik, er selbst bezeichnet sich ebenfalls als solchen. Im Falle der Religion verweist&nbsp; Christie nicht auf die Vorstellung einer Weltanschauung, f\u00fcr sie hei\u00dft Religion die Beziehung zu Gott als Walter und Richter \u00fcber die Welt. Das Leitmotiv in <em>Nemesis<\/em>, weitere Bibelzitate und \u00c4u\u00dferungen zu Glauben oder Religionspraxis auch in fr\u00fchen Werken (<em>Murder at the Vicarage <\/em>(1930),<em> The Moving Finger <\/em>(1942), oder <em>At Bertram\u2019s Hotel <\/em>(1965)), deuten immer wieder auf Christies anglikanische Wurzeln hin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ab den 1960er-Jahren wurde diese Arbeitsweise f\u00fcr die Schriftstellerin pr\u00e4gender, so dass sie einen gesamten Roman um besagtes Amos-Zitat kreisen l\u00e4sst, womit sich der Detektivcharakter, ebenso die Handlung antizipierend beschreiben l\u00e4sst. Jene, dem Propheten Amos als fr\u00fchestem Schriftpropheten im Alten Testament, zugesprochene Worte, deuten zwangsl\u00e4ufig auf den Tenor des Romans, in dem Sozialkritik und Ungerechtigkeit bis hin zu falsch verstandener Liebe Verbrechen und den Tod Unschuldiger fordern. Mehrere Analogien zum Propheten st\u00fctzen den \u02bbSitz im Leben\u02bc des Amoszitats in <em>Nemesis.<\/em><a href=\"#_ftn11\" id=\"_ftnref11\">[11]<\/a> Von literaturwissenschaftlicher Seite wird in Christies \u00f6ffentlichem Leben und Schreiben der Religion der besondere Stellenwert oft abgesprochen, wobei traditionell britisch die religi\u00f6se Seite sich auch bei ihr im Privaten zeigt, was dem Zugang zu Glauben und Religion keinen Abbruch tun sollte. Dabei sind ihre Glaubens\u00fcberzeugungen in ihre viktorianische Erziehung eingebettet und so war sie in der Tradition der viktorianischen Frau den \u201ethree cherished Victorian institutions: the family, the patriarchal state, and God the Father\u201c<a href=\"#_ftn12\" id=\"_ftnref12\">[12]<\/a> unterstellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Frage nach Schuld und christlicher Verantwortung ist ebenso Thema wie praktizierte R\u00fccksichtslosigkeit. Christies Verbrecher neigen zu letzterem, stehen arrogant \u00fcber Glauben und Religion, treten das Recht und Vorstellungen von Gerechtigkeit mit F\u00fc\u00dfen und opfern das Lebensrecht der Mitmenschen den eigenen W\u00fcnschen und Interessen. Die D\u00e4monen der Kriege und der Nachkriegzeiten werden in Christies Schreiben lebendig, diese literarische Aufarbeitung erm\u00f6glicht traumatisierten Landesgenossen, Zur\u00fcckgebliebenen, vereinsamten Kriegswitwen und -waisen eine erfolgreiche Seelenhygiene, und wirkt, gerade auch durch das auflockernde Unterhaltungsmoment, didaktisch und therapeutisch. Noch heute spricht Leser die schlichte Sprache (kurze Dialoge) an, die oft eindimensionale Darstellung und das einzigartige Talent, gesellschaftliche Zusammenh\u00e4nge gewinnbringend in lesenswerte Fiktion umzudeuten. Dabei h\u00e4lt die Autorin keineswegs am viktorianischen Denken fest; gerade nach dem Zweiten Weltkrieg spricht sie offen den sozialen Wandel und die weiterhin dr\u00e4ngende Problematik an zwischen: \u201ethe search for justice and restoration of a stable British social culture\u201c<a href=\"#_ftn13\" id=\"_ftnref13\">[13]<\/a>. So erh\u00e4lt eine Glaubensaussage eine eigene, literarische, weltweit verstandene Sprache. Oder umgekehrt: Kriminalliteratur erh\u00e4lt auf diese Weise religi\u00f6se Qualit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fu\u00dfnoten:<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. hierzu z.B. von Vfin.: <em>\u201e&#8230;fiel auf guten Boden und brachte Frucht\u201c. Charlotte Bront\u00ebs Jane Eyre \u2013 theologisch gelesen<\/em>, in: ThGl 97 (2007) 70\u201385; <em>Three Witches, a Pale Horse, and Gypsy\u2019s Acre. Die D\u00e4monen in Agatha Christies Universum<\/em>, in: Ulrike Link-Wieczorek\/Wolfgang Wei\u00df\/Christian Wetz (Hg.), Anthropologische Dimensionen des D\u00e4monenglaubens, Leipzig 2024 (\u00d6R.B 138), 173\u2013199; <em>\u02bbSich Gott mit allen Sinnen nahen\u02bc. Schauen als hermeneutische und theologische Kategorie<\/em>, in; Gunther Wenz (Hg.), Die Wissenschaft von Gott und ihre Disziplinen. Zu Wolfhart Pannenbergs Theologieverst\u00e4ndnis, G\u00f6ttingen 2024 (Pannenberg-Studien 12; im Druck).