{"id":731,"date":"2019-04-16T17:22:52","date_gmt":"2019-04-16T17:22:52","guid":{"rendered":"http:\/\/rat-blog.at\/?p=731"},"modified":"2023-07-06T09:47:04","modified_gmt":"2023-07-06T09:47:04","slug":"prayer-pop-and-politics","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=731","title":{"rendered":"Prayer, Pop and Politics"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\"><\/h1>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\"><em>Die Fotografin Ines Mahmoud stellt ihr Bild \u201eBetween broken light\u201c als Titelbild f\u00fcr den neu erscheinenden Band zur Verf\u00fcgung<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Anl\u00e4sslich der Neuerscheinung von <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/religionswissenschaft\/51832\/prayer-pop-and-politics?number=UNI0011399\" target=\"_blank\">Band 15 der RaT-Buchreihe<\/a> fragt <strong>Astrid Mattes<\/strong>, wie und wozu wir Wissen \u00fcber den Glauben junger Menschen schaffen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wissen \u00fcber den Glauben junger Menschen schaffen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum wollen wir wissen, was junge Menschen glauben? S\u00e4kularisierungsprozesse in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts haben gezeigt wie schnell religi\u00f6se Landschaften sich wandeln k\u00f6nnen. Die angebliche \u201eR\u00fcckkehr der Religionen\u201c, die auf deren postulierten Untergang folgte, zeigt wie wenig Verst\u00e4ndnis die Wissenschaft f\u00fcr diese Ver\u00e4nderungsprozesse hat. F\u00fcr ReligionsforscherInnen ist ganz klar, dass die Zukunft religi\u00f6ser Entwicklungen an jungen Menschen liegt und hier rasante Ver\u00e4nderungen stattfinden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn nun von Entwicklungen unter jungen Menschen die Rede ist, schwingt nicht selten ein gewisser Kulturpessimismus mit. Die \u00fcberlieferten Beispiele daf\u00fcr reichen zur\u00fcck bis in die Antike, etwa zu dem Sokrates zugeschriebenen Befund, das die Jugend von damals verlottert sei, und finden sich mit erstaunlicher \u00c4hnlichkeit bis in die Gegenwart. Pessimistisch oder zumindest sehr skeptisch wird darum auch immer darauf geschaut, was junge Menschen glauben und wie sie ihren Glauben leben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn in den 1990er Jahren \u201eJugendsekten\u201c das religi\u00f6se Sorgenkind von Politik, Schule und Gesellschaft waren, ist es 20 Jahre sp\u00e4ter die <a href=\"https:\/\/www.dasbiber.at\/content\/generation-haram\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u201eGeneration Haram\u201c<\/a> oder im Extremfall \u201eForeign Fighters\u201c. Da wie dort, werden junge Menschen oft allzu pauschal, als f\u00fcr radikale Ideen empf\u00e4nglich, von religi\u00f6sen Extremisten \u00fcberf\u00fchrbar verstanden. Ihr Schutz ruft auch heute Politik und P\u00e4dagogik auf den Plan und stellt nicht selten Minderheitenschutz hintan um den drohenden moralischen Verfall aufzuhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Politisierte Religion und Super-Diversit\u00e4t<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie aber sollen junge Menschen zu Religion stehen, oder vielleicht besser zu Religion finden? Ist nicht die Suche durch Anecken Teil des Erwachsenwerdens? Ist es \u00fcberhaupt sinnvoll, Generationenbefunde auszusprechen? Und: wie ver\u00e4ndert sich die Aushandlung religi\u00f6ser Identit\u00e4t in einer Gesellschaft, die nicht nur immer s\u00e4kularer, sondern gleichzeitig auch religi\u00f6s pluralistischer wird? W\u00e4hrend Generationen vor ihnen noch in weitreichender Selbstverst\u00e4ndlichkeit eine kirchennahe oder kirchenferne Position im \u201ekatholischen \u00d6sterreich\u201c beziehen konnten, wird die Situation f\u00fcr junge Menschen heute zunehmend komplexer. F\u00fcr jene Jugendlichen, bei denen sich eigene oder elterliche Migrationserfahrung mit einer religi\u00f6sen Minderheitssituation vermischen, er\u00f6ffnet die Frage nach der eigenen Religiosit\u00e4t zudem eine ganze Reihe von Prozessen der Identifikation.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zugeh\u00f6rigkeit zu verhandeln, ist dabei ein zentrales Element der Auseinandersetzung mit Religion und Politik. Insbesondere dann, wenn Grenzen der Zugeh\u00f6rigkeit auch im politischen und medialen Diskurs \u00fcber Religion gezogen werden. Jene, die sich die Rettung des \u201echristlichen Abendlandes\u201c auf die Fahnen heften machen deutlich, wer ihrer Ansicht nach Teil eines <em>Wir<\/em> ist und wer nicht. Und w\u00e4hrend viel danach gefragt wird, wie mit jenen, denen Zugeh\u00f6rigkeit nicht zugesprochen, oder gar abgesprochen wird umgegangen werden soll, ist viel seltener die Rede davon, was die Politisierung von Religion und ein solcher Ausschluss mit jungen Menschen und ihrem Glauben macht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Befragt, nicht gefragt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Insbesondere