{"id":454,"date":"2017-09-06T18:42:09","date_gmt":"2017-09-06T18:42:09","guid":{"rendered":"http:\/\/rat-blog.at\/?p=454"},"modified":"2023-07-06T09:45:09","modified_gmt":"2023-07-06T09:45:09","slug":"eindruecke-von-der-biennale-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=454","title":{"rendered":"Eindr\u00fccke von der Biennale 2017"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_433\" aria-describedby=\"caption-attachment-433\" style=\"width: 1387px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-433\" src=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/biennale.jpg\" alt=\"BIENNALE !\" width=\"1387\" height=\"924\" srcset=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/biennale.jpg 1387w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/biennale-300x200.jpg 300w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/biennale-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/biennale-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1387px) 100vw, 1387px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-433\" class=\"wp-caption-text\"><strong>Yogors Sapountzis<\/strong>, <em>Sculptures Cannot Eat<\/em>, 2017; mixed media installation, aluminum, plastic, monotype on fabric, ink, band, pins, tapes, plaster, jars, food, video projection, color, sound, ca. 10\u2019 dimensions variable<strong>; <\/strong>57. Esposizione Internazionale d\u2019Arte &#8211; La Biennale di Venezia,<em> Viva Arte Viva<\/em>; im Pavillon des \u00f6ffentlichen Raumes; Photo by: Andrea Avezz\u00f9<\/figcaption><\/figure>\n<p><em>In seinem Beitrag zur Biennale 2017 geht <strong>Jakob Deibl<\/strong> der Frage nach, welche Gestalt in dieser gro\u00dfartigen Schau die Auseinandersetzung mit dem antiken und biblischen Erbe hat \u2013 einem Erbe, das lange Zeit europ\u00e4ische Kunst pr\u00e4gte.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Einen Gesamteindruck von der Biennale wiederzugeben, scheint aufgrund ihres Umfangs kaum m\u00f6glich. Neben den beiden gro\u00dfen Ausstellungen und den L\u00e4nderpavillons im Arsenale und in den Giardini, sind zahlreiche Pavillons und Kunstinterventionen auch \u00fcber das Zentrum Venedigs verstreut. Abgesehen von der F\u00fclle der Exponate, kann es aber auch aus anderen Gr\u00fcnden nicht um ein abschlie\u00dfendes Urteil \u00fcber die gro\u00dfe und traditionsreiche Kunstschau \u2013 sie findet bereits zum 57. Mal statt \u2013 gehen. Zu vielf\u00e4ltig und heterogen sind die einzelnen Beitr\u00e4ge, als dass sie sich in ein einheitliches Bild f\u00fcgen k\u00f6nnten. Stellt nicht \u00fcberdies jede einzelne Intervention gleichsam ein eigenes Universum dar, das nicht in allgemeine Kategorien eingeordnet werden kann? Muss nicht jedes Kunstwerk rein f\u00fcr sich betrachtet werden?<\/p>\n<p>Und dennoch suchen wir als Besucherinnen und Besucher nach allgemeinen Tendenzen und nach Begriffen, die das Gesehene wenigstens teilweise zu ordnen verm\u00f6gen. Nicht eine F\u00fclle von einander geschiedener Einzeleindr\u00fccke bleibt in unserer Erinnerung, vielmehr beginnt sich, wenn man im R\u00fcckblick von <em>der<\/em> Biennale spricht, ein Bild zu formen. Dieses hat freilich keinen abschlie\u00dfenden Charakter, sucht aber nach einem Ausdruck, um mit anderen Bildern in ein Gespr\u00e4ch einzutreten, das zu Erg\u00e4nzungen und Korrekturen, das zu einem Weiterdenken f\u00fchren kann.<\/p>\n<p>Davon ausgehend m\u00f6chte ich im Folgenden einige Beobachtungen anstellen, und ich freue mich, wenn sie weitergef\u00fchrt, erg\u00e4nzt oder infrage gestellt werden.