{"id":568,"date":"2017-11-02T12:07:39","date_gmt":"2017-11-02T12:07:39","guid":{"rendered":"http:\/\/rat-blog.at\/?p=568"},"modified":"2023-07-06T09:45:23","modified_gmt":"2023-07-06T09:45:23","slug":"der-steinige-weg-zur-gleichstellung-religionen-und-geschlechter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=568","title":{"rendered":"Der steinige Weg zur Gleichstellung: Religionen und Geschlechter"},"content":{"rendered":"<p>\u00a0<\/p>\n<p><em>In Ihrem Beitrag zeichnet <strong>Birgit Heller<\/strong> aus religionswissenschaftlicher Perspektive nach, wie in unterschiedlichen religi\u00f6sen Traditionen f\u00fcr Jahrhunderte patriarchale Muster vorherrschend waren. Unter dem Einfluss gesellschaftlicher Transformationen werden in j\u00fcngster Zeit Elemente der jeweils eigenen Tradition in Richtung religi\u00f6ser Gleichstellung der Geschlechter entwickelt.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>M\u00e4nnerreligionen: Religionen und Patriarchat<\/strong><\/p>\n<p>Der Religionshistoriker Friedrich Heiler hat bereits in den 1950er Jahren \u2013 als die Frage nach Geschlecht\/Gender f\u00fcr die Forschung noch irrelevant gewesen ist \u2013, die gro\u00dfen Religionen der Gegenwart als &#8222;M\u00e4nnerreligionen&#8220; bezeichnet. Damit hat er nicht gemeint, dass Frauen in diesen Religionen keine Rolle spielen w\u00fcrden. Ohne die Schar der weiblichen Gl\u00e4ubigen und ihre Dienste w\u00e4ren die meisten Religionen nicht \u00fcberlebensf\u00e4hig. M\u00e4nner beanspruchen jedoch nach Heiler die entscheidende Initiative, Sch\u00f6pferkraft und Leitung der religi\u00f6sen Organisationen f\u00fcr sich. Und mehr als das: Heiler schreibt den sogenannten \u201eHochreligionen\u201c eine Unterdr\u00fcckung und Geringsch\u00e4tzung der Frau zu, die teilweise geradezu in Frauenfeindlichkeit ausarte. Heilers Feststellungen sind lange Zeit ohne Resonanz geblieben. Erst in den letzten Jahrzehnten ist langsam die Erkenntnis gewachsen, dass die gro\u00dfen Religionen der Gegenwart weitgehend androzentrisch gepr\u00e4gt sind und dar\u00fcber hinaus die m\u00e4nnliche Dominanz in der Gesellschaft religi\u00f6s legitimiert haben. Die traditionellen Auffassungen \u00fcber Rechte und Pflichten der Geschlechter basieren dabei weitgehend auf dem Modell der polaren Geschlechterrollen einer heterosexuell orientierten Gesellschaftsordnung. Diese Religionen sind allesamt im Kontext patriarchal organisierter Gesellschaften entstanden und haben die m\u00e4nnlich dominierten Sozialstrukturen ideologisch untermauert.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-613\" src=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/richtige-evolution.jpg\" alt=\"richtige evolution\" width=\"547\" height=\"547\" srcset=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/richtige-evolution.jpg 700w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/richtige-evolution-300x300.jpg 300w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/richtige-evolution-150x150.jpg 150w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/richtige-evolution-200x200.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 547px) 100vw, 547px\" \/><\/p>\n<p>Homo religiosus: Nicht nur die Religionen, sondern auch ihre Erforschung und Pr\u00e4sentation ist von einer androzentrischen Wahrnehmung gepr\u00e4gt<\/p>\n<p>\u00a9Andreas Rzadkowsky<\/p>\n<p>Insbesondere die wichtige Rolle der Mutter f\u00fcr die Bewahrung der Patrilinie f\u00fchrt zu starker m\u00e4nnlicher Kontrolle der Frau, die religi\u00f6s legitimiert wird. Frauen werden zu Treue, Gehorsam und Unterordnung unter den Ehemann angehalten. Der Ehemann kann in diesem Zusammenhang g\u00f6ttlichen Status erhalten \u2013 so soll die Hindu-Frau den Dienst an ihrem Gatten als ihren pers\u00f6nlichen Gottesdienst betrachten. Judentum, Christentum und Islam untermauern die m\u00e4nnliche Vormacht mit verschiedenen Mitteln wie dem Mythologem von der Erst-Erschaffung des Mannes bzw. seiner besonderen Auszeichnung oder der angeblich st\u00e4rkeren weiblichen Triebhaftigkeit und geringeren Vernunft der Frau. Durch die strikte Kontrolle der Frau in jeder Lebensphase durch Vater, Ehemann, Sohn oder Bruder wird die Reinheit der Abstammungslinie gew\u00e4hrleistet. In diesem Zusammenhang stehen auch die zahlreichen Sonderregeln f\u00fcr Frauen in der Form besonderer Kleidungsvorschriften oder der gezielten Einschr\u00e4nkung der Bewegungsfreiheit.