{"id":4683,"date":"2026-03-18T13:16:25","date_gmt":"2026-03-18T13:16:25","guid":{"rendered":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=4683"},"modified":"2026-03-18T13:16:26","modified_gmt":"2026-03-18T13:16:26","slug":"wildern-in-den-texten-von-michel-de-certeau-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=4683","title":{"rendered":"Wildern in den Texten von Michel de Certeau (Teil 2)"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-buttons is-content-justification-center is-layout-flex wp-container-core-buttons-is-layout-fe48e5de wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-vivid-cyan-blue-background-color has-background wp-element-button\" href=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=4677\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Der erste Teil des Textes von Christian Macha kann hier nachgelesen werden.<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Sprechakte sind wie Gehen in der Stadt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Certeau \u00fcbertr\u00e4gt vier Begriffe aus der Sprachwissenschaft auf das menschliche Handeln: realisieren, aneignen, postulieren und Zeitlichkeit. F\u00fcr de Certeau ist \u201eetwas benutzen\u201c (wie eine Bank oder ein Textbuch) genau dasselbe wie \u201eeinen Satz sprechen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das System (die Sprache, das Gesetz) ist rein virtuell. Es ist wie ein staubiges W\u00f6rterbuch im Regal: Es tut nichts, solange niemand ein Wort daraus benutzt. Erst durch die \u201e\u00c4u\u00dferung\u201c (den Sprechakt oder die Handlung) wird das System realisiert. Der Nutzer eignet sich die Sprache an. Er ist nicht mehr nur ein R\u00e4dchen im Getriebe, sondern er wird zum Akteur. Jeder Sprechakt braucht ein Gegen\u00fcber. Man spricht nie ins Leere; man konstituiert durch das Sprechen eine Beziehung. Jede Handlung setzt einen \u201eAnderen\u201c voraus, mit dem man in Kontakt tritt (einen Partner, einen Gegner, einen Zeugen). Das System (die Regeln der Sprache) will zeitlos und best\u00e4ndig sein. Der Sprechakt (die Taktik) hingegen findet immer nur jetzt statt. Indem man ein System realisiert, es sich aneignet (es f\u00fcr sich nutzt), einen anderen Partner postuliert und die Zeitlichkeit nutzt, wird jedermann somit zum aktiven \u201eAutor seines eigenen Lebens\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Certeau \u00fcbertr\u00e4gt die vier Begriffe (Realisieren, Aneignen, Postulieren, Zeitlichkeit) nun eins zu eins auf den Fu\u00dfg\u00e4nger. Der Fu\u00dfg\u00e4nger eignet sich das topographische System (den Stadtplan) an, genau wie der Sprecher sich die Sprache aneignet. Er sagt: \u201eDas ist jetzt mein Weg.\u201c Der Stadtplan ist nur eine tote Zeichnung. Erst durch das Gehen wird der Ort realisiert. Das Gehen schafft eine Beziehung zwischen den Orten. Es verbindet das \u201eHier\u201c mit dem \u201eDort\u201c. Gehen findet zu einer konkreten Zeit und den dann herrschenden Bedingungen statt (Regen oder Sonnenschein).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Rabelais gegen die Schrift-Wirtschaft<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Certeau nutzt Rabelais (den Autor von <em>Gargantua und Pantagruel<\/em>), um das \u201eWilde\u201c und das \u201eK\u00f6rperliche\u201c gegen die kalte, ordnende Schrift-Wirtschaft der Moderne auszuspielen. Die Schrift-Wirtschaft ist das System der B\u00fcrokratie, der gro\u00dfen Unternehmen und der Wissenschaft, das versucht, das Leben in saubere Spalten, Bilanzen und Texte zu pressen. Rabelais steht f\u00fcr eine Sprache, die \u00fcberquillt, die lacht, die k\u00f6rperlich ist und die sich nicht disziplinieren l\u00e4sst. Rabelais erinnert uns daran, dass es immer einen Rest gibt \u2013 einen \u201eAbfall\u201c oder ein \u201eFleisch\u201c \u2013, das nicht in die Bilanz passt. Rabelais ist ber\u00fchmt f\u00fcr seinen Humor, der das Hohe (die Kirche, das Recht) mit dem