{"id":82,"date":"2017-06-06T17:44:09","date_gmt":"2017-06-06T17:44:09","guid":{"rendered":"https:\/\/ratblogblog.wordpress.com\/?p=82"},"modified":"2023-07-06T09:43:31","modified_gmt":"2023-07-06T09:43:31","slug":"interdisziplinaere-religionsforschung-warum-alles-nicht-so-einfach-aber-trotzdem-der-muehe-wert-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=82","title":{"rendered":"Interdisziplin\u00e4re Religionsforschung: Warum alles nicht so einfach, aber trotzdem der M\u00fche wert ist"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n<p><em>Forschung soll dazu beitragen, Fragen zur Rolle von Religion in unseren Gesellschaften zu beantworten. Um gemeinsam eine umfassendere Perspektive zu entwickeln lohnt es sich, sie aus mehr als einer wissenschaftlichen Disziplin heraus zu stellen. Was einfach klingt, erweist sich in der Praxis aber oft als steiniger Weg. Ein Pl\u00e4doyer von <strong>Astrid Mattes<\/strong> warum sich Interdisziplinarit\u00e4t dennoch lohnt.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die weitgehende Absage an die lange Zeit den (Wissenschafts-)Diskurs beherrschende S\u00e4kularisierungsthese stellt mehr als einen Lichtblick f\u00fcr die Religionsforschung in all ihren Facetten dar. Eine regelrechte Renaissance erfahren Themen, die Religionsphilosophie, Religionssoziologie und nicht zuletzt Theologien zwar immer schon besch\u00e4ftigten, aber nun mehr und mehr in den Mainstream der Sozial- und Geisteswissenschaften r\u00fccken. Migrationen, Konversionen und Individualisierungsprozesse erweitern die religi\u00f6se Landschaft, wodurch historisch gewachsene Strukturen auf die Probe gestellt werden. Und auch gