{"id":719,"date":"2020-06-30T14:55:47","date_gmt":"2020-06-30T14:55:47","guid":{"rendered":"http:\/\/rat-blog.at\/?p=719"},"modified":"2023-07-06T09:48:14","modified_gmt":"2023-07-06T09:48:14","slug":"deus-ex-machina","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=719","title":{"rendered":"Deus ex machina?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em><strong>Daniel Johannes Huter<\/strong> erkundet die M\u00f6glichkeiten des Sehens und der Bildkritik zwischen Produktion und Reproduktion. Dabei ergeben sich weitreichende religionsphilosophische Ausblicke.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>I<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In seiner Vorlesung \u00fcber Optische Medien beschreibt Friedrich Kittler die Genese des modernen Subjektes als Wechselspiel der Medientechniken camera obscura und laterna magica, das hei\u00dft im Wechselspiel von Reproduktion der erscheinenden Bilder unter Zuhilfenahme der Zentralperspektive und Produktion von bewegten bildhaften Erscheinungen. Beispielhaft l\u00e4sst er diese Entwicklung in den Subjektkonstitutionen von<br>E.T.A. Hofmanns Elixieren des Teufels kulminieren, der fiktiven Autobiographie eines Kapuziners, worin \u2013 sozusagen in einem Schritt der S\u00e4kularisierung \u2013 sich bildgebende Verfahrensweisen des barocken Katholizismus, wie sie etwa im Jesuitentheater entwickelt worden waren, in romantische Literatur transformierten <a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftn1\">[1]<\/a>:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDie Kirche ist, mit anderen Worten, gar keine Kirche mehr, sondern hat sich, durch Verinnerlichung aller Tricks von Camera obscura und Laterna magica, in romantische Literatur verwandelt, die sowohl f\u00fcr ihren fiktiven Autor wie f\u00fcr ihre intendierten Leser als optische Halluzination fungiert.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vereinfacht gesagt: Die moderne Subjektkonstitution nach Kittler ist eine eminent, wenn auch nicht ausschlie\u00dflich, religi\u00f6s gepr\u00e4gte, da vom Anderen hervorgebracht \u2013 quasi entsprechend dem Ebenbild angesprochener Medientechniken.<br>In eine \u00e4hnliche Kerbe schl\u00e4gt Jacques Derrida, welcher in seinem Aufsatz Glaube und Wissen auf die medientechnischen Bedingungen (post)moderner Religiosit\u00e4t hinweist: Ohne<br>\u201edigitale Kultur\u201c oder Telemedien g\u00e4be \u201ees heute keine religi\u00f6se Bekundung\u201c. Damit spricht er ein Potpourri an, beinhaltend medial in Szene gesetzte Papstreisen, digitale Verbreitung religi\u00f6ser Inhalte oder die von ihm so bezeichneten \u201eneuen Religionskriege\u201c, welche ebenso im cyberspace ausgetragen w\u00fcrden wie im Analogen. Der Grund dieser Verbindung: Das Religi\u00f6se ist f\u00fcr Derrida den Medientechniken vorg\u00e4ngig, Glaube und Technik wurzeln in dem, was Derrida als eine der beiden Quellen der Religiosit\u00e4t erachtet, n\u00e4mlich das antwortende sich Beziehen auf ein Anderes, das sich als Vertrauen und performatives Bezeugen dieses Vertrauens zeigt. Wiederum vereinfacht gesagt: Sei es im Umgang mit Medien, sei es im Umgang mit Gott, das Subjekt konstituiert sich im vertrauensvollen Bezug,<br>bevor es zu einer wissenden Durchdringung des Anderen voranschreitet. Jeder Bet\u00e4tigung des Technischen ist Vertrauen vorg\u00e4ngig, das sich im Kern religi\u00f6s zeige, so Derrida. Jeder vertraut darauf, dass nach Bet\u00e4tigung einer Taste der Bildschirm aufleuchtet \u2013 aber wer kennt die unergr\u00fcndlichen Wege dahinter?<a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftnref2\">[2]<\/a><br>Nun ist der Gedanke, Religiosit\u00e4t im Zusammenhang mit Techniken zu erl\u00e4utern, nicht neu. So brachte der Barock \u2013 als Kulturform selbst oszillierend zwischen mathematisch- technischer Pr\u00e4zision und katholischer Faszination f\u00fcr das Organische und Sch\u00f6pferische \u2013 sich diesen Gedanken sozusagen selbst zur Einsicht, liest man in Giambattista Vicos <em>Scienza Nuova<\/em> von 1744, die Religion sei mit dem Deuten der Auspizien entstanden, das hei\u00dft mit Techniken der Himmelsdeutung. Vicos originelle wie mythische Erkl\u00e4rung: In der Zeit nach der Sintflut, als die Wassermassen nach und nach verdunsteten, war der Himmel \u00fcber und \u00fcber mit schwerem Gewittergew\u00f6lk angef\u00fcllt, aus dem es unentwegt blitzte und donnerte, was die ungeschlachten Giganten, welche damals die Erde bev\u00f6lkerten, Jupiter \u2013 Vicos Ausdruck f\u00fcr einen beliebigen Himmelsgott \u2013 zuschrieben, der ihnen mittels Blitzen seinen Willen bekundete, wodurch sich die Giganten von den Auguren allm\u00e4hlich zivilisieren lie\u00dfen. Diese Auguren konstituieren somit das religi\u00f6se Subjekt (nach Vico zugleich das zivilisierte Subjekt), vor der hintergr\u00fcndigen Bedingung der Furcht vor dem Anderen in Gestalt der Himmelserscheinungen, im Zusammenklang von Vertrauen und Medientechnik \u2013 indem sie sich die angesprochene Furcht zu Nutze machten, das Vertrauen in sie als kundige Zeichendeuter zu gr\u00fcnden, indem sie sich technisch (unter Zuhilfenahme des Krummstabs) auf das Licht als \u00dcbertragungsmedium des g\u00f6ttlichen Willens bezogen. Der Augur als altert\u00fcmliche camera obscura, welche faktische Himmelserscheinungen sinnhaft reproduziert, und der mittels einer nicht minder altert\u00fcmlichen laterna magica, welche mit dem Schauspiel der Zeichendeutung die Furcht vor den Himmelserscheinungen \u00fcberblendet, die menschliche Zivilisation religi\u00f6s einl\u00e4utet.