Niedrigen (dem Fressen, dem Verdauen, der Sexualit\u00e4t) vermischt. Certeau \u00fcbernimmt von ihm die Idee, dass man eine \u00fcberm\u00e4chtige Institution (wie die Sorbonne bei Rabelais) durch Parodie und \u00dcbertreibung unterwandern kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An Michel Foucault und Pierre Bourdieu kritisiert Certeau, dass sie das Subjekt zum passiven Opfer der Dispositive der Macht (Foucault) oder zur Marionette der sozialen Herkunft bzw. des Habitus (Bourdieu) machen. Er sieht hingegen in den subversiven Taktiken des gemeinen Mannes einen gr\u00f6\u00dferen Spielraum des Subjekts.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf zeitgen\u00f6ssische Denker bezogen: W\u00fcrde Slavoj \u017di\u017eek Kafkas die listigen Taktiken des gemeinen Mannes feiern? Aus \u017di\u017eeks Perspektive k\u00f6nnte man argumentieren, dass Kafkas und Maiers private Fluchten genau jene verdeckte Ideologie des Systems st\u00fctzten. Sie fungieren vielleicht nur als das notwendige Sicherheitsventil, das es dem gemeinen Mann erm\u00f6glicht, den restlichen Tag als funktionierendes R\u00e4dchen in den gro\u00dfen Unternehmen zu verbringen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Kunst der Urteilskraft<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es geht de Certeau darum, dass die Theorie (ein Begriff der 1970er) selbst eine \u201eKunst\u201c (im Sinne von Techne oder Handwerk) werden muss. Eine Theorie, die das Handeln nur in Tabellen und Gesetze presst (die \u201eSchrift-Wirtschaft\u201c), t\u00f6tet ihren Gegenstand. Die Theorie soll eher wie eine Erz\u00e4hlung sein. Sie soll nicht behaupten, die ganze Wahrheit \u201evon oben\u201c zu sehen, sondern sie soll sich unter die Praktiken mischen. Anstatt zu sagen \u201eSo ist es\u201c (dogmatisch), sollte die Theorie sagen \u201eUnd dann passierte das&#8230;\u201c (narrativ). Sie sollte den Reichtum der M\u00f6glichkeiten offenhalten, statt ihn durch Definitionen zu schlie\u00dfen. Certeau stellt fest, dass die Menschen ihre \u201eKniffe\u201c und Listen meist in Form von Geschichten weitergeben. Eine Taktik l\u00e4sst sich nicht in einer mathematischen Formel fixieren, sondern sie entfaltet sich in einem Reisebericht, wo der Ort zum Raum wird. In diesem Zusammenhang beruft sich Certeau auch auf Immanuel Kant. Er findet in Kants <em>Kritik der Urteilskraft<\/em> eine Form des Denkens, die nicht nach starren Regeln funktioniert, sondern die Regel erst im Handeln, im Einzelfall findet.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Es spukt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Certeau fragt, warum wir \u00fcberhaupt bestimmte Wege einschlagen. Was treibt uns an? F\u00fcr ihn sind Ortsnamen \u201emythische Relikte\u201c. Ein Name Universit\u00e4t oder Stephansdom ist ein leerer Beh\u00e4lter, den der Gehende mit seinen eigenen Geschichten f\u00fcllt. Jeder bewohnte Raum ist ein \u201eSpukort\u201c. Er ist von den Geistern der Vergangenheit, von pers\u00f6nlichen Erinnerungen und Legenden besiedelt. Ein Ort wird erst dadurch menschlich, dass dort etwas \u201espukt\u201c \u2013 das sind Erinnerungen, geheime W\u00fcnsche oder Geschichten, die dort fr\u00fcher passiert sind. Unter der geplanten Stadt der Strategen liegt eine unsichtbare Stadt der Mythen und Tr\u00e4ume.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Schiff und Kerker<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Certeau nutzt die Metapher der Eisenbahn und des Schiffes, um das Paradoxon der modernen Existenz in Institutionen zu beschreiben. Er beschreibt den Zug, das Schiff (metaphorisch vielleicht das B\u00fcro) als einen Kerker oder goldenen K\u00e4fig, der sich durch die Landschaft bewegt. W\u00e4hrend der K\u00f6rper unbeweglich am Schreibtisch verharrt, \u201ereist\u201c der Geist durch das Fenster nach drau\u00dfen. Das Fensterglas (z.B. auch das Gehalt) sch\u00fctzt, aber es isoliert dich