{"id":737,"date":"2019-04-29T13:11:00","date_gmt":"2019-04-29T13:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/rat-blog.at\/?p=737"},"modified":"2023-07-06T09:47:08","modified_gmt":"2023-07-06T09:47:08","slug":"ethikunterricht-und-oder-religionsunterricht-einige-ueberlegungen-aus-religionswissenschaftlicher-perspektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/ethikunterricht-und-oder-religionsunterricht-einige-ueberlegungen-aus-religionswissenschaftlicher-perspektive.htm","title":{"rendered":"Ethikunterricht und\/oder Religionsunterricht? Einige \u00dcberlegungen aus religionswissenschaftlicher Perspektive"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">\u00a9 Silke Lapina (Nigeria, Haus von Susanne Wenger)<\/span><\/p>\n<p><em><strong>Wolfram Reiss<\/strong> und <strong>Robert Wurzrainer<\/strong> unterziehen den aktuellen Vorschlag zu einem verpflichtenden Ethikunterricht einer kritischen Pr\u00fcfung aus religionswissenschaftlicher Perspektive und zeigen M\u00f6glichkeiten auf, wie dieses neue Unterrichtsfach in einer religi\u00f6s und weltanschaulich pluralen Gesellschaft und Schule sinnvoll gestaltet werden kann.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Im Schuljahr 2020\/21 soll der verpflichtende Ethikunterricht f\u00fcr alle Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler eingef\u00fchrt werden, die keinen Religionsunterricht besuchen k\u00f6nnen oder wollen. Damit wird dem \u00a7 2 des Schulorganisationsgesetzes endlich umfassender entsprochen, in dem der Schule zur Aufgabe gestellt wird, zur Entwicklung von \u201esittlichen, religi\u00f6sen und sozialen Werten\u201c beizutragen. Die Gruppe der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler ohne religi\u00f6ses Bekenntnis &#8211; an Schulen in Wien oftmals \u00fcber drei\u00dfig Prozent &#8211; sowie auch Angeh\u00f6rige von Religionsgruppen, die keinen eigenen Religionsunterricht anbieten, waren von diesem Bildungsziel bislang faktisch ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Es ist darum sehr zu begr\u00fc\u00dfen, dass nach dem jahrzehntelangen Streit um den Ethikunterricht dieser nun eingef\u00fchrt wird, denn die Entwicklung und die Kenntnis sittlicher, religi\u00f6ser und sozialer Werte sollte f\u00fcr alle Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler &#8211; gleich welcher weltanschaulicher und religi\u00f6ser Pr\u00e4gung &#8211; ein hohes Bildungsziel sein. Die \u00dcberf\u00fchrung des Ethikunterrichts ins Regelschulwesen war zudem l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig hinsichtlich der Pluralisierung der religi\u00f6sen und weltanschaulichen Landschaft, der S\u00e4kularisierung der Gesellschaft sowie angesichts der vielf\u00e4ltigen Herausforderungen im Blick auf den Zusammenhalt in der Gesellschaft und der oftmals oberfl\u00e4chlichen Thematisierung von religi\u00f6sen Konflikten in Medien und Politik.<\/p>\n<p>Die Einf\u00fchrung dieses Unterrichtsfaches in der geplanten Form st\u00f6\u00dft jedoch auch auf Kritik und schwerwiegende Bedenken vor allem von juristischer Seite, wie Stefan Hammer im Rahmen eines <a href=\"https:\/\/rat-blog.at\/2019\/03\/12\/ethikunterricht-als-verpflichtende-alternative-zum-religionsunterricht\/#more-728\">RaT-Blog Beitrages<\/a> ausgef\u00fchrt hat.<a href=\"#_bookmark0\"><sup>1<\/sup> <\/a>Diese Einw\u00e4nde sind grundlegend &#8211; nicht nur im Hinblick auf die positive und negative Religionsfreiheit &#8211; und bed\u00fcrfen einer genauen Pr\u00fcfung durch Expertinnen und Experten.<\/p>\n<p>Im Blick auf die inhaltliche Ausgestaltung dieses \u201eneuen\u201c Unterrichtsfaches deuten die Aussagen des Bildungsministers im Rahmen der Pressekonferenz zum Ethikunterricht vom 5. M\u00e4rz 2019 darauf hin, dass sich der zuk\u00fcnftige Lehrplan stark am Lehrplan f\u00fcr den Ethikunterricht, der von der Bundes- ARGE Ethik vorgelegt wurde, orientieren wird. Die drei Orientierungsfelder des Unterrichts lauten hier \u201ePersonale Perspektive, Ich &amp; Du\u201c, \u201eGesellschaftliche Perspektive, Wir &amp; die Welt\u201c sowie \u201eIdeengeschichtliche Perspektive, S\u00e4kulares &amp; Religi\u00f6ses\u201c.<a href=\"#_bookmark1\"><sup>2<\/sup> <\/a>Diese Felder verweisen darauf, dass im Unterricht Religionen und Kulturen aus einer nicht-konfessionellen Perspektive thematisiert werden sollen, und insoweit liegt es nahe, dass die religi\u00f6s nicht gebundene Religionswissenschaft eine der Bezugswissenschaften f\u00fcr dieses Unterrichtsfach sein wird.