{"id":4693,"date":"2026-03-24T16:15:22","date_gmt":"2026-03-24T16:15:22","guid":{"rendered":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=4693"},"modified":"2026-03-24T16:15:22","modified_gmt":"2026-03-24T16:15:22","slug":"wildern-in-den-texten-von-michel-de-certeau-teil-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=4693","title":{"rendered":"Wildern in den Texten von Michel de Certeau (Teil 3)"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-buttons is-content-justification-center is-layout-flex wp-container-core-buttons-is-layout-fe48e5de wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-vivid-cyan-blue-background-color has-background wp-element-button\" href=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=4683\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Der zweite Teil des Textes von Christian Macha kann hier nachgelesen werden.<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Lesen als Wilddieberei<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Abschnitt ist vielleicht der befreiendste Teil des Buches. Nachdem Certeau&nbsp; die beklemmende \u201eSchrift-Wirtschaft\u201c und die \u201eJunggesellenmaschinen\u201c analysiert hat, die uns wie Zahnr\u00e4der einspannen wollen, zeigt er nun den Fluchtweg auf. Er rehabilitiert den Leser (und den Nutzer) als jemanden, der niemals ganz kontrolliert werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Certeau r\u00e4umt mit dem Vorurteil auf, dass Lesen ein passiver Vorgang sei, bei dem man Informationen einfach nur \u201eempf\u00e4ngt\u201c.Certeau sagt: Nein! Der Leser ist kein passiver Konsument, sondern ein Wilddieb. Er dringt in das fremde Eigentum (den Text des Autors oder das System der Verwaltung) ein und holt sich dort das, was er braucht, ohne sich an die Regeln des Eigent\u00fcmers zu halten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Certeau betont, dass das Lesen eine unsichtbare T\u00e4tigkeit ist. W\u00e4hrend das Schreiben Spuren hinterl\u00e4sst und kontrollierbar ist (durch Berichte, Akten, Bilanzen), hinterl\u00e4sst das Lesen keine Spur. Niemand kann kontrollieren, was du denkst, w\u00e4hrend du liest. Das ist deine letzte Bastion der Freiheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wichtig ist weiters, dass der Sinn eines Textes nicht <em>im<\/em> Text liegt, sondern erst beim <em>Lesen<\/em> entsteht. Selbst wenn das System autopoietisch und selbstreferenziell ist, kann es den \u201eAkt des Lesens\u201c (den individuellen Gebrauch) nicht kontrollieren. Das psychische System \u201ewildert\u201c im sozialen System.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Solange Menschen lesen, k\u00f6nnen Systeme niemals v\u00f6llig totalit\u00e4r sein. Denn jedes System muss gelesen werden, um zu funktionieren \u2013 und im Akt des Lesens wird das System immer \u201everf\u00e4lscht\u201c, \u201eindividualisiert\u201c und \u201eunterwandert\u201c.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Glauben<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gegen Ende des Buches untersucht Certeau, was passiert, wenn der religi\u00f6se Glaube aus den Kirchen auswandert und in die politischen und wirtschaftlichen Institutionen einsickert. Die \u201eSchrift-Wirtschaft\u201c behauptet, dass sie keinen Glauben mehr braucht. Alles soll auf Fakten, Daten und Berechnungen beruhen. Glauben wird als etwas \u201eNiedrigeres\u201c, als Mangel an Information abgewertet. Certeau entlarvt das als Illusion. Er zeigt, dass jedes System \u2013 insbesondere das Finanzsystem \u2013 auf einem massiven \u201eKapital an Glauben\u201c beruht. Ohne das Vertrauen (lateinisch: <em>credo<\/em>, ich glaube), dass das Geld einen Wert hat, bricht die Wirtschaft am n\u00e4chsten Tag zusammen. Der Glaube wurde nicht abgeschafft, er wurde nur unsichtbar gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Certeau betreibt hier eine Art Arch\u00e4ologie der Geistesgeschichte. Er zeigt, dass der Glaube nicht verschwindet, sondern seine Objekte wechselt. Fr\u00fcher glaubten die Menschen an Gott