<a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftnref2\">[3]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>II<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dergleichen Verh\u00e4ltnisbestimmungen bergen selbstredend gewisse Problematiken in sich. So mag man einwenden, Kittlers Ansatz bediene sich implizit antikatholischer Stereotype, die im barocken Trugbilderreigen nur Effekthascherei erkennen, die letztlich im Halluzinatorischen der Romantik enden (bzw. Tzvetan Todorov folgend aus der Romantik in der Phantastik)<a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftnref2\">[4]<\/a>, wobei verkannt wird, dass das spettacolo barocco der Jesuiten letztlich der Seelenrettung und nicht dem Priesterbetrug diente. Denn hinter all dem Illusionszauber jesuitischer Theaterauff\u00fchrungen stand das Motiv der confessio. Am Beispiel von Jakob Bidermanns Cenodoxus, dem wohl bekanntesten Jesuitendrama \u00fcber die H\u00f6llenfahrt eines gleichnamigen Pariser Doktors: Nach einer denkw\u00fcrdigen Inszenierung 1609 in M\u00fcnchen sollen sich, beeindruckt von der Darbietung, nachher Teile des Publikums zu ignatianischen Exerzitien zur\u00fcckgezogen haben; und als w\u00e4re dem nicht genug gewesen, sei im Welttheater gelungen, was dem B\u00fchnentheater versagt geblieben war, n\u00e4mlich der Darsteller des Pariser Gelehrten rettete seine Seele, indem er dem Jesuitenorden beitrat.<a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftnref2\">[5]<\/a><br>War, wohlwollend interpretiert, Seelenrettung das hehre Ziel der Jesuiten, so musste hierf\u00fcr ein entsprechendes Subjekt, das sich unter anderem mittels Theaterspiel bekehren lie\u00df, zur Bearbeitung bereitliegen, was \u00fcber geistlichen Unterricht (Predigten), Exerzitien oder Volksmissionen erreicht wurde. An dieser Stelle, und nicht im antikatholischen Reflex, ist die Kritik zu vernehmen. Denn, wessen Seele, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, nicht gerettet werden m\u00f6chte, wird darin leicht die funktionell psychotechnische Beeinflussung des Menschen erkennen. Das hei\u00dft: Ein Subjekt, das sich in Analogie zu Medientechniken bildet, ist zugleich ein Subjekt, das sich in reflexiver Bezugnahme auf diese Konstitution psychotechnisch manipuliert l\u00e4sst \u2013 das Erkenntnislicht, etwa eines Hugo M\u00fcnsterberg, welches in camera obscura und laterna magica aufleuchtet, um sich die Logik, deren Produkt das Subjekt ist, zunutze zu machen.<br>Wenn nun das Grundmoment dieser Analogiebildung Subjekt-Medientechnik ein religi\u00f6ses sein soll \u2013 ein religi\u00f6ses welcherart? Ein letztlich gnostisches, das in den Medien jene Demiurgen am Werk sieht, welche den Menschen im Labyrinth ihrer B\u00f6swilligkeit gefangen halten? Oder der Singularit\u00e4t, wo in der Technik die (Er)L\u00f6sung von allen Problemen des Menschseins erhofft wird und der Demiurg sich als ebenso g\u00fctiger wie m\u00e4chtiger Allprogrammierer zeigt? Anders gefragt: Gen\u00fcgt die Feststellung, Subjektkonstitution vom Anderen her zu denken, bedeute zugleich, eine religi\u00f6se Subjektkonstitution zu denken? Das Postulat f\u00fcr den Zweck der hier angestellten \u00dcberlegungen: Ja. Denn unter dieser Voraussetzung l\u00e4sst sich das religionskritische Potential vor allem der drei gro\u00dfen monotheistischen Religionen \u2013 \u00fcber die psychotechnischen Erkenntnislichter hinweg \u2013 pointierter beleuchten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>III<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleich zu Beginn erkl\u00e4rt die Genesis zwischen den Zeilen \u00e4gyptische Sonnengottheiten und mesopotamische Mondgottheiten zu schlichten Lampen, eine f\u00fcr den Tag, eine f\u00fcr die Nacht (Gen. 1,14ff). So originell Vico die Entstehung der Religiosit\u00e4t nach der Sintflut deutet, so originell deutet er in diesem Zusammenhang die Erz\u00e4hlung vom S\u00fcndenfall: Die Rede vom Baum der Erkenntnis sei so zu verstehen, dass damit ein g\u00f6ttliches Verbot der Himmelsdeutung angesprochen war.<a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftnref2\">[6]<\/a> Frei nach Vico: Die Sonnen- oder Mondfrucht an diesem Baum \u00fcberstrahlte in den Augen des Menschen die Fr\u00fcchte vom Baum des Lebens, sodass er der Versuchung erlag, in diesem Strahlen mehr als blo\u00dfe Tag- und Nachtleuchten zu sehen. Gott in der Gewandung eines Jupiters erging sich fortan nicht mehr im Windhauch unten im Garten (Gen. 3,8), sondern hoch in den Bewegungen und Erscheinungen des Firmaments, die der Mensch auszudeuten versuchte.<br>Demgem\u00e4\u00df ist die Bilderfeindlichkeit der Bibel zu verstehen, subsumiert sie darunter G\u00f6tzen, geformte Materie, nach denen sich der Mensch zu richten beginnt. Gemeint sind keine lebendigen Bilder, wie der Mensch in seiner Ebenbildlichkeit, sondern G\u00f6tzen, welche zum Beispiel als imagines oder personae die Z\u00fcge von Toten nachzeichnen; beide Begriffe wurden urspr\u00fcnglich f\u00fcr Totenmasken verwendet, wie sie ehemals r\u00f6mische Hausalt\u00e4re staffierten. Imago leitet sich von imitare her, was bedeutet, dass in der imago als Totenmaske nur nachgezeichnet wird, was ihr vorgezeichnet ist: Das Antlitz des Verstorbenen, dessen Z\u00fcge sie blo\u00df reproduziert.<a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftnref2\">[7]<\/a><br>Gestaltet sich der Mensch nach dergleichen Vorbildern, verf\u00e4ngt er sich in reproduzierenden Funktionszusammenh\u00e4ngen, die er f\u00fcr das religi\u00f6se Leben seiner Person h\u00e4lt. Kritisiert das Neue Testament das Tempeljudentum in dieser Weise, so wird damit freilich nicht die lebendige j\u00fcdische Fr\u00f6mmigkeit gescholten, wie das Gleichnis vom Pharis\u00e4er und dem Z\u00f6llner zeigt (Lk. 18,10 \u2013 14).<a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftnref2\">[8]<\/a> Gescholten wird eine Form der Religiosit\u00e4t, vor der sp\u00e4terhin auch das Kirchenchristentum alles andere als gefeit war, n\u00e4mlich zu meinen, das biedere Befolgen \u2013 imitierend, reproduzierend \u2013 von Vorgaben mache den Menschen ebenbildlich, vertiefe seine Verbindungen zu Gott. Kurzum: Das gemeinsame Moment von G\u00f6tzen, imagines, personae und modernen Medientechniken liegt in ihrer Wirkung als immer dasselbe Vorgebende; Vorbilder, nach denen sich der Mensch immer dasselbe ausf\u00fchrend nachbildet; geformte Materie allein, nach der sich der Mensch zu in-formieren beginnt, wobei dieses Wiederholen des Immergleichen den Tod bedeutet.