{"id":4351,"date":"2025-02-25T15:27:17","date_gmt":"2025-02-25T15:27:17","guid":{"rendered":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=4351"},"modified":"2025-03-06T18:59:04","modified_gmt":"2025-03-06T18:59:04","slug":"die-gemeinsame-feststellung-von-porvoo-eine-transformation-der-besonderen-art-2-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=4351","title":{"rendered":"Die Gemeinsame Feststellung von Porvoo: Eine Transformation der besonderen Art (2\/3)"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Teil 2: Die PGF &#8211; zwischen fr\u00fcher Kirche und Reformation<\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">1. Zwischen Gesellschaft, Theologie und Kirche<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So wichtig die kirchliche und wissenschaftlich-theologische Resonanz f\u00fcr kirchliche Dokumente auch sein mag, sie l\u00e4sst im deutschsprachigen Raum bez\u00fcglich der PGF auf sich warten. Auch im Umfeld der Beteiligten scheint die Vereinbarung eine eher periphere Rolle einzunehmen. Kritik von Seiten des r\u00f6mischen Lehramts, den entsprechenden Gremien von EKD und VELKD, sowie \u00fcberregionaler Zusammenschl\u00fcsse (\u00d6kumenischer Rat der Kirchen, Lutherischer Weltbund) oder \u00c4u\u00dferungen der \u00f6kumenischen Institute in Stra\u00dfburg, Bensheim und Paderborn, wie auch derjenigen einzelner Universit\u00e4ten kamen sp\u00e4rlich, so dass der Eindruck eines sch\u00f6nen Zeichens den Status einer grundlegenden Kirchenvereinbarung schl\u00e4gt. Auch die Tatsache, dass einige grundlegende Momente bis heute die volle Mitgliedschaft hindern und bestenfalls einen Beobachterstatus zulassen (Ordination und Bischofsamt f\u00fcr Frauen, Homosexualit\u00e4t und Amt), verdr\u00e4ngt nicht die Frage nach den Folgen f\u00fcr bereits bestehende Vereinbarungen (z.B. Leuenberger Konkordie)<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a> oder k\u00fcnftige Dialoge.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bietet die PGF wirklich eine L\u00f6sung f\u00fcr die dr\u00e4ngenden \u00f6kumenischen Probleme? L\u00e4sst sich damit die in Joh 17,21\/22 geforderte Gemeinschaft erreichen, oder zeigen sich seither Ver\u00e4nderungen in den Teilnehmer- bzw. Beobachterkirchen? Gespr\u00e4che zwischen r\u00f6misch-katholischer Kirche, den lutherischen Kirchen und denen der anglikanischen Kirchengemeinschaft werden durch ein aus der Geschichte \u2018bewahrtes\u2019 gegenseitiges Misstrauen erschwert, zudem durch unterschiedliche Gewichtungen der Dogmen und Verlautbarungen. Die Church of England sucht die Wurzeln anglikanischer Spiritualit\u00e4t in der liturgischen Tradition. Die Lehre des Anglikanismus formulieren die 39 Artikel (ratifiziert 1571), ohne Verbindlichkeitscharakter sind sie nicht vergleichbar mit den lutherischen Bekenntnisschriften oder den Dogmen in der r\u00f6misch-katholischen Kirche.<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Missachtung (nicht allein auf \u00c4mterebene) und verweigerte Anerkennung bestimmen noch heute das Verh\u00e4ltnis der r\u00f6misch-katholischen und anglikanischen Kirchen zueinander, die sich beide als die Kirche definieren, katholisch (im allumfassenden Sinn), und ihre Theologie als \u2018reinen, homogenen Katholizismus ohne eigene charakteristische Lehren\u2019 und sich nicht eigentlich als Konfessionen verstehen. Da in \u00f6kumenischen Zusammenh\u00e4ngen die Gl\u00e4ubigen als Handelnde (\u2018denn sie sollen eins sein\u2019) gefordert sind, bleibt der Communio- und