{"id":4458,"date":"2025-05-27T15:07:45","date_gmt":"2025-05-27T15:07:45","guid":{"rendered":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=4458"},"modified":"2025-05-27T15:07:46","modified_gmt":"2025-05-27T15:07:46","slug":"wenn-bildung-nur-noch-einen-marktwert-behaelt-die-marktwirtschaftliche-ausrichtung-von-katholischen-hochschulen-in-den-usa-und-die-weitreichende-gefahr-eines-ausverkaufs-von-katholischer-bildungstrad","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=4458","title":{"rendered":"Wenn Bildung nur noch einen Marktwert beh\u00e4lt. Die marktwirtschaftliche Ausrichtung von katholischen Hochschulen in den USA und die weitreichende Gefahr eines Ausverkaufs von katholischer Bildungstradition"},"content":{"rendered":"\n<p>Dass sich der Mensch in der Welt orientieren kann, ist f\u00fcr ihn seit Urzeiten ungemein hilfreich; nicht nur um zu \u00fcberleben, sondern auch um sich selbst zu verstehen. Orientierung bieten ihm nicht nur geographische Kenntnisse oder Kulturtechniken, wie die Kontrolle des Feuers oder das Behauen von Steinen: Insbesondere das Wissen um die eigene Vergangenheit, Verst\u00e4ndnis von Traditionen und Ritualen sowie der kollektiven Geschichte erm\u00f6glichen es dem Menschen, eine intellektuelle Landkarte auszubilden und sich in den kulturellen R\u00e4umen und Zeiten zurecht zu finden. Daher \u00fcberrascht es nicht, dass seit der Fr\u00fchzeit der Menschheit Wissen, Einsicht und geschichtliches Verst\u00e4ndnis h\u00f6chste Wertsch\u00e4tzung erfahren.<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Die Studien von Claude L\u00e9vi-Strauss sprechen B\u00e4nde davon, wie wichtig die Ausformung und Weitergabe von Weltverst\u00e4ndnissen ist.<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Diese kulturellen Errungenschaften haben nicht nur eine Bedeutung f\u00fcr die jeweilige Generation; ihr Gewicht wiegt sogar f\u00fcr die kommenden Generationen umso schwerer, wenn bewusst wird, dass durch die Tradition erarbeitetes Wissen und Verst\u00e4ndnis nicht verloren gehen, sondern erinnert und f\u00fcr die Zukunft bewahrt werden. Mit einer leicht pathetischen Note l\u00e4sst sich sagen, dass die Tradition (im gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Verst\u00e4ndnis) den intellektuellen Selbstverlust verhindert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wissen, Einsicht und intellektuelle Bildung erfahren daher den Status von <em>Werten<\/em>, weil durch sie eine gewisse Identit\u00e4tssicherung im Selbstverst\u00e4ndnis und Orientierung im existenziellen Horizont m\u00f6glich sind. Dies l\u00e4sst deutlich werden, dass Werte nicht um ihrer selbst willen sch\u00fctzenswert, sondern vielmehr ein Ausdruck der <em>conditio humana<\/em> sind. Sie sch\u00fctzen die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und Selbstverst\u00e4ndnis.<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Zum Problem werden Werte, wenn sie sich nicht mehr an den zugrundeliegenden Erfahrungen orientieren, sondern der kapitalistische Markt zum entscheidenden Faktor wird und dar\u00fcber bestimmt, ob diese Werte von Relevanz sind und wie ihr Marktwert ausf\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesem Problem geht Massimo Faggioli in seinem neuesten Buch nach,<a href=\"#_ftn4\" id=\"_ftnref4\">[4]<\/a> in dem er den gegenw\u00e4rtigen Status der katholischen Bildungstradition in den USA untersucht. Besondere Tiefensch\u00e4rfe bekommt seine Analyse dadurch, dass er nicht die Frage