<\/p>\n<p>Religionen und Geschlecht sind eng miteinander verflochten. Die Traditionen, Symbole, Anschauungen und Praktiken gerade jener Religionen, die universale G\u00fcltigkeit beanspruchen und sich f\u00fcr das Heil des Menschen zust\u00e4ndig machen, sind alles andere als geschlechts\u00adneutral. Meist wird der Mann als Ma\u00dfstab des Menschen betrachtet. Wenn die Fragen gestellt werden, warum Gott im Judentum, Christentum und Islam \u2013 trotz behaupteter Geschlechtstranszendenz \u2013 in der m\u00e4nnlichen Form angesprochen wird, warum Frauen im brahmanischen Hinduismus (Brahmanen bilden die oberste Gesellschaftsschicht, zu ihnen z\u00e4hlen die religi\u00f6sen Gelehrten und Ritualexperten) die heiligen Schriften nicht studieren d\u00fcrfen und eine Wiedergeburt als Frau als Ergebnis schlechter Handlungen gilt, warum M\u00e4nner laut dem Koran \u00fcber den Frauen stehen (Sure 4, 34), warum sich selbst die spirituell h\u00f6chststehende buddhistische Nonne dem geringsten M\u00f6nch unterordnen muss oder warum Frauen in den meisten Religionen der Gegenwart vom Priestertum bzw. von religi\u00f6sen Leitungsfunktionen ausgeschlossen sind, wird deutlich, wie stark die Religionen zwischen den Geschlechtern differenzieren und dabei meistens eine Diskriminierung, Marginalisierung oder Unterordnung von Frauen begr\u00fcnden. Dar\u00fcber hinaus werden auch weitere Geschlechter, die seit alten Zeiten in vielen Kulturen existieren (heute meist unter dem Begriff Transgender-Menschen gefasst) an der m\u00e4nnlichen Norm gemessen und ambivalent beurteilt: Einerseits gelten sie als religi\u00f6s m\u00e4chtig, andererseits werden sie verachtet und marginalisiert.<\/p>\n<p><strong>Rollen und Status von M\u00e4nnern, Frauen und anderen Geschlechtern in den Religionen<\/strong><\/p>\n<p>Herk\u00f6mmliche Religionsforschung hat ausf\u00fchrliche Daten \u00fcber prominente m\u00e4nnliche Stifter, Reformatoren, Lehrer, Theologen und Heilige erhoben und analysiert. In zahlreichen ethni\u00adschen Religionen, in den Religionen des Alten Orients und anderen Religionen der Vergangenheit (wie der griechischen, r\u00f6mischen, keltischen oder germanischen Religion) nehmen auch Frauen vielf\u00e4ltige Rollen religi\u00f6ser Autorit\u00e4t ein. Sie fungieren als Schamaninnen, Priesterinnen, Seherinnen, Prophetinnen oder Heilerinnen. H\u00e4ufig finden sich in diesen Positionen auch Angeh\u00f6rige eines sogenannten dritten Geschlechts, die teilweise sogar in den gro\u00dfen Religionen der Gegenwart bis heute eine gewisse, wenn auch ambivalente Rolle spielen, wie etwa die hinduistischen und muslimischen H<strong>\u012b<\/strong>jras. H\u012bjras versuchen ihr Existenzrecht und ihre spezifischen Funktionen durch entsprechende religi\u00f6s-mythische Traditionen zu rechtfertigen. Sie werden zu Hochzeiten eingeladen um Segen und Fruchtbarkeit zu spenden und fristen sonst ein Leben am Rand der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Hinsichtlich der Stellung und der Rollen von Frauen weisen die gro\u00dfen religi\u00f6sen Traditionen viele \u00c4hnlichkeiten auf. In der Entstehungsphase waren Frauen aktiv beteiligt und konnten verschiedene Rollen einnehmen. Nach der Gr\u00fcndungsphase wurden Frauen in all den genannten Religionen deutlich in untergeordnete Rollen zur\u00fcckgedr\u00e4ngt. Trotz gradueller Unterschiede (auch innerhalb einer Religion k\u00f6nnen sich durchaus verschiedene Sichtweisen und Praktiken durchsetzen), wurden und werden die wichtigen \u00c4mter und generell die Leitungsfunktionen traditionellerweise \u00fcberwiegend von den m\u00e4nnlichen Anh\u00e4ngern beansprucht.