Kommunikationsaspekt vordergr\u00fcndig von Interesse \u2013 immerhin gilt die Arbeit an der sichtbaren Kirche, deren Einheit vom Erzbischof von Canterbury als ebenso unbedingt sichtbar gefordert ist. Die Kircheneinheit setzt er als eigene Gr\u00f6\u00dfe gegen die Vereinheitlichung der Organisation, wobei er die Urgemeinde zu Apostelzeiten als Paradebeispiel heranzieht. Die entsprechende Selbsteinsch\u00e4tzung der unterzeichnenden Kirchen im Schlusskapitel der Erkl\u00e4rung gibt Zeugnis:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDas gemeinsame Erbe sowie die gemeinsame Berufung unserer Kirchen, die in dieser Vereinbarung im Einzelnen dargelegt wird, mache uns unserer Verpflichtung bewusst, gemeinsam zu den \u00f6kumenischen Bestrebungen anderer beizutragen. Zugleich sind wir uns unseres eigenen Bed\u00fcrfnisses bewusst, durch die Einsichten und Erfahrung der Kirchen aus anderen Traditionen und in anderen Teilen der Welt bereichert zu werden. Zusammen mit ihnen sind wir bereit, uns von Gott benutzen zu lassen als Instrumente seines rettenden und vers\u00f6hnenden Ziels f\u00fcr die ganze Menschheit und die ganze Sch\u00f6pfung\u201c (PGF 61).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der fr\u00fchen Kirche, selbst den Kirchenv\u00e4tern war ein Kirchenkonzept fremd, ein starkes \u2018Kirchenbewusstsein\u2019 hingegen zeigen bereits Hilarius, Ambrosius und Hieronymus, \u201ein der geistlichen Auslegung der Heiligen Schrift\u201c.<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\">[3]<\/a> In Eph 5,31f liest sich die Grundlegung dessen, was heute Kirche hei\u00dft, auch grundlegend ist das \u2018sacramentum\u2019 der Kirche, pr\u00e4figuriert in der Verbindung zwischen Adam und Eva. Die Kirche gilt \u2013 anders als ihre Glieder \u2013 als in sich selbst heilig aufgrund der Heiligkeit Christi, von wesenhafter Heiligkeit. Dabei ist Kirche keine rein geistige Realit\u00e4t, keine lediglich \u2018\u00f6ffentlich-rechtliche Organisation\u2019, sie ist Mysterium, Sakrament. Strukturell als dreistufige Hierarchie konzipiert kennt sie das Amt des Bischofs, Presbyters und Diakons. Sie hei\u00dft katholisch, weil sie sich \u2018alle Glaubenswahrheiten lehrend\u2019 \u00fcber die gesamte \u03bf\u1f30\u03ba\u03bf\u03c5\u03bc\u03ad\u03bd\u03b7, auf alle Nationen, erstreckt, \u201ealle Menschen aller St\u00e4nde zur wahren Religion f\u00fchrt, von allen S\u00fcnden heilt und alle Tugenden und alle Geistesgaben besitzt. Sie ist die Kirche (\u1f10\u03ba\u03ba\u03bb\u03b7\u03c3\u03af\u03b1), weil sie alle Menschen beruft und zusammenruft, um sie zur Einheit zu sammmeln.\u201c<a href=\"#_ftn4\" id=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Hier wird die Auseinandersetzung zwischen altem und neuem Bund, neben \u2018antij\u00fcdischer Polemik\u2019 f\u00fcr die Kirche entschieden, sowie \u201eeingebettet [\u2026] in die Lehre \u00fcber die Universalit\u00e4t der Kirche \u2018ex gentibus congregata\u2019. [\u2026] [Als] die auf die Apostel auferbaute Stadt,\u201c<a href=\"#_ftn5\" id=\"_ftnref5\">[5]<\/a> der Versammlungsort der V\u00f6lker (\u2018congregatio populorum\u2019). Der Kirchenlehrer Hieronymus formuliert f\u00fcr die Vorrangstellung des Petrusamtes, dass Petrus erw\u00e4hlt durch seinen Glauben, das eine Ziel hat, \u201eder zu sein, in dem der Irrtum nie Platz findet, und [\u2026] Beh\u00fcter des Glaubens und der Einheit der Kirche zu sein\u201c<a href=\"#_ftn6\" id=\"_ftnref6\">[6]<\/a> und Sammlungsort der Kirche, n\u00e4mlich als ihr \u2018sichtbares