<\/p>\n<h3>1) Den Weg durch die Biennale muss man selbst finden<\/h3>\n<p>Wer die Biennale besucht, nimmt nicht blo\u00df einzelne Kunstwerke, Performances oder Interventionen wahr, sondern sieht diese in einem jeweils verschiedenen, kontingenten Kontext: Anders als in herk\u00f6mmlichen Museen und Ausstellungen gibt es keine durch die r\u00e4umliche Anordnung mehr oder weniger zwingend vorgegebene Reihenfolge, in welcher die einzelnen St\u00e4tten zu besuchen sind. Den Weg durch die Biennale muss man selbst finden. Man steuert vielleicht zun\u00e4chst einen Pavillon an, von dem man geh\u00f6rt hat, er sei sehenswert, oder sucht den Pavillon des eigenen Heimaltlandes. Man beginnt mit der klassisch als Ausstellung kuratierten Schau im Arsenale und begibt sich dann zu den L\u00e4nderpavillons oder umgekehrt. Man entdeckt, dass im ersten Stock des Hotels, in welchem man \u00fcbernachtet, der Anfang eines sich \u00fcber mehrere Stationen erstreckenden L\u00e4nderbeitrages ist. Und man freut sich, die Pavillons von Syrien, dem Irak oder Venezuela zu finden \u2013 L\u00e4ndern, die man gegenw\u00e4rtig mit Krieg, Terror und Krise, nicht jedoch mit Kunst in Verbindung bringt. Die Biennale hilft, die \u00f6ffentliche Wahrnehmung jener Nationen nicht auf die momentane politische Lage zu reduzieren. Man freut sich, dass an diesem gemeinsamen Projekt der Biennale die USA und der Iran, Israel und \u00c4gypten, Russland und die Ukraine teilnehmen \u2026<\/p>\n<p>Was man zuerst gesehen hat, beeinflusst die Wahrnehmung des Sp\u00e4teren, umgekehrt l\u00e4sst einen das sp\u00e4ter Gesehene schon gef\u00e4llte Urteile revidieren. In manchen Pavillons h\u00e4lt man sich l\u00e4ngere Zeit auf und liest s\u00e4mtliche Erkl\u00e4rungen, in andere wirft man nur einen kurzen Blick. Die jeweiligen Exponate treten in ganz unterschiedliche Interaktion mit den Orten ihrer Aufstellung. Manche L\u00e4nderpavillons haben eine sehr ausgepr\u00e4gte architektonische Gestaltung, welche die Wahrnehmung der Objekte oder Interventionen pr\u00e4gt oder sogar \u00fcberlagert. Wo einzelne L\u00e4nder an bestimmten Orten Venedigs tempor\u00e4r eingemietet sind, stellt sich unweigerlich die Frage, warum gerade dieser Palazzo oder jene Villa als Standort gew\u00e4hlt wurde und wie er mit den jeweiligen Exponaten in eine Verbindung tritt. Um ein Beispiel zu nennen: Der gro\u00dfartige iranische Beitrag von Bizhan Bassiri befindet sich in der langgestreckten Eingangshalle einer Villa, wobei sich kaum sichtbar \u00fcber der Installation ein altes schmuckloses Kreuz findet. Dieses scheint fast keine Aussage mehr zu transportieren, sondern ist eher zu einem architektonischen Detail der dunklen Dekoration des Raumes geworden. Handelt es sich um eine bewusst gew\u00e4hlte Verbindung oder Spannung? Oder aber beginnt hier ein Gleiten zwischen neuer Installation und alter Umgebung?<\/p>\n<figure id=\"attachment_434\" aria-describedby=\"caption-attachment-434\" style=\"width: 1388px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-434\" src=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/biennale-2.jpg\" alt=\"BIENNALE 2\" width=\"1388\" height=\"926\" srcset=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/biennale-2.jpg 1388w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/biennale-2-300x200.jpg 300w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/biennale-2-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/biennale-2-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1388px) 