<br>An diesen Begriffen \u2013 insbesondere persona \u2013 ist zu beobachten, wie das christliche Denken die j\u00fcdische Religionskritik der Genesis aufgriff, indem die Kirchenv\u00e4ter aus dem Ausdruck f\u00fcr Totenmaske den Begriff f\u00fcr die drei Hypostasen Gottes formten. Hierin liegt die Pointe: Der Mensch als religi\u00f6se Person, die sich vom anderen her begreift, begreift sich als Ebenbild von etwas zuh\u00f6chst Lebendigem und Kreativem, in Abkehr oder Wandlung von allem Toten, welches sich eben darin zeigt, in seinem Imitieren und Reproduzieren keine neuen Sinnzusammenh\u00e4nge stiften zu k\u00f6nnen.<a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftnref2\">[9]<\/a><br>Diese Spezifikation des Anderen l\u00e4dt dazu ein, die eingangs angesprochenen Texte erneut zu lesen, inwiefern sie das Andere als Kreatives, Leben schenkendes Anderes denken, oder inwiefern sich ihr Anderes im Anderen der Auguren ersch\u00f6pft, welche Subjekte zu konstituieren trachten, die sich in prinzipiell manipulierbaren sowie reproduzierbaren \u2013 da vorhersehbar wie Himmelszeichen \u2013 Zusammenh\u00e4ngen wiederfinden. Wie diese Spezifikation freilich dazu einl\u00e4dt, einen kritischen Blick abseits der Texte auf gesellschaftliche Formen zu werfen, unter der Frage, welche Formen des Glaubens als Vertrauen in der Gesellschaft produziert werden. Wie rechtfertigen diese Formen das Vertrauen in sie? Indem das Andere sich dem Menschen zum Leben schenkt, indem es das Tote wandelt, oder indem es verlangt, der Mensch liefere sich ihm aus zum unerkannten Tode in Funktionszusammenh\u00e4ngen?<br>Eine Kritik, die das Religi\u00f6se selbst zur Disposition stellt: Bewahrt es sich sein religions- und medienkritisches Potenzial oder erliegt es unbemerkt der Versuchung, in Analogie der Tricks von camera obscura und laterna magica seinen Gottesnamen nach den panoptischen wie telemedialen \u201eIkonen unserer Zeit\u201c<a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftnref2\">[10]<\/a> zu in-formieren?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>IV<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor einigen Jahren sa\u00df ich in einer Vorlesung zur au\u00dfereurop\u00e4ischen Geschichte, wo die Rede war von der Geschichte des Osmanischen Reiches und wo der bemerkenswerte Satz fiel, dass der Buchdruck von den Osmanen, kaum nachdem die Erfindung aus Europa nach Konstantinopel gewandert war, bei Androhung der Todesstrafe verboten worden sei. Erst und nur z\u00f6gerlich im Laufe des 18. Jahrhunderts habe sich der Buchdruck verbreiten k\u00f6nnen, freilich, wie sollte es anders sein im Widerstand gegen Fortschrittlichkeit, \u00fcber religi\u00f6se Gr\u00fcnde f\u00fcr das Verbot hinweg.<br>Um es kurz zu machen: Hierbei handelt es sich um einen oft zitierten historiographischen Mythos, bereits im 16. Jahrhundert in Europa entstanden. Der in diesem Zusammenhang immer wieder erw\u00e4hnte Ferman von Sultan Selim I., mit dem 1515 der Druck insbesondere religi\u00f6ser Werke verboten worden sein soll, war nie erlassen worden. Gef\u00fcttert wurde damit eine Defizienzerz\u00e4hlung europ\u00e4ischer Gelehrter, die im ungebr\u00e4uchlichen Buchdruck und im vermeinten Einfluss streng religi\u00f6ser Kreise an der Hohen Pforte Gr\u00fcnde f\u00fcr die angebliche kulturelle Unterlegenheit der T\u00fcrken im 18. und 19. Jahrhundert ausmachen wollten. <a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftnref2\">[11]<\/a><br>Als der Buchdruck \u2013 diese Ikone der Fr\u00fchen Neuzeit \u2013 im islamischen Raum gebr\u00e4uchlich wurde, fingen, salopp gesagt, die Probleme erst an. Denn einen religi\u00f6sen Text in gedruckter Form zu verbreiten meint in der Regel, einen Text in einer Lesart zu verbreiten, idealerweise massenhaft und in einer eindeutigen. Doch das Konzept der eindeutigen Lesart war unter islamischen Gelehrten vor Durchsetzung gedruckter Texte so gut wie unbekannt, stattdessen wurde die Wissenschaft der Koranlesarten (<em>\u02bfilm al-qir\u0101\u02be\u0101t<\/em>) gepflegt; f\u00fcr den Koran gelten sieben Lesarten als kanonisch, weitere sind verbreitet. Mit eindeutigen Lesarten, der Einsinnigkeit eines Textes, den Mehrsinnigkeiten keinen Raum gebend, kam erst die Frage nach der richtigen, wahrheitsgem\u00e4\u00dfen oder urspr\u00fcnglichen Lesart auf \u2013 und, kurzum, dasjenige Ph\u00e4nomen, welches man heute als islamischen Fundamentalismus kennt, war geboren. Zugespitzt formuliert: Vor dem Buchdruck sprach Gott mehrdeutig, ein Bild seines sch\u00f6pferischen Verm\u00f6gens, in welches der Gl\u00e4ubige eingeladen ist, einzutauchen, denn Variantenreichtum wurde als \u201eg\u00f6ttliches Geschenk\u201c gedeutet. Mit dem Buchdruck begann er historisch-kritisch zu sprechen, das hei\u00dft in einer eindeutigen und authentischen Art und Weise, ohne Beimischungen menschlichen Eintauchens und wonach sich der Mensch strikt zu orientieren habe.<a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftnref2\">[12]<\/a><br>Nun gewann die traditionelle Lesartenlehre durch Medientechniken, durch welche sie vor allem im 20. Jahrhundert zur\u00fcckgedr\u00e4ngt worden war<a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftnref2\">[13]<\/a>, j\u00fcngst wieder an Terrain, vor allem mittels Internetauftritten, die verschiedene Lesarten zug\u00e4nglich machen. Daneben hatte sich die Kunst der m\u00fcndlichen Koranrezitation, f\u00fcr die gelebte islamische Glaubenskultur historisch gesehen pr\u00e4gender als Verschriftlichungen, die in dieser Hinsicht nur als Ged\u00e4chtnisst\u00fctzen Geltung haben, dem Zugriff von Medientechnologien entzogen. Die Erlernung zentrale Elemente f\u00fcr die Rezitation, vor allem Prosodie und Vokalisierung, k\u00f6nnen nur im pers\u00f6nlichen Kontakt mit einem Lehrer vermittelt werden bzw. Audio- Aufzeichnungen hatten sich als Ersatz nicht durchsetzen k\u00f6nnen.