{"id":494,"date":"2017-09-25T12:41:33","date_gmt":"2017-09-25T12:41:33","guid":{"rendered":"http:\/\/rat-blog.at\/?p=494"},"modified":"2023-07-06T09:45:18","modified_gmt":"2023-07-06T09:45:18","slug":"gretchenfragen-an-die-demokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=494","title":{"rendered":"Gretchenfragen an die Demokratie"},"content":{"rendered":"<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-498\" src=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/handshake-e1505313886733.jpg\" alt=\"handshake\" width=\"1216\" height=\"612\" srcset=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/handshake-e1505313886733.jpg 1216w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/handshake-e1505313886733-300x151.jpg 300w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/handshake-e1505313886733-1024x515.jpg 1024w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/handshake-e1505313886733-768x387.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1216px) 100vw, 1216px\" \/><\/strong><\/p>\n<p><em>Wie kann ein verweigerter Handschlag von zwei schweizerischen Teenagern zum nationalen Politikum werden? Warum stimmt das katholische Irland f\u00fcr die Ehe f\u00fcr alle? Wie funktioniert religi\u00f6ses Lobbying bei der UNO? Und welche Rolle soll Religion \u00fcberhaupt in einer Demokratie haben? <strong>Astrid Mattes<\/strong> erz\u00e4hlt von aktuellen Themen aus dem Forschungsfeld \u201ePolitik und Religion\u201c die im Rahmen der ECPR General Conference in Oslo, einer der gr\u00f6\u00dften politikwissenschaftlichen Tagungen Europas, diskutiert wurden.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Obwohl Religion in politischen Theorien fast immer eine zentrale Rolle spielt, ist das politikwissenschaftliche Interesse an Religionsthemen lange Zeit eher gering gewesen. Dass dem heute keineswegs mehr so ist, wurde auf der Jahreskonferenz des European Consortium for Political Research (ECPR) mehr als deutlich. Zehn Panels mit insgesamt 40 Vortr\u00e4gen waren explizit Fragestellungen zum Thema Religion gewidmet, und auch dar\u00fcber hinaus fand die eine oder andere Pr\u00e4sentation mit Religionsfokus statt. Das Verh\u00e4ltnis von Demokratie (als Herrschaftsordnung, Rechtsform, vielf\u00e4ltig verstandenes theoretisches Konzept und normative Idealvorstellung) und Religion (als Sozialph\u00e4nomen, Freiheitsrecht, Quelle moralischer Autorit\u00e4tsanspr\u00fcche und individuelle Lebensordnung) stand in den Debatten an der Universit\u00e4t Oslo Anfang September im Mittelpunkt.<\/p>\n<h6>\u00a0<\/h6>\n<p><strong>Religion und politische Konfliktlagen<\/strong><\/p>\n<p>Konfliktlagen ordnen sich zumeist an der Linie religi\u00f6s versus s\u00e4kular oder aber an der zunehmend mit Religion in Verbindung gebrachten Frage von Zugeh\u00f6rigkeit an. An der ersten dieser beiden Konfliktlinien wird verhandelt welchen und wieviel Platz Religion in liberalen Demokratien haben soll. J\u00fcrgen Habermas Idee von der notwendigen \u00dcbersetzung religi\u00f6ser Begr\u00fcndungen, um in s\u00e4kularen Staaten gelten zu k\u00f6nnen, ist dabei genauso Thema wie die immer schwierige Abw\u00e4gung von Menschen- und Freiheitsrechten gegeneinander. Immer deutlicher zeigt sich hier eine Spaltung zwischen liberalen Gleichheitsanspr\u00fcchen und moralkonservativer Gegenpositionen. Wessen Anspruch auf Freiheit ist etwa wichtiger, wenn eine Blumenverk\u00e4uferin sich, wie in einem US-amerikanischen Fall geschehen, weigert die Hochzeit eines gleichgeschlechtlichen Paares auszustatten? Das Recht des Paares nicht diskriminiert zu werden oder das Recht der Verk\u00e4uferin nicht gegen ihre religi\u00f6se \u00dcberzeugung zu handeln?