{"id":4282,"date":"2024-12-25T18:15:54","date_gmt":"2024-12-25T18:15:54","guid":{"rendered":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=4282"},"modified":"2024-12-25T18:24:49","modified_gmt":"2024-12-25T18:24:49","slug":"unsichere-aussichten-und-angst-unter-den-christen-syriens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=4282","title":{"rendered":"Unsichere Aussichten und Angst unter den Christen Syriens"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-buttons is-layout-flex wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-background wp-element-button\" href=\"https:\/\/www.derstandard.at\/story\/3000000250008\/unsichere-aussichten-und-angst-unter-den-christen-syriens\" style=\"background-color:#e2007a\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Dieser Beitrag wurde auch auf der Website der \u00f6sterreichischen Tageszeitung derStandard ver\u00f6ffentlicht.<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:52px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie die offiziellen \u00c4u\u00dferungen der zahlreichen in Syrien vertretenen Kirchen verdeutlichen, hat der Zusammenbruch des Assad-Regimes und die rasante Eroberung ganz Syriens durch die Hayat Tahrir al-Sham (HTS), eine radikal-islamistische Koalition jihadistischen Ursprungs, die Christen des Landes in tiefe Unruhe versetzt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die symboltr\u00e4chtige Einnahme von Damaskus<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Eroberung von Damaskus in der Nacht von 7. auf den 8. Dezember war auch deshalb besonders symboltr\u00e4chtig, weil sowohl das katholisch-melkitische, das syrisch-orthodoxe Patriarchat als das griechisch-orthodoxe Patriarchat von Antiochien dort seinen jeweiligen Sitz hat. Seit seinen Anf\u00e4ngen spielte das Gebiet des heutigen syrischen Staates eine zentrale Rolle f\u00fcr das Christentum. Auf dem Weg nach Damaskus soll Paulus dem auferstandenen Christus begegnet sein. Syrische Kirchenv\u00e4ter trugen ma\u00dfgeblich zur Formulierung der christlichen Doktrin in den ersten Jahrhunderten nach Christus bei. Dar\u00fcber hinaus spielten Christen zumindest anfangs eine bedeutende Rolle im ersten islamischen Gro\u00dfreich, dem Kalifat der Umayyaden (661-750), dem Damaskus als Hauptstadt diente. So war beispielsweise der bis heute wichtige Kirchenvater Johannes von Damaskus (gest. 749), bevor er sich ins Kloster Mar Saba in Pal\u00e4stina zur\u00fcckzog, ein h\u00f6herer Beamter unter den Umayyaden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf den umayyadischen Kalifen Umar II. gehen laut islamischer Rechtslehre die Regelungen der sogenannten Dhimma, dem Status der sogenannten&nbsp;<em>ahl al-kitab<\/em>, der Leute des Buches, (vorrangig Juden und Christen), zur\u00fcck. Der Dhimma-Vertrag verpflichtet den islamischen Herrscher zum Schutz des Lebens und Besitzes der Schutznehmenden, der sogenannten Dhimmis, sowie zur Toleranz ihrer religi\u00f6sen Praktiken. Im Gegenzug waren die Dhimmis neben anderen Regelungen, wie etwa dem Verbot, Waffen zu tragen, neue Kirchen zu errichten oder bestehende zu renovieren, zur Entrichtung der Kopfsteuer (<em>jizya<\/em>) verpflichtet. Auch das L\u00e4uten der Kirchenglocken wurde untersagt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotz der Einschr\u00e4nkungen in islamischer Zeit erhielt sich die gro\u00dfe kirchliche und kulturelle Vielfalt in Syrien. W\u00e4hrend sich die alteingesessenen griechisch-orthodoxen und katholisch-melkitischen Syrer bis heute mehrheitlich als Teil der arabischen Kultur f\u00fchlen, fanden syrisch-aram\u00e4ische und assyrische Christen nach den Massakern an den syrischen Christen in der S\u00fcdostt\u00fcrkei 1915 im Nordosten Syriens, das derzeit von kurdischen Kr\u00e4ften kontrolliert wird, Zuflucht. Ebenso bauten sich zahlreiche \u00dcberlebende des V\u00f6lkermordes an den Armeniern eine neue Existenz in Syrien auf.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Christen unter dem Baath-Regime<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor dem Arabischen Fr\u00fchling stellten die Christen fast zehn Prozent der Bev\u00f6lkerung (fast zwei Millionen) dar. Die Tatsache, dass das gesellschaftliche Mosaik Syriens seit jeher auch zahlreiche islamische sowie nichtislamische Gemeinschaften wie Alawiten, Drusen, Zw\u00f6lfer-Schiiten, Ismailiten und Jesiden sowie nichtarabische Ethnien wie auch Kurden, Tscherkessen und Tschetschenen umfasst, minderte das Gef\u00fchl der Verwundbarkeit unter Christen. Dennoch sank der Anteil der Christen von fast zehn Prozent der Bev\u00f6lkerung vor dem B\u00fcrgerkrieg seit 2011 auf 