<a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftnref2\">[14]<\/a><br>Abseits der Ironie, m\u00f6gen b\u00f6se Zungen einwerfen, dass ausgerechnet der Buchdruck, der mit vollen Segeln voran auf die Moderne Kurs setzen sollte, Teile der islamischen Welt mit dem Sturmwind einer angeblichen finsteren Vormoderne erf\u00fcllte \u2013 zeigt sich an diesem Beispiel die Religionsgeschichte nicht als Spielball der Mediengeschichte? Wenn Fragen der Ein- oder Mehrdeutigkeit von religi\u00f6sen Texten, wie sie sich freilich auf religi\u00f6se Wahrheitsanspr\u00fcche auswirken, nach den medientechnischen Gegebenheiten einer Zeit \u2013 ihren Ikonen \u2013 richten, und zwar nicht in dem Sinne, dass das Mediale dem Religi\u00f6sen f\u00f6rderlich zupass kommt und ihm neue M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnet, sondern dass jene Medien, in denen religi\u00f6se Inhalte vermittelt werden, das religi\u00f6se Bewusstsein teils verengend bestimmen, so geht damit die Frage einher, ob die gern propagierte Krise der Religiosit\u00e4t, sieht man sie in Relevanzverlust oder in religi\u00f6ser Gewalt, weniger mit der Unglaubw\u00fcrdigkeit metaphysischer Letztbegr\u00fcndungen<a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftnref2\">[15]<\/a> zu tun hat und nicht vielmehr sich als Folge von in mancherlei Hinsicht ungekl\u00e4rten Beziehungen zwischen Religion und Medientechnik zeigt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Daniel Johannes Huter hat Geschichte und Philosophie studiert. Zurzeit besch\u00e4ftigt er sich im Rahmen seiner Dissertation mit der katholischen Kriegspredigt um 1800, begleitet mit dem Blog Sermones (<a href=\"https:\/\/sermones.hypotheses.org\/\">https:\/\/sermones.hypotheses.org\/<\/a>). Daneben forscht er f\u00fcr ein Museumsprojekt an der Schnittstelle von Alltags-, Tourismus- und Fotografiegeschichte um 1900 in Tirol.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftn1\">[1]<\/a> Friedrich Kittler: Optische Medien. Berliner Vorlesung 1999, Berlin 2011, S. 147.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftnref2\">[2]<\/a> Jacques Derrida: Glaube und Wissen. Die beiden Quellen der \u201eReligion\u201c an den Grenzen der blo\u00dfen Vernunft,<br>in: Jacques Derrida\/Gianni Vattimo: Die Religion, Frankfurt a.M. 2001, S. 9 \u2013 106, hier S. 42ff, 71ff bzw. 101.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftnref2\">[3]<\/a> Giambattista Vico: Prinzipien einer neuen Wissenschaft \u00fcber die gemeinsame Natur der V\u00f6lker, Hamburg 2009, S. 172, 10f, 174ff, S. 182 u.\u00f6.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftnref2\">[4]<\/a> Giambattista Vico: Prinzipien einer neuen Wissenschaft \u00fcber die gemeinsame Natur der V\u00f6lker, Hamburg 2009, S. 172, 10f, 174ff, S. 182 u.\u00f6.Vgl. Tzvetan Todorov: Einf\u00fchrung in die phantastische Literatur, Berlin 2013.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftnref2\">[5]<\/a> Rolf Tarot: Einleitung, in: Jakob Bidermann: Cenodoxus. Abdruck nach den \u201eLudi theatrales\u201c (1666) mit den Lesarten der Kelheimer und Pollinger Handschrift, hrsg. v. R. Tarot, T\u00fcbingen 1963, S. VII \u2013 XXXVI, hier S. IX. Bedenken \u00fcber die historische Authentizit\u00e4t der Bekehrungen infolge der Auff\u00fchrung in M\u00fcnchen 1609, die allerdings \u00fcber die blo\u00dfe Feststellung des Abstands zwischen Auff\u00fchrung 1609 und Abfassung des Berichts \u00fcber die Folgen der Auff\u00fchrung 1666 nicht hinausgeht, wird angemeldet bei Volker Meid: Literatur des Barock, in: Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anf\u00e4ngen bis zur Gegenwart, verfasst v. Wolfgang Beutin, Klaus Ehlert, Wolfgang Emmerich, Helmut Hoffacker, Bernd Lutz, Volker Meid, Ralf Schnell, Peter Stein u. Inge Stephan, Stuttgart 1989, S. 85 \u2013 120, hier S. 109.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftnref2\">[6]<\/a>&nbsp; Vico, Prinzipien, S. 176.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftnref2\">[7]<\/a> Adriano Prosperi: Die Gabe der Seele. Geschichte eines Kindsmordes, Frankfurt a.M. 2007, S. 396f bzw. Robert Pogue Harrison: The Dominion of the Dead, Chicago\/London 2003, S. 148.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftnref2\">[8] <\/a>Vgl. die Interpretation des Gleichnisses bei Erich Przywara: Himmelreich. Die Gleichnisse des Herrn (1922\/1923), in: Erich Przywara. Fr\u00fche religi\u00f6se Schiften, Einsiedeln 1962, S. 25 \u2013 272, hier S. 135ff.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftnref2\">[9]<\/a>Prosperi, Gabe der Seele, S. 396f.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftnref2\">[10]<\/a>Derrida, Glaube und Wissen, S. 42.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftnref2\">[11]<\/a> Kathryn A. Schwartz: Did Ottoman Sultans Ban Print?, in: Book History 20 (2017), S. 1 \u2013 39, hier S. 6 bzw. 11ff.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftnref2\">[12]<\/a> Vgl. Thomas Bauer: Die Kultur der Ambiguit\u00e4t. Eine andere Geschichte des Islams, Berlin 2011, S. 54 \u2013 114 (Zit. ebd. S. 78).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftnref2\">[13]<\/a> Nach 1925 hatte sich mit dem Druck des Korans in der sogenannten Lesart \u201e\u1e24af\u1e63 von \u02bf\u0100\u1e63im\u201c diese Variante im arabischsprachigen Raum, ausgenommen dem maghrebinischen und in Verdr\u00e4ngung anderer, rasant verbreitet (vgl. Bauer, Kultur der Ambiguit\u00e4t, S. 94f).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftnref2\">[14]<\/a> Bauer, Kultur der Ambiguit\u00e4t, S. 94f bzw. 61f.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/wp-admin\/post.php?post=719&amp;action=edit&amp;calypsoify=1&amp;block-editor=1&amp;frame-nonce=d9cc8b71ce&amp;origin=https%3A%2F%2Fwordpress.com&amp;environment-id=production&amp;support_user&amp;_support_token#_ftnref2\">[15]<\/a> Vgl. Gianni Vattimo: Die Spur der Spur, in: Jacques Derrida\/Gianni Vattimo: Die Religion, Frankfurt a.M. 2001, S. 107 \u2013 12.