100vw, 1388px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-434\" class=\"wp-caption-text\"><strong>Bizhan Bassiri<\/strong>, <em>TAPESH, The Golden Reserve of Magmatic Thought<\/em>; 57. Esposizione Internazionale d\u2019Arte &#8211; La Biennale di Venezia,<em> Viva Arte Viva<\/em>; Photo by: Andrea Avezz\u00f9<\/figcaption><\/figure>\n<p>Kaum jemand kann alle St\u00e4tten besuchen, jede und jeder muss unvermeidlich eine Auswahl treffen, die in einem gewissen Ma\u00df zuf\u00e4llig bleibt. Gewiss k\u00f6nnen die Vaporetti manche Entfernungen abk\u00fcrzen, dennoch m\u00fcssen die einzelnen Orte zu Fu\u00df aufgesucht werden, wobei die Distanzen sehr variieren. So baut sich im Laufe eines oder mehrerer Tage sukzessive eine pers\u00f6nliche Landkarte der Biennale auf. Der Blick oszilliert zwischen einem Venedig, das sich neu als Mosaik aus vielen Einzelteilen, ja das sich neu als modernes Kunstwerk konfiguriert, und dem klassischen Venedig, das ein zu erhaltendes kulturelles Erbe der Menschheit darstellt. Dieses Oszillieren ist auf neue Bedeutungen hin offen und vermag durch niemanden letztlich kontrolliert zu werden.<\/p>\n<h3>2) Die Frage nach dem \u00f6ffentlichen Raum<\/h3>\n<p>Zu einem Leitfaden, um die Biennale verstehen zu k\u00f6nnen, wurden f\u00fcr mich die Arbeiten der italienisch-sardischen K\u00fcnstlerin Maria Lai, die sich am Beginn der gro\u00dfen Ausstellung im Arsenale finden. Sie sind in einem Bereich angesiedelt, der sich der Thematik des \u00f6ffentlichen Raumes widmet (\u201ePadiglione dello Spazio Commune\u201c). Was unter dem Titel \u201e\u00f6ffentlicher Raum\u201c gezeigt wird, tritt unweigerlich in eine Verbindung mit der Ausstellung als ganzer, macht diese doch bewusst, dass \u201eStadt\u201c zuallererst ein gro\u00dfer \u00f6ffentlicher Raum ist, der allgemein zug\u00e4nglich ist. Im Rahmen der Biennale wird er zu einem gemeinsam geteilten Ort der Auseinandersetzung mit Kunst. Kunstwerke werden nicht in Privath\u00e4usern versteckt, private Palazzi werden ge\u00f6ffnet und zug\u00e4nglich. So r\u00fcckt der \u201ePadiglione dello Spazio Commune\u201c in die gesamte Stadt ein und stellt \u00fcberdies vor die Frage nach den heute bestehenden <a href=\"http:\/\/www.b-b-e.de\/fileadmin\/inhalte\/aktuelles\/2017\/04\/enl-4-17-appel-beitrag.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bedrohungen des \u00f6ffentlichen Raumes<\/a> \u2013 etwa durch seine Ausl\u00f6schung im Zuge einer fortgesetzten Kommerzialisierung.<\/p>\n<p>Die Arbeiten von Maria Lai, welche den Hauptraum des \u201ePadiglione dello Spazio Commune\u201d er\u00f6ffnen, sind zu einem Gro\u00dfteil N\u00e4harbeiten. Einige geh\u00f6ren der Serie <em>Geografia<\/em> an, wobei es sich um gen\u00e4hte Welt- und Himmelskarten handelt. D\u00fcnne F\u00e4den sind als fragile, sich \u00fcberlagernde Linien auf die Stoffe gen\u00e4ht und deuten gewohnte geographische Symbole wie Grenzen, Gebirge, Breitengrade, Beschriftungen an. Das Sujet ist sofort vertraut, aber nicht (mehr) lesbar. Die F\u00e4den formen sich eben nicht zu klar zuordenbaren Grenzen und lesbaren Buchstaben. Ist damit eine Befreiung aus dem Herrschaftsgestus gegeben, welcher der geographischen Vermessung und Unterteilung von Welt und von Himmel immer <em>auch<\/em> anhaftet? Oder aber sind Erde und Himmel f\u00fcr uns nicht mehr entzifferbar? Entlang welcher F\u00e4den verm\u00f6gen wir uns durch die L\u00e4nder, die St\u00e4dte, durch Venedig, durch die Biennale, den \u00f6ffentlichen Raum zu bewegen und welche Erz\u00e4hlungen stehen hinter den damit verbundenen Wegen und Grenzen?