<\/p>\n<p>Innerhalb der Religionswissenschaft als universit\u00e4rer Disziplin selbst ist die Entwicklung einer religionswissenschaftlichen bzw. religionskundlichen Fachdidaktik jedoch nach wie vor ein Desiderat. Nur wenige Forscherinnen und Forscher besch\u00e4ftigen sich mit der Frage nach der Vermittlung von religionswissenschaftlichem Wissen im schulischen Kontext, und dementsprechend \u00fcberschaubar ist auch die Zahl der Ver\u00f6ffentlichungen, die sich mit diesem Thema aus einer dezidiert religionswissenschaftlichen Perspektive auseinandersetzen.<\/p>\n<p>Dabei bietet gerade die \u00f6sterreichische Situation hinsichtlich religi\u00f6ser und ethischer Bildung in der Schule ein breites Besch\u00e4ftigungsfeld f\u00fcr religionswissenschaftliche Forschung. Neben der Vielzahl an Religionsunterrichten entsteht mit der Einf\u00fchrung des verpflichtenden Ethikunterrichts nun ein weiteres Unterrichtsfach, in welchem auch die religi\u00f6se und weltanschauliche Pluralit\u00e4t ein grundlegendes Thema des Unterrichtsfaches ist. Und dies muss im Ethikunterricht, im Gegensatz zum konfessionellen Religionsunterricht, nicht aus einer \u201ereligi\u00f6sen\u201c, sondern aus einer \u201eneutralen\u201c sozial- und kulturwissenschaftlichen Perspektive geschehen. Hier bietet die Religionswissenschaft mit ihrem Zugang des \u201emethodischen Agnostizismus\u201c eine fruchtbare M\u00f6glichkeit, um sich religi\u00f6sen Ph\u00e4nomenen und Traditionen aus einer nicht-wertenden Au\u00dfenperspektive zu n\u00e4hern. Es geht hier im Detail um eine Perspektive, die ohne Verzerrung und Vorurteile, ohne Polemik oder Apologetik Religionen und religi\u00f6se Ph\u00e4nomene deskriptiv beschreibt und die sich der Beurteilung und Bewertung enth\u00e4lt. Das Selbstverst\u00e4ndnis der Religionen muss dabei eine starke Ber\u00fccksichtigung finden, zugleich muss allerdings immer auch eine kritische Distanz zu den Religionen gewahrt bleiben und deutlich gemacht werden, dass eine g\u00e4nzlich neutrale oder objektive Darstellung nicht m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Zudem sollten die verschiedenen Dimensionen von Religion und Religionen sowie grundlegende Regeln des Vergleichs von religi\u00f6sen Ph\u00e4nomenen vermittelt werden, da diese leider sowohl in den Medien als auch in der \u00f6ffentlichen Debatte um Religionen oftmals missachtet werden. Hier hat sich in der Religionswissenschaft ein breites Spektrum an vergleichend-systematischen Methoden etabliert, die in einer religi\u00f6s und weltanschaulich pluralen Gesellschaft helfen k\u00f6nnen, sowohl die \u00c4hnlichkeiten als auch die Unterschiede innerhalb und zwischen religi\u00f6sen Traditionen und Gruppierungen zu verdeutlichen. Sie k\u00f6nnen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler dazu bef\u00e4higen, religi\u00f6se Vielfalt wertzusch\u00e4tzen und diese Vielfalt reflektiert und differenziert wahrzunehmen, ohne in Verurteilungen oder negative Bewertungen zu verfallen. Auch m\u00fcsste thematisiert werden, was \u00fcberhaupt unter Religion verstanden wird und welche Funktion Religionen und religi\u00f6se Traditionen in Gesellschaften haben. Dabei sollten keineswegs nur die etablierten und anerkannten Religionsgemeinschaften thematisiert werden, sondern auch kleinere Religionsgemeinschaften sowie Formen von Praktiken, Ritualen, ideologischen Vorstellungen und Gemeinschaften, bei denen oft nicht ganz klar ist, ob man sie als Religionen einstufen kann. Dies betrifft z.B. den Bereich der Esoterik und der Lebensberatung, der Kunst, der Musik oder des Sports.<\/p>\n<p>Die Debatten in Bezug auf die Einf\u00fchrung des Ethikunterrichts waren in den letzten Jahren oft durch eine starre Gegen\u00fcberstellung bzw. Trennung von religi\u00f6ser und ethischer Bildung beschr\u00e4nkt \u2013 \u00fcberspitzt in die Formel \u201eEntweder Religion oder Ethik\u201c gegossen. Tatsache ist aber, dass im konfessionell gebundenen Religionsunterricht l\u00e4ngst auch andere Religionen und grundlegende ethische Fragen behandelt werden, und umgekehrt wird auch ein Ethikunterricht nicht umhin k\u00f6nnen, das Selbstverst\u00e4ndnis von Religionen und religi\u00f6sen Ph\u00e4nomene zu thematisieren. Dies zeigt auch der Blick auf die Lehrpl\u00e4ne des Ethikunterrichts und der verschiedenen Religionsunterrichte sehr deutlich.