2,5 Prozent, wie das US State Department 2023 sch\u00e4tzte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Baath-Regime unter Hafez al-Assad und sp\u00e4ter seinem Sohn Bashar al-Assad f\u00f6rderte einen s\u00e4kular gepr\u00e4gten, religi\u00f6s inklusiven arabischen Nationalismus. Unter ihnen hatte Syrien offiziell keine Staatsreligion, wobei Artikel drei der Verfassung jedoch vorschreibt, dass das Staatsoberhaupt muslimisch sein m\u00fcsse. Das Regime war darauf bedacht, dass Christen in staatlichen Institutionen repr\u00e4sentiert waren. Dar\u00fcber hinaus setzte das Baath-Regime auf einen direkten Draht zu den Kirchenoberh\u00e4uptern als Vertreter ihrer jeweiligen Gemeinschaften, welche f\u00fcr das Personenrecht (Ehe, Scheidung, Erbschaft) zust\u00e4ndig sind. Dieses sogenannte&nbsp;<em>millet<\/em>&#8211; oder neo-<em>millet-<\/em>System geht auf die Praxis im osmanischen Reich zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Lage der Christen nach 2011<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dem Ausbruch des Arabische Fr\u00fchlings, sprachen die Kirchenoberh\u00e4upter ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr das syrische Regime aus, auch weil Teile der Opposition zusehends salafistisch-jihadistisches Gedankengut vertraten. Ein weitverbreiteter Spruch im jihadistischen Lager war: &#8222;Die Alawiten ins Grab, die Christen nach Beirut&#8220;. Zahlreiche Christen, darunter Geistliche, wurden entf\u00fchrt, ermordet und enteignet. Eine gro\u00dfe Anzahl an Kirchen und Kl\u00f6stern wurde zerst\u00f6rt. Die prominentesten F\u00e4lle sind jene der syrisch-orthodoxen und griechisch-orthodoxen Bisch\u00f6fe von Aleppo, die 2013 entf\u00fchrt wurden und seitdem als verschollen gelten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend des Krieges stilisierte sich Bashar al-Assad als Besch\u00fctzer der Christen und spielte mit deren Angst vor den islamistischen Rebellen. Als das christlich-aram\u00e4ische Dorf Maaloula 2014 von der syrischen Armee und der Hisbollah zur\u00fcckerobert wurde, besuchte al-Assad die Kl\u00f6ster und Kirchen, um die Sch\u00e4den zu sichten und die Gemeinschaft seines Schutzes zu versichern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Christen bildeten jedoch w\u00e4hrend des Arabischen Fr\u00fchlings und des anschlie\u00dfenden Krieges keineswegs eine homogene Gruppe, die das Assad-Regime unterst\u00fctzte. Einerseits fanden sich in der Opposition anfangs auch prominente christliche Syrer, wie Michel Kilo und Anwar al-Bunni, andererseits verweigerten auch zahlreiche Christen den Dienst in der syrischen Armee und flohen ins Ausland. Ihr Besitz wurde konfisziert, wenn ihre&nbsp; Familien keine Kompensation zahlten. Auch befanden sich unter den politischen Gefangenen, die in den vergangenen Tagen aus syrischen Gef\u00e4ngnissen freikamen, Syrer aller Religionsgruppen. Die Unterst\u00fctzung der Kirchen f\u00fcr Assad nach dem Arabischen Fr\u00fchling versetzt daher die Kirchenoberh\u00e4upter heute in eine heikle Lage. In Anspielung auf das ungeahnte Ausma\u00df der Gr\u00e4ueltaten in den Gef\u00e4ngnissen, sagte das syrisch-orthodoxe Patriarchat in einer Stellungnahme am 14. Dezember: &#8222;Die Kirche ist voller Ehrfurcht vor den Entwicklungen der letzten Tage, welche das Ausma\u00df der Tyrannei offenbarte und die gro\u00dfe Ungerechtigkeit verdeutlichte, die ausge\u00fcbt wurde und die vielen nicht bewusst war&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was erwartet nun die Christen?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Abu Muhammad al-Jolani, der seine Laufbahn im Irak bei al-Qaida begann, daraufhin ihren Ableger in Syrien, die Jabhat al-Nusra leitete, und sich seit einigen Jahren offiziell vom globalen Jihadismus und dessen Methoden distanziert, ist seit dem Beginn der Offensive Ende November bem\u00fcht, den \u00c4ngsten der &#8222;Minderheiten&#8220; entgegenzuwirken. Im Zuge der Einnahme Aleppos verlautbarte er beispielsweise &#8222;Vielfalt ist unsere St\u00e4rke, nicht unsere Schw\u00e4che&#8220;. Weiters gab es laut dem syrisch-orthodoxen Patriarchat zahlreiche Treffen zwischen hochrangigen Geistlichen der Kirche und &#8222;Vertretern der Revolution&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unter dem Begriff &#8222;Minderheiten&#8220; subsumiert al-Jolani auch Drusen und Alawiten, ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr das Assad-Regime schwand zuletzt. Im August 2023 fanden in Suwayda, einer von mehrheitlich Drusen bewohnten Provinz im S\u00fcden des Landes, schwere anti-Regime-Proteste statt, die von den religi\u00f6sen Anf\u00fchrern der