{"id":669,"date":"2018-04-05T14:47:18","date_gmt":"2018-04-05T14:47:18","guid":{"rendered":"http:\/\/rat-blog.at\/?p=669"},"modified":"2023-07-06T09:46:19","modified_gmt":"2023-07-06T09:46:19","slug":"der-gerettete-retter-mose-und-die-frauen-in-exodus-1-2-in-patristischen-und-rabbinischen-interpretationen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=669","title":{"rendered":"Der gerettete Retter: Mose und die Frauen in Exodus 1-2 in patristischen und rabbinischen Interpretationen"},"content":{"rendered":"<p>\u00a0<\/p>\n<p><em><strong>Agnethe Siquans<\/strong> stellt in ihrem Beitrag Interpretationslinien des Buches Exodus dar, die auf die jeweilige Rolle der handelnden\u00a0Frauen hin gelesen werden.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die ersten beiden Kapitel des biblischen Buches Exodus erz\u00e4hlen von der Vermehrung des Israeliten in \u00c4gypten und vom Versuch der \u00c4gypter, diese einzud\u00e4mmen, sowie von der Geburt, Gef\u00e4hrdung und Rettung des Mose.Nach der Ermordung eines \u00c4gypters flieht Mose nach Midian, wo er den sieben T\u00f6chtern des Priesters Jitro begegnet, von denen er eine, Zippora, sp\u00e4ter heiratet. In den Anfangskapiteln des Exodusbuches spielen Frauen eine bedeutende Rolle. Im weiteren Verlauf der Erz\u00e4hlung verschwinden sie fast v\u00f6llig aus dem Text. In Ex 1 und 2 sind es die beiden Hebammen Schifra und Pua, die Mutter und die Schwester des Mose, die Tochter des Pharaos und die sieben T\u00f6chter Jitros, die die Geburt, Kindheit und Jugend des Mose begleiten. Einige davon sind wesentlich daran beteiligt, dass er \u00fcberhaupt \u00fcberlebt. Die Hebammen leisten gewaltlosen Widerstand und weigern sich, dem Befehl des Pharaos, die m\u00e4nnlichen Neugeborenen der Hebr\u00e4er zu t\u00f6ten, Folge zu leisten. Die Mutter versteckt den S\u00e4ugling drei Monate lang und setzt ihn dann in einem Binsenk\u00f6rbchen auf den Nil. Die Tochter des Pharaos scheint sich um die Befehle ihres Vaters ebenfalls kaum zu k\u00fcmmern und holt den kleinen Knaben aus dem Fluss, wobei sie sofort erkennt, dass es sich um ein hebr\u00e4isches Kind handelt. Seine Schwester beobachtet die ganze Szene und bietet schlie\u00dflich der Pharaonentochter an, eine hebr\u00e4ische Amme f\u00fcr das Baby zu holen. So ist Mose zun\u00e4chst gerettet und kann unter dem Schutz der Frauen aufwachsen. Der gewaltlose Widerstand der Frauen gegen die geballte Macht des \u00e4gyptischen K\u00f6nigs macht dies letztlich m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Moses erster Kontakt mit der Au\u00dfenwelt, mit dem Konflikt zwischen \u00e4gyptischen Herren und hebr\u00e4ischen Sklaven f\u00fchrt zu einer neuerlichen Bedrohung. Nachdem Mose einen \u00e4gyptischen Aufseher erschlagen hat, wird er vom Pharao mit dem Tod bedroht und muss fliehen. In Midian angekommen kann er erstmals seine zuk\u00fcnftige Aufgabe erproben, indem er die sieben T\u00f6chter Jitros gegen die Hirten verteidigt, die ihnen das Wasser streitig machen. Mose ist auf dem Weg vom Geretteten zum Retter.<\/p>\n<p>Patristische und rabbinische Texte haben diesen Text, die Leerstellen, die er enth\u00e4lt, die Fragen, die er aufwirft, in sehr unterschiedlicher Weise interpretiert. Mit einigen dieser Auslegungen befasst sich das vom FWF gef\u00f6rderte Forschungsprojekt \u201eDer gerettete Retter: Exodus 1-2 in patristischer und rabbinischer Interpretation\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/exodus-projekt.univie.ac.at\/\">http:\/\/exodus-projekt.univie.ac.at<\/a><\/p>\n<p>Im Folgenden soll die Rolle, die die jeweiligen Texte den Frauen zugestehen, an einigen Beispielen in den Blick genommen werden.