<\/p>\n<p>Um dieser Trennung entgegenzuwirken w\u00e4re f\u00fcr dieses Unterrichtsfach neben einer grundlegenden religionswissenschaftlichen Expertise der Lehrpersonen auch die M\u00f6glichkeit des Austausches mit den an der Schule angebotenen Formen des Religionsunterrichts eine gro\u00dfe Chance. Die im Positionspapier der Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Wien vorgeschlagenen Begegnungsphasen zwischen den jeweiligen (konfessionellen) Religionsunterrichten und dem\u00a0Ethikunterricht sowie einer j\u00e4hrlichen Wahlm\u00f6glichkeit zwischen einem Religions- oder Ethikunterricht sind diesbez\u00fcglich wichtige \u00dcberlegungen, denen ein gro\u00dfes Potential innewohnt, um sowohl den Religions- als auch den Ethikunterricht zeitgem\u00e4\u00df zu gestalten.<\/p>\n<p>Zudem bieten diese Formen des Austausches die M\u00f6glichkeit, vom Nebeneinander und dem Reden \u201e\u00fcber\u201c die Anderen zu einem Miteinander und einem Reden \u201emit\u201c den Anderen zu kommen. Und dies kann die Grundlage daf\u00fcr schaffen, mit den Herausforderungen einer religi\u00f6s und weltanschaulich pluralen Schule und Gesellschaft positiv und produktiv umzugehen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p>1 vgl. Stefan Hammer: Ethikunterricht als verpflichtende Alternative zum Religionsunterricht, 12. M\u00e4rz 2019, <a href=\"https:\/\/rat-blog.at\/2019\/03\">https:\/\/rat-blog.at\/2019\/03 <\/a>[17.04.2019].<\/p>\n<p>2 Lehrplan f\u00fcr den Schulversuch ETHIK an der Sekundarstufe 2 &#8211; AHS und BHS, vorgelegt von der Bundes-ARGE<\/p>\n<p>Ethik, 2017, <a href=\"https:\/\/arge-ethik.tsn.at\/sites\/arge-ethik.tsn.at\/files\/upload\/Lehrplan%20f%C3%BCr%20den%20Schulversuch%20Ethik%201.3.2017.pdf\">https:\/\/arge-ethik.tsn.at\/sites\/arge-<\/a><a href=\"https:\/\/arge-ethik.tsn.at\/sites\/arge-ethik.tsn.at\/files\/upload\/Lehrplan%20f%C3%BCr%20den%20Schulversuch%20Ethik%201.3.2017.pdf\">ethik.tsn.at\/files\/upload\/Lehrplan%20f%C3%BCr%20den%20Schulversuch%20Ethik%201.3.2017.pdf<\/a> [17.04.2019].<\/p>\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Rat-Blog Nr. 3\/2019<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 \u00a9 Silke Lapina (Nigeria, Haus von Susanne Wenger) Wolfram Reiss und Robert Wurzrainer unterziehen den aktuellen Vorschlag zu einem verpflichtenden Ethikunterricht einer kritischen Pr\u00fcfung aus religionswissenschaftlicher Perspektive und zeigen M\u00f6glichkeiten auf, wie dieses neue Unterrichtsfach in einer religi\u00f6s und weltanschaulich pluralen Gesellschaft und Schule sinnvoll gestaltet werden kann.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":735,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,159,154,157,156],"tags":[30,52,85,94,95,97,112],"ppma_author":[306,348],"class_list":["post-737","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-beitraege","category-erziehung","category-ethik","category-didaktik","category-religionswissenschaft","tag-ethik","tag-jugend","tag-politik","tag-religionspaedagogik","tag-religionswissenschaft","tag-saekularitaet","tag-tradition-und-moderne","eq-blocks"],"authors":[{"term_id":306,"user_id":0,"is_guest":1,"slug":"wolfram-reiss","display_name":"Wolfram Reiss","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/?s=96&d=mm&r=g","author_category":"","user_url":"","last_name":"Reiss","first_name":"Wolfram","job_title":"","description":"Wolfram Reiss ist seit 2007 Professor f\u00fcr Religionswissenschaft an der Evangelisch-Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Wien und setzt sich f\u00fcr die Etablierung einer \u201eAnwendungsorientierten Religionswissenschaft\u201c ein, die aktuelle Fragestellungen der Gesellschaft aufgreift."},{"term_id":348,"user_id":0,"is_guest":1,"slug":"robert-wurzrainer","display_name":"Robert Wurzrainer","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/?s=96&d=mm&r=g","author_category":"","user_url":"","last_name":"Wurzrainer","first_name":"Robert","job_title":"","description":"Robert Wurzrainer ist Referent am Lehrstuhl f\u00fcr Religionswissenschaft an der Evangelisch- Theologischen Fakult\u00e4t und im Fachbereich \u201eKirche im Dialog\u201c der Erzdi\u00f6zese Wien. 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