{"id":626,"date":"2017-12-04T17:24:30","date_gmt":"2017-12-04T17:24:30","guid":{"rendered":"http:\/\/rat-blog.at\/?p=626"},"modified":"2023-07-06T09:45:31","modified_gmt":"2023-07-06T09:45:31","slug":"was-kann-polemik-ueberlegungen-zu-gewaltpotential-und-unterhaltungswert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=626","title":{"rendered":"Was kann Polemik? \u00dcberlegungen zu  Gewaltpotential und Unterhaltungswert"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-630\" src=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/alma3.jpg\" alt=\"alma3\" width=\"699\" height=\"519\" srcset=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/alma3.jpg 494w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/alma3-300x223.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 699px) 100vw, 699px\" \/><\/p>\n<p><em>Kann Polemik gewaltfrei und Unterhaltsam sein? Was waren Motive und Interessen der Autoren, die den reichhaltigen Textkorpus an\u00a0christlich-j\u00fcdischer Polemik verfasst haben? <strong>Karoly Daniel Dobos<\/strong> schreibt \u00fcber seine Forschung und eine internationale Tagung zu j\u00fcdisch-christlicher Polemik an der Universit\u00e4t Wien.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die j\u00fcdisch-christliche Polemik-Literatur ist vielf\u00e4ltig und ein aktuelles Forschungsthema, das auf reges Interesse st\u00f6\u00dfft. Das zeigte sich nicht zuletzt auf der international hochkar\u00e4tig besetzen Konferenz <em>\u201cCan Polemics Innovate? Change and Continuity in Jewish\u2013Christian Polemics from Late Antiquity to Modernity\u201c, <\/em>die am 14. und 15. November an der Universit\u00e4t Wien stattfand. Zu diesem Anlass m\u00f6chte ich auch aus meiner Forschungsarbeit berichten.<\/p>\n<p>Im italienischen Teil des Habsburger Reiches w\u00e4hrend des 17. und 18. Jahrhunderts eine reichhaltige, auf Hebr\u00e4isch geschriebene, j\u00fcdische antichristliche polemische Literatur, die in der Forschung fast v\u00f6llig ignoriert blieb, obwohl die etwas mehr als f\u00fcnfundvierzig bisher identifizierten Texte, die in mehr als 160 Handschriften erhalten sind, die Bedeutung der Gattung deutlich zeigen. Im Rahmen meines Projektes versuche ich diesen Textkorpus einerseits in der Geschichte der fr\u00fchneuzeitlichen j\u00fcdischen Literatur zu kontextualisieren, andererseits das Ph\u00e4nomen des erh\u00f6hten Interesses an christlich-j\u00fcdischer Polemik unter den italienischen Juden der Sp\u00e4tbarockzeit im Rahmen der spezifischen kultur- und sozialgeschichtlichen Bedingungen Italiens verst\u00e4ndlich zu machen. Die Fragen, die mir in diesem Zusammenhang am wichtigsten scheinen, lauten:<\/p>\n<ol>\n<li>J\u00fcdische antichristliche Polemik hatte in der fr\u00fchen Neuzeit eine lange Vorgeschichte. Darum stellt sich die Frage, ob die Grundthemen und die grundlegenden Funktionen der polemischen Gattung wirklich \u00fcber eine so lange geschichtliche Periode unver\u00e4ndert blieben. Wenn nicht, wann traten die auff\u00e4lligsten, deutlich nachweisbaren Ver\u00e4nderungen ein?<\/li>\n<li>In dem oben genannten polemischen Textkorpus spiegelt sich ein stark assimiliertes italienisches Judentum wider, das trotz der Ph\u00e4nomene der Ghettoisierung und der von Zeit zu Zeit aufflammenden Bekehrungswut der post-tridentinischen katholischen Kirche seine Identit\u00e4t nicht weniger italienisch als j\u00fcdisch definierte. Ferner scheinen bestimmte Teile dieses polemischen Schrifttums den Akkulturationsprozess nicht einfach zu widerspiegeln, sondern sie m\u00fcssen den Adaptationsprozess fremder Kulturg\u00fcter sogar beschleunigt oder bef\u00f6rdert haben.