nach katholischer Bildung an staatlichen Universit\u00e4ten stellt, sondern ganz explizit den vermeintlich sicheren Hafen f\u00fcr diese im Hinblick auf katholische Hochschulen als Fokuspunkt w\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Startpunkt f\u00fcr seine Analyse nimmt Faggioli die Auswirkungen der r\u00f6mischen \u00dcberwachungskultur und den langen Schatten inquisitorischer Praxis gegen\u00fcber katholischen Theologen vor dem Zweiten Vatikanum in den Blick: Die neu gewonnene akademische Freiheit, die auf das Konzil folgte, war von kurzer Dauer. In einer beeindruckenden Dialektik wurde die Kontrolle durch kirchliche Autorit\u00e4ten durch Autorit\u00e4ten des Marktes ersetzt, die nun die Rahmenbedingungen f\u00fcr die akademische Theologie bestimmen (vgl. 15). Faggioli sieht einen entscheidenden Grund f\u00fcr die nachhaltige Skepsis der katholischen Theologie gegen\u00fcber kirchlichen Institutionen und Hierarchien, die z.T. bis zum Anti-Institutionalismus reichen kann: \u201eCatholic theological anti-institutionalism, even though radical in its roots, has been welcomed by and functional to the neo-liberal system in our universities as well in our societies.\u201c (20)<\/p>\n\n\n\n<p>Weil aber eine Abh\u00e4ngigkeit durch eine andere, von der kirchlichen Hierarchie zum neoliberalen Markt, ersetzt wurde, hat dieser Wechsel keinesfalls zu einem signifikanten Gewinn an Wissenschaftsfreiheit gef\u00fchrt: Vielmehr zeigt sich nun eine grundlegende Ausrichtung von Forschung und Lehre an den Anforderungen des Marktes \u2013 katholische Theologie hat dadurch das Marktprinzip internalisiert, st\u00e4ndig aufs Neue relevant bleiben zu m\u00fcssen (vgl. 16, 130-132).<a href=\"#_ftn5\" id=\"_ftnref5\">[5]<\/a> F\u00fcr Faggioli schl\u00e4gt sich dieses gesteigerte Relevanzbed\u00fcrfnis darin nieder, dass sich die akademische Theologie prinzipiell an tagespolitischen, kulturpolitischen und identit\u00e4tspolitischen Fragestellungen ausrichtet (vgl. 26-28, 64-69) und dadurch aber ihren eigentlichen, theologischen Kern aufgibt: Statt ein Bildungsideal und eine Bildungstradition weiterzuf\u00fchren und sich gegen kurzsichtige Ausrichtungen und Moden zu verteidigen, f\u00fchrt diese Ausrichtung an bereits gesellschaftlich aufgeladenen Politik- und Kulturdebatten auch innerhalb der Theologie zu identit\u00e4ts- und kulturpolitischen Kontroversen. Statt theologischer Kooperation und Weiterf\u00fchrung von katholischen Bildungstraditionen spaltet sich die katholische Theologie in Lager, die von ressentimentgeladenen Antiintellektualismus (vgl. 100 u.\u00f6.) zu kirchenferner Sozialpolitik (vgl. 27) reichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Grunddatum dieser Entfremdung gibt Faggioli das Zweite Vatikanum und dessen Rezeption wie auch Weiterf\u00fchrung im Pontifikat von Franziskus (vgl. 44-50) an. Statt aber dieser Ablehnung nur einen dumpfen, aber wirkungsstarken Revanchismus zu attestieren, geht Faggioli in seiner Analyse ein St\u00fcck weiter: Neokonservative Str\u00f6mungen, die z.B. Gefallen an vorkonziliarer Liturgie finden, sind Ausdruck eines Unbehagens und der Unsicherheit \u00fcber das eigene Selbstverst\u00e4ndnis, die Kompromissnotwendigkeit einer liberalen, demokratischen Ordnung und die notwendige Weiterentwicklung der Kulturlandschaft (vgl. 98f.). Doch laut Faggioli zeigt sich in dieser Ablehnung von Vat II und dem Pontifikat von Franziskus ebenso, dass dadurch Tradition als grundlegender Wert des Katholizismus auf dem Spiel steht (vgl. 49f.).