{"id":4677,"date":"2026-03-11T16:05:57","date_gmt":"2026-03-11T16:05:57","guid":{"rendered":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=4677"},"modified":"2026-03-18T13:25:33","modified_gmt":"2026-03-18T13:25:33","slug":"wildern-in-den-texten-von-michel-de-certeau-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=4677","title":{"rendered":"Wildern in den Texten von Michel de Certeau (Teil 1)"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon mehrfach ist im RaT-Blog der Name Michel de Certeau erw\u00e4hnt worden. Certeau war einer der Lieblingsdenker von Papst Franziskus. Eines seiner Hauptwerke ist die <em>Kunst des Handelns<\/em>, die im Jahr 1980 im franz\u00f6sischen Original mit dem Titel <em>L\u2019Invention du Quotidien<\/em> erschienen ist.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der gemeine Mann<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es geht in diesem Buch um die Handlungen des <em>gemeinen Mannes<\/em>. Certeau beschreibt den gemeinen Mann nicht als eine konkrete Person, sondern als eine philosophische und literarische Figur. Er ist der namenlose Anti-Held und wird mit Figuren wie \u201e<em>Jedermann<\/em>\u201c oder \u201e<em>Niemand<\/em>\u201c gleichgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Literatur nutzt diesen Jedermann, um eine universelle Wahrheit darzustellen. Der gemeine Mann steht insofern f\u00fcr \u201ealle\u201c. Diese Figur wird dazu verwendet, um \u00fcber das Universelle (wie den Tod oder das Schicksal) zu sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als \u00d6sterreicher denke ich beim Wort Jedermann unwillk\u00fcrlich an das Theaterst\u00fcck von Hugo von Hofmannsthal, das seit mehr als 100 Jahren bei den Salzburger Festspielen aufgef\u00fchrt wird. Die Vorlage f\u00fcr den Jedermann war ein englisches Mysterienspiel: <em>Everyman. A Morality Play<\/em>, gedruckt in London im zweiten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts. Es ist ein Charakteristikum eines solchen Mysterienspiels, dass nicht Individuen auftreten, sondern Personifikationen: etwa der Sensenmann, der Mammon, der Glaube. Die Handlung des Mysterienspiels ist demnach eine Allegorie des christlichen Weltgef\u00fcges, vor dem sich jedermann verantworten muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein anderes Synonym f\u00fcr den gemeinen Mann ist laut Certeau der <em>Niemand<\/em>. Damit kommen wir zum listenreichen Odysseus. Als Odysseus den Zyklopen Polyphem blendet, nutzt er den Namen \u201eNiemand\u201c als List, als taktisches Werkzeug, um seinen k\u00f6rperlich \u00fcberlegenen Gegner in die Irre zu f\u00fchren. Odysseus \u00fcberlebt durch <em>metis<\/em> \u2013 eine Form von Intelligenz, die sich dem Augenblick anpasst und die Kraft des Gegners (wie ein <em>Trampolin<\/em>) gegen ihn selbst wendet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie bereits in Zusammenhang mit dem Mysterienspiel erw\u00e4hnt wurde der gemeine (Jeder-)Mann strategisch von Gelehrten und Schriftstellern f\u00fcr universelle Aussagen verwendet. Sigmund Freud hat in seinem Essay <em>Das Unbehagen in der Kultur<\/em> an vielen Stellen vom gemeinen Mann gesprochen. Genau genommen hat er sich jedoch als Experte \u00fcber den gemeinen Mann erhoben. Certeau merkt auch an, dass der \u201ealte Freud\u201c erkannte, dass er selbst vielleicht auch nur ein gemeiner Mann und sein Werk auch nur ein \u201eZeitvertreib\u201c sein k\u00f6nnte, was die Grenze zwischen dem \u201eerhabenen Wissenden\u201c und dem \u201egemeinen Mann\u201c wieder aufl\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die (vorgebliche) Perspektive des oft vergessenen, gemeinen Mannes wird auch oft von den Politikern benutzt. Beispielsweise hat Donald Trump 2017 in seiner Inaugural Address gesagt: \u201eThe forgotten men and women of our country will be forgotten no longer. Everyone is listening to you now.\u201d<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Strategien und Taktiken, Ort und Raum<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Certeau unterscheidet zwischen den <em>Strategien<\/em> der M\u00e4chtigen, die ihren eigenen <em>Ort<\/em> haben (z.B. Gesetzestexte, b\u00fcrokratische Regeln, IT Systeme) und den <em>Taktiken<\/em> des gemeinen Mannes, der die sich in den Orten ergebenden (Frei-)<em>R\u00e4ume<\/em> wie ein Mietnomade bewohnt. Wir gemeinen M\u00e4nner nutzen kleine Gelegenheiten, \u201ewildern\u201c in den Systemen der M\u00e4chtigen und biegen die Regeln kreativ um.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Certeaus Buch geht es darum, wie der gemeine Mann versucht mit subversiven und listigen Taktiken in den M\u00fchlen der Macht mit ihren \u00dcberwachungs- und Regelungsstrategien zu \u00fcberleben. Certeau interessiert sich insbesondere f\u00fcr die identit\u00e4tsstiftende Funktion dieser listigen Taktiken.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Expertensprache und Alltagssprache<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Strategien der Macht nutzen das Wissen von Experten, z.B. Experten f\u00fcr Technologien. Diese Experten beschr\u00e4nken sich jedoch in ihren Aussagen nicht auf ihre Kernexpertise, sondern nutzen ihr Ansehen bzw. die daraus abgeleitete Autorit\u00e4t und treffen generelle Aussagen dar\u00fcber, wie das menschliche Zusammenleben organisiert werden sollte. Dabei kommt es zum \u201eParadox der Autorit\u00e4t\u201c: Je mehr Autorit\u00e4t ein Experte aus\u00fcbt, desto mehr \u201everliert\u201c er seine urspr\u00fcngliche fachliche Kompetenz. Seine Kompetenz wird \u201eersch\u00f6pft\u201c wie die Energie eines Fahrzeugs. Um seine Macht zu behalten, muss er so tun, als h\u00e4tte er noch das Wissen, w\u00e4hrend er in Wahrheit nur noch die Rolle der Autorit\u00e4t spielt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Interessanterweise machen Intellektuelle etwas \u00c4hnliches: auch sie haben \u00fcblicherweise gewisse Kernkompetenzen, treffen dann aber Aussagen, die die ganze Gesellschaft betreffen. Anders als die Experten sprechen Intellektuelle jedoch nicht aus einer Position der Macht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Experten sprechen eine Fachsprache, die der gemeine Mann nur schwer versteht. Durch die Nutzung dieses Jargons erhebt sich der Experte vom \u00fcber den gemeinen Mann. Die dialektische Pointe ist jedoch, dass letztlich die Expertensprache der allt\u00e4glichen Sprache unterlegen ist. Denn die Alltagssprache bietet viel mehr Ausdrucksm\u00f6glichkeiten \u2013 inkl. Witz und Ironie \u2013 als die Expertensprache. Certeau spricht davon, dass die Alltagssprache die Expertensprache <em>\u00fcberflutet<\/em>, so wie \u201edas Meer Str\u00e4nde \u00fcberflutet\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die von den Experten geschaffene moderne Wissenschaft hat sich k\u00fcnstliche Inseln geschaffen, die durch strikte Grenzen und k\u00fcnstliche Sprachen definiert sind. Diese Bereiche funktionieren nach rationalen, formalisierten Regeln und versuchen, alles \u201eDunkle\u201c oder \u201eAbergl\u00e4ubische\u201c zu eliminieren. Alles, was nicht in diese rationalen Raster passt \u2013 das Unvorhersehbare, das Banale, das Allt\u00e4gliche \u2013, wird als \u201eKultur\u201c bezeichnet. Dieser Bereich ist f\u00fcr de Certeau das \u201eEveryday Life\u201c, das Ursprungsland, aus dem die Wissenschaft einst geflohen ist. Aber das, was von den Experten m\u00fchsam abgetrennt worden ist, das Banale, und der gemeine Mann, kehrt als Ort zur\u00fcck, an dem das Wissen sich selbst ersch\u00fcttert sieht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Philosophen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Unterschied zum Experten beharrt ein Philosoph bzw. ein Intellektueller gegen\u00fcber den einzelnen Techniken (Mathematik, Logik, Psychiatrie etc.) auf der Relevanz allgemeiner Fragestellungen. Er versucht, die Verbindung zum Ganzen zu halten. Auch Philosophen und Intellektuelle sprechen h\u00e4ufig in einer Fachsprache, die dem gemeinen Mann unverst\u00e4ndlich bleibt, und Certeau selbst ist hier keine Ausnahme.