<\/p>\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-828\" src=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/daniel-huter_co_blog.jpg\" alt=\"SONY DSC\" width=\"1600\" height=\"957\" srcset=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/daniel-huter_co_blog.jpg 1600w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/daniel-huter_co_blog-300x179.jpg 300w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/daniel-huter_co_blog-1024x612.jpg 1024w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/daniel-huter_co_blog-768x459.jpg 768w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/daniel-huter_co_blog-1536x919.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 1600px) 100vw, 1600px\" \/><\/p>\n<p><em>Daniel Johannes Huter<\/em> erkundet die M\u00f6glichkeiten des Sehens und der Bildkritik zwischen Produktion und Reproduktion. Dabei ergeben sich weitreichende religionsphilosophische Ausblicke.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>I<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">In seiner Vorlesung \u00fcber Optische Medien beschreibt Friedrich Kittler die Genese des modernen Subjektes als Wechselspiel der Medientechniken camera obscura und laterna magica, das hei\u00dft im Wechselspiel von Reproduktion der erscheinenden Bilder unter Zuhilfenahme der Zentralperspektive und Produktion von bewegten bildhaften Erscheinungen. Beispielhaft l\u00e4sst er diese Entwicklung in den Subjektkonstitutionen von<br \/>E.T.A. Hofmanns Elixieren des Teufels kulminieren, der fiktiven Autobiographie eines Kapuziners, worin \u2013 sozusagen in einem Schritt der S\u00e4kularisierung \u2013 sich bildgebende Verfahrensweisen des barocken Katholizismus, wie sie etwa im Jesuitentheater entwickelt worden waren, in romantische Literatur transformierten <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>:<\/p>\n<blockquote>\n<p>\u201eDie Kirche ist, mit anderen Worten, gar keine Kirche mehr, sondern hat sich, durch Verinnerlichung aller Tricks von Camera obscura und Laterna magica, in romantische Literatur verwandelt, die sowohl f\u00fcr ihren fiktiven Autor wie f\u00fcr ihre intendierten Leser als optische Halluzination fungiert.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Vereinfacht gesagt: Die moderne Subjektkonstitution nach Kittler ist eine eminent, wenn auch nicht ausschlie\u00dflich, religi\u00f6s gepr\u00e4gte, da vom Anderen hervorgebracht \u2013 quasi entsprechend dem Ebenbild angesprochener Medientechniken.<br \/>In eine \u00e4hnliche Kerbe schl\u00e4gt Jacques Derrida, welcher in seinem Aufsatz Glaube und Wissen auf die medientechnischen Bedingungen (post)moderner Religiosit\u00e4t hinweist: Ohne<br \/>\u201edigitale Kultur\u201c oder Telemedien g\u00e4be \u201ees heute keine religi\u00f6se Bekundung\u201c. Damit spricht er ein Potpourri an, beinhaltend medial in Szene gesetzte Papstreisen, digitale Verbreitung religi\u00f6ser Inhalte oder die von ihm so bezeichneten \u201eneuen Religionskriege\u201c, welche ebenso im cyberspace ausgetragen w\u00fcrden wie im Analogen. Der Grund dieser Verbindung: Das Religi\u00f6se ist f\u00fcr Derrida den Medientechniken vorg\u00e4ngig, Glaube und Technik wurzeln in dem, was Derrida als eine der beiden Quellen der Religiosit\u00e4t erachtet, n\u00e4mlich das antwortende sich Beziehen auf ein Anderes, das sich als Vertrauen und performatives Bezeugen dieses Vertrauens zeigt. Wiederum vereinfacht gesagt: Sei es im Umgang mit Medien, sei es im Umgang mit Gott, das Subjekt konstituiert sich im vertrauensvollen Bezug,<br \/>bevor es zu einer wissenden Durchdringung des Anderen voranschreitet. Jeder Bet\u00e4tigung des Technischen ist Vertrauen vorg\u00e4ngig, das sich im Kern religi\u00f6s zeige, so Derrida. Jeder vertraut darauf, dass nach Bet\u00e4tigung einer Taste der Bildschirm aufleuchtet \u2013 aber wer kennt die unergr\u00fcndlichen Wege dahinter?<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a><br \/>Nun ist der Gedanke, Religiosit\u00e4t im Zusammenhang mit Techniken zu erl\u00e4utern, nicht neu. So brachte der Barock \u2013 als Kulturform selbst oszillierend zwischen mathematisch- technischer Pr\u00e4zision und katholischer Faszination f\u00fcr das Organische und Sch\u00f6pferische \u2013 sich diesen Gedanken sozusagen selbst zur Einsicht, liest man in Giambattista Vicos <em>Scienza Nuova<\/em> von 1744, die Religion sei mit dem Deuten der Auspizien entstanden, das hei\u00dft mit Techniken der Himmelsdeutung. Vicos originelle wie mythische Erkl\u00e4rung: In der Zeit nach der Sintflut, als die Wassermassen nach und nach verdunsteten, war der Himmel \u00fcber und \u00fcber mit schwerem Gewittergew\u00f6lk angef\u00fcllt, aus dem es unentwegt blitzte und donnerte, was die ungeschlachten Giganten, welche damals die Erde bev\u00f6lkerten, Jupiter \u2013 Vicos Ausdruck f\u00fcr einen beliebigen Himmelsgott \u2013 zuschrieben, der ihnen mittels Blitzen seinen Willen bekundete, wodurch sich die Giganten von den Auguren allm\u00e4hlich zivilisieren lie\u00dfen. Diese Auguren konstituieren somit das religi\u00f6se Subjekt (nach Vico zugleich das zivilisierte Subjekt), vor der hintergr\u00fcndigen Bedingung der Furcht vor dem Anderen in Gestalt der Himmelserscheinungen, im Zusammenklang von Vertrauen und Medientechnik \u2013 indem sie sich die angesprochene Furcht zu Nutze machten, das Vertrauen in sie als kundige Zeichendeuter zu gr\u00fcnden, indem sie sich technisch (unter Zuhilfenahme des Krummstabs) auf das Licht als \u00dcbertragungsmedium des g\u00f6ttlichen Willens bezogen. Der Augur als altert\u00fcmliche camera obscura, welche faktische Himmelserscheinungen sinnhaft reproduziert, und der mittels einer nicht minder altert\u00fcmlichen laterna magica, welche mit dem Schauspiel der Zeichendeutung die Furcht vor den Himmelserscheinungen \u00fcberblendet, die menschliche Zivilisation religi\u00f6s einl\u00e4utet.