<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus waren auch zahlreiche von Maria Lai gestaltete B\u00fccher ausgestellt \u2013 gefertigt aus Stoff, beschrieben mittels F\u00e4den, die in die Stoffe gen\u00e4ht wurden. Auch diese B\u00fccher sind nicht oder kaum lesbar. Ihr Inhalt kann nicht mehr weitergegeben werden. Der Faden der Narrationen, der unterschiedliche Zeiten verbindet, bleibt lediglich als nicht mehr entzifferbare <em>Form<\/em> bestehen \u2013 mit wenigen Ausnahmen: Ein Buch l\u00e4sst den Satz hervortreten: \u201eI poeti lavorano nel buio.\u201c (\u201eDie Dichter arbeiten im Dunkel.\u201c) Damit ist nicht blo\u00df ein Zeitpunkt benannt, sondern eine Hoffnung ausgesprochen: Es sind die Dichter, deren Arbeit davor bewahrt, dass die Dunkelheit undurchdringlich wird und alles in sich aufsaugt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_435\" aria-describedby=\"caption-attachment-435\" style=\"width: 1385px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-435\" src=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/biennale-3.jpg\" alt=\"BIENNALE 3\" width=\"1385\" height=\"924\" srcset=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/biennale-3.jpg 1385w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/biennale-3-300x200.jpg 300w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/biennale-3-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/biennale-3-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1385px) 100vw, 1385px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-435\" class=\"wp-caption-text\"><strong>Maria Lai<\/strong>, <em>Various Works<\/em> <em>1981-2008<\/em>. 57. Esposizione Internazionale d\u2019Arte &#8211; La Biennale di Venezia,<em> Viva Arte Viva<\/em>; Photo by: Italo Rondinella<\/figcaption><\/figure>\n<h3>3) Die Frage nach dem antiken und dem biblischen Erbe<\/h3>\n<p>Die Arbeiten von Maria Lai im \u201ePadiglione dello Spazio Commune\u201c haben f\u00fcr mich nicht allein die Frage hinterlassen, zu welcher Landkarte sich die Biennale sukzessive entwickelt, indem sie sich mit jedem Besuch eines Pavillons weiter \u00fcber Venedig ausbreitet. Sie haben auch die Frage aufgeworfen, welche F\u00e4den uns noch mit unserer Vergangenheit verbinden. Es hat sich f\u00fcr mich n\u00e4mlich bei aller Heterogenit\u00e4t der Kunstwerke und Installationen zunehmend der Eindruck verdichtet, dass ein die europ\u00e4ische Kunst \u2013 auch die s\u00e4kulare \u2013 f\u00fcr Jahrhunderte pr\u00e4gendes Reservoir fast g\u00e4nzlich abwesend scheint: das griechisch-r\u00f6mische Erbe der Mythologie einerseits und die biblische Erz\u00e4hltradition andererseits. Zahlreiche Exponate waren gleichsam Recycling aus bestehenden Materialien \u2013 oft wurde betont, dass es sich dabei um Allt\u00e4gliches handelte \u2013, allerdings schien das antike und christliche Erbe kaum mehr in diesen Prozess einer st\u00e4ndigen Aktualisierung, Verfremdung, Neu-Konfiguration einzugehen, auch nicht in der bewusst vollzogenen Abwendung davon, in der Kritik oder Satire.<\/p>\n<p>War es nur die Auswahl der von mir gesehenen Teile der Biennale, die diesen Eindruck entstehen lie\u00df oder handelt es sich doch tats\u00e4chlich um eine allgemeine Tendenz der Biennale?