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Certeau beruft sich in diesem Zusammenhang auf Ludwig Wittgenstein, der die k\u00fcnstliche Sprache der Experten (insbesondere der Experten in Sachen Metaphysik und Ethik) reinigen wollte. Er wollte \u2013 mit anderen Worten &#8211;&nbsp; die Herrensignifikanten (ein Ausdruck von Jacques Lacan, dessen Seminare Certeau regelm\u00e4\u00dfig besucht hat) wie Nietzsche mit dem Hammer abklopfen, um herauszufinden, ob sie innen hohl sind. Wittgenstein und Certeau werfen den Philosophen vor, W\u00f6rter aus dem Alltagsgebrauch herauszunehmen und auf einen Altar zu stellen. F\u00fcr sie ist die Sprache jedoch eher ein Werkzeugkasten, der zum allgemeinen Gebrauch bestimmt ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wittgenstein verfolgt das Ziel, W\u00f6rter von ihrem \u201emetaphysischen\u201c Gebrauch wieder auf ihren \u201eallt\u00e4glichen\u201c Gebrauch zur\u00fcckzuf\u00fchren.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Er weigert sich, die Sprache zu abstrahieren oder sie in ein k\u00fcnstliches System zu pressen. Anstatt nach einer \u201eh\u00f6heren Wahrheit\u201c hinter den W\u00f6rtern zu suchen, betrachtet er sie als sprachliche Praktiken, die in das soziale Leben eingebettet sind. Wittgenstein kritisiert insbesondere auch den Philosophen als Experten. Er behandelt die Sprache so, dass niemand eine h\u00f6here Kompetenz beanspruchen kann als der gew\u00f6hnliche Sprecher selbst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend Heidegger das Wort \u201eZeit\u201c wie ein mysteri\u00f6ses Objekt behandelt, das man im Labor untersuchen m\u00fcsste, stellt Wittgenstein stattdessen die Frage: \u201eWie benutzen wir das Wort &#8218;Zeit&#8216; eigentlich im Alltag?\u201c. Wir sagen beispielsweise: \u201eIch habe keine Zeit\u201c, \u201eDie Zeit vergeht wie im Flug\u201c oder \u201eKomm p\u00fcnktlich zur Essenszeit\u201c. Wittgenstein legt sich ein strenges Programm auf: Nichts zu sagen, au\u00dfer dem, was sich tats\u00e4chlich sagen l\u00e4sst. Er m\u00f6chte die Augiasst\u00e4lle der Intellektualit\u00e4t ausmisten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wittgenstein versucht nicht, die Welt von oben herab zu erkl\u00e4ren, sondern er analysiert die Sprache wie ein Spiel, dessen Regeln wir bereits kennen. Er beweist, dass es hier keine Experten gibt, sondern nur Teilnehmer an gemeinsamen \u201eLebensformen\u201c. Der Philosoph hat keinen privilegierten Ort mehr, von dem aus er die Welt \u00fcberblicken oder kontrollieren k\u00f6nnte. Jede Herrschaftsposition des Diskurses wird aufgel\u00f6st, da sowohl das analysierende Subjekt als auch das analysierte Objekt denselben Status haben: Sie sind beide von den Regeln der praktischen T\u00e4tigkeit bestimmt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Bezugnahme auf Merleau-Ponty beschreibt Certeau die Sprache als ein lebendiges, flie\u00dfendes Geflecht von Handlungen und spricht von der \u201e<em>Prosa<\/em> der Welt\u201c in Abgrenzung zur <em>Lyrik<\/em> der Metaphysik oder dem <em>Jargon<\/em> der Experten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er verwendet die Metapher des Schiffs: Wir sind in die Alltagssprache \u201eeingeschifft\u201c. Wir bewegen uns mit ihr, wir steuern sie, aber wir stehen niemals au\u00dferhalb der Fluten. Die Prosa der Welt ist keine statische Struktur, sondern eine st\u00e4ndige Bewegung. Die Sprache ist ein \u201eEnsemble von Praktiken\u201c. Die \u201eProsa der Welt\u201c ist unordentlich, vieldeutig und geschichtlich \u2013 und genau das macht ihre St\u00e4rke aus, weil sie sich der totalen Kontrolle durch Experten entzieht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Certeau argumentiert hier \u00e4hnlich wie Lacan, der ebenfalls betont hat, dass niemand au\u00dferhalb der Sprache stehen kann. Daher kann sich auch ein Philosoph oder Sprachexperte nicht \u00fcber die Sprache erheben, um sie zu kontrollieren, da er selbst ein Produkt dieser Sprache ist.