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> Jan-Heiner T\u00fcck\/Andreas Bieringer, Einleitung, in: Dies. (Hg.), <em>\u02bbVerwandeln allein durch Erz\u00e4hlen\u02bc<\/em>, Freiburg\/Basel\/Wien 2019, 9\u201316, 11. Ich verwende um des besseren Sprach- und Leseflusses willen das generische Maskulinum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. zur Metamoderne Maik Hosang, <em>Vorl\u00e4ufer, Gef\u00fchle und Dimensionen der Metamoderne<\/em>, in: Maik Hosang\/Gerald H\u00fcther (Hg.), Die Metamoderne. Neue Wege zur Entpolarisierung und Befriedung der Gesellschaft, G\u00f6ttingen 2024, 17-53, 27.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref4\" id=\"_ftn4\">[4]<\/a> Wolfgang Iser, <em>Das Fiktive und das Imagin\u00e4re<\/em>, Frankfurt a.M. <sup>7<\/sup>2021, 9.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref5\" id=\"_ftn5\">[5]<\/a> Zur Epoche vgl. Vera M. Waschb\u00fcsch, <em>Wenn Freunde ermitteln\u2026Hercule Poirot und Captain Hastings im Auftrag von Agatha Christie<\/em>, in: Bernhard Sill\/Thomas Knieps-Port le Roi (Hg.), Vom Gl\u00fcck der Freundschaft, St. Ottilien 2020, 133\u2013150, 134.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref6\" id=\"_ftn6\">[6]<\/a> Agatha Christie, <em>Nemesis<\/em>, London 2016. Die folgenden Zitate aus Christies Werken erscheinen im Text mit Jahreszahl und Seite: <em>An Autobiography<\/em>, London 2010 [1977],<em> A Caribbean Mystery<\/em>, London 2016a.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref7\" id=\"_ftn7\">[7]<\/a> Franziska Sch\u00f6\u00dfler \/ Lisa Wille, <em>Einf\u00fchrung in die Gender Studies<\/em>, Berlin\/Boston <sup>2<\/sup>2022, 39.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref8\" id=\"_ftn8\">[8]<\/a> Ebda.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref9\" id=\"_ftn9\">[9]<\/a> Hosang, <em>Vorl\u00e4ufer, Gef\u00fchle und Dimensionen der Metamoderne<\/em>, 31.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref10\" id=\"_ftn10\">[10]<\/a> Alison Light, <em>Forever England. Femininity, literature and conservatism between the wars<\/em>, London\/New York 2001 [1991], 73.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref11\" id=\"_ftn11\">[11]<\/a> Vgl. Vera M. Waschb\u00fcsch, <em>Miss Marple in g\u00f6ttlicher Mission. Urteilen und Handeln im Sinne der Bibel<\/em>, in: ThGl 112 (2022) 258\u2013274.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref12\" id=\"_ftn12\">[12]<\/a> Nina Auerbach, <em>Woman and the Demon. The Life of a Victorian Myth<\/em>, Cambridge (Mass.)\/London 1982, 1.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref13\" id=\"_ftn13\">[13]<\/a> Phyllis Lassner, <em>Double Trouble: Helen MacInnes\u2019s and Agatha Christie\u2019s Speculative Spy Thrillers<\/em>, in: Clare Hanson\/Susan Watkins (Hg.), The History of British Women\u2019s Writing 1945\u20131975, Vol. 9, London 2017, 227\u2013241, 234.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fotocredits: Titelbild: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Agatha_Christie.png\">(C) Wikimedia Commons<\/a>, Abb. 1-3: (C) Vera M. Waschb\u00fcsch<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>RaT-Blog Nr. 08\/2024<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch wenn die Rolle der Religion im Lauf der Moderne in vielen Lebensbereichen abgenommen hat, bleibt die Literatur ein Ort, an dem religi\u00f6se und theologische Motive verhandelt werden. <b>Vera M. Waschb\u00fcsch<\/b> zeigt dies in ihrem Text exemplarisch anhand des Werks der wohl ber\u00fchmtesten Krimi-Autorin des 20. 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