<\/p>\n<figure id=\"attachment_436\" aria-describedby=\"caption-attachment-436\" style=\"width: 1387px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-436\" src=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/biennale-4.jpg\" alt=\"BIENNALE 4\" width=\"1387\" height=\"924\" srcset=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/biennale-4.jpg 1387w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/biennale-4-300x200.jpg 300w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/biennale-4-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/biennale-4-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1387px) 100vw, 1387px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-436\" class=\"wp-caption-text\">Die Arbeit von <strong>David Medalla<\/strong> zu Beginn der Biennale. Sie wurde im Lauf der Zeit durch eine F\u00fclle allt\u00e4glicher Gegenst\u00e4nde, die auf den \u00f6ffentlichen Raum verweisen (Eintritts-, Zugkarten etc.) erweitert. <em>A Stitch In Time <\/em>1968\/2017; fabric, cotton reals, needles, panels, 75 x 150 x 790 cm; 57. Esposizione Internazionale d\u2019Arte &#8211; La Biennale di Venezia,<em> Viva Arte Viva<\/em>; Photo by: Andrea Avezz\u00f9<\/figcaption><\/figure>\n<h3>&nbsp;<\/h3>\n<p>Auf drei Ausnahmen m\u00f6chte ich hinweisen, ohne jedoch die einzelnen Kunstwerke ausf\u00fchrlich beschreiben zu k\u00f6nnen. Es handelt sich dabei um je ein Beispiel aus christlichem, j\u00fcdischem und griechisch-antikem Kontext.<\/p>\n<p>Wiederum ist Maria Lai mein Ausgangspunkt. Unter ihren N\u00e4harbeiten findet sich auch ein Altartuch <em>Lenzuolo \u2013 tovaglia dell\u2019altare<\/em> (<em>Lacken \u2013 Altartuch<\/em>). In die den Raum und die Zeit mittels F\u00e4den verbindenden Arbeiten bleibt die Erinnerung an die Eucharistie, wenn auch verfremdet, eingewoben. Z\u00e4hlt auch der Gottesdienst und z\u00e4hlen die Gottesh\u00e4user gleich welcher Religion auch zu den \u00f6ffentlichen R\u00e4umen oder aber nimmt eine s\u00e4kulare Welt sie eher als deren unstatthafte Besetzung wahr?<\/p>\n<p>Der israelische Beitrag, von Gal Weinstein gestaltet, tr\u00e4gt einen Titel, der Verweis auf eine biblische Erz\u00e4hlung ist: <em>sun stand still, 2017<\/em>. Im biblischen Buch Josua, das sowohl im hebr\u00e4ischen Tenach als auch im biblischen Kanon unmittelbar auf die Torah folgt, wird folgende Erz\u00e4hlung berichtet, als die St\u00e4mme Israels in das gelobte Land einziehen:<\/p>\n<p>&#8222;Damals, als der Herr die Amoriter den Israeliten preisgab, redete Josua mit dem Herrn; dann sagte er in Gegenwart der Israeliten: Sonne, bleib stehen \u00fcber Gibeon \/ und du, Mond, \u00fcber dem Tal von Ajalon! \u2013 Und die Sonne blieb stehen \/ und der Mond stand still, \/ bis das Volk an seinen Feinden Rache genommen hatte. Das steht im \u00abBuch des Aufrechten\u00bb. Die Sonne blieb also mitten am Himmel stehen und ihr Untergang verz\u00f6gerte sich, ungef\u00e4hr einen ganzen Tag lang. Weder vorher noch nachher hat es je einen solchen Tag gegeben, an dem der Herr auf die Stimme eines Menschen geh\u00f6rt h\u00e4tte; der Herr k\u00e4mpfte n\u00e4mlich f\u00fcr Israel. Danach kehrte Josua und mit ihm ganz Israel in das Lager nach Gilgal zur\u00fcck.&#8220; (Josua 10,12-15)<\/p>\n<p>Es handelt sich dabei um eine f\u00fcr Israel bedeutende Erz\u00e4hlung, die entgegen dem ersten Anschein keinen Bericht davon gibt, wie das Volk mit Waffengewalt ins verhei\u00dfene Land einzieht. Vielmehr ist es der Herr, der seinem Volk das Land \u00fcbergibt, indem er dessen zeitlich-empirische Gestalt auf eine Unendlichkeit hin \u00f6ffnet, auf einen anderen Blick, der nicht der Zeit unterliegt.