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ethnologen in der Alltagswelt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Certeau schl\u00e4gt nun den Intellektuellen vor, sich wie Ethnologen in der Alltagswelt zu bewegen. Es geht darum, das Vertraute unvertraut zu machen. Denn wenn man n\u00e4her dar\u00fcber nachdenkt, ist der Status quo oft sehr r\u00e4tselhaft. Certeau spricht von der <em>Unheimlichkeit des Alltags<\/em>. Auch Denker wie Slavoj Zizek oder Zygmunt Bauman weisen uns deutlich darauf hin, dass es eine (verdeckte) Ideologie ist, die uns sagt, dass es keine Alternative zur fl\u00fcchtig modernen und kapitalistischen Konsumgesellschaft gibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Zusammenhang f\u00e4llt mir die Persiflage einer ethnologischen Dokumentation ein, bei der ein afrikanisches Forscherteam das \u201eStammritual\u201c der Ober\u00f6sterreicher \u2013 das rituelle Verzehren von Grillhendln bei Volksfesten, das im Vogerltanz kulminiert&nbsp; \u2013 untersucht (Das Fest des Huhnes\u201c von 1992, Regie Walter Wippersberg). Die Kamera beobachtet Trachten, Musik, Bierzelte und das kollektive Verspeisen von H\u00fchnern \u2013 alles mit der distanzierten, wissenschaftlich-anthropologischen Sprache klassischer Ethnologie. Allt\u00e4gliche Praktiken wirken dadurch pl\u00f6tzlich irrational, kultisch oder grotesk.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u201eTrampolinagem\u201c \u2013 Die listige Akrobatik<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Trampolinspringer besitzt nicht den Boden; er nutzt die Spannung eines Netzes, das andere f\u00fcr ihn aufgespannt haben. Certeau illustriert diese listige Akrobatik am Beispiel von indigenen Bauern in Lateinamerika, das er als Missionar bereist hat. Sie besitzen kein Land und keine politischen Institutionen. Sie befinden sich im \u201eNetz der etablierten Kr\u00e4fte\u201c. Statt gegen das Netz zu k\u00e4mpfen, nutzen sie dessen eigene Elastizit\u00e4t (die Regeln der M\u00e4chtigen), um sich in die Luft zu katapultieren. Sie nehmen beispielsweise die christlichen Symbole aber machen etwas v\u00f6llig anderes daraus: Wenn sie ein christliches Gebet sprachen oder ein Heiligenbild verehrten, taten sie das oft, um im Geheimen ihre eigenen alten G\u00f6tter oder Ahnen zu ehren. Die \u00e4u\u00dfere Form war christlich (Strategie der Eroberer), aber der innere Sinn war indigen (Taktik der Ureinwohner).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein gutes Besipiel ist die Figur des Scapin in Moli\u00e8res Kom\u00f6die Die Schelmenstreiche des Scapin (Les Fourberies de Scapin). Er ist ein Diener, der f\u00fcr seine Herren l\u00fcgt und betr\u00fcgt. Aber er tut es mit einer solchen artistischen Brillanz, dass er am Ende der eigentliche Regisseur des Geschehens ist: Im St\u00fcck wird Scapin von zwei jungen M\u00e4nnern um Hilfe gebeten, deren geizige und autorit\u00e4re V\u00e4ter ihre Heiratspl\u00e4ne verhindern wollen. Scapin nutzt die Gier und die Eitelkeit der V\u00e4ter als Trampolin. In einer Szene redet er dem geizigen Vater G\u00e9ronte ein, sein Sohn sei von T\u00fcrken auf einer Galeere entf\u00fchrt worden und man m\u00fcsse sofort L\u00f6segeld zahlen. Scapin bringt den Geizhals in der Folge dazu, ihm freiwillig Gold zu geben, w\u00e4hrend er innerlich \u00fcber dessen Dummheit lacht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Metis als listiger Spielzug oder Trick<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Certeau sieht in dem, was die alten Griechen als <em>metis<\/em> bezeichnet haben, eine Form des Wissens, die von der modernen, westlichen Vernunft verdr\u00e4ngt wurde. W\u00e4hrend eine Strategie Zeit und einen ausgekl\u00fcgelten Plan braucht, ben\u00f6tigt. metis hingegen nur den g\u00fcnstigen Augenblick (Kairos). Metis zeigt sich nur im Moment des \u201eCoups\u201c (des Treffers) und verschwindet dann wieder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Spiel hat feste Regeln (Strategie), aber jeder einzelne Spielzug ist eine Taktik, die auf die konkrete Situation des Gegners reagiert. Die Spieler speichern keine abstrakten Gesetze ab, sondern ein Repertoire von Handlungsmodellen. Sie wissen aus Erfahrung, welcher Trick in welcher Situation funktioniert.