und die Kirche; heute glauben sie an \u201eWachstum\u201c, \u201eStabilit\u00e4t\u201c oder \u201eden Markt\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie bringt uns das System dazu, an es zu glauben, wenn es keine G\u00f6tter mehr hat? Durch die Inszenierung. De Certeau sagt, dass die Medien und Institutionen uns die \u201eRealit\u00e4t\u201c st\u00e4ndig vorspielen (Statistiken, Nachrichten, Bilanzen). Wir sollen nicht mehr <em>glauben<\/em>, sondern nur noch <em>sehen<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir glauben an den Status quo, weil uns st\u00e4ndig Geschichten \u00fcber ihn erz\u00e4hlt werden (Erfolgsgeschichten, Krisenszenarien). Certeau diagnostiziert jedoch eine Krise: Die Menschen glauben den \u201egro\u00dfen Erz\u00e4hlungen\u201c der Institutionen immer weniger. Deshalb ziehen sie sich in kleine, private Praktiken zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Tod<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Certeau stellt fest, dass der Tod in unserer modernen Gesellschaft das \u201eUndenkbare\u201c schlechthin ist. Die gesellschaftliche Ordnung ist auf Funktion, Produktion und Wachstum ausgelegt. Der Tod ist das absolute Ende der Produktion \u2013 deshalb hat das System keine Sprache f\u00fcr ihn. Der Tod wird aus dem Alltag verbannt und in Krankenh\u00e4user isoliert. Er ist die einzige \u201ePraktik\u201c, die sich nicht in eine n\u00fctzliche \u201eTaktik\u201c verwandeln l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Konfrontation mit dem Sterbenden ver\u00e4ndert sich die Sprache radikal. Wenn wir mit einem Sterbenden sprechen, tauschen wir keine \u201eInformationen\u201c mehr aus. Das Sprechen wird zu einem reinen Akt der Beziehung. Sprechen bedeutet dann, dem anderen zu glauben, dass er existiert, auch wenn er bald nicht mehr da ist. Es ist ein \u201eGlaubensbekenntnis\u201c zum anderen Menschen, jenseits aller N\u00fctzlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum Ende des Buches feiert Certeau das Fl\u00fcchtige. Das System will alles f\u00fcr die Ewigkeit festhalten.&nbsp; Certeau hingegen sieht die W\u00fcrde des Menschen gerade in seiner Verg\u00e4nglichkeit. Das wahre Leben findet in den Momenten statt, die keine Spur hinterlassen (wie das Gehen in der Stadt oder das stille Lesen). Der Tod ist die Best\u00e4tigung, dass wir nicht aus \u201eSchrift\u201c bestehen, sondern aus Fleisch, das vergeht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Ende bleibt nicht die Schrift, nicht das System, nicht die z\u00f6libat\u00e4re Maschine. Es bleibt das Verschwinden. Die Verg\u00e4nglichkeit ist die letzte Wahrheit.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Photocredit: <\/strong>Title image created using Gemini AI.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>RaT-Blog Nr. 04\/2026<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem Certeau\u00a0 die beklemmende \u201eSchrift-Wirtschaft\u201c und die \u201eJunggesellenmaschinen\u201c analysiert hat, die uns wie Zahnr\u00e4der einspannen wollen, zeigt er nun den Fluchtweg auf. Er rehabilitiert den Leser (und den Nutzer) als jemanden, der niemals ganz kontrolliert werden kann. &#8211; Dritter Teil des Essays von <b>Christian Macha<\/b><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4696,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"ppma_author":[325],"class_list":["post-4693","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-uncategorized","eq-blocks"],"authors":[{"term_id":325,"user_id":0,"is_guest":1,"slug":"christian-macha","display_name":"Christian Macha","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/?s=96&d=mm&r=g","author_category":"1","user_url":"https:\/\/open.substack.com\/pub\/christianmacha","last_name":"Macha","first_name":"Christian","job_title":"","description":"Christian Macha hat an der WU Handelswissenschaften studiert und im Fach Soziologie mit einer Arbeit \u00fcber J\u00fcrgen Habermas, Ulrich Beck und Niklas Luhmann promoviert, das was 1993. 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