<\/p>\n<p>Im gesamten israelischen Pavillon befindet sich jedoch Schimmel, der einen unangenehmen Eindruck hinterl\u00e4sst. Er stellt zuallererst vor die Frage, wie es mit den leitenden Ideen eines Staates, einer Nation, einer Kirche, einer Glaubensgemeinschaft, seien diese religi\u00f6s oder s\u00e4kular, aussieht. K\u00f6nnen sich diese in lebendiger Weise immer wieder erneuern oder aber zeigen sie heute Spuren der Verwesung? Woher r\u00fchrt diese? Ist sie ein Zeichen der Vernachl\u00e4ssigung jener Ideen, die zu \u00fcbersetzen in eine neue Zeit nicht mehr gelingt? Partizipieren jene gro\u00dfen Erz\u00e4hlungen auch heute, 2017, noch an der Ewigkeit, dem Nicht-Vergehen der Zeit, wie es der von Josua erlebte Tag veranschaulicht \u2013 <em>sun stand still, 2017<\/em> \u2013 oder aber sind sie viel fragiler und setzt an ihnen der Prozess eines Verfalls an? Die Zeit bleibt eben nicht stehen \u2026 In dieser Hinsicht betrachtet, kann der israelische Pavillon zu einem Leitfaden werden, der einen durch die Ausstellung f\u00fchren kann. Er wird dann zum hermeneutischen Schl\u00fcssel f\u00fcr die Frage, inwieweit die anderen Pavillons sich mit der Frage nach dem Verfall unseres narrativen Erbes auseinandersetzen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_437\" aria-describedby=\"caption-attachment-437\" style=\"width: 1387px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-437\" src=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/biennale-5.jpg\" alt=\"BIENNALE 5\" width=\"1387\" height=\"924\" srcset=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/biennale-5.jpg 1387w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/biennale-5-300x200.jpg 300w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/biennale-5-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/biennale-5-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1387px) 100vw, 1387px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-437\" class=\"wp-caption-text\"><strong>Gal Weinstein<\/strong>, <em>Sun stand still, 2017<\/em>; 57. Esposizione Internazionale d\u2019Arte &#8211; La Biennale di Venezia,<em> Viva Arte Viva<\/em>; Photo by: Francesco Galli<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der griechische Pavillon zeigt eine Installation von George Drivas mit dem Titel <em>Laboratory of Dilemmas<\/em>. Dabei geht es um ein abgebrochenes wissenschaftliches Experiment mit Zellkulturen aus den 1960er Jahren, welches die Wissenschaftler ab einem gewissen Punkt in ein Dilemma gef\u00fchrt hatte: Neue Zellen waren dabei unerwartet entstanden, was zur Frage f\u00fchrte, ob diese gesch\u00fctzt werden sollten oder aber die bisher schon bestehenden Zellen, an welchen das Experiment durchgef\u00fchrt wurde, von diesen getrennt werden und damit unver\u00e4ndert erhalten werden sollten. Die Installation zeigt das bislang nicht ver\u00f6ffentlichte Material einer Dokumentation des Experiments, das anfangs gefilmt wurde, ab dem Auftreten der in das Dilemma f\u00fchrenden Schwierigkeiten aber nur mehr akustisch festgehalten wurde. Die Besprechung, die \u00fcber den Fortgang des Experiments entscheiden sollte, wurde lediglich schriftlich dokumentiert, Aufnahmen durften nicht mehr gemacht werden. Die Besprechung wurde f\u00fcr die Biennale von Schauspielerinnen und Schauspielern nachgespielt und gefilmt, wobei das Dilemma in