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u201eFaire la perruque\u201c<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese im Franz\u00f6sischen gebr\u00e4uchliche Redewendung l\u00e4sst sich nicht direkt ins Deutsche \u00fcbersetzen. Es wird damit die Privatnutzung von Arbeitsmitteln bezeichnet. Ein Arbeiter nutzt beispielsweise die Maschinen, die Zeit und das Material seines Arbeitgebers, um w\u00e4hrend der Arbeitszeit etwas f\u00fcr sich selbst herzustellen (z.B. ein M\u00f6belst\u00fcck reparieren) oder ein Geschenk basteln. Der Arbeiter bestiehlt die Fabrik nicht direkt (er nimmt meist nur Reste), aber er entzieht der Fabrik Zeit und Profit. Er arbeitet \u201efrei, kreativ und vor allem nicht f\u00fcr den Profit\u201c inmitten eines Systems, das ihn eigentlich kontrolliert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es bereitet Vergn\u00fcgen, zwecklose Produkte zu erfinden, die nur dem eigenen Genuss oder der Solidarit\u00e4t unter Kollegen dienen. Certeau zieht eine Verbindung zum anthropologischen Konzept des <em>Potlatch<\/em> (ein rituelles Fest des verschwenderischen Schenkens), \u00fcber das Marcel Mauss geschrieben hat. Certeau betont, dass auf diese Art die \u00d6konomie der Gabe wieder in ein System einzuf\u00fchren, das ansonsten nur noch nach Profit und kalter Logik funktioniert. Die Perr\u00fccke wird zu einem Akt des Exzesses und des Protests gegen die totale Verwertbarkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man k\u00f6nnte auch sagen, dass Certeau selbst Perr\u00fccken gemacht hat: Er nutzte die wissenschaftlichen und theologischen Werkzeuge seiner Zeit, um eine Theorie der Freiheit des \u201ekleinen Mannes\u201c zu schreiben, die eigentlich quer zu allen akademischen Disziplinen lag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein zeitgen\u00f6ssischer Beleg f\u00fcr die Aktualit\u00e4t von Certeaus Taktiken findet sich in dem subversiven Manifest der franz\u00f6sischen \u00d6konomin und Psychoanalytikerin Corinne Maier. In ihrem Bestseller <em>Bonjour Paresse<\/em> (dt. Die Entfesselung der Faulheit) beschreibt sie das moderne Gro\u00dfunternehmen \u2013 am Beispiel ihres eigenen Arbeitgebers \u00c9lectricit\u00e9 de France \u2013 als einen jener Orte, an denen die strategische Expertenmacht eine hohle Jargon-Welt erschaffen hat. Maier empfiehlt dem gemeinen Mann im B\u00fcro eine Taktik der aktiven Desintegration: Anstatt das System frontal anzugreifen, pl\u00e4diert sie daf\u00fcr, sich innerhalb der Konzernstrukturen so unsichtbar wie m\u00f6glich zu machen, keine Verantwortung zu \u00fcbernehmen und die Zeit f\u00fcr private Belange zu nutzen. Dieser Ratschlag ist eine radikale, fast zynische Anwendung von Certeaus <em>faire la perruque<\/em>. Diese Taktik dient der Rettung des eigenen Subjekts. Man bewohnt den Raum der Macht als \u201eMietnomade\u201c, der dem System nur noch die blo\u00dfe k\u00f6rperliche Anwesenheit leiht, w\u00e4hrend der Geist l\u00e4ngst \u201ewildert\u201c.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-content-justification-center is-layout-flex wp-container-core-buttons-is-layout-fe48e5de wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-vivid-cyan-blue-background-color has-background wp-element-button\" href=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=4683\">Hier geht es weiter mit Teil 2<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Photocredit: <\/strong>Title image created using Gemini AI.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>RaT-Blog Nr. 2\/2026<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon mehrfach ist im RaT-Blog der Name Michel de Certeau erw\u00e4hnt worden. 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Eines seiner Hauptwerke ist die Kunst des Handelns, die im Jahr 1980 im franz\u00f6sischen Original mit dem Titel L\u2019Invention du Quotidien erschienen ist. &#8211; Erster Teil des Essays von <b>Christian Macha<\/b><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4679,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"ppma_author":[325],"class_list":["post-4677","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-uncategorized","eq-blocks"],"authors":[{"term_id":325,"user_id":0,"is_guest":1,"slug":"christian-macha","display_name":"Christian Macha","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/?s=96&d=mm&r=g","author_category":"1","user_url":"https:\/\/open.substack.com\/pub\/christianmacha","last_name":"Macha","first_name":"Christian","job_title":"","description":"Christian Macha hat an der WU Handelswissenschaften studiert und im Fach Soziologie mit einer Arbeit \u00fcber J\u00fcrgen Habermas, Ulrich Beck und Niklas Luhmann promoviert, das was 1993. 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