<\/p>\n<p><strong>Die allegorische Geschlechterdeutung bei Origenes<\/strong><\/p>\n<p>Origenes behandelt die Hebammenerz\u00e4hlung und die Geburts- und Rettungsgeschichte des Mose in seiner zweiten Homilie zu Exodus. Er interpretiert das biblische Buch allegorisch und setzt es auf diese Weise in Beziehung zu seinen christlichen Zuh\u00f6rerInnen. Die in Ex 1-2 erz\u00e4hlte Geschichte wird auf den Glaubensweg der Christen und Christinnen bezogen. Das f\u00e4llt ihm umso leichter, als auch schon Paulus im ersten Korintherbrief (1 Kor 10) den Exodus (konkret den Durchzug durch das Schilfmeer) auf die Taufe und die Wunder in der Zeit der W\u00fcstenwanderung auf Christus gedeutet hat.<\/p>\n<p>Sehr auff\u00e4llig und in dieser Form einmalig ist Origenes\u2018 Deutung des Befehls des Pharaos. In Ex 1 lesen wir, dass der Pharao ausdr\u00fccklich befahl, die m\u00e4nnlichen Neugeborenen zu t\u00f6ten, die weiblichen aber am Leben zu lassen. In Origenes\u2018 allegorischer Interpretation (die schon auf Philo von Alexandrien zur\u00fcckgreift) werden die m\u00e4nnlichen Kinder (<em>viri<\/em>) zu den Tugenden, die der Pharao vernichten will. Die weiblichen Kinder (<em>feminae<\/em>) repr\u00e4sentieren die Laster, die Pharao liebt und f\u00f6rdert. F\u00fcr Origenes ist damit klar, dass die Hebammen nicht nur die m\u00e4nnlichen Kinder am Leben gelassen, sondern umgekehrt auch die weiblichen get\u00f6tet haben. Denn in der Kirche haben die Laster keinen Platz. Auch Origenes\u2018 Zuh\u00f6rerInnen werden aufgefordert, nur das M\u00e4nnliche in ihrem Inneren zu kultivieren. Origenes tr\u00e4gt in die Erz\u00e4hlung vom gewaltlosen Widerstand der Hebammen explizit Gewalt ein: Auch die Hebammen t\u00f6ten Kinder. Das biblische Buch ist hier hingegen sehr zur\u00fcckhaltend: Dort ist von keinem einzigen get\u00f6teten Kind, weder m\u00e4nnlich noch weiblich, die Rede.<\/p>\n<p>Die Tochter des Pharaos wird von Origenes typologisch als die Kirche aus den V\u00f6lkern gedeutet. Sie wendet sich von ihrem Vater, dem Teufel ab, und kommt zum Fluss, der f\u00fcr die Taufe steht. So ist sie auch Vorbild f\u00fcr die AdressatInnen des Origenes, die sich vom Heidentum zum Christentum bekehrt haben. Antij\u00fcdische Invektiven bleiben in dieser Deutung leider auch nicht aus. Die Mutter des Mose wird als die Synagoge, also das Judentum gedeutet, das Mose, der das Gesetz verk\u00f6rpert, ausgesetzt hat. Erst die Tochter des Pharaos = die Kirche aus den V\u00f6lkern hat die wahre, n\u00e4mlich geistige Bedeutung des Gesetzes erkannt.<\/p>\n<p><strong>Ephr\u00e4m der Syrer kommentiert f\u00fcr ein weibliches Publikum<\/strong><\/p>\n<p>Interessant ist, dass Ephr\u00e4m der Syrer \u00fcberhaupt nicht zwischen m\u00e4nnlichen und weiblichen Kindern differenziert (obwohl das der biblische Text vorgibt). F\u00fcr ihn ist entscheidend, dass die Hebammen das Leben f\u00f6rdern und keine Kinder t\u00f6ten. Allerdings spricht er von Haufen von toten hebr\u00e4ischen Kindern, die sich am Flussufer auft\u00fcrmen. Er erreicht damit eine drastische Gegen\u00fcberstellung von Leben und Tod, wobei der Pharao den Tod repr\u00e4sentiert, w\u00e4hrend Gott mit Hilfe der Hebammen f\u00fcr das Leben k\u00e4mpft (und letztlich siegt). Ephr\u00e4ms Kommentar orientiert sich in diesem Abschnitt stark am Wortsinn des Bibeltextes und integriert eine Reihe von Traditionen, die sonst aus j\u00fcdischen Auslegungen bekannt sind. So greift er zum Beispiel den Gedanken des Philo auf, dass Moses Mutter an seiner Erziehung beteiligt ist. Bei Ephr\u00e4m wird die Rolle der Frauen gegen\u00fcber dem Bibeltext wenig ver\u00e4ndert, eher noch hervorgehoben. Das k\u00f6nnte damit zusammenh\u00e4ngen, dass Ephr\u00e4m m\u00f6glicherweise f\u00fcr ein weibliches Publikum geschrieben hat.