<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[3]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>II<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dergleichen Verh\u00e4ltnisbestimmungen bergen selbstredend gewisse Problematiken in sich. So mag man einwenden, Kittlers Ansatz bediene sich implizit antikatholischer Stereotype, die im barocken Trugbilderreigen nur Effekthascherei erkennen, die letztlich im Halluzinatorischen der Romantik enden (bzw. Tzvetan Todorov folgend aus der Romantik in der Phantastik)<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[4]<\/a>, wobei verkannt wird, dass das spettacolo barocco der Jesuiten letztlich der Seelenrettung und nicht dem Priesterbetrug diente. Denn hinter all dem Illusionszauber jesuitischer Theaterauff\u00fchrungen stand das Motiv der confessio. Am Beispiel von Jakob Bidermanns Cenodoxus, dem wohl bekanntesten Jesuitendrama \u00fcber die H\u00f6llenfahrt eines gleichnamigen Pariser Doktors: Nach einer denkw\u00fcrdigen Inszenierung 1609 in M\u00fcnchen sollen sich, beeindruckt von der Darbietung, nachher Teile des Publikums zu ignatianischen Exerzitien zur\u00fcckgezogen haben; und als w\u00e4re dem nicht genug gewesen, sei im Welttheater gelungen, was dem B\u00fchnentheater versagt geblieben war, n\u00e4mlich der Darsteller des Pariser Gelehrten rettete seine Seele, indem er dem Jesuitenorden beitrat.<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[5]<\/a><br \/>War, wohlwollend interpretiert, Seelenrettung das hehre Ziel der Jesuiten, so musste hierf\u00fcr ein entsprechendes Subjekt, das sich unter anderem mittels Theaterspiel bekehren lie\u00df, zur Bearbeitung bereitliegen, was \u00fcber geistlichen Unterricht (Predigten), Exerzitien oder Volksmissionen erreicht wurde. An dieser Stelle, und nicht im antikatholischen Reflex, ist die Kritik zu vernehmen. Denn, wessen Seele, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, nicht gerettet werden m\u00f6chte, wird darin leicht die funktionell psychotechnische Beeinflussung des Menschen erkennen. Das hei\u00dft: Ein Subjekt, das sich in Analogie zu Medientechniken bildet, ist zugleich ein Subjekt, das sich in reflexiver Bezugnahme auf diese Konstitution psychotechnisch manipuliert l\u00e4sst \u2013 das Erkenntnislicht, etwa eines Hugo M\u00fcnsterberg, welches in camera obscura und laterna magica aufleuchtet, um sich die Logik, deren Produkt das Subjekt ist, zunutze zu machen.<br \/>Wenn nun das Grundmoment dieser Analogiebildung Subjekt-Medientechnik ein religi\u00f6ses sein soll \u2013 ein religi\u00f6ses welcherart? Ein letztlich gnostisches, das in den Medien jene Demiurgen am Werk sieht, welche den Menschen im Labyrinth ihrer B\u00f6swilligkeit gefangen halten? Oder der Singularit\u00e4t, wo in der Technik die (Er)L\u00f6sung von allen Problemen des <a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\"><\/a><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\"><\/a>Menschseins erhofft wird und der Demiurg sich als ebenso g\u00fctiger wie m\u00e4chtiger Allprogrammierer zeigt? Anders gefragt: Gen\u00fcgt die Feststellung, Subjektkonstitution vom Anderen her zu denken, bedeute zugleich, eine religi\u00f6se Subjektkonstitution zu denken? Das Postulat f\u00fcr den Zweck der hier angestellten \u00dcberlegungen: Ja. Denn unter dieser Voraussetzung l\u00e4sst sich das religionskritische Potential vor allem der drei gro\u00dfen monotheistischen Religionen \u2013 \u00fcber die psychotechnischen Erkenntnislichter hinweg \u2013 pointierter beleuchten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>III<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleich zu Beginn erkl\u00e4rt die Genesis zwischen den Zeilen \u00e4gyptische Sonnengottheiten und mesopotamische Mondgottheiten zu schlichten Lampen, eine f\u00fcr den Tag, eine f\u00fcr die Nacht (Gen. 1,14ff). So originell Vico die Entstehung der Religiosit\u00e4t nach der Sintflut deutet, so originell deutet er in diesem Zusammenhang die Erz\u00e4hlung vom S\u00fcndenfall: Die Rede vom Baum der Erkenntnis sei so zu verstehen, dass damit ein g\u00f6ttliches Verbot der Himmelsdeutung angesprochen war.<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[6]<\/a> Frei nach Vico: Die Sonnen- oder Mondfrucht an diesem Baum \u00fcberstrahlte in den Augen des Menschen die Fr\u00fcchte vom Baum des Lebens, sodass er der Versuchung erlag, in diesem Strahlen mehr als blo\u00dfe Tag- und Nachtleuchten zu sehen. Gott in der Gewandung eines Jupiters erging sich fortan nicht mehr im Windhauch unten im Garten (Gen. 3,8), sondern hoch in den Bewegungen und Erscheinungen des Firmaments, die der Mensch auszudeuten versuchte.<br \/>Demgem\u00e4\u00df ist die Bilderfeindlichkeit der Bibel zu verstehen, subsumiert sie darunter G\u00f6tzen, geformte Materie, nach denen sich der Mensch zu richten beginnt. Gemeint sind keine lebendigen Bilder, wie der Mensch in seiner Ebenbildlichkeit, sondern G\u00f6tzen, welche zum Beispiel als imagines oder personae die Z\u00fcge von Toten nachzeichnen; beide Begriffe wurden urspr\u00fcnglich f\u00fcr Totenmasken verwendet, wie sie ehemals r\u00f6mische Hausalt\u00e4re staffierten. Imago leitet sich von imitare her, was bedeutet, dass in der imago als Totenmaske nur nachgezeichnet wird, was ihr vorgezeichnet ist: Das Antlitz des Verstorbenen, dessen Z\u00fcge sie blo\u00df reproduziert.<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[7]<\/a><br \/>Gestaltet sich der Mensch nach dergleichen Vorbildern, verf\u00e4ngt er sich in reproduzierenden Funktionszusammenh\u00e4ngen, die er f\u00fcr das religi\u00f6se Leben seiner Person h\u00e4lt. Kritisiert das Neue Testament das Tempeljudentum in dieser Weise, so wird damit freilich nicht die lebendige j\u00fcdische Fr\u00f6mmigkeit gescholten, wie das Gleichnis vom Pharis\u00e4er und dem Z\u00f6llner zeigt (Lk. 18,10 \u2013 14).