auch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr Franz Kafka war die Prager AUVA jener m\u00e4chtige Ort, an dem die Strategien der Moderne \u2013 die Verwaltung von Unf\u00e4llen, die B\u00fcrokratisierung des Leids und die technologische \u00dcberwachung&nbsp; \u2013 ihren festen Sitz hatten. In den M\u00fchlen dieser Macht fungierte Kafka offiziell als jener Experte: Er beherrschte die Fachsprache der Versicherungstechnik und verfasste Berichte \u00fcber Holzbearbeitungsmaschinen, die von jener Autorit\u00e4t strotzten, die das System von ihm verlangte. Doch ich stelle mir vor, dass Kafka w\u00e4hrend er nach au\u00dfen hin die Strategien der Institution repr\u00e4sentierte, im Inneren die reinste Form der Taktik praktizierte: Kafka bewohnte seinen B\u00fcroschreibtisch wie ein \u201eMietnomade\u201c. Er nutzte die Infrastruktur der Macht \u2013 das Papier, die Tinte, die Stille des Vormittags \u2013, um seine eigenen, subversiven R\u00e4ume zu schaffen<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kafka nutzte den Jargon der Beamten, aber nicht, um Autorit\u00e4t zu zementieren, sondern um das \u201eVertraute unvertraut zu machen\u201c. In seinen Texten wird die Alltagssprache, angereichert mit der unterk\u00fchlten Pr\u00e4zision des Protokolls, zu jenem Meer, das die Str\u00e4nde der b\u00fcrokratischen Logik \u00fcberflutet. Kafka klopfte die hohlen \u201eHerrensignifikanten\u201c der kaiserlich-k\u00f6niglichen Verwaltung mit dem Hammer ab und legte das R\u00e4tselhafte und Groteske des Status quo frei.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die mythische Praxis des Schreibens<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Moderne hat das Schreiben die Funktion \u00fcbernommen, die fr\u00fcher der Mythos hatte. Es ist das Werkzeug, mit dem wir die Welt ordnen und uns ihrer bem\u00e4chtigen. Fr\u00fcher erkl\u00e4rten Mythen, wie die Welt entstanden ist. Heute glauben wir, dass wir die Zukunft \u201eschreiben\u201c k\u00f6nnen (durch Planung, Wissenschaft und B\u00fcrokratie). Das Schreiben ist unser moderner Glaube daran, dass wir die Welt durch Vernunft und Dokumentation perfektionieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Schreiben beginnt mit einer radikalen Trennung: dem Isolieren eines eigenen Ortes, der leeren Seite. Die leere Seite ist ein Raum, der von der \u201ewilden\u201c, unordentlichen Welt da drau\u00dfen abgegrenzt ist. Auf dieser Seite ist der Schreibende der Herrscher. Er kann dort eine eigene Welt erschaffen, die logisch und kontrolliert ist; Certeau nennt dies die Transformation: das rohe Material wird in Zeichen verwandelt. Das Ziel ist ein fertiges Produkt \u2013 das Buch, der Bericht, das Gesetz. Dieses Produkt soll die Realit\u00e4t da drau\u00dfen ver\u00e4ndern oder beherrschen. Certeau zieht eine Parallele zur Eroberung Amerikas. Das Schreiben ist wie das Hissen einer Flagge. Der Text ist ein Eroberungswerkzeug. In der Moderne gilt nur das als \u201ewirklich\u201c, was schriftlich fixiert ist. Wer schreibt, hat die Macht, die Geschichte zu definieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die Schrift-Wirtschaft ist die Welt da drau\u00dfen (das Leben, die Natur, die m\u00fcndliche Tradition) zun\u00e4chst nur rohes Material. Die Schrift-Wirtschaft will die Welt \u201elesbar\u201c machen. Was nicht geschrieben steht, was nicht in einer Datenbank erfasst ist oder in einer Bilanz auftaucht, gilt in der modernen Gesellschaft als nicht existent oder als \u201eRauschen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Inkorporation, Repr\u00e4sentationsmechanismus<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die \u201eSchrift-Wirtschaft\u201c arbeitet nicht mehr nur auf Papier, sondern nutzt den menschlichen K\u00f6rper selbst als Schreibfl\u00e4che. Das Gesetz ist zun\u00e4chst nur ein abstrakter Text, eine tote Schrift. Damit es Macht erlangt, muss es <em>inkorporiert<\/em> werden. Das Wort muss Fleisch werden. Certeau bezieht sich hier auf Franz Kafkas Erz\u00e4hlung <em>In der Strafkolonie<\/em>. Dort ritzt eine Maschine dem Verurteilten das Gesetz direkt in die Haut und t\u00f6tet ihn damit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der modernen Arbeitswelt ist die Maschine subtiler. Die Einritzung geschieht durch: den Dresscode und die Erfassung der Arbeitszeiten. Im Home Office durch das gr\u00fcne Symbol der Anwesenheit in der Teams App. Der B\u00fcrostuhl und die Tastatur zwingen die H\u00e4nde und den R\u00fccken in eine bestimmte Form.