<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-627\" src=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/abb-1.jpg\" alt=\"Abb 1\" width=\"5184\" height=\"3456\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Jeremy Cohen, Abraham and Edita Spiegel Family Foundation Professor of European Jewish History, Universit\u00e4t Tel Aviv sprach im Zuge der Tagung \u201cCan Polemics Innovate? Change and Continuity in Jewish\u2013Christian Polemics from Late Antiquity to Modernity\u201c an der Universit\u00e4t Wien.<\/em><\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Laufzeit des Projekts stellte sich heraus, dass man in der Fr\u00fchen Neuzeit bei einigen polemischen Kompositionen tats\u00e4chlich eine <em>Funktions\u00e4nderung <\/em>wahrnehmen konnte. Die Eigenart der fr\u00fcheren mittelalterlichen Traktate, ihre strikt argumentative, theologische\/popul\u00e4rphilosophische oder exegetische Funktion trat in diesen Jahrhunderten deutlich zur\u00fcck. Stattdessen scheinen einige Kompositionen mit polemischem Inhalt ganz neue Funktionen angenommen zu haben.<\/p>\n<p><strong>Erz\u00e4hlen, Lachen, Streiten: Unterschiedliche Textabsichten<\/strong><\/p>\n<p>Bei einigen Texten wurde eine rein literarische (oder unterhaltende) Absicht offenbar. Mir gelang es, sieben literarische Parodien zu identifizieren, die den hebr\u00e4ischen liturgischen Hymnus <em>Jigdal Elohim Hai<\/em> (\u201e<em>Der lebendige Gott m\u00f6ge verherrlicht sein<\/em>\u201c) in parodistischer Form \u00fcberarbeiten. Diese parodistischen \u00dcberarbeitungen, die meist in poetischer Form gehalten wurden, verspotteten die dogmatischen Grundlehren des Christentums, vor allem aber machten sie die Person Jesu zum Ziel des Gel\u00e4chters. Weiterhin habe ich drei \u00e4hnliche parodistische \u00dcberarbeitungen des Hymnus <em>Adon Olam<\/em> (\u201eHerr der Welt\u201f) gefunden (und zur Publikation vorbereitet). Ganz \u00e4hnlich verh\u00e4lt sich ein l\u00e4ngerer Prosatext von Jonah ha-Kohen Rapa (17\u201318. Jh.) mit dem Titel <em>Pilpul al-zeman, zemanim, zemanehem<\/em> (\u201eArgumentation \u00fcber Festtage, ihre Festtage\u201f), den ich genau datieren konnte. Das Werk arbeitet den Text der <em>Pessach-Haggada<\/em> parodistisch um.<\/p>\n<p>Es gab aber auch andere literarische Texte polemischen Inhalts, die sich nicht als Parodien bezeichnen lassen. In deutlichem Gegensatz zu den vorher erw\u00e4hnten Kompositionen sind die Vertreter dieser Gruppe keine \u00dcberarbeitungen bereits bekannter liturgischer Texte, sondern neue poetische Sch\u00f6pfungen, wie die <em>Makkot le-Kesil Meah<\/em> (\u201eEinhundert Schl\u00e4ge zum Narren\u201f) von Aaron Haim (Vita) Volterra (g. 1763), ein Spottgedicht in 100 Zeilen, das ohne den Kommentar des Verfassers kaum verst\u00e4ndlich ist. Oder einige anonyme Kompositionen in Versform mit den Titeln <em>Beri, Lecha Emet Barur&#8230;<\/em> (\u201eMein Sohn, untersuche die Wahrheit f\u00fcr dich selbst!\u201f) oder <em>Jeschua me-Natzriya \u2018Avar Datenu<\/em> (\u201eJesus von Nazareth lehnte unsere Religion ab\u201f).<\/p>\n<p>Bei solchen literarischen Texten, die sich, im Gegensatz zu fr\u00fcheren Texttypen, in direkten polemischen Konfrontationen (weder als Verteidigungs-, noch als Angriffsmittel) als v\u00f6llig nutzlos erwiesen, stellt sich sofort die Frage, warum sie in dem fr\u00fchneuzeitlichen Italien doch noch in betr\u00e4chtlicher Anzahl produziert wurden? Aus einer rein textlinguistischen Perspektive lassen sich die fr\u00fcheren mittelalterlichen polemischen Schriften (sowohl die philosophischen als auch die exegetischen Variationen, sowohl die offensiven, rein polemischen als auch die abwehrenden, mehr apologetisch orientierten) als <em>operative, zweckorientierte<\/em> Texte einstufen. Das hei\u00dft, in ihrem Fall kommt es mehr auf den Zweck als auf den Inhalt und die stilistische Korrektheit der Texte an. Im starken Gegensatz dazu lassen sich die oben erw\u00e4hnten literarischen Texte mehr als <em>expressiv <\/em>und<em> senderorientiert<\/em> beschreiben. Diese Texte als literarische Produkte verhalten sich st\u00e4rker <em>formbetont<\/em> und<em> ausdrucksorientiert<\/em>. Das einzig Neue, das diese Texte zu bieten haben, bezieht sich auf ihre <em>Funktion<\/em>.