<\/p>\n<p><strong>Wessen Argumente z\u00e4hlen?<\/strong><\/p>\n<p>Unter dem Section-Titel \u201e<a href=\"https:\/\/ecpr.eu\/Events\/PaperDetails.aspx?PaperID=35146&amp;EventID=96\">Religion, Politics, and the Public Sphere: Contesting Liberalism?<\/a>\u201d wurde dies bei der ECPR General Conference hitzig diskutiert und Bef\u00fcrworter beider Argumente kamen zu Wort.\u00a0 Schon in der US-amerikanischen B\u00fcrgerrechtsbewegung war klar, dass es nie um einen Sitz im Bus, den Verkauf von Sandwiches oder den Schulbesuch eines einzelnen Kindes geht, sondern immer um die Diskriminierungsstruktur an sich. So urteilte auch das zust\u00e4ndige Gericht in Washington mit dieser Begr\u00fcndung gegen die Blumenverk\u00e4uferin. Umgekehrt lie\u00dfe sich argumentieren, dass eben ein solches Urteil f\u00fcr die religi\u00f6s \u00dcberzeugte einen viel gr\u00f6\u00dferen Einschnitt darstellt und unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig wird. Im Rahmen der Konferenz fanden sich aber eben auch die Argumente fehlgeschlagener \u00dcbersetzungsarbeit oder aber die Ablehnung der religi\u00f6sen Begr\u00fcndung als solche.<\/p>\n<p>Ob eine religi\u00f6se Begr\u00fcndung im s\u00e4kularen Bereich gelten soll, war vordergr\u00fcndig auch die Frage in der \u201eHandschlags-Aff\u00e4re\u201c, die in der Schweiz im vergangenen Jahr hitzig debattiert wurde. Zwei Br\u00fcder hatten sich geweigert einer Lehrerin, wie in ihrer Schule \u00fcblich, die Hand zu geben und hatten ihre religi\u00f6se \u00dcberzeugung als Grund genannt. Als Monate sp\u00e4ter im Rahmen einer Fernsehdiskussion ein Publikumsbeitrag von dem Fall berichtete, wurde der Konflikt zum Thema nationaler Politikdebatten. W\u00e4hrend nun ein Gesetzesentwurf den Handschlag in der Schule zur Pflicht erkl\u00e4rt, wurde auf der Konferenz bereits den Ursachen f\u00fcr die Eskalation des Konfliktes nachgegangen. Mittels Process Tracing analysieren <a href=\"https:\/\/ecpr.eu\/Events\/PaperDetails.aspx?PaperID=36907&amp;EventID=96\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Luzerner ForscherInnen die Entwicklung des Falles<\/a>.\u00a0Im Gegensatz zum vorherigen Beispiel der Blumenverk\u00e4uferin geht es hier aber nicht nur um die Frage religi\u00f6ser Rechte versus Gleichheitsrechte, sondern insbesondere auch um politisierte Religion im Kontext von Migrationsdebatten.<\/p>\n<p><strong>Wir und die Anderen \u2013 Religion als Mittel zur Grenzziehung<\/strong><\/p>\n<p>Die zweite politische Konfliktlinie zieht sich entlang der Frage, ob und in welcher Form Religion Marker f\u00fcr Zugeh\u00f6rigkeitsrechte sein soll. Wenn im politischen Diskurs Grenzziehungen zwischen \u201euns\u201c und den \u201eanderen\u201c anhand von Religion vorgenommen werden, ist oft von christlichen Werten und j\u00fcdisch-christlichen Traditionen die Rede. In Zeiten der &#8211; aufgrund von Globalisierung, anders gestrickten Aufenthaltsrechten und erh\u00f6hter Mobilit\u00e4t &#8211; schwindenden Bedeutung des Nationalstaates suchen viele Menschen nach kollektiven Identit\u00e4tsbez\u00fcgen. Gleichzeitig ist klar, dass die<a href=\"https:\/\/ecpr.eu\/Events\/PaperDetails.aspx?PaperID=36908&amp;EventID=96\"> Exklusion von bestimmten Menschengruppen durch ausschlie\u00dfende Identit\u00e4tsbez\u00fcge <\/a>auch ein politisches Projekt mancher AkteurInnen ist und nicht nur ein Ergebnis von Orientierungslosigkeit ob dieser Umbr\u00fcche.