Drusen teilweise unterst\u00fctzt wurden. Bereits 2022 hatte sich al-Jolani um Ann\u00e4herung an die Drusen bem\u00fcht, mit Hinweis auf Sure 2:256 des Koran: &#8222;<em>la ikrah fi al-din<\/em>&#8222;, &#8222;Kein Zwang in der Religion&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass al-Jolani anscheinend die nicht-sunnitische und nicht-arabische Bev\u00f6lkerung unter dem Begriff &#8222;Minderheiten&#8220; (<em>aqalliyat<\/em>) subsumiert, statt sich des auf Arabisch gel\u00e4ufigeren Begriffs &#8222;<em>tawa&#8217;if<\/em>&#8220; (Gemeinschaften) zu bedienen, wirft Fragen auf und kann als Entgegenkommen an den Westen verstanden werden, der Wert auf den Schutz von &#8222;Minderheiten&#8220; legt. Die syrischen Christen jedoch sehen sich nicht als Minderheit und lehnen diese Bezeichnung ab, weil sie diese mit der Dhimma und einem Gef\u00fchl der Fremdheit und Ohnmacht im eigenen Land assoziieren. In seiner Predigt am 15. Dezember erinnerte der griechisch-orthodoxe Patriarch daran: &#8222;Wir sind nicht G\u00e4ste in diesem Land, noch kamen wir heute oder gestern. Wir stammen von den alten Wurzeln Syriens und sind so alt wie das Jasmin von Damaskus&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">HTS hat bereits Erfahrung im Umgang mit Christen, n\u00e4mlich in Idlib, wo al-Jolani eine lokale Regierung auf die Beine stellte. Wassim Nasr, Journalist bei France 24, besuchte die Provinz im Mai 2023 und recherchierte dort auch zur Situation der einheimischen Christen. Eines der Probleme, das er berichtete, war die Enteignung von Drusen und Christen durch HTS. Die Lage soll sich jedoch mit der Zeit etwas gebessert haben. So durften die Christen Kirchen renovieren, jedoch keine Kirchen zur\u00fcckgewinnen, die in Moscheen umgewandelt worden waren. Noch symboltr\u00e4chtiger ist, dass Christen in Idlib bisher weder Kirchenglocken l\u00e4uten lassen noch Kreuze auf Kirchen setzen durften. Die islamische Kopfsteuer gab es allerdings nicht. Es ist daher zurzeit unklar, inwieweit sich HTS in ihrem Umgang mit nicht-Muslimen von traditionellen islamischen Vorstellungen leiten l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ausblick<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Zukunft der Christen in Syrien h\u00e4ngt daher davon ab, inwiefern HTS unter al-Jolani ihre Vorstellungen eines islamischen Staates und Gesellschaft nun umsetzen. Ebenso schwerwiegend wird auch sein, inwieweit sie die massiven wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes l\u00f6sen k\u00f6nnen. Die Frage nach der R\u00fcckgabe von enteignetem Land und Besitz stellt eine der schwierigsten Herausforderungen dar, da beide Seiten \u2013 sowohl das Assad-Regime als auch die Rebellengruppen \u2013 entlang konfessioneller Linien enteignet haben. Au\u00dferdem werden die geopolitischen Entwicklungen und Interessen der Regionalm\u00e4chte in Syrien Auswirkungen auf die Lage der Christen in Syrien haben. Offen bleibt daher gerade, was mit dem Nordosten Syriens passiert. Derweil haben die neuen Machthaber in Damaskus die Christen aufgefordert, nichts an ihren Weihnachtsfeierlichkeiten zu \u00e4ndern. Dazu geh\u00f6rt, dass zumindest heuer die Glocken in Damaskus und ganz Syrien l\u00e4uten d\u00fcrften.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Photocredits: Weihnachtskrippe an der Universit\u00e4t Saint-Joseph in Beirut, (C) Anna Hager<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>RaT-Blog Nr. 21\/2024<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem Sturz des Assad-Regimes Anfang Dezember 2024 ist die Zukunft Syriens weiterhin ungewiss. <b>Anna Hager<\/b> widmet sich in ihrem Beitrag der schwierigen Situation der christlichen Minderheiten im Land, die nach einer wechselvollen Geschichte heute besonders unsicher in die Zukunft blicken.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4285,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[137,155,146,143,156],"tags":[],"ppma_author":[401],"class_list":["post-4282","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-christentum","category-geschichte-themen","category-gesellschaft","category-politik","category-religionswissenschaft","eq-blocks"],"authors":[{"term_id":401,"user_id":0,"is_guest":1,"slug":"anna-hager","display_name":"Anna Hager","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/?s=96&d=mm&r=g","author_category":"","user_url":"","last_name":"Hager","first_name":"Anna","job_title":"","description":"Anna Hager ist Nahostwissenschaftlerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin und FWF-Stipendiatin an der Universit\u00e4t Wien. 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