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-628\" src=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/abb-2.jpg\" alt=\"Abb 2\" width=\"5184\" height=\"3456\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Prof. Ora Limor, Department of History, Philosophy and Judaic Studies, The Open University of Israel pr\u00e4sentierte ihre Forschung zu j\u00fcdisch-christlicher Polemik im Hauptgeb\u00e4ude der Universit\u00e4t Wien.<\/em><\/p>\n<p>Die bisher geschilderten Texte artikulieren altbekannte theologische Probleme in anspruchsvoller literarischer Form. Ihre komplizierte, oft schwer verst\u00e4ndliche Rhetorik, die biblischen, gelegentlich auch rabbinischen Anspielungen, die innovativen Wortbildungen und Wortspiele, die gleichzeitige Mobilisierung von zwei oder mehreren literarischen Kompositionen in den parodistischen Schriften setzen ein anderes Publikum als den typischen mittelalterlichen Leser voraus, der in den Texten nur nach Ratschl\u00e4gen oder Ermahnungen vor dem Hintergrund der Herausforderungen des missionarischen Eifers sucht. Der Autor sowie der ideale Leser dieser Texte findet mehr Freude an der literarischen Formulierung eines altbekannten Arguments mit komischen Wortspielen und zweideutigen Referenzen als in der vernunftm\u00e4\u00dfigen Argumentation, die in den philosophischen Abhandlungen der mittelalterlichen Periode hochgesch\u00e4tzt wurde.<\/p>\n<p>Allerdings wirft die parodistische Struktur der Kompositionen weitere Fragen auf. Nach einer anerkannten literarischen Definition ist Parodie \u201eeine relativ polemische, anspielungsreiche Nachahmung einer anderen Kulturproduktion.\u201c Aber nachdem wir in unserem Beispiel die nachgeahmten Texte als absichtlich verzerrte Versionen von hoch verehrten j\u00fcdischen liturgischen Kompositionen identifiziert haben, stellen sich sofort die Fragen: Was war das eigentliche Ziel dieser polemischen Parodien? K\u00f6nnen wir sicher sein, dass es die alleinige Absicht des Verfassers war, Jesus und die Glaubensartikel der Christen l\u00e4cherlich zu machen, oder ist dar\u00fcber hinaus eine absichtliche Zweideutigkeit in den Texten zu vermuten? Sollte diese offenkundig h\u00e4ufig wiederkehrende Erscheinung \u2013 das Parodieren heiliger Texte \u2013 nicht als ein Zeichen der wachsenden Skepsis und Entt\u00e4uschung \u00fcber die traditionellen Lehren beider Religionen oder sogar als ein verdeckter Angriff auf die traditionellen Formen des Judentums interpretiert werden?<\/p>\n<p><strong>Von der Parodie zur Wissenschaft<\/strong><\/p>\n<p>In einigen Texten kann man die erste Phase des langen Entstehungsprozesses einiger wissenschaftlicher Disziplinen beobachten. Das sich \u00fcber die herk\u00f6mmlichen Grenzen der Polemik erstreckende wissenschaftliche Interesse des Autors deutlich sp\u00fcrbar.