Zeichen\u2019 (Ambrosius). In diesem Kontext erscheint die seit geraumer Zeit wachsende \u02bbindividualisierte Religiosit\u00e4t\u02bc; sie ist problematisch f\u00fcr eine \u00f6kumenische Zusammenarbeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eVom Standpunkt eines kirchlichen Christentums und einer ehedem christlich gepr\u00e4gten Gesellschaft aus bewegen wir uns auf eine immer vollst\u00e4ndigere Privatisierung oder Individualisierung des religi\u00f6sen Lebens zu. Das private Leben ist weithin zu einem quasi \u02bbkirchenfreien Raum\u02bc geworden der zumindest mit (offizieller) Religion nichts oder doch m\u00f6glichst wenig zu tun haben will: Immer mehr Kirchenglieder f\u00fchlen sich frei, die f\u00fcr sie relevanten Inhalte ihres Glaubens selbst\u00e4ndig auszuw\u00e4hlen \u2013 Paul Michael Zulehner hat das Ph\u00e4nomen eines solchen \u02bbAuswahlchristentums\u02bc bereits in den siebziger Jahren [des vorigen Jahrhunderts] eingehend diagnostiziert. Wir erleben am Ende des 20. Jahrhunderts mit anderen Worten so etwas wie eine \u02bbVerselbst\u00e4ndigung\u02bc des Religi\u00f6sen: Die Religiosit\u00e4t der einzelnen l\u00f6st sich faktisch aus der Zust\u00e4ndigkeit der religi\u00f6sen Institutionen. Unter dem Einfluss einer immer weiter voranschreitenden \u02bbModernisierung\u02bc der sozialen, \u00f6konomischen, kulturellen und wissenschaftlichen Lebensbedingungen bricht das einstmals so stabile volkskirchliche Kirchenmodell zusammen.\u201c<a href=\"#_ftn7\" id=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit erscheint das gemeinsame Moment der Porvoo-Kirchen, ein gewisser Traditionalismus, kontraproduktiv. Die PGF-Mitgliedskirchen entstammen zwei Kirchen(gro\u00df)gruppierungen, sie definieren sich als lutherische und anglikanische Kirchen. Im \u2018Komplex\u2019 der lutherischen Kirchen \u201ebegegnen drei Formen des Lehrens: Verk\u00fcndigung des Evangeliums, Lehraufsicht der Bisch\u00f6fe [und] [\u2026] Konsens der Kirchen\u201c<a href=\"#_ftn8\" id=\"_ftnref8\">[8]<\/a>, die ihre B\u00fcndelung in den Bekenntnisschriften als \u2018norma normata\u2019 (neben der Schrift als \u2018norma normans\u2019) finden. Die anglikanischen Kirchen werden \u2018geb\u00fcndelt\u2019 im <em>Book of Common Prayer<\/em> in unterschiedlicher, im Wesentlichen auch \u00e4hnlicher Ausf\u00fchrung, wobei die 39 Artikel und das Lambeth-Quadrilateral in gewisser Weise ebenfalls gemeinschaftsstiftend sind. Gerade die anglikanischen Kirchen definieren sich im Sinne einer \u201epartnership with the other Churches of the Reformation in their common quest for unity\u201c<a href=\"#_ftn9\" id=\"_ftnref9\">[9]<\/a>, wobei es sich bis vor kurzem meist um Staatskirchen handelte. Einheitlicher als die Kirchen des Luthertums, die sich auf die sp\u00e4testens seit 1580 im so genannten \u2018Konkordienbuch\u2019 vereinten Bekenntnisschriften (die nicht durchg\u00e4ngig in allen Schriften in alle Kirchen verbindlich sind) berufen, stellt sich der Anglikanismus nach au\u00dfen europ\u00e4isch mit dem Gesicht der Church of England dar. Anders gibt sich im Vereinten K\u00f6nigreich die Justiz, in deren Fall nichts auf einen solchen \u2018unitarischen Charakter\u2019 hindeutet. \u201eDer historische Prozess der Staatsbildung, in dessen Verlauf zun\u00e4chst eigenst\u00e4ndige Territorien in den von England dominierten Herrschaftsverband einbezogen wurden, hat zur Folge, dass es kein gesamtbritisches Rechtswesen gibt.\u201c<a href=\"#_ftn10\" id=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Historisch lassen sich Gemeinsamkeiten zum nordischen Recht ausmachen, die N\u00e4he zum skandinavischen (auch baltischen) Recht ist damit vorgegeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Analog zur Reformationszeit glauben die in der PGF vereinten Kirchen die \u2018Zeichen der Zeit\u2019 recht zu deuten, was zur Kirchengemeinschaft hin dr\u00e4ngte. Sie alle sehen sich als Kirchen der Reformation, wobei ihre Gr\u00fcndungszeiten variieren. Gemeinsam ist ihnen auch, dass sie sich stets \u2018im Verh\u00e4ltnis zu\u2019 bzw. \u2018in Abgrenzung von\u2019 definieren, zudem geographische Gemeinsamkeiten, gemeinsame l\u00e4ndliche und nautische Lebensbedingungen, die n\u00f6rdliche und maritime Lage mit regem Wirtschaftsaustausch. Kurze, gemeinsame Handelswege vereinfachten Begegnungen und f\u00f6rderten die Zusammenarbeit. Im Bereich Kunst und Architektur besteht bereits eine deutliche Zusammenarbeit auf L\u00e4nderebene. D\u00e4nen entwarfen Studentenheime in Oxford (Arne Jacobsen) und das ber\u00fchmte Opernhaus in Sydney (J\u00f6rn Utzon). Famili\u00e4re Verbindungen, auch der Sprach- und Kulturaustausch, die vergleichbare Funktion der Teilnehmerkirchen als Staatskirchen, politische Gemeinsamkeiten, L\u00e4nder \u00fcbergreifende monarchische Besitz- und Herrschaftsanspr\u00fcche, gemeinsame Wirtschafts- und Verteidigungsinteressen u.a. provozierten das Zusammengehen. Diese Nationalkirchen mit starkem Nationalgef\u00fchl vor allem gegen Kr\u00e4fte von au\u00dfen (England gegen Spanier, Franzosen; Baltikum gegen Russland), denen die Reformation eine \u2018nachtr\u00e4gliche dogmatische\u2019 Definition ihrer selbst erm\u00f6glichte, teilen gemeinsame Bekenntnisschriften: Landessprachliche Bibeln, (Luthers) Kleiner bzw. Gro\u00dfer Katechismus oder ein BCP zur Sammlung unter einer Liturgie und Sprache (Englisch als Lingua franca).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">2. Charakteristika<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Je weiter die Bedeutung der Nationalkirchen in ihren L\u00e4ndern nachl\u00e4sst, desto offener treten die theologischen \u00dcberzeugungen zu Tage. Hier dr\u00e4ngt das Theologische das Nationale deutlich in den Hintergrund. Trotz Allem bleibt die Problematik, dass Nationalkirchen meist eng mit den jeweiligen politischen Systemen, auch mit weltlichen Machtherrschaften einhergehen, wie der sog. Ukraine-Krieg \u00f6ffentlich zeigte. Als eine solche Nationalkirche gibt sich auch die russisch-orthodoxe Kirche, die unter dem Moskauer Patriarchat den Krieg nicht verurteilt, sondern intensiv unterst\u00fctzt (vgl. Ex 20,13\u05dc\u05b9\u05a5\u0596\u05d0 \u05ea\u05b4\u05bc\u05bf\u05e8\u05b0\u05e6\u05b8\u05bd\u0596\u05d7) Anders als die Intention der Kreuzz\u00fcge im Mittelalter ist der Krieg zwischen Russland und der Ukraine eindeutig politisch motiviert, die Kirche \u2013 l\u00e4ngst nicht unabh\u00e4ngig \u2013 steht als Schattenfigur hinter der Regierung, wurde und wird damit immer wieder schuldig am Massaker an der unschuldigen ukrainischen Zivilbev\u00f6lkerung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die einst enge Zusammenarbeit zwischen d\u00e4nischem K\u00f6nigshaus und den Wittenberger Reformatoren, die \u2018deutschen\u2019 Kirchenordnungen, die Verbreitung lutherischer Schriften und letztlich das Bekenntnis zur Reformation an sich brachten unterschiedliche nationale Kirchen hervor, deren Lehren mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zeigten. Unterschiedliche Bewertung von Entwicklung und Tradition, im Falle der Apostolischen Sukzession und die zuweilen unterschiedliche kirchliche B\u00fcndnispolitik, erschweren die Kommunikation mit der r\u00f6misch-katholischen Kirche und den protestantischen Kirchen in Deutschland, denen die Vorstellung eines Historischen Episkopats fremd ist. Gemeinsame Erkl\u00e4rungen wie die von Leuenberg, Reuilly und Porvoo, machen deutlich, wie die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen nach Einheit streben (PGF 60), sich der gleichen Prinzipien bedienen, die aus politischen Zusammenh\u00e4ngen bekannt sind: Hierarchien, Gender- oder Rassenunterschiede bis hin zur deutlichen Unterdr\u00fcckung, ungleich verteilte Einfl\u00fcsse unterschiedlichster Art (Geld, Machtposition, Mehrheiten, Traditionen, allgemein erwartbare Abschl\u00fcsse, die eher als Etiketten zu verstehen sind denn als entscheidende Ph\u00e4nomene). Diasporamentalit\u00e4t und staatliche Unterdr\u00fcckung beeinflussen ebenso wie der Proporz das Verh\u00e4ltnis der jeweiligen Nationalkirchen zur PGF, vgl. die Situation der Evangelisch-lutherischen Kirche von Lettland mit ihrer weit fortschrittlicheren Exilskirche, wobei auch der Einfluss der Ostkirche den bestehenden Status erkl\u00e4rt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Verwobensein der einzelnen skandinavischen Staaten, das durch ein Jahrhunderte langes \u2018B\u00e4umchenwechseldich-Spiel\u2019 der herrschaftlichen Zugeh\u00f6rigkeiten verst\u00e4rkt wurde, beschreibt noch heute das Verh\u00e4ltnis der dortigen Kirchen zueinander. Zwei Weltkriege im Europa des 20. Jahrhunderts, soziale und kommunistische Umw\u00e4lzungen in der Nachbarschaft forderten die enge Zusammenarbeit der skandinavischen Kirchen. Der d\u00e4nische Theologe Peter Lodberg h\u00e4lt fest: \u201ethe Nordic churches and the ecumenical movement helped each other to accommodate to modernism\u201c<a href=\"#_ftn11\" id=\"_ftnref11\">[11]<\/a>. Ted A. Campbell deutet die \u00f6kumenische Bewegung als eine kulturelle, \u201cthat attempts to overcome the particularities of traditions\u201c<a href=\"#_ftn12\" id=\"_ftnref12\">[12]<\/a>. Diese \u2018particularities of traditions\u2019 wie auch die damit in Verbindung stehenden dogmatischen Probleme galt es mit der PGF offen zu legen und umzudeuten, dass \u201eeach tradition brings to the whole church the particular gifts that come out of its own identity and history\u201c<a href=\"#_ftn13\" id=\"_ftnref13\">[13]<\/a>. Und diese \u2013 sich in gewisser Weise eigens wiederholende \u2013 Profan- und Kirchengeschichte bildet sich ab in den vielfachen Entscheidungen und Kontroversen des Porvoo-Dokuments. Andererseits weist diese Vereinbarung auf die Sehnsucht nach Einheit im christlichen Glauben hin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den lutherischen Kirchen des Nordens haftet eine gewisse Unberechenbarkeit an, die bei gemeinsamen Unternehmungen zuweilen Probleme aufwirft. Gerade die Kirche von D\u00e4nemark macht durch ihr anf\u00e4ngliches Z\u00f6gern bzgl. der PGF deutlich, inwieweit Vorbehalte folgenreich Wirkung zeigen k\u00f6nnen, dann n\u00e4mlich, wenn urspr\u00fcnglich intensiv unterst\u00fctzte Projekte (im Falle der PGF in vier Plenarversammlungen) auf Eis gelegt oder bisweilen beinahe zum Scheitern verurteilt sind, so dass im Jahre 2002 f\u00fcr Lodberg allein das \u2018Prinzip Hoffnung\u2019 gilt: \u201eIt took more than twenty-five years to decide Leuenberg. Patience is also a virtue when it comes to Porvoo\u201c<a href=\"#_ftn14\" id=\"_ftnref14\">[14]<\/a>.[A]n der \u00e4u\u00dfersten Peripherie der christlichen Welt\u201c<a href=\"#_ftn15\" id=\"_ftnref15\">[15]<\/a>, wo Finnland im 13. Jahrhundert stand, drei Jahre nach Beginn einer intensiven interkirchlichen Arbeit wurde die Vereinbarung getroffen, die \u201eim Wesen und Zweck der Kirche (Kapitel II), in ihrem Glauben und ihrer Lehre (Kapitel III), insbesondere in der Apostolizit\u00e4t der Kirche, in dem apostolischen Amt in ihrer Mitte und in dem bisch\u00f6flichen Amt im Dienst der Kirche (Kapitel IV)\u201c<a href=\"#_ftn16\" id=\"_ftnref16\">[16]<\/a> gem\u00e4\u00df PGF \u00fcbereinstimmen, und die im Sinne von Joh 17,21\/22 die Einheit aller Christinnen und Christen als Fernziel haben.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. Fulvio Ferrario,<em> Jenseits des \u2018\u00f6kumenischen Winters\u2019? Paradigmenwechsel und Perspektiven im interkonfessionellen Dialog<\/em>, in: Ders. (Hg.), Umstrittene \u00d6kumene. Katholizismus und Protestantismus 50 Jahre nach dem Vatikanum II, T\u00fcbingen 2013, 119\u2013138, 134: \u201eDie Methode der Leuenberger Konkordie ist modifiziert und dahingehend erweitert worden, dass eine volle Kirchengemeinschaft zwischen protestantischen und anglikanischen Kirchen erkl\u00e4rt wurde (Mei\u00dfen, Porvoo, Reuilly), wodurch sie sich als einzige konkrete Verwirklichung der Einheit in Vielfalt entpuppt hat\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. auch Vera M. Waschb\u00fcsch, <em>\u201eLiberty wherewith Christ hath made us free\u201c. <\/em><em>Vom Book of Common Prayer zum Common Worship: ein Weg zum neuen Eucharistieverst\u00e4ndnis?<\/em>, in: Cath (M) 62 (2008), 190\u2013215 (191\u2013193).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a> Pierre-Thomas Camelot, <em>Die Lehre von der Kirche. V\u00e4terzeit bis ausschlie\u00dflich Augustinus<\/em>, Freiburg i. Br.\/Basel\/Wien 1970 (HDG III\/3b), 51.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref4\" id=\"_ftn4\">[4]<\/a> Ebda., 32.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref5\" id=\"_ftn5\">[5]<\/a> Ebda., 54.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref6\" id=\"_ftn6\">[6]<\/a> Ebda., 56. Ob es sich bei dem Ambrosiuswort tats\u00e4chlich um den r\u00f6mischen Primat handelt, ist in der Literatur jedoch umstritten, vgl. ebda., 56, Fu\u00dfnote 60.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref7\" id=\"_ftn7\">[7]<\/a> Urs Baumann, <em>\u00d6kumene ohne Konfessionen? Individualisierte Religion und \u00d6kumene<\/em>, in: Bernd Jochen Hilberath\/J\u00fcrgen Moltmann (Hg.), \u00d6kumene \u2013 wohin?, T\u00fcbingen\/Basel 2000, 99\u2013108, 100f.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref8\" id=\"_ftn8\">[8]<\/a> Ulrich K\u00fchn, <em>Lehrautorit\u00e4t nach lutherischem Verst\u00e4ndnis<\/em>, in: Christoph B\u00f6ttigheimer\/Johannes Hofmann (Hg.), Autorit\u00e4t und Synodalit\u00e4t. Eine interdisziplin\u00e4re und interkonfessionelle Umschau nach \u00f6kumenischen Chancen und ekklesiologischen Desideraten, Frankfurt a.M. 2008, 109\u2013123, 123.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref9\" id=\"_ftn9\">[9]<\/a> D. T. Niles, <em>The Role of the Anglican Communion in the Families of Christendom<\/em>, in: Michael Cantuar (Hg.) Lambeth Essays on Unity. Essays written for the Lambeth Conference 1968, London 1969, 78\u201384, 78.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref10\" id=\"_ftn10\">[10]<\/a> Emil H\u00fcbner\/Ursula M\u00fcnch, <em>Das politische System Gro\u00dfbritanniens. Eine Einf\u00fchrung<\/em>, M\u00fcnchen 1998, 142. \u00c4hnlich sieht es Ellis Wasson, <em>A History of Modern Britain. 1714 to the present<\/em>, Chichester 2010, 38, definiert aber wenigstens das Gro\u00dfbritannien des 18. Jahrhunderts als \u00fcberaus freie Gesellschaft: \u201eWith some restrictions and exceptions, free speech, freedom of the press, trial by jury, an independent judiciary, taxation only with parliamentary consent, and an executive with limited powers made eighteen-century Great Britain one of the freest societies in the world. Constitutional conventions were not always clearly established and sometimes much negotiation was necessary between various politicians and\/or institutions to achieve a resolution of conflicts\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref11\" id=\"_ftn11\">[11]<\/a> Peter Lodberg, <em>The Nordic Churches and the Ecumenical Movement,<\/em> 139.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref12\" id=\"_ftn12\">[12]<\/a> Zitiert nach ebda, 140.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref13\" id=\"_ftn13\">[13]<\/a> Ebda.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref14\" id=\"_ftn14\">[14]<\/a> Peter Lodberg, <em>The Danish \u2018No\u2019 to Porvoo<\/em>, in: Ola Tj\u00f8rhom (Hg.), Apostolicity and Unity. Essays on the Porvoo Common Statement, Grand Rapids, MI\/Cambridge\/Genf 2002, 76\u201386, 86.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref15\" id=\"_ftn15\">[15]<\/a> Simo Heininen\/Markku Heikkil\u00e4, <em>Kirchengeschichte Finnlands<\/em>, G\u00f6ttingen 2002, 12.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref16\" id=\"_ftn16\">[16]<\/a> Martin Stiewe, <em>Kirchengemeinschaft in Europa<\/em>, in: Ahti J\u00e4ntti\/Anke Michler\/Marion Holtkamp (Hg.), Die Evangelischen Kirchen im sich vereinigenden Europa, Berlin 2003, 57\u201370, 63.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Photocredits: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dom_von_Porvoo#\/media\/Datei:Porvoo_Cathedral_01.jpg\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dom_von_Porvoo#\/media\/Datei:Porvoo_Cathedral_01.jpg<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>RaT-Blog Nr. 4\/2025<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der zweite Teil des Blogbeitrags von <b>Vera M. Waschb\u00fcsch <\/b> untersucht die Rezeption der Porvoo-Gemeinsamen Feststellung im deutschsprachigen Raum. Er zeigt, dass die PGF dort kaum Beachtung findet, was unter anderem an theologischen Differenzen, insbesondere zur Frauenordination und dem Bischofsamt, liegt. Zudem wird deutlich, dass auch \u00f6kumenische Institute nur vereinzelt zur PGF Stellung nehmen, was die Wahrnehmung und Relevanz der Erkl\u00e4rung weiter einschr\u00e4nkt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4344,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[170,3,137,146,136,156,162,150,149],"tags":[19,203,95,110,112],"ppma_author":[395],"class_list":["post-4351","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-architektur","category-beitraege","category-christentum","category-gesellschaft","category-religion","category-religionswissenschaft","category-sozialwissenschaften","category-theologie","category-transformation","tag-christentum","tag-gesellschaft","tag-religionswissenschaft","tag-theologie","tag-tradition-und-moderne","eq-blocks"],"authors":[{"term_id":395,"user_id":0,"is_guest":1,"slug":"vera-m-waschbuesch","display_name":"Vera M. 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