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Certeau argumentiert, dass ein gut disziplinierter K\u00f6rper ein Zitat des Gesetzes ist. Wir glauben, wir dr\u00fccken uns selbst aus, aber meistens \u201ef\u00fchren wir nur das Gesetz auf\u201c, das in uns eingeschrieben wurde. Ein Unternehmen und eine Beh\u00f6rde brauchen K\u00f6rper als \u201eDarsteller\u201c ihrer Funktionen, damit ihre eigenen Regeln \u201ewahr\u201c wirken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Certeau beschreibt einen st\u00e4ndigen Austausch: (1) Abstieg: Das Gesetz steigt herab und pr\u00e4gt den K\u00f6rper (Erziehung, Training, Disziplin). (2) Aufstieg: Der gepr\u00e4gte K\u00f6rper produziert nun wieder Zeichen (Berichte, Handlungen, Daten), die zur\u00fcck in die \u201eSchrift-Wirtschaft\u201c flie\u00dfen. (3)&nbsp; Das geschlossene System: Die Schrift produziert K\u00f6rper, und die K\u00f6rper produzieren Schrift. Es ist ein sich selbst erhaltender Kreislauf, der keinen \u201eAu\u00dfenraum\u201c duldet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Inkarnationsapparat ist nichts anderes als die Summe aller Werkzeuge und Verfahren, die aus einem biologischen Menschen ein funktionierendes Mitglied der Gesellschaft \u2013 oder eben z.B. einen Beamten \u2013 machen. Die Inkarnationsapparate funktionieren wie eine Fabrik. De Certeau beschreibt das fast wie einen chirurgischen Eingriff: Der \u201ewilde\u201c K\u00f6rper (der vielleicht lieber im Wald spazieren ginge oder \u00fcber Gott nachdenken w\u00fcrde) wird durch den Inkarnationsapparat \u201ezurechtgestutzt\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Allerdings kann man auch nur so tun, als sei das Gesetz perfekt eingeschrieben, w\u00e4hrend man innerlich einem ganz anderen \u201eText\u201c folgt. Man kann wie Franz Kafka in meinem Bild im B\u00fcro sitzen und an einer Erz\u00e4hlung arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den finalen Schritt, wie die \u201eSchrift-Wirtschaft\u201c (ein Unternehmen, der Staat) den Menschen benutzt, um sich selbst als real zu beweisen, beschreibt Certeau als Repr\u00e4sentationsmechanismus<strong>. <\/strong>Es geht darum, wie das Subjekt verschwindet, damit die \u201eRolle\u201c (der Beamte) f\u00fcr die Au\u00dfenwelt sichtbar wird. Certeau vergleicht die Gesellschaft mit einem lebenden Gem\u00e4lde. Jeder hat seinen Platz, um die Ordnung darzustellen. Wer aus der Rolle f\u00e4llt, st\u00f6rt das gesamte Bild der Macht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich m\u00f6chte die Ideen Certeaus bez\u00fcglich der Pole M\u00fcndlichkeit \/ Schriftlichkeit mit den diesbez\u00fcglichen Gedanken anderer Denker in Bezug bringen: In seinem Aufsatz <em>\u00dcber Sprache \u00fcberhaupt und \u00fcber die Sprache des Menschen<\/em> entwirft Walter Benjamin eine Sprachphilosophie, die ebenfalls das (g\u00f6ttliche) Wort stark macht. F\u00fcr Benjamin war die Sprache im Paradies sch\u00f6pferisch. Gott sprach, und die Dinge waren da. Es gab keine Trennung zwischen Wort und Ding. Im Gegensatz dazu ist unsere heutige Sprache eine \u201egefallene\u201c Sprache. Sie ist nur noch funktional. Benjamin glaubt, dass in den menschlichen Sprachen noch Funken dieser \u201ereinen Sprache\u201c stecken. Er sucht nicht nach Kommunikation, sondern nach der Offenbarung, die im Wort verborgen