<\/p>\n<p>Der hochgebildete Rabbiner von Venedig, Jehuda Arjeh me-Modena (1571\u20131648), verfasste im Jahr 1643 eine merkw\u00fcrdige polemische Streitschrift mit dem Titel <em>Magen wa-Herev<\/em> (\u201e<em>Schild und Schwert<\/em><em>\u201f<\/em>). In Modenas Schrift tritt der traditionelle, philosophisch-rationalistische Ansatz gegen\u00fcber der herk\u00f6mmlichen Bibelauslegung in den Hintergrund, allerdings b\u00fcrgerte er, als Zeichen einer neuen \u00c4ra, eine neue Dimension in der polemischen Literatur ein: das <em>Geschichtsbewusstsein<\/em>. Modena, ganz im Geiste der sp\u00e4teren <em>historisch-kritischen Jesusforschung<\/em>, versuchte die Grundz\u00fcge des Lebens Jesu und seine urspr\u00fcngliche Lehre von den sp\u00e4teren Konstruktionen der Evangelisten oder der ersten Theologen zu trennen. Er stellte Jesus als liberalen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pharis\u00e4er\">Pharis\u00e4er<\/a> dar, der bestimmte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Halacha\">halachische<\/a> Regeln wie das H\u00e4ndewaschen missachtete, weshalb er in Konflikt mit anderen Pharis\u00e4ern geraten war. Er habe sich als <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sohn_Gottes\">Sohn Gottes<\/a> bezeichnet, aber damit kein g\u00f6ttliches Wesen gemeint, sondern sich als von Gott erw\u00e4hlten, den Propheten \u00fcberlegenen Torahlehrer verstanden. Erst sp\u00e4tere <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heidenchristen\">Heidenchristen<\/a> h\u00e4tten seine Lehren falsch gedeutet, ihn zu einem gottmenschlichen Mischwesen gemacht und die Dogmen der Trinit\u00e4t, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erbs\u00fcnde\">Erbs\u00fcnde<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erl\u00f6sung\">Erl\u00f6sung<\/a> geschaffen.<\/p>\n<p>Ebenso wichtig wie die oben angef\u00fchrte historische Methode ist ein weiteres Merkmal des Buches. Polemik wird traditionell f\u00fcr eine Disziplin gehalten, deren Zielsetzung entweder die Hervorhebung bzw. die St\u00e4rkung bestehender religi\u00f6ser oder kultureller Grenzen ist oder eben die Setzung neuer Grenzen in entscheidenden Perioden der Gruppenbildung. In diesem Zusammenhang ist es h\u00f6chst interessant zu beobachten, wie Modena, statt des erwarteten Modells der Grenzziehung, immer wieder Kompromisse suchte. Mit der Verletzung der unausgesprochenen Regeln der polemischen Gattung gab sich Modena alle M\u00fche \u2013 und zwar mehrmals in seinem <em>Magen wa-Herew<\/em> \u2013 einige christliche theologische Vorstellungen f\u00fcr seine j\u00fcdischen Leser nicht nur verst\u00e4ndlich, sondern sogar zul\u00e4ssig zu machen. Er versuchte z. B., trotz erheblicher Unterschiede zwischen den beiden Konzeptionen, die er nie totschwieg, den dogmatischen Begriff der Erbs\u00fcnde mit der j\u00fcdischen Vorstellung vom b\u00f6sen Trieb zu identifizieren. Gleichfalls behauptete er, dass der scheinbar unl\u00f6sbare Konflikt zwischen dem j\u00fcdischen Glauben an einen einzigen Gott und der christlichen Vorstellung der Dreieinigkeit gel\u00f6st werden k\u00f6nne, wenn die Trennung der drei g\u00f6ttlichen Personen als wesenintern, also im Inneren und nicht au\u00dferhalb der Gottheit vorliegend vorgestellt werden k\u00f6nne. An bestimmten Stellen sieht Modenas B\u00fcchlein so aus, als ob er statt Grenzziehung lieber Br\u00fccken gebaut h\u00e4tte. Bestimmte Abschnitte des Buches kann man als erste Zeugnisse eines erwachenden Interesses an der sp\u00e4teren <em>vergleichenden Religionswissenschaft<\/em> interpretieren.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-629\" src=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/abb-3.jpg\" alt=\"Abb 3\" width=\"5184\" height=\"3456\" \/><\/p>\n<p><em>Israel Yuval, Professor of Jewish History an der Hebr\u00e4ischen Universit\u00e4t war im Rahmen der von RaT und dem Institut f\u00fcr Judaistik organisierten Konferenz zu Gast in Wien.