<\/p>\n\n\n\n<p>Faggioli ist sich bewusst, dass es f\u00fcr die gegenw\u00e4rtigen Krisen in Bildungspolitik, akademischer Theologie und hierarchischer Kirche keinen simplen Patentl\u00f6sungen geben kann. Vielmehr braucht es kollektive Anstrengungen, wieder akademische Theologie und kirchliches Leben miteinander zu verbinden, denn die Krisen sind keineswegs durch individuelle Anstrengungen zu beheben: Es braucht die gemeinsame Arbeit an der kirchlichen Identit\u00e4t, der katholischen Tradition und Widerstand gegen kurzsichtige Machtpolitik (vgl. 142-150). Der R\u00fcckzug in eine Wagenburgmentalit\u00e4t, die mit einer Trennung von s\u00e4kularer Gesellschaft und kirchlichem Innenleben einhergehen w\u00fcrde und die Idee der katholischen Bildungstradition aufgeben w\u00fcrde, ist f\u00fcr ihn keine Option: Nicht nur ist eine solche bin\u00e4re Trennung von Kirche und Welt nicht haltbar. Zudem war und ist die Kirche, was die akademische Theologie einschlie\u00dft, ein unaufgebbarer Kulturtr\u00e4ger f\u00fcr die gesamte Gesellschaft: Sie verteidigt Bildung nicht nur als intellektuelles Kapital gegen kapitalistische Marktprinzipien, sondern zeigt gesamtgesellschaftlich Verantwortung und hat daher auch Institutionen entwickelt, um Kultur \u00fcber Jahrhunderte zu bewahren und relevant zu halten (vgl. 102-107). Daher ist es auch nicht vermessen, der Kirche die Funktion einer intellektuellen Arche beizumessen, die nicht nur kirchliche G\u00fcter bewahrt, sondern u.a. in Musik, Kunst, Architektur und Literatur hilft, einen betr\u00e4chtlichen Teil des Menschheitserbes zu bewahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn der Fokalpunkt von Faggiolis Analyse auf der US-amerikanischen Hochschullandschaft mit deren Eigenart von konfessionellen Institutionen liegt, l\u00e4sst sich seine Analyse auch auf die europ\u00e4ische Hochschullandschaft wie die katholische Kirche insgesamt \u00fcbertragen. Diese Einsicht Faggiolis sollte daher auch hierzulande \u00dcberlegungen \u00fcber den Stellenwert von konfessioneller Theologie an staatlichen Hochschulen hinsichtlich der Frage beeinflussen, ob Theologie auch einen Mehrwert mit sich bringt, der \u00fcber reine Forschung und Lehre hinausgeht. Besonders virulent zeigt sich die Frage nach dem Stellenwert einer breiten Theologielandschaft im Hinblick auf den Aspekt der Synodalit\u00e4t: Der synodale Prozess der katholischen Kirche verfolgt das Anliegen, die vielf\u00e4ltigen Stimmen zu h\u00f6ren und das gesamte Volk Gottes im Unterscheidungsprozess einzubinden. Aber Unterscheidung ist kein intuitiver Vorgang, sondern braucht Bildung und eine geschulte Offenheit, um zu erkennen, was der \u201aGeist der Kirche\u2018 ist (vgl. Apg 2,7).<a href=\"#_ftn6\" id=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Um dieses Unterscheidungsverm\u00f6gen auszubilden, bekr\u00e4ftigt das Abschlussdokument zur Weltsynode den Wert der Theologie und der theologischen Bildung f\u00fcr das gesamte Volk Gottes. Der Wert der Theologie liegt nicht alleine in Forschung und Lehre, sondern zeigt sich insbesondere darin, ein institutioneller Ort des Austauschs, der Beratung und Hilfe sowohl gegen\u00fcber den Bisch\u00f6fen als auch den Gl\u00e4ubigen zu sein.<a href=\"#_ftn7\" id=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Es l\u00e4sst sich daher mit anderen Worten sagen, dass die Theologie einen grundlegenden Wert f\u00fcr das kirchliche Leben hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Faggiolis Analyse l\u00e4sst die Gefahr offensichtlich werden, wie schnell Kulturg\u00fcter unter das Diktat von kurzsichtigen Marktstrategien gestellt und damit zu austauschbaren Konsumg\u00fctern umgem\u00fcnzt werden k\u00f6nnen. Dadurch zeigt sich aber auch f\u00fcr ihn, wie gef\u00e4hrlich eine Frontstellung zwischen vermeintlichem Konservatismus und Liberalismus sich auswirken kann, weil diese Frontstellung die eigenen Kr\u00e4fte von institutioneller wie intellektueller Koh\u00e4sion sabotiert. Stattdessen erm\u00f6glicht eine aufrichtige Wertsch\u00e4tzung der (kirchlichen) Bildungstradition die akademische Freiheit, sodass Untersuchungen und Einsichten m\u00f6glich sind, die vom Diktat der Marktlogik ausgeblendet werden sollen, weil sie unerw\u00fcnscht, irrelevant oder sogar subversiv erscheinen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Dies gilt gleicherma\u00dfen, auch wenn Geschichte mythisch und in einem zyklischen Zeithorizont verstanden wird.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. Claude L\u00e9vi-Strauss, Strukturale Anthropologie I (stw; 226), Frankfurt am Main <sup>2<\/sup>1981, 219-233.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. Hans Joas, Die Entstehung der Werte (stw; 1416), Frankfurt am Main 1999, 255: \u201eWerte entstehen in Erfahrungen der Selbstbildung und Selbsttranszendenz.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\" id=\"_ftn4\">[4]<\/a> Vgl. Massimo Faggioli, Theology and Catholic Higher Education. Beyond Our Identity Crisis, Maryknoll 2024.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\" id=\"_ftn5\">[5]<\/a> Ebd., 96: \u201eNow universities have become seminaries of another religion: seminaries for the high priesthood of capitalism and for the minor orders of the service economy.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\" id=\"_ftn6\">[6]<\/a> Vgl. XVI. Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode, F\u00fcr eine synodale Kirche: Gemeinschaft, Teilhabe, Sendung. Schlussdokument, Vatikan 2024, \u00a745 (zug\u00e4nglich unter: <a href=\"https:\/\/www.dbk.de\/fileadmin\/redaktion\/diverse_downloads\/dossiers_2025\/2024-Abschlussdokument-WeltsynodeDEU-Documento_finale.pdf\">https:\/\/www.dbk.de\/fileadmin\/redaktion\/diverse_downloads\/dossiers_2025\/2024-Abschlussdokument-WeltsynodeDEU-Documento_finale.pdf<\/a>; Abruf 27.5.2025)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\" id=\"_ftn7\">[7]<\/a> Vgl. ebd., \u00a767.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Photocredits<\/strong>: (C) <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/de\/@imnotaleo?utm_content=creditCopyText&amp;utm_medium=referral&amp;utm_source=unsplash\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Markus Leo<\/a> auf <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/de\/fotos\/wall-street-beschilderung-auf-braunem-holzpfosten-VbOhgTLpo1Y?utm_content=creditCopyText&amp;utm_medium=referral&amp;utm_source=unsplash\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Unsplash<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<p><strong>RaT-Blog Nr. 11\/2025<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Problem werden Werte, wenn sie sich nicht mehr an den zugrundeliegenden Erfahrungen orientieren, sondern der kapitalistische Markt zum entscheidenden Faktor wird und dar\u00fcber bestimmt, ob diese Werte von Relevanz sind und wie ihr Marktwert ausf\u00e4llt. 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