<\/p>\n<p><strong>Impulse und Initiativen f\u00fcr die Gleichheit der Geschlechter<\/strong><\/p>\n<p>In allen gro\u00dfen Religionen der Gegenwart finden sich auch mehr oder weniger starke Impulse f\u00fcr die Gleichstellung der Geschlechter im <em>religi\u00f6sen<\/em> Bereich, vor allem im Sinn der Zuerkennung der gleichen Heilsf\u00e4higkeit. Beschr\u00e4nkt auf den Bereich der religi\u00f6sen Heilslehre k\u00f6nnen die vorherrschenden Geschlechterbeziehungen au\u00dfer Kraft gesetzt werden. Bis auf wenige historische Ausnahmen haben diese Vorstellungen jedoch nicht zu einer politisch-rechtlichen Gleichstellung der Geschlechter beigetragen. Die Einheit von Frauen und M\u00e4nnern \u201ein Christus\u201c (siehe Brief des Paulus an die Galater 3,28) wurde nicht als Infragestellung der herrschenden Gesellschaftsordnung interpretiert. Weder das hinduistische Axiom von der Geschlechtslosigkeit des spirituellen Grundprinzips in jedem Menschen noch die buddhistische \u00dcberzeugung von der Leerheit der Geschlechtlichkeit entfaltete ein nachhaltiges sozialemanzipatorisches Potential zur Ver\u00e4nderung weiblicher Unterordnung im Geschlechterverh\u00e4ltnis.<\/p>\n<p>In der Regel kn\u00fcpfen Reformbewegungen in den traditionell patriarchalen Religionen erst unter dem Einfluss der Moderne und den gesellschaftlich ver\u00e4nderten Geschlechterrollen an geschlechtsegalit\u00e4re Elemente der jeweiligen Tradition an und setzen mehr oder weniger erfolgreiche Ver\u00e4nderungen im Status von Frauen in Gang. Mit feministischen Theologien und religi\u00f6sen Reflexionsprozessen gut ausgestattet, haben sich Frauen allerdings mittlerweile selbst den Zugang zu religi\u00f6sen Rollen erk\u00e4mpft, die \u00fcber Autorit\u00e4t und Interpretationsmacht verf\u00fcgen: etwa die der Theologin, Lehrerin oder Rabbinerin und sogar der P\u00e4pstin (so bezeichnet eine hinduistische Reformbewegung ihr erstes weibliches Oberhaupt in ihrer 800 Jahre alten Tradition).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-569\" src=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/mahadevi.png\" alt=\"Mahadevi\" width=\"501\" height=\"690\" srcset=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/mahadevi.png 772w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/mahadevi-218x300.png 218w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/mahadevi-744x1024.png 744w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/mahadevi-768x1057.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 501px) 100vw, 501px\" \/><\/p>\n<p>Inthronisationsfeier am 13.1. 1996: Her Holiness Mah\u0101jagadguru M\u0101te Mah\u0101d\u0113vi, \u201eThe first women\u2018s Pope\u201c<br \/>Foto: Birgit Heller<\/p>\n<p>Abgeschlossen sind diese Transformationen noch lange nicht. Ambivalente Einstellungen zur Forderung nach Gleichstellung\/Gleichberechtigung von Frauen sind nach wie vor in allen religi\u00f6sen Traditionen zu beobachten. Und die Bem\u00fchungen um die Akzeptanz multipler Geschlechter stecken sogar noch weitgehend in den Kinderschuhen. Mit der bedingungslosen Anerkennung und W\u00fcrdigung der Geschlechtervielfalt haben die meisten Religionen Probleme, nicht zuletzt deshalb, weil davon die Norm der heterosexuellen Geschlechterordnung tangiert ist.<\/p>\n<p><em>Birgit Heller ist ao. Professorin f\u00fcr Religionswissenschaft am Institut f\u00fcr Religionswissenschaft der Katholisch-Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Wien und arbeitet in Projekten immer wieder mit der Forschungsplattform RaT zusammen.<br \/><\/em><em>Sie organisierte die Ringvorlesung <\/em>Religion, Transformation und Geschlecht <em>im Wintersemester 2015.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0Im Oktober erschien die von ihr herausgegebene Ausgabe des Open-Access online Journals J-RaT mit dem Titel <\/em>Religion, Transformation and Gender.\u00a0<em>Die Beitr\u00e4ge stehen unter folgendem Link frei zum Download zur Verf\u00fcgung: <a href=\"http:\/\/www.v-r.de\/de\/religion_transformation_and_gender\/c-3166\">http:\/\/www.v-r.de\/de\/religion_transformation_and_gender\/c-3166<\/a><\/em><\/p>\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Rat-Blog Nr. 12\/2017<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 In Ihrem Beitrag zeichnet Birgit Heller aus religionswissenschaftlicher Perspektive nach, wie in unterschiedlichen religi\u00f6sen Traditionen f\u00fcr Jahrhunderte patriarchale Muster vorherrschend waren. 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