<\/em><\/p>\n<p>Seit den 1990er Jahren ist es \u00fcblich, eine bestimmte Gruppe christlicher antij\u00fcdischer Texte als <em>polemisch-ethnographisch<\/em> zu bezeichnen. Solche Texte, die vor allem in Deutschland, zwischen der ersten H\u00e4lfte des 16. und der Mitte des 18. Jahrhunderts in betr\u00e4chtlicher Anzahl entstanden, beschreiben anstatt der eingeb\u00fcrgerten theologischen Probleme lieber die Rituale, die t\u00e4glichen Gewohnheiten, also den f\u00fcr Christen immer merkw\u00fcrdig erscheinenden Lebensstil der Juden. Ein allgemeines Merkmal dieser Literatur ist die \u00f6fters geradeheraus artikulierte, manchmal verh\u00fcllte kritische Haltung des Autors, der die unbekannten Gewohnheiten des Fremden der L\u00e4cherlichkeit preisgibt.<\/p>\n<p>Es ist bisher nicht gelungen, eine parallele Entwicklung in der j\u00fcdischen polemischen Literatur aufzuzeigen. Demgegen\u00fcber nehme ich an, dass der oben erw\u00e4hnte parodistische Prosatext von Jonah ha-Kohen Rapa, mit dem Titel <em>Pilpul al-zeman, zemanim, zemanehem <\/em>sich als eine j\u00fcdische Parallele der polemisch-ethnographischen Gattung auffassen l\u00e4sst. Sein Autor stellt die Verehrung der Heiligen oder Heiligenreliquien, die Wallfahrten zu den Maria geweihten Orten, die bedeutungslose Auseinandersetzung der verschiedenen Ritterorden in komischen Beschreibungen in gereimter Prosa dar.<\/p>\n<p><strong>Psychoanalytische Perspektiven<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 1782 wurde das Drama eines Rabbiners im Pesaro, mit dem Namen Matitjahu Nissim (Donato) ben Jacob Israel Terni (1745 \u2013z. 1810), in der rabbinischen Hochschule (Jesiwa) auf die B\u00fchne gestellt. Das Drama mit dem Titel <em>Derech Emunah<\/em> (\u201eDer Weg des Glaubens\u201c) ist ein merkw\u00fcrdiges Produkt. Die Schauspieler diskutieren solch herk\u00f6mmliche Themen der j\u00fcdisch\u2013christlichen Auseinandersetzung wie die Trinit\u00e4t, die Menschwerdung Jesu, die Dauer des j\u00fcdischen Exils. Es ist wieder nicht die alte polemische Thematik, die dieses Schauspiel bemerkenswert macht. Was das Theaterst\u00fcck wirklich interessant macht, ist die Tatsache, dass beide Gespr\u00e4chspartner Juden sind. Einer spielt die traditionelle Rolle des Christen, er versucht den anderen davon zu \u00fcberzeugen, dass die j\u00fcdische Religion nach dem Auftreten Jesu keinen Wert mehr hat. Ihre traditionellen Aussagen sind veraltet, ihre angeblichen Wahrheiten falsch. Der andere versucht hingegen die j\u00fcdische Religion, im Wesentlichen unter Verwendung der klassischen Argumente, zu verteidigen und seinen Partner auf seine Seite zu ziehen.<\/p>\n<p>Ich versuche, dieses Drama als einen fr\u00fchen psychoanalytischen Versuch zu verstehen, in dem der Autor ganz bewusst mit einander widersprechenden Emotionen spielt. Meiner Meinung nach stellen die zwei Schauspieler des Dramas die verschiedenen gegens\u00e4tzlichen, dennoch zugleich existierenden Emotionen einer frustrierten Seele, wie Zweifel, Angst und Entt\u00e4uschung auf der einen Seite, und Hoffnung, Selbstbewusstsein und Mut auf der anderen, dar.<\/p>\n<p>Die oben beschriebenen neuen Perspektiven bem\u00fchen sich, eine bedauerliche L\u00fccke in der Geschichte des j\u00fcdisch-christlichen Wechselverh\u00e4ltnisses zu f\u00fcllen, zugleich d\u00fcrften sie unser Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Beziehung zwischen der j\u00fcdischen Minderheit und ihrem Umfeld in Europa zu einer Zeit, die bis heute nachwirkt, revolutionieren.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Rat-Blog Nr. 14\/2017<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kann Polemik gewaltfrei und Unterhaltsam sein? 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