junge MuslimInnen sind stets im Fokus. Radikalisierungspr\u00e4vention ist dabei h\u00e4ufig der Denkhorizont von F\u00f6rdergeberInnen und ForscherInnen. Wie auch bei der Forschung zu erwachsenen MuslimInnen ist sicherheitspolitische Verwertbarkeit eine dominierende Logik (Schirin Amir-Moazamis Buch \u201eDer inspizierte Muslim\u201c zeigt hier wichtige kritische Perspektiven auf). ReligionsforscherInnen haben zumeist ein anderes Erkenntnisinteresse, tappen aber trotzdem in die gleichen Fallen, wenn sie MuslimInnen als isolierten Sonderfall sehen. So verabs\u00e4umen sie es, das umfassende Verst\u00e4ndnis von Religionen, dass sich insbesondere die Religionswissenschaft erarbeitet hat, zum Einsatz zu bringen. Reflektierte Religionsforschung muss religi\u00f6se Menschen immer als ExpertInnen f\u00fcr ihre religi\u00f6se Lebenswelt ernst nehmen. Dass das auch f\u00fcr junge Menschen gilt, ist eine unbedingt notwendige Einsicht, will man die Reproduktion von unreflektierten Befunden vermeiden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Daher gilt es, Forschung voran zu treiben, in der Jugendliche nicht nur befragt werden, sondern auch gefragt sind. Zunehmend wird gerade in der Forschung zu marginalisierten Gruppen eine partizipative empirische Forschung gefordert, die jenen, \u00fcber die gesprochen wird, eine eigene Stimme gibt. Durch einen solchen Forschungsansatz k\u00f6nnen Jugendliche an dem Endprodukt einer Forschungsarbeit mitwirken, die wissenschaftliche Einsch\u00e4tzung ihrer religi\u00f6sen Lebenswelt zumindest kommentieren, und wo notwendig redigieren. Nicht zuletzt daraus ergibt sich die <em>Agency<\/em> junger Menschen auch als Forschungsagenda des Bandes 15 der RaT-Reihe \u201ePrayer, Pop and Politics: Researching Religious Youth in Migration Society\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Alter als Intersektionalit\u00e4tskategorie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein zentraler Zugangspunkt ist die aus der feministischen Theorie stammende Intersektionalit\u00e4tsperspektive. Hier wird davon ausgegangen, dass gesellschaftliche Situiertheit und insbesondere die \u00dcberlagerung verschiedener Ungleichheit erzeugender Strukturkategorien die Lebenssituation einzelner Menschen zentral bestimmt. Entstanden aus der Erfahrung von Frauenrechtlerinnen, die nicht zur wei\u00dfen Mittelschicht geh\u00f6ren und ihre Lebensrealit\u00e4ten in feministischen Debatten nicht widergespiegelt sahen &#8211; hier ist insbesondere Sojourner Truths \u201eAin\u2018t I a woman\u201c zu nennen \u2013 ist Intersektionalit\u00e4t eine Weiterentwicklung der Geschlechterforschung, die Klasse, Race, Ethnizit\u00e4t, Nationalit\u00e4t und andere Differenzkategorien miteinbezieht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alter wird in dieser Aufz\u00e4hlung von Differenzkategorien zumeist nicht explizit angef\u00fchrt, und wenn, dann in Bezug auf die Diskriminierung \u00e4lterer Menschen. JugendforscherInnen, wie etwa Mimi Ito aber betonen, dass Alter jene Ungleichheitskategorie ist, die als selbstverst\u00e4ndlich empfunden wird. Darum wird sie kaum hinterfragt und \u00fcber Kulturen und Weltregionen hinweg stetig reproduziert (wie etwa im Buch \u201eParticipatory Culture in a Networked Era: A Conversation on Youth, Learning, Commerce, and Politics.\u201d diskutiert). Alter ist wohl auch eine besonders komplexe Differenzkategorie, da junge Menschen erst zur M\u00fcndigkeit heranwachsen, vielerorts Schutz brauchen und gleichzeitig Ernst genommen werden m\u00fcssen. Das stellt eine gesellschaftliche Aufgabe dar, die auch die Wissenschaft fordert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Band 15 der RaT-Reihe schreiben ForscherInnen \u00fcber junge religi\u00f6se Menschen in \u00d6sterreich, Deutschland, Frankreich, Finnland und der Schweiz und stellen dabei nicht nur \u00e4hnliche Fragen an Jugendliche, sondern treffen auch auf die gleichen Herausforderungen in deren Beforschung: Wie umgehen mit dem Machtungleichgewicht, der so mannigfaltig privilegierten Position in der wir als ForscherInnen gegen\u00fcber jungen Menschen, die einer religi\u00f6sen Minderheit angeh\u00f6ren, sind. Der Band ist vom Versuch gepr\u00e4gt, diesen Herausforderungen Rechnung zu tragen und junge Menschen und ihre religi\u00f6sen Lebenswelten weniger als Gegenstand unserer Forschung, denn als AkteurInnen in religi\u00f6sen Transformationsprozessen zu betrachten. Die Intersektionalit\u00e4tsperspektive, die Alter als Ungleichheitskategorie mitdenkt und partizipatorische Forschungsans\u00e4tze sind vielversprechende Wege um alte Fehler zu vermeiden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Rat-Blog Nr. 2\/2019<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Fotografin Ines Mahmoud stellt ihr Bild \u201eBetween broken light\u201c als Titelbild f\u00fcr den neu erscheinenden Band zur Verf\u00fcgung. 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