{"id":4148,"date":"2024-07-19T11:16:59","date_gmt":"2024-07-19T11:16:59","guid":{"rendered":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=4148"},"modified":"2024-07-25T13:22:53","modified_gmt":"2024-07-25T13:22:53","slug":"menschenwuerde-auf-katholisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=4148","title":{"rendered":"Menschenw\u00fcrde auf katholisch"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-buttons is-layout-flex wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-background wp-element-button\" href=\"https:\/\/www.derstandard.at\/story\/3000000227863\/menschenwuerde-auf-katholisch\" style=\"background-color:#e2007a\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Dieser Beitrag wurde auch auf der Website der \u00f6sterreichischen Tageszeitung derStandard ver\u00f6ffentlicht.<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:48px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>F\u00fcnf Jahre beanspruchte die Ausarbeitung der von Papst Franziskus approbierten Erkl\u00e4rung Dignitas infinita, die das Dikasterium f\u00fcr die Glaubenslehre am 8. April 2024 vorgestellt hatte. Sprachlich eigenwillig ist hier von &#8222;unendlicher W\u00fcrde&#8220; die Rede. Gemeint ist damit ein W\u00fcrdeverst\u00e4ndnis, wonach W\u00fcrde allen Menschen gleicherma\u00dfen zukommt, also ausnahmslos beziehungsweise &#8222;jenseits aller Umst\u00e4nde&#8220;, wie es im Text hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit &#8222;unendlich&#8220; wird aber zudem ein ontologischer Status postuliert, den die Erkl\u00e4rung mit der \u00dcberzeugung verkn\u00fcpft, dass die W\u00fcrde letztlich in Gott gr\u00fcndet: &#8222;Gem\u00e4\u00df der Offenbarung entspringt die W\u00fcrde des Menschen der Liebe seines Sch\u00f6pfers.&#8220; Diese \u00dcberzeugung sei zwar auch der menschlichen Vernunft zug\u00e4nglich, k\u00f6nne aber nur im Horizont der Offenbarung &#8222;in ihrem ganzen Umfang ans Licht treten&#8220;. Damit wird eine doppelte Argumentationslogik er\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Einerseits wird gemeinsam mit Papst Franziskus im Blick auf die Allgemeine Erkl\u00e4rung der Menschenrechte (1948) bekr\u00e4ftigt, dass die Achtung der W\u00fcrde &#8222;unverzichtbare Grundlage f\u00fcr die Existenz jeder Gesellschaft ist, die den Anspruch erhebt, sich auf ein gerechtes Recht und nicht auf Macht zu gr\u00fcnden&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Anderseits kritisiert die Erkl\u00e4rung, abermals mit Verweis auf Papst Franziskus, n\u00e4mlich auf dessen Neujahrsansprache vor dem Diplomatischen Korps im Vatikan am 8. Januar 2024, eine &#8222;willk\u00fcrliche Vermehrung neuer Rechte&#8220;, die &#8222;oft im Widerspruch zu den urspr\u00fcnglich definierten stehen&#8220; w\u00fcrden. Diese Rechte entspr\u00e4ngen einer missbr\u00e4uchlichen Verwendung des Begriffs der Menschenw\u00fcrde, da sie die &#8222;konstitutiven Forderungen der menschlichen Natur&#8220; als objektiven Bezugspunkt der menschlichen Freiheit au\u00dfer Acht lassen. Konkret geht es dabei vor allem um reproduktive Rechte (Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung, Schwangerschaftsabbruch, Reproduktionstechnologien), ferner um das Recht, \u00fcber den eigenen Tod bestimmen zu k\u00f6nnen (assistierter Suizid, Euthanasie), und schlie\u00dflich um die Rechte von LGBTIQ\u2011Personen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese neuen Rechte w\u00fcrden anstelle eines naturgebundenen Konzepts von Freiheit eine &#8222;abstrakte Freiheit&#8220; behaupten, die &#8222;frei von jeglichen Bedingungen, Zusammenh\u00e4ngen oder Einschr\u00e4nkungen ist&#8220;. Eine derart reduktionistische Sicht der menschlichen Person weist die Erkl\u00e4rung entschieden zur\u00fcck \u2013 nicht zuletzt deshalb, weil die Leugnung der fundamentalen Bedeutung der menschlichen Natur zugleich die Perspektive des von Gott gewollten Menschen als leibseelische Einheit betrifft. Nur im Licht dieser Perspektive k\u00f6nne die menschliche W\u00fcrde vollumf\u00e4nglich erkennbar werden, andernfalls w\u00e4re in vatikanischer Lesart der Vernunft nur eine verzerrte und somit unzul\u00e4ngliche Wahrnehmung der Menschenw\u00fcrde m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Menschenw\u00fcrde auf katholisch schlie\u00dft also immer die sch\u00f6pfungstheologisch interpretierte Naturordnung ein, mithin die W\u00fcrde des geschlechtlichen K\u00f6rpers als Mann und Frau. &#8222;Die W\u00fcrde des Leibes kann nicht als geringer angesehen werden als die der Person als solcher&#8220;, h\u00e4lt die Erkl\u00e4rung fest.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geringsch\u00e4tzung der leiblichen W\u00fcrde wird vor allem der Gender\u2011Theorie angelastet. Diese sei, so Papst Franziskus in der vorhin zitierten Neujahrsansprache, &#8222;sehr gef\u00e4hrlich, weil sie mit ihrem Anspruch, alle gleich zu machen, die Unterschiede ausl\u00f6scht&#8220;. Diese Gleichmacherei auf Kosten nat\u00fcrlicher Unterschiede setze W\u00fcrde mit einer &#8222;individualistischen Freiheit gleich&#8220;. Diese ignoriere aber, dass &#8222;das menschliche Leben in all seinen Bestandteilen, k\u00f6rperlich und geistig, ein Geschenk Gottes ist&#8220;, weshalb &#8222;die Gender-Theorie vorschreibt [\u2026], der uralten Versuchung des Menschen nachzugeben, sich selbst zu Gott zu machen&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Das sind starke Worte. Zugleich sind sie vom Sinngehalt her schwach, da sie jedenfalls im wissenschaftlichen Diskurs resonanzlos verhallen. Weder gibt es die in der Erkl\u00e4rung kritisierte Gender\u2011Theorie im Singular, noch gibt es in deren Vielfalt nennenswerte Theorien, auf die zutreffen w\u00fcrde, den k\u00f6rperlichen Bestandteil menschlichen Lebens zu verkennen. Nicht um das Verkennen biologischer Unterschiede geht es, sondern um das Erkennen und Anerkennen von deren Bedeutung. In der katholischen Gender\u2011Kritik steht vor allem \u2013 das habe ich k\u00fcrzlich detailliert <a href=\"https:\/\/www.echter.de\/Gender-Ideologie\/books\/ge872518\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.echter.de\/Gender-Ideologie\/books\/ge872518\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">in meinem Buch Gender\u2011Ideologie!? (Verlag Echter, 2023) dargelegt<\/a> \u2013 eine erkenntnistheoretische Frage im Zentrum.<\/p>\n\n\n\n<p>Das katholische Lehramt geht davon aus, dass die (sch\u00f6pfungstheologisch begriffene) Natur von sich aus moralisch ist, also &#8222;konstitutive Forderungen&#8220; aufweist. So betonte etwa Papst Benedikt XVI.\/Joseph Ratzinger wiederholt, dass &#8222;die Sprache der Natur&#8220; auch &#8222;die Sprache der Moral&#8220; sei und hierin Gott selbst zu achten w\u00e4re. Der Mensch sei daher &#8222;nicht nur sich selbst machende Freiheit&#8220;, sein Leben werde nur &#8222;dann recht, wenn er auf die Natur h\u00f6rt&#8220;. Ein solcher naturrechtlich\u2011essentialistischer Denkansatz pr\u00e4gt die katholische Geschlechteranthropologie. Doch worauf genau ist zu h\u00f6ren, wenn es um die menschliche Natur geht?