<\/p>\n<p><strong>Die aktiven Frauen im babylonischen Talmud<\/strong><\/p>\n<p>Im babylonischen Talmud findet sich ein Abschnitt (Sota 11a-13a), der eine zusammenh\u00e4ngende Auslegung von Ex 1,8-2,9 bietet. W\u00e4hrend etwa in der Mechilta des Rabbi Jischmael oder im Midrasch Tanchuma die Frauen kaum eine Rolle spielen, werden sie hier besonders hervorgehoben. Mirjams Rolle als Prophetin wird vom Schilfmeer (Ex 15,20-21) in die Kindheit verlegt und mit der Geburt des Mose verkn\u00fcpft. Mirjam und ihre Mutter Jochebed werden als die beiden Hebammen Schifra und Pua identifiziert und ihre Sorge f\u00fcr die Neugeborenen unter Einbeziehung weiterer Bibelstellen ausf\u00fchrlich dargestellt. Auf diese Weise wird Mirjam sogar zu einer Ahnmutter des K\u00f6nigs David. Mirjam wird (als kleines M\u00e4dchen) als Ratgeberin ihres Vaters geschildert.<\/p>\n<p>Die Vermehrung und damit Erf\u00fcllung des g\u00f6ttlichen Segens ist das wesentliche Metier der Frauen. Die hebr\u00e4ischen Frauen sind es, die die Initiative ergreifen und sich um Nachkommenschaft k\u00fcmmern. Gott belohnt ihre Aktivit\u00e4ten, indem er sie durch Wunder unterst\u00fctzt und f\u00fcr die hebr\u00e4ischen Kinder sorgt, als es den Frauen selber aufgrund der Verfolgung durch die \u00c4gypter nicht mehr m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Gerade im Umfeld der Geburt von Kindern und der Versorgung der Familie wird die Bedeutung und auch die Verantwortung der Frauen im Talmud besonders hervorgehoben. Zugleich aber werden sie auch auf diesen Bereich beschr\u00e4nkt, wie etwa Mirjam, die nur als kleines M\u00e4dchen prophezeit, bei den gro\u00dfen Ereignissen am Schilfmeer, wo sie im Bibeltext als F\u00fchrungsgestalt auftritt (Ex 15), aber \u00fcbergangen wird. F\u00fcr das rabbinische Judentum sind Familie und Nachkommenschaft, Zusammenhalt und Fortbestand der Gemeinschaft wichtige Anliegen. Das ist sicher mit ein Grund, warum die Rolle der Frauen im Vergleich zum Bibeltext weiter ausgebaut wird.<\/p>\n<p>Die unterschiedlichen Interpretationen des Textes machen deutlich, welche Rolle der historische und kulturelle Kontext der Auslegenden. Die Offenheit des Textes, seine Leerstellen und Ambivalenzen werden aufgegriffen und mit der eigenen Gegenwart in Verbindung gebracht. Das erm\u00f6glicht eine je neue Aktualisierung und Plausibilisierung des Bibeltextes, die auch die Interessen und didaktischen Intentionen der Interpreten (explizit oder implizit) vermittelt.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Rat-Blog Nr. 5\/2018<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Agnethe Siquans stellt in ihrem Beitrag Interpretationslinien des Buches Exodus dar, die auf die jeweilige Rolle der handelnden\u00a0Frauen hin gelesen werden.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":670,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,137,161,139,150],"tags":[19,34,43,51,95],"ppma_author":[355],"class_list":["post-669","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-beitraege","category-christentum","category-gender","category-judentum","category-theologie","tag-christentum","tag-geschlecht-zwischen-sex-und-gender","tag-heilige-schriften","tag-judentum","tag-religionswissenschaft","eq-blocks"],"authors":[{"term_id":355,"user_id":0,"is_guest":1,"slug":"agnethe-siquans","display_name":"Agnethe Siquans","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/?s=96&d=mm&r=g","author_category":"","user_url":"","last_name":"Siquans","first_name":"Agnethe","job_title":"","description":"Agnethe Siquans ist ao. 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