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-499\" src=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/oslo-uni.jpg\" alt=\"oslo uni\" width=\"860\" height=\"370\" srcset=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/oslo-uni.jpg 860w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/oslo-uni-300x129.jpg 300w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/oslo-uni-768x330.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 860px) 100vw, 860px\" \/><\/p>\n<h6>Hauptgeb\u00e4ude der Universit\u00e4t Oslo<\/h6>\n<p>Dass sich unter jenen, die solche Interessen teilen, Allianzen bilden, ist auch nicht weiter verwunderlich. Europas rechte Parteien sind bereits seit langem gut vernetzt. Dass solche Allianzen auch unter moralkonservativen religi\u00f6sen AkteurInnen bestehen, ist oft weniger bekannt. <a href=\"https:\/\/ecpr.eu\/Events\/PanelDetails.aspx?PanelID=6875&amp;EventID=96\">ForscherInnen der Universit\u00e4t Innsbruck<\/a> untersuchen etwa den Einsatz Russlands gegen liberale Konzepte von Geschlecht und Familie bei den Vereinten Nationen und zeigen hier transnationale Allianzen auf. Etwa in der Frage, ob eine Familie nur aus Vater, Mutter und Kindern bestehen darf oder ob andere Realit\u00e4ten anzuerkennen sind, treten moralkonservative AkteurInnen aus aller Welt und verschiedener Denominationen zusammen gegen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/LGBT\">LGBT<\/a>-AktivistInnen auf.<\/p>\n<p>Deren Mobilisierungskraft und Einfluss auf Entscheidungstr\u00e4gerInnen ist aber von Fall zu Fall unterschiedlich gro\u00df. In einigen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern wurden etwa Abstimmungen bez\u00fcglich der Ehe f\u00fcr alle trotz traditionell starker Religionsbez\u00fcge und m\u00e4chtiger Kirchen, die sich dagegen aussprachen, von den Bef\u00fcrworterInnen f\u00fcr sich entschieden. <a href=\"https:\/\/ecpr.eu\/Events\/PaperDetails.aspx?PaperID=36946&amp;EventID=96\">Ein Forscher der Fudan Universit\u00e4t<\/a> zeigte etwa f\u00fcr den irischen Fall, dass hier das Zusammenspiel von fehlendem zivilgesellschaftlichen Engagement auf Seiten der GegnerInnen, unattraktivem Framing und einem Gef\u00fchl der Entt\u00e4uschung aufgrund der weitreichenden Missbrauchsskandale in der irischen Kirche zum unerwarteten Ausgang der Abstimmung gef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p><strong>Wahlwerbung, Wirtschaft, Wohlfahrtsstaat<\/strong><\/p>\n<p>Viele weitere Themen wurden in Bezug auf Religion und Politik im Rahmen der ECPR besprochen. Unter den vorgestellten Forschungsprojekten waren etwa Beitr\u00e4ge zur Rolle von Religionsgemeinschaften im Wohlfahrtsstaat, zu Wirtschaftsfragen wie Islamisches Banking, Parteipolitik auf allen Ebenen und zu Konzepten wie Solidarit\u00e4t, Staatsb\u00fcrgerschaft und Gender. Die Breite der Themen macht dabei deutlich, dass eine starke Politisierung des Religionsthemas stattfindet. Gleichzeitig entsteht aber auch der Eindruck, dass Religionsgemeinschaften in der politikwissenschaftlichen Forschung vermehrt als politische Akteurinnen wahrgenommen werden. F\u00fcr am Thema Religion Interessierte war die ECPR General Conference in Oslo daher wirklich eine Reise wert und macht neugierig auf die Ergebnisse, die die vielen spannenden Forschungsprojekte, die vorgestellt wurden, noch liefern werden.<\/p>\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Rat-Blog Nr. 11\/2017<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie kann ein verweigerter Handschlag von zwei schweizerischen Teenagern zum nationalen Politikum werden? Warum stimmt das katholische Irland f\u00fcr die Ehe f\u00fcr alle? Wie funktioniert religi\u00f6ses Lobbying bei der UNO? Und welche Rolle soll Religion \u00fcberhaupt in einer Demokratie haben? 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