<\/p>\n\n\n\n<p>In den von konstruktivistischen Denkans\u00e4tzen gepr\u00e4gten Gender Studies ist dagegen die Sprache der Moral nicht einfachhin in der Natur vorfindbar, da jede Erkenntnis der Natur nur soziokulturell vermittelt m\u00f6glich ist. Jenseits des Diskursiven gibt es keinen Zugang zur Natur. Was darum im Feld des nat\u00fcrlich Vorgegebenen dem Menschen moralisch relevant aufgegeben ist, l\u00e4sst sich nicht schon von der Natur her, sondern erst vom Menschen her mittels seiner Vernunft bestimmen. Demnach ist auch die g\u00f6ttliche Wahrheit nur entlang menschlicher Vermittlung erkennbar und anerkennbar, ohne dass hierin der Mensch sich zu Gott selbst machen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Vernunftbestimmung unterstellt aber das katholische Lehramt, so etwa in der Enzyklika Veritatis splendor (1993), dass hierdurch die Natur alsbald zum blo\u00dfen Rohmaterial des Projekts einer individualistisch formierten menschlichen Freiheit degradiert werden w\u00fcrde. Obzwar eine solche M\u00f6glichkeit nie g\u00e4nzlich auszuschlie\u00dfen ist, so ist anderseits die Anerkenntnis alternativlos, dass erkenntnistheoretisch jeder Zugriff auf die vorgegebene Realit\u00e4t nur perspektivisch\u2011konstruktional erfolgen kann. Zumal im wissenschaftlichen Kontext, der als scientific community niemals individualistisch existiert, negiert konstruktivistisches Denken nicht einfachhin vorgegebene Realit\u00e4t, sondern bezieht sich darauf interpretierend und hierbei auch antwortend auf beispielsweise die &#8222;Bedeutungsgebungen des K\u00f6rpers&#8220; (Judith Butler).<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn daher menschenrechtliche Diskurse die gleiche Freiheit aller rechtlich sichern wollen, dann besagt das hierin zum Ausdruck gelangende Gleichheitsparadigma eben nicht Gleichmacherei, sondern Anerkennung von (auch nat\u00fcrlich bedingter) Diversit\u00e4t. Der den Menschenrechten zugrunde liegende W\u00fcrdebegriff impliziert die prinzipielle Gleichheit aller Menschen, ohne dadurch die Differenz und Andersheit von Individuen zu nivellieren. Prinzipielle Gleichheit (engl. equality) besagt nicht unterschiedslose Gleichheit (engl. sameness).<\/p>\n\n\n\n<p>Der das Glaubensdikasterium pr\u00e4gende naturrechtlich\u2011essentialistische Ansatz vermag dagegen die prinzipielle Gleichheit aller Menschen nur abstrakt festzuhalten. Konkret werden n\u00e4mlich Frauen von Natur aus anders als M\u00e4nner markiert und LGBTIQ\u2011Personen gar jenseits der Naturordnung. Frauen sind daher gem\u00e4\u00df der ihnen von Gott verliehenen Natur zwar als gleichwertig, nicht aber gleichberechtigt anzusehen. Ferner verst\u00f6\u00dft homosexuelle Praxis &#8222;gegen das nat\u00fcrliche Gesetz&#8220; und ist folglich &#8222;in keinem Fall zu billigen&#8220;, wie der Katechismus festh\u00e4lt. Alsdann empfiehlt die Erkl\u00e4rung intergeschlechtlichen Menschen, entgegen heutiger medizinischer Standards, eine &#8222;Behandlung zur Behebung der Anomalien&#8220; \u2013 wohl auch deshalb, um der angeblich sch\u00f6pfungsgem\u00e4\u00dfen Geschlechterbinarit\u00e4t entsprechen zu k\u00f6nnen. Beim Ph\u00e4nomen Trans ist daher offenbar gezielt von &#8222;Geschlechtsumwandlung&#8220; und nicht wie heute \u00fcblich von Geschlechtsangleichung oder Geschlechtsanpassung die Rede, um verdeutlichen zu k\u00f6nnen, &#8222;dass jeder geschlechtsver\u00e4ndernde Eingriff in der Regel die Gefahr birgt, die einzigartige W\u00fcrde zu bedrohen&#8220;. Solche Aussagen bezeugen eine Ignoranz gegen\u00fcber dem modernen wissenschaftlichen Diskurs