liegt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht kann man Certeaus Auffassung \u00e4hnlich interpretieren wie die Benjamins. W\u00e4hrend jedoch Benjamin auf eine verlorene Einheit von Wort und Welt zielt, interessiert Certeau weniger die Urspr\u00fcnglichkeit als der Gebrauch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Derrida hat bekanntlich ganz anders argumentiert als Benjamin und Certeau. Er greift in seinem Hauptwerk <em>Grammatologie<\/em> das an, was er <em>Phonozentrismus<\/em> nennt: Seit Platon glaubt das Abendland, dass das gesprochene Wort &#8222;n\u00e4her an der Wahrheit&#8220; oder der Seele sei, weil der Sprecher pr\u00e4sent ist. Die Schrift galt nur als k\u00fcnstlicher, \u201etoter\u201c Ersatz. Derrida dreht das um. F\u00fcr ihn ist Sprache immer schon wie Schrift organisiert. Bedeutung ist nie sofort &#8222;da&#8220;, sondern entsteht erst durch Unterschiede und Aufschub (Diff\u00e9rance). Die Schrift ist bei Derrida nicht der Feind, sondern das Modell f\u00fcr die Instabilit\u00e4t jeder Bedeutung. Er verteidigt die Schrift, um zu zeigen, dass es keine absolute, festgepinnte Wahrheit gibt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Junggesellenmaschine (machine c\u00e9libataire)<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Metapher der \u201eJunggesellenmaschine\u201c ist eine Anleihe von Marcel Duchamp. Certeau nutzt sie, um das absurde Endstadium der \u201eSchrift-Wirtschaft\u201c zu beschreiben: Eine Maschine, die zwar perfekt funktioniert, aber nur noch sich selbst produziert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Junggesellenmaschine ist ein geschlossenes System. Sie produziert kein Gut f\u00fcr die Au\u00dfenwelt. Ihr einziger Zweck ist das Funktionieren an sich. Certeau sieht in der modernen Verwaltung genau so eine Junggesellenmaschine. Es werden Berichte \u00fcber Berichte geschrieben, Sitzungsprotokolle f\u00fcr die n\u00e4chste Sitzung erstellt. Die Schrift-Wirtschaft hat sich so weit verselbstst\u00e4ndigt, dass sie die \u201ewirkliche Welt\u201c (das Fleisch, die Natur, das Chaos) nicht mehr braucht. Sie operiert nur noch mit ihren eigenen Zeichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum \u201eJunggesellen\u201c? Weil diese Maschine keine Nachkommen zeugt. Sie verbindet sich mit nichts anderem. Der Text produziert neuen Text. In der Finanzwelt bedeutet das: Geld produziert Geld, Zahlen produzieren Zahlen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Certeau endet dieses Kapitel mit einer gewissen Melancholie. Er sieht eine Welt, die in ihrer eigenen Schrift gefangen ist \u2013 eine gl\u00e4nzende, effiziente Maschine, die aber \u201eallein\u201c bleibt. Die Junggesellenmaschine ist das Stadium, in dem das System (die Schrift-Wirtschaft) absolut wird. Sie braucht keinen Gott und keinen Menschen mehr, sie braucht nur noch ihre eigenen Prozeduren. Der Mensch in dieser Maschine ist nur noch ein Schmierstoff. Er sorgt daf\u00fcr, dass die Zahnr\u00e4der der Repr\u00e4sentation ineinandergreifen, aber er bringt keine \u201eneue Sch\u00f6pfung\u201c hervor. Er ist Teil eines sterilen Prozesses.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was Certeau als Junggesellenmaschine oder als Schrift-Wirtschaft beschreibt, erinnert an das, was Niklas Luhmann als autopoietische, selbstreferenzielle Systeme definiert hat. Luhmann sagt radikal: \u201eDer Mensch ist kein Teil der Gesellschaft.