{"id":514,"date":"2017-09-14T12:39:06","date_gmt":"2017-09-14T12:39:06","guid":{"rendered":"http:\/\/rat-blog.at\/?p=514"},"modified":"2023-07-06T09:45:14","modified_gmt":"2023-07-06T09:45:14","slug":"geschichtliche-quellen-zur-rolle-der-frauen-im-juedisch-christlich-muslimischen-kontext","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=514","title":{"rendered":"Geschichtliche Quellen zur Rolle der Frauen im j\u00fcdisch-christlich-muslimischen Kontext"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_515\" aria-describedby=\"caption-attachment-515\" style=\"width: 714px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-515\" src=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/rosenfeld-el-haitami-van-den-berg.jpg\" alt=\"Rosenfeld, El-Haitami, van den Berg\" width=\"714\" height=\"476\" srcset=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/rosenfeld-el-haitami-van-den-berg.jpg 714w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/rosenfeld-el-haitami-van-den-berg-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 714px) 100vw, 714px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-515\" class=\"wp-caption-text\"><span style=\"font-family:Calibri;\">Merav Rosenfeld, Meriem El-Haitami und Mariecke van den Berg. Drei Frauen der 3 vertretenen Religionen (aber nicht als solche erkennbar und unterscheidbar).<\/span><\/figcaption><\/figure>\n<p><em><strong>Agnethe Siquans<\/strong> gibt einen Einblick in die Konferenz der European Society of Women in Theological Research und stellt dabei einen Beitrag zur Rezeptionsgeschichte des Buches Exodus und einen Beitrag zum j\u00fcdisch-muslimischen Zusammenleben vor. <\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;font-family:Calibri;\">Vom 23.-26. August 2017 fand im Kardinal-K\u00f6nig-Haus in Wien die 17. Internationale Konferenz der \u201eEurop\u00e4ischen Gesellschaft f\u00fcr theologische Forschung von Frauen\u201c (ESWTR) statt. Die Tagung war unter dem Titel \u201eTranslation \u2013 Transgression \u2013 Transformation\u201c dem Thema von Grenzen und der \u00dcberschreitung und Ver\u00e4nderung von Grenzen gewidmet. Im Zusammenleben von Menschen verschiedener Religionen ging und geht es um Abgrenzung ebenso wie um \u00dcberwindung von Grenzen im Dialog. In einigen Beitr\u00e4gen der Konferenz wurde besonders deutlich, wie sehr auch die Vergangenheit heutige Beziehungen zwischen den Religionen und die Sicht auf das Geschlechterverh\u00e4ltnis und die Position von Frauen in den Gesellschaften bestimmt.<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_516\" aria-describedby=\"caption-attachment-516\" style=\"width: 714px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-516\" src=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/bild-bsees.jpg\" alt=\"Bild Bsees\" width=\"714\" height=\"476\" srcset=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/bild-bsees.jpg 714w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/bild-bsees-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 714px) 100vw, 714px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-516\" class=\"wp-caption-text\">Ursula Bsees&nbsp;bei ihrem Vortrag \u201eWives, Slavs, Business Women? \u2013 Women\u2019s Lives in Late Antique and Early Medieval Egypt\u201c.<\/figcaption><\/figure>\n<h3><span style=\"color:#4f81bd;font-family:Cambria;font-size:large;\">Die Rolle der Frauen in der Geburtsgeschichte des Mose<\/span><\/h3>\n<p><span style=\"color:#000000;font-family:Calibri;\">Agnethe Siquans forscht \u00fcber die Auslegung der Geburtsgeschichte des Mose (Ex 1-2) in patristischer und rabbinischer Interpretation. In den ersten beiden Kapiteln des biblischen Buches Exodus spielen zahlreiche Frauen eine wichtige Rolle. Sie setzen dem Befehl des Pharao, die neugeborenen hebr\u00e4ischen Knaben zu t\u00f6ten, ihren gewaltlosen Widerstand entgegen und sind letztlich erfolgreich. Der auf dem Nil ausgesetzte kleine Mose wird gerettet. Im biblischen Text zeigen sich komplexe Strukturen und Verkn\u00fcpfungen von Macht, Gewalt und Geschlecht. Pharao, der m\u00e4chtigste Mann in der dargestellten Welt, sieht die fremden Sklaven als Bedrohung seiner Macht an. Er versucht, durch T\u00f6tung der m\u00e4nnlichen Neugeborenen seine Angst vor dem \u00dcberhandnehmen der Fremden zu beseitigen. Die Erz\u00e4hlung macht aber deutlich, dass er damit ein falsches Mittel w\u00e4hlt: Die Frauen sind es, die daf\u00fcr sorgen, dass die Neugeborenen gerettet werden. Sie stehen auf der Seite des Lebens. Die Hebammen, die Mutter und die Schwester des Mose sowie die Tochter des Pharao tragen \u2013 trotz all ihrer ethnischen, sozialen und wohl auch religi\u00f6sen Unterschiedlichkeit \u2013 durch ihre Missachtung der Macht des Pharao dazu bei, dass die Todesdrohung trotz angedrohter Gewalt keinen Erfolg hat.<\/span><\/p>\n<h3><span style=\"color:#4f81bd;font-family:Cambria;font-size:large;\">Aus der Rezeptionsgeschichte von Ex 1-2<\/span><\/h3>\n<p><span style=\"color:#000000;font-family:Calibri;\">Sp\u00e4tere Rezeptionen der biblischen Erz\u00e4hlung in Judentum und Christentum lesen den Text in ihrer je eigenen Situation in unterschiedlicher Perspektive. Je zwei fr\u00fchchristliche und fr\u00fchj\u00fcdische Beispiele k\u00f6nnen das illustrieren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;font-family:Calibri;\">Bei Origenes (3. Jhdt. in Alexandrien) f\u00fchrt die allegorische Auslegung zu einer Abwertung des \u201eWeiblichen\u201c als Repr\u00e4sentation des Irdischen, Fleischlichen und Unchristlichen. Ephr\u00e4m der Syrer (4. Jhdt.) hingegen bleibt nahe am Wortlaut des Bibeltextes. Die Bedeutung der Frauen in der Erz\u00e4hlung wird noch weiter hervorgehoben, m\u00f6glicherweise vor dem Hintergrund eines weiblichen Publikums, f\u00fcr das Ephr\u00e4m auslegte. Zugleich wird aber auch die Bedeutung des Mose vergr\u00f6\u00dfert. Der Midrasch Tanhuma (6.\/7. Jhdt. in Pal\u00e4stina) reduziert die Rolle der Frauen erheblich. Zentral sind Gottes machtvolles Handeln und die Person des Mose (m\u00f6glicherweise in Reaktion auf die Rolle Mohammeds im sich bereits etablierenden Islam). Der Talmud (6. Jhdt. in Babylonien) konzentriert sich auf die Genealogie, die Konstitution und Rettung Israels, bei der die Frauen eine wesentliche Rolle spielen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;font-family:Calibri;\">Die patristischen und rabbinischen Texte greifen die Erz\u00e4hlungen \u00fcber die Frauen in Exodus in sehr unterschiedlichen Kontexten auf und interpretieren sie entsprechend ihren eigenen Vorstellungen \u00fcber Frauen und ihren Idealen \u00fcber die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse und die Geschlechterrollen. Diese Deutungen waren dann auch lange Zeit wirkm\u00e4chtig f\u00fcr die christlichen und j\u00fcdischen Gemeinschaften, die sie tradierten, und pr\u00e4gten das jeweilige Bild der Geschlechter und ihrer Positionen und Handlungsm\u00f6glichkeiten. Alle Texte transformieren die in der Bibel pr\u00e4sentierten Strukturen von Geschlecht und Handlungsmacht mehr oder weniger stark, um den Text in ihrem jeweiligen Kontext und f\u00fcr ihre jeweiligen Interessen zu deuten. In manchen F\u00e4llen, wie etwa bei Origenes oder vermutlich auch im Talmud, bedeutet das auch Abgrenzung gegen\u00fcber der jeweils anderen Religion. Andererseits \u00fcbernehmen aber die Interpreten auch Methoden und Inhalte der anderen, wie besonders bei Ephr\u00e4m deutlich wird. Gemeinsamkeiten und Abgrenzungen sind miteinander verkn\u00fcpft.<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_517\" aria-describedby=\"caption-attachment-517\" style=\"width: 714px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-517\" src=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/diskussionsrunde-interreligic3b6se-panels.jpg\" alt=\"Diskussionsrunde interreligi\u00f6se Panels\" width=\"714\" height=\"476\" srcset=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/diskussionsrunde-interreligic3b6se-panels.jpg 714w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/diskussionsrunde-interreligic3b6se-panels-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 714px) 100vw, 714px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-517\" class=\"wp-caption-text\">Diskussionsrunde der drei interreligi\u00f6sen Panels.<\/figcaption><\/figure>\n<h3><span style=\"color:#4f81bd;font-family:Cambria;font-size:large;\">Aus der Geschichte j\u00fcdisch-muslimischen Zusammenlebens <\/span><\/h3>\n<p><span style=\"color:#000000;font-family:Calibri;\">Auch im Panel zum j\u00fcdisch-muslimischen Dialog zeigte sich im Rahmen der Tagung die Bedeutung vergangener Ereignisse f\u00fcr das Zusammenleben von j\u00fcdischen und muslimischen Frauen und M\u00e4nnern. Die Arabistin Ursula Bsees pr\u00e4sentierte Dokumente aus dem sp\u00e4tantiken und fr\u00fchmittelalterlichen \u00c4gypten, die uns wertvolle Einblicke in das t\u00e4gliche Leben von Frauen dieser Zeit geben. Die dokumentarischen Texte erm\u00f6glichen, Rollen und Funktionen von Frauen in dieser multireligi\u00f6sen und mehrsprachigen Gesellschaft jenseits der Idealisierung, die sich oft in literarischen Quellen findet, zu beleuchten. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;font-family:Calibri;\">Merav Rosenfeld-Hadad ist eine J\u00fcdin aus Bagdad und Spezialistin f\u00fcr Musik und ihre Bedeutung in interkulturellen und interreligi\u00f6sen Kontexten, besonders im Nahen Osten. Sie stellte Rabbi Yosef Hayim Ben Eliah al-Hakham vor, der im 19. Jahrhundert in Bagdad wirkte. Sie ging seiner Haltung gegen\u00fcber Frauen als auch gegen\u00fcber der breiteren arabisch-islamischen Kultur, Religion und Gesellschaft nach. <\/span><\/p>\n<h3><span style=\"color:#4f81bd;font-family:Cambria;font-size:large;\">Fazit<\/span><\/h3>\n<p><span style=\"color:#000000;font-family:Calibri;\">In der Diskussion wurde klar, wie wichtig die Auseinandersetzung mit traditionellen Positionen sowohl in der Frage des Geschlechterverh\u00e4ltnisses als auch im interreligi\u00f6sen Dialog heute ist. Die Konferenz konnte deutlich machen, wie komplex das Netz von \u00dcberschneidungen und Grenzziehungen durch die Jahrhunderte und in der Gegenwart ist. Kontinuit\u00e4t und Abgrenzungsdiskurse fordern heraus und bieten zugleich Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr Dialog und Grenz\u00fcberschreitung.<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_518\" aria-describedby=\"caption-attachment-518\" style=\"width: 714px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-518\" src=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/siquans-vortrag.jpg\" alt=\"Siquans Vortrag\" width=\"714\" height=\"476\" srcset=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/siquans-vortrag.jpg 714w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/siquans-vortrag-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 714px) 100vw, 714px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-518\" class=\"wp-caption-text\"><em>Agnethe Siquans ist ao. Professorin f\u00fcr Altes Testament am Institut f\u00fcr Bibelwissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Wien und arbeitet in verschiedenen Projekten mit RaT zusammen. <\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p><em>Im Rahmen der Publikationsreihen der Plattform sind von ihr erschienen: <\/em><\/p>\n<p>Siquans, Agnethe: \u201e\u00dcbersetzung, Kontextualisierung, Abgrenzung. Ingredienzien einer Christologischen Auslegung von Jes 7\u201c, in: Grohmann, Marianne \/ Ragacs, Ursula (ed.): Religion \u00fcbersetzen. \u00dcbersetzungen und Textrezeption als Transformationsph\u00e4nomene von Religion (Religion and Transformation 2012\/2), pp. 51-74.<\/p>\n<p>Grohmann, Marianne \/ Siquans, Agnethe: \u201eLiterarische Transformationen sexueller Gewalt in der Hebr\u00e4ischen Bibel\u201c, in: Heller, Birgit (ed.): Religion, Transformation and Gender (J-RaT 2017 \/ 2), pp. 157-184 (im Erscheinen).<\/p>\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Rat-Blog Nr. 10\/2017<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Agnethe Siquans gibt einen Einblick in die Konferenz der European Society of Women in Theological Research und stellt dabei einen Beitrag zur Rezeptionsgeschichte des Buches Exodus und einen Beitrag zum j\u00fcdisch-muslimischen Zusammenleben vor.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,137,161,155,146,138,139,150],"tags":[19,33,34,43,50,51,112,115],"ppma_author":[355],"class_list":["post-514","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-beitraege","category-christentum","category-gender","category-geschichte-themen","category-gesellschaft","category-islam","category-judentum","category-theologie","tag-christentum","tag-geschichte","tag-geschlecht-zwischen-sex-und-gender","tag-heilige-schriften","tag-islam","tag-judentum","tag-tradition-und-moderne","tag-veranstaltungsberichte","eq-blocks"],"authors":[{"term_id":355,"user_id":0,"is_guest":1,"slug":"agnethe-siquans","display_name":"Agnethe Siquans","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/?s=96&d=mm&r=g","author_category":"","user_url":"","last_name":"Siquans","first_name":"Agnethe","job_title":"","description":"Agnethe Siquans ist ao. 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