und k\u00f6nnen folglich nur mit Entsetzen zur Kenntnis genommen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer jedenfalls so wie diese Erkl\u00e4rung \u00fcber LGBTIQ\u2011Personen spricht, muss davon ausgehen, dass queere Menschen dieses Dokument nur als w\u00fcrdeverletzend erfahren k\u00f6nnen. Die katholisch gefasste &#8222;unendliche W\u00fcrde&#8220; findet n\u00e4mlich alsbald ihre endlichen Grenzen dort, wo der vermeintliche Sch\u00f6pfungsplan Gottes f\u00fcr Mann und Frau, speziell im Blick auf Ehe und Familie, als gef\u00e4hrdet angesehen wird. Warum sich das Glaubensdikasterium im Verlauf der f\u00fcnfj\u00e4hrigen Ausarbeitungszeit der Erkl\u00e4rung nicht fundierter mit Gender-Theorien und hiermit verhandelter Themata auseinandergesetzt hat, bleibt ein unverst\u00e4ndliches R\u00e4tsel, anderen erscheint es als \u2013 argumentativ kaum zu wiederlegender \u2013 Skandal. Es w\u00e4re hoch an der Zeit, dass auch die lehramtliche Theologie sich konstruktiv-kritisch an menschenrechtlichen Diskursen beteiligt und diese, speziell bei den vatikanisch gelesenen &#8222;neuen Rechten&#8220;, nicht immer wieder naturrechtlich ausbremst oder diskreditiert. Unter anderem w\u00e4re dabei zu lernen, dass es etwa im Blick auf queere Menschen nicht um die Etablierung neuer Rechte geht, sondern darum, den universalen Geltungsanspruch der bestehenden Menschenrechte f\u00fcr wirklich alle Menschen einzufordern. Und selbstverst\u00e4ndlich kann seitens des Vatikans auch kritisch eingebracht werden, dass, wenn die Geltung der Grund- und Freiheitsrechte allen Menschen gleicherma\u00dfen zukommt, auch pr\u00e4natale Menschen davon nicht ausgeschlossen werden k\u00f6nnen. In jedem Fall bedarf es hierf\u00fcr im Diskurs \u00fcberzeugender Argumente, die erkenntnistheoretisch nachvollziehbar und somit auch wissenschaftlich kommunizierbar sind. Die vom katholischen Lehramt zumeist vorgebrachten naturrechtlichen Argumente sind mehrheitlich nicht von dieser Art.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<p><strong>RaT-Blog Nr. 12\/2024<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der im April 2024 ver\u00f6ffentlichten Erkl\u00e4rung &#8222;Dignitas infinita&#8220; wurde die aktuelle Position der Katholischen Kirche zum Thema Menschenw\u00fcrde dargelegt. <b>Gerhard Marsch\u00fctz<\/b> zeigt in seinem Beitrag, dass dieser Auffassung ein essenzialistisch-naturalistisches Menschenbild zugrunde liegt, das &#8211; insbesondere in Bezug auf die Rechte von LGBTIQ-Personen &#8211; einem modernen Verst\u00e4ndnis von Menschenrechten nicht gerecht werden kann.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4149,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[137,154,161,151,164,166,150,148],"tags":[],"ppma_author":[398],"class_list":["post-4148","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-christentum","category-ethik","category-gender","category-philosophie","category-recht","category-subjekt-und-psyche","category-theologie","category-wissenschaft","eq-blocks"],"authors":[{"term_id":398,"user_id":0,"is_guest":1,"slug":"gerhard-marschuetz","display_name":"Gerhard Marsch\u00fctz","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/?s=96&d=mm&r=g","author_category":"","user_url":"","last_name":"Marsch\u00fctz","first_name":"Gerhard","job_title":"","description":"Gerhard Marsch\u00fctz war bis zu seiner Pensionierung 2021 Professor f\u00fcr Theologische Ethik an der Katholisch-Theologischen Fakult\u00e4t an der Universit\u00e4t Wien. 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