\u201c Der Mensch (als psychisches System) geh\u00f6rt zur Umwelt des sozialen Systems. Das System kommuniziert nur mit Rollen (der Beamte), nicht mit Individuen. Das erinnert strukturell an denRepr\u00e4sentationsmechanismus, den wir gerade besprochen haben. Das System \u201ebeschreibt\u201c den K\u00f6rper, macht ihn zum \u201eZeichen\u201c und l\u00f6scht das Individuelle aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das perfekte luhmannsche System ist hochgradig ausdifferenziert, selbstreferenziell und blind f\u00fcr alles Au\u00dfer-Systemische. Certeaus Verdienst ist es, uns zu zeigen, dass man in dieser Maschine \u00fcberleben kann, indem man zum <strong>\u201e<\/strong>Parasiten<strong>\u201c<\/strong> wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vergleichen wir diese d\u00fcstere Darstellung der <em>machine c\u00e9libataire<\/em> durch Certeau mit der Darstellung im Anti-\u00d6dipus von Deleuze und Guattari dann wird deutlich, dass man diese Maschinen auch anders bewerten kann: Bei Deleuze und Guattari ist die z\u00f6libat\u00e4re Maschine positiv-produktiv, sie erzeugt Intensit\u00e4t und Differenz und ist insofern subversiv und sogar revolution\u00e4r.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zeitgen\u00f6ssische Filmindustrie l\u00e4sst sich vielleicht als die ultimative, globale Junggesellenmaschine deuten. Was Certeau 1980 \u00fcber die \u201eSchrift-Wirtschaft\u201c schrieb, findet in der heutigen Hollywood-Maschinerie seine technologische Vollendung. In der Filmindustrie ist der K\u00f6rper des Schauspielers nicht mehr sein eigenes Eigentum, sondern das \u201eInkarnationskapital\u201c des Studios. Das \u00e4sthetische Gesetz des Marktes (ewige Jugend, Symmetrie, Fitness) wird physisch in das Fleisch eingeschnitten. Ein Schauspieler wie Tom Cruise muss eine <em>Norm<\/em> repr\u00e4sentieren. Die Chirurgie entfernt das \u201eZu-viel\u201c (Falten, Fett) und f\u00fcgt das \u201eFehlende\u201c hinzu, damit der K\u00f6rper zum perfekten Emblem der Industrie wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die CGI-Revolution geht noch einen Schritt weiter: es kommt zur Losl\u00f6sung vom K\u00f6rper. Die CGI-Filmindustrie ist eine Junggesellenmaschine, weil sie den realen K\u00f6rper als Medium gar nicht mehr braucht. Sie produziert Bilder aus Bildern (Pixel aus Code). Sie ist z\u00f6libat\u00e4r, weil sie nicht mehr aus der Begegnung zwischen Regisseur und lebendigem Schauspieler \u201ezeugt\u201c, sondern sich rein technisch aus sich selbst reproduziert. Ein digital verj\u00fcngter Harrison Ford oder eine komplett animierte Figur wie in <em>Avatar<\/em> sind \u201eJunggesellenprodukte\u201c. Sie haben keinen Atem, kein echtes \u201eK\u00f6rperger\u00e4usch\u201c sondern sind reine, kontrollierbare H\u00fcllen.Was hier passiert ist kein Auswuchs eines unterdr\u00fcckenden Machtapparats, es ist eher produktiv und erm\u00f6glicht neue Erfahrungen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Photocredit: <\/strong>Title image created using Gemini AI.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>RaT-Blog Nr. 03\/2026<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Certeau \u00fcbertr\u00e4gt vier Begriffe aus der Sprachwissenschaft auf das menschliche Handeln: realisieren, aneignen, postulieren und Zeitlichkeit. F\u00fcr de Certeau ist \u201eetwas benutzen\u201c (wie eine Bank oder ein Textbuch) genau dasselbe wie \u201eeinen Satz sprechen\u201c &#8211; Zweiter Teil des Essays von <b>Christian Macha<\/b><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4685,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"ppma_author":[325],"class_list":["post-4683","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-uncategorized","eq-blocks"],"authors":[{"term_id":325,"user_id":0,"is_guest":1,"slug":"christian-macha","display_name":"Christian Macha","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/?s=96&d=mm&r=g","author_category":"1","user_url":"https:\/\/open.substack.com\/pub\/christianmacha","last_name":"Macha","first_name":"Christian","job_title":"","description":"Christian Macha hat an der WU Handelswissenschaften studiert und im Fach Soziologie mit einer Arbeit \u00fcber J\u00fcrgen Habermas, Ulrich Beck und Niklas Luhmann promoviert, das was 1993. Seit 2017 ist er Student im PhD-Studium advanced theological studies und arbeitet an einer Dissertation \u00fcber Zygmunt Bauman. 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