seinen Einzelheiten dargestellt wird, ohne dass \u00fcber seine Aufl\u00f6sung berichtet w\u00fcrde. In einer Endlosschleife wiederholt sich seine Explikation. Der Leiter des Experiments hatte das f\u00fcr ihn unaufl\u00f6sbare Dilemma nicht zuletzt auch im Lichte von Aischylos\u2018 <em>Iketides<\/em> reflektiert. Das antike St\u00fcck behandelt die Frage, wie mit schutzsuchenden Fremden umgegangen werden soll, deren Aufnahme zu einer Gef\u00e4hrdung der eigenen Bev\u00f6lkerung f\u00fchren k\u00f6nnte. In der Installation \u00fcberblenden sich antikes Theater, wissenschaftliches Experiment und gegenw\u00e4rtige Politik. Die Pointe dabei ist, dass antiker Stoff und aktuelles Geschehen nicht unmittelbar aufeinander bezogen werden, sondern \u00fcber die sonderbare und nie ganz aufgehende Vermittlung eines selbst schon in die Vergangenheit ger\u00fcckten Experimentes. Es hat mithin eine interessante Verschiebung oder Brechung statt, die darum wei\u00df, dass antike Tradition nicht direkt auf aktuelle Fragen bezogen werden kann. Akte der Vermittlung gleiten allzu leicht ins K\u00fcnstliche ab oder gelingen nur partiell \u2026<\/p>\n<h3>4) Ausblick<\/h3>\n<p>Die \u00dcberlegungen zur Rezeption antiker und biblischer Motive im Rahmen der Biennale 2017 brechen an dieser Stelle ab. Besucherinnen und Besucher der Kunstschau, die andere Exponate als ich gesehen haben oder aber dieselben anders gesehen haben, sind herzlich eingeladen, die \u00dcberlegungen fortzusetzen.<\/p>\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Rat-Blog Nr. 9\/2017<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seinem Beitrag zur Biennale 2017 geht Jakob Deibl der Frage nach, welche Gestalt in dieser gro\u00dfartigen Schau die Auseinandersetzung mit dem antiken und biblischen Erbe hat \u2013 einem Erbe, das lange Zeit europ\u00e4ische Kunst pr\u00e4gte.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,144],"tags":[9,43,51,190,191,76,11,85,112,113],"ppma_author":[271],"class_list":["post-454","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-beitraege","category-kunst","tag-ausstellungen-und-museen","tag-heilige-schriften","tag-judentum","tag-kunst","tag-literatur-und-aesthetik","tag-migration-und-integration","tag-oeffentlicher-raum","tag-politik","tag-tradition-und-moderne","tag-transformation","eq-blocks"],"authors":[{"term_id":271,"user_id":0,"is_guest":1,"slug":"jakob-deibl","display_name":"Jakob Deibl","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/?s=96&d=mm&r=g","author_category":"","user_url":"https:\/\/jakob-helmut-deibl.at\/","last_name":"Deibl","first_name":"Jakob","job_title":"","description":"Assoz-Prof. DDr. Jakob Helmut Deibl lehrt Theologie mit Schwerpunkt \"Religion und \u00c4sthetik\" an der Katholisch-Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Wien und ist wissenschaftlicher Manager des Forschungszentrums RaT."}],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/454","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=454"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/454\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3571,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/454\/revisions\/3571"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=454"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=454"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=454"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fppma_author&post=454"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}