<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[8]<\/a> Gescholten wird eine Form der Religiosit\u00e4t, vor der sp\u00e4terhin auch das Kirchenchristentum alles andere als gefeit war, n\u00e4mlich zu meinen, das biedere Befolgen \u2013 imitierend, reproduzierend \u2013 von Vorgaben mache den Menschen ebenbildlich, vertiefe seine Verbindungen zu Gott. Kurzum: Das gemeinsame Moment von G\u00f6tzen, imagines, personae und modernen Medientechniken liegt in ihrer Wirkung als immer dasselbe Vorgebende; Vorbilder, nach denen sich der Mensch immer dasselbe ausf\u00fchrend nachbildet; geformte Materie allein, nach der sich der Mensch zu in-formieren beginnt, wobei dieses Wiederholen des Immergleichen den Tod bedeutet.<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\"><\/a><br \/>An diesen Begriffen \u2013 insbesondere persona \u2013 ist zu beobachten, wie das christliche Denken die j\u00fcdische Religionskritik der Genesis aufgriff, indem die Kirchenv\u00e4ter aus dem Ausdruck f\u00fcr Totenmaske den Begriff f\u00fcr die drei Hypostasen Gottes formten. Hierin liegt die Pointe: Der Mensch als religi\u00f6se Person, die sich vom anderen her begreift, begreift sich als Ebenbild von etwas zuh\u00f6chst Lebendigem und Kreativem, in Abkehr oder Wandlung von allem Toten, welches sich eben darin zeigt, in seinem Imitieren und Reproduzieren keine neuen Sinnzusammenh\u00e4nge stiften zu k\u00f6nnen.<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[9]<\/a><br \/>Diese Spezifikation des Anderen l\u00e4dt dazu ein, die eingangs angesprochenen Texte erneut zu lesen, inwiefern sie das Andere als Kreatives, Leben schenkendes Anderes denken, oder inwiefern sich ihr Anderes im Anderen der Auguren ersch\u00f6pft, welche Subjekte zu konstituieren trachten, die sich in prinzipiell manipulierbaren sowie reproduzierbaren \u2013 da vorhersehbar wie Himmelszeichen \u2013 Zusammenh\u00e4ngen wiederfinden. Wie diese Spezifikation freilich dazu einl\u00e4dt, einen kritischen Blick abseits der Texte auf gesellschaftliche Formen zu werfen, unter der Frage, welche Formen des Glaubens als Vertrauen in der Gesellschaft produziert werden. Wie rechtfertigen diese Formen das Vertrauen in sie? Indem das Andere sich dem Menschen zum Leben schenkt, indem es das Tote wandelt, oder indem es verlangt, der Mensch liefere sich ihm aus zum unerkannten Tode in Funktionszusammenh\u00e4ngen?<br \/>Eine Kritik, die das Religi\u00f6se selbst zur Disposition stellt: Bewahrt es sich sein religions- und medienkritisches Potenzial oder erliegt es unbemerkt der Versuchung, in Analogie der Tricks <a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\"><\/a>von camera obscura und laterna magica seinen Gottesnamen nach den panoptischen wie telemedialen \u201eIkonen unserer Zeit\u201c<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[10]<\/a> zu in-formieren?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>IV<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor einigen Jahren sa\u00df ich in einer Vorlesung zur au\u00dfereurop\u00e4ischen Geschichte, wo die Rede war von der Geschichte des Osmanischen Reiches und wo der bemerkenswerte Satz fiel, dass der Buchdruck von den Osmanen, kaum nachdem die Erfindung aus Europa nach Konstantinopel gewandert war, bei Androhung der Todesstrafe verboten worden sei. Erst und nur z\u00f6gerlich im Laufe des 18. Jahrhunderts habe sich der Buchdruck verbreiten k\u00f6nnen, freilich, wie sollte es anders sein im Widerstand gegen Fortschrittlichkeit, \u00fcber religi\u00f6se Gr\u00fcnde f\u00fcr das Verbot hinweg.<br \/>Um es kurz zu machen: Hierbei handelt es sich um einen oft zitierten historiographischen Mythos, bereits im 16. Jahrhundert in Europa entstanden. Der in diesem Zusammenhang immer wieder erw\u00e4hnte Ferman von Sultan Selim I., mit dem 1515 der Druck insbesondere religi\u00f6ser Werke verboten worden sein soll, war nie erlassen worden. Gef\u00fcttert wurde damit eine Defizienzerz\u00e4hlung europ\u00e4ischer Gelehrter, die im ungebr\u00e4uchlichen Buchdruck und im vermeinten Einfluss streng religi\u00f6ser Kreise an der Hohen Pforte Gr\u00fcnde f\u00fcr die angebliche kulturelle Unterlegenheit der T\u00fcrken im 18. und 19. Jahrhundert ausmachen wollten. <a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\"><\/a><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[11]<\/a><br \/>Als der Buchdruck \u2013 diese Ikone der Fr\u00fchen Neuzeit \u2013 im islamischen Raum gebr\u00e4uchlich wurde, fingen, salopp gesagt, die Probleme erst an. Denn einen religi\u00f6sen Text in gedruckter Form zu verbreiten meint in der Regel, einen Text in einer Lesart zu verbreiten, idealerweise massenhaft und in einer eindeutigen. Doch das Konzept der eindeutigen Lesart war unter islamischen Gelehrten vor Durchsetzung gedruckter Texte so gut wie unbekannt, stattdessen wurde die Wissenschaft der Koranlesarten (<em>\u02bfilm al-qir\u0101\u02be\u0101t<\/em>) gepflegt; f\u00fcr den Koran gelten sieben Lesarten als kanonisch, weitere sind verbreitet. Mit eindeutigen Lesarten, der Einsinnigkeit eines Textes, den Mehrsinnigkeiten keinen Raum gebend, kam erst die Frage nach der richtigen, wahrheitsgem\u00e4\u00dfen oder urspr\u00fcnglichen Lesart auf \u2013 und, kurzum, dasjenige Ph\u00e4nomen, welches man heute als islamischen Fundamentalismus kennt, war geboren. Zugespitzt formuliert: Vor dem Buchdruck sprach Gott mehrdeutig, ein Bild seines sch\u00f6pferischen Verm\u00f6gens, in welches der Gl\u00e4ubige eingeladen ist, einzutauchen, denn Variantenreichtum wurde als \u201eg\u00f6ttliches Geschenk\u201c gedeutet. Mit dem Buchdruck begann er historisch-kritisch zu sprechen, das hei\u00dft in einer eindeutigen und authentischen Art und Weise, ohne Beimischungen menschlichen Eintauchens und wonach sich der Mensch strikt zu orientieren habe.<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[12]<\/a><br \/>Nun gewann die traditionelle Lesartenlehre durch Medientechniken, durch welche sie vor allem im 20. Jahrhundert zur\u00fcckgedr\u00e4ngt worden war<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[13]<\/a>, j\u00fcngst wieder an Terrain, vor allem mittels Internetauftritten, die verschiedene Lesarten zug\u00e4nglich machen. Daneben hatte sich die Kunst der m\u00fcndlichen Koranrezitation, f\u00fcr die gelebte islamische Glaubenskultur historisch gesehen pr\u00e4gender als Verschriftlichungen, die in dieser Hinsicht nur als Ged\u00e4chtnisst\u00fctzen Geltung haben, dem Zugriff von Medientechnologien entzogen. Die Erlernung zentrale Elemente f\u00fcr die Rezitation, vor allem Prosodie und Vokalisierung, k\u00f6nnen nur im pers\u00f6nlichen Kontakt mit einem Lehrer vermittelt werden bzw. Audio- Aufzeichnungen hatten sich als Ersatz nicht durchsetzen k\u00f6nnen.<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[14]<\/a><br \/>Abseits der Ironie, m\u00f6gen b\u00f6se Zungen einwerfen, dass ausgerechnet der Buchdruck, der mit vollen Segeln voran auf die Moderne Kurs setzen sollte, Teile der islamischen Welt mit dem Sturmwind einer angeblichen finsteren Vormoderne erf\u00fcllte \u2013 zeigt sich an diesem Beispiel die Religionsgeschichte nicht als Spielball der Mediengeschichte? Wenn Fragen der Ein- oder Mehrdeutigkeit von religi\u00f6sen Texten, wie sie sich freilich auf religi\u00f6se Wahrheitsanspr\u00fcche auswirken, nach den medientechnischen Gegebenheiten einer Zeit \u2013 ihren Ikonen \u2013 richten, und zwar nicht in dem Sinne, dass das Mediale dem Religi\u00f6sen f\u00f6rderlich zupass kommt und ihm neue M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnet, sondern dass jene Medien, in denen religi\u00f6se Inhalte vermittelt werden, das religi\u00f6se Bewusstsein teils verengend bestimmen, so geht damit die Frage einher, ob die gern propagierte Krise der Religiosit\u00e4t, sieht man sie in Relevanzverlust oder in religi\u00f6ser Gewalt, weniger mit der Unglaubw\u00fcrdigkeit metaphysischer Letztbegr\u00fcndungen<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[15]<\/a> zu tun hat und nicht vielmehr sich als Folge von in mancherlei Hinsicht ungekl\u00e4rten Beziehungen zwischen Religion und Medientechnik zeigt.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Friedrich Kittler: Optische Medien. Berliner Vorlesung 1999, Berlin 2011, S. 147.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Jacques Derrida: Glaube und Wissen. Die beiden Quellen der \u201eReligion\u201c an den Grenzen der blo\u00dfen Vernunft,<br \/>in: Jacques Derrida\/Gianni Vattimo: Die Religion, Frankfurt a.M. 2001, S. 9 \u2013 106, hier S. 42ff, 71ff bzw. 101.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[3]<\/a> Giambattista Vico: Prinzipien einer neuen Wissenschaft \u00fcber die gemeinsame Natur der V\u00f6lker, Hamburg 2009, S. 172, 10f, 174ff, S. 182 u.\u00f6.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[4]<\/a> Giambattista Vico: Prinzipien einer neuen Wissenschaft \u00fcber die gemeinsame Natur der V\u00f6lker, Hamburg 2009, S. 172, 10f, 174ff, S. 182 u.\u00f6.Vgl. Tzvetan Todorov: Einf\u00fchrung in die phantastische Literatur, Berlin 2013.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[5]<\/a> Rolf Tarot: Einleitung, in: Jakob Bidermann: Cenodoxus. Abdruck nach den \u201eLudi theatrales\u201c (1666) mit den Lesarten der Kelheimer und Pollinger Handschrift, hrsg. v. R. Tarot, T\u00fcbingen 1963, S. VII \u2013 XXXVI, hier S. IX. Bedenken \u00fcber die historische Authentizit\u00e4t der Bekehrungen infolge der Auff\u00fchrung in M\u00fcnchen 1609, die allerdings \u00fcber die blo\u00dfe Feststellung des Abstands zwischen Auff\u00fchrung 1609 und Abfassung des Berichts \u00fcber die Folgen der Auff\u00fchrung 1666 nicht hinausgeht, wird angemeldet bei Volker Meid: Literatur des Barock, in: Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anf\u00e4ngen bis zur Gegenwart, verfasst v. Wolfgang Beutin, Klaus Ehlert, Wolfgang Emmerich, Helmut Hoffacker, Bernd Lutz, Volker Meid, Ralf Schnell, Peter Stein u. Inge Stephan, Stuttgart 1989, S. 85 \u2013 120, hier S. 109.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[6]<\/a>\u00a0 Vico, Prinzipien, S. 176.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[7]<\/a> Adriano Prosperi: Die Gabe der Seele. Geschichte eines Kindsmordes, Frankfurt a.M. 2007, S. 396f bzw. Robert Pogue Harrison: The Dominion of the Dead, Chicago\/London 2003, S. 148.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[8] <\/a>Vgl. die Interpretation des Gleichnisses bei Erich Przywara: Himmelreich. Die Gleichnisse des Herrn (1922\/1923), in: Erich Przywara. Fr\u00fche religi\u00f6se Schiften, Einsiedeln 1962, S. 25 \u2013 272, hier S. 135ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[9]<\/a>Prosperi, Gabe der Seele, S. 396f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[10]<\/a>Derrida, Glaube und Wissen, S. 42.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[11]<\/a> Kathryn A. Schwartz: Did Ottoman Sultans Ban Print?, in: Book History 20 (2017), S. 1 \u2013 39, hier S. 6 bzw. 11ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[12]<\/a> Vgl. Thomas Bauer: Die Kultur der Ambiguit\u00e4t. Eine andere Geschichte des Islams, Berlin 2011, S. 54 \u2013 114 (Zit. ebd. S. 78).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[13]<\/a> Nach 1925 hatte sich mit dem Druck des Korans in der sogenannten Lesart \u201e\u1e24af\u1e63 von \u02bf\u0100\u1e63im\u201c diese Variante im arabischsprachigen Raum, ausgenommen dem maghrebinischen und in Verdr\u00e4ngung anderer, rasant verbreitet (vgl. Bauer, Kultur der Ambiguit\u00e4t, S. 94f).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[14]<\/a> Bauer, Kultur der Ambiguit\u00e4t, S. 94f bzw. 61f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[15]<\/a> Vgl. Gianni Vattimo: Die Spur der Spur, in: Jacques Derrida\/Gianni Vattimo: Die Religion, Frankfurt a.M. 2001, S. 107 \u2013 12.<\/p>\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Rat-Blog Nr. 11\/2020<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Daniel Johannes Huter erkundet die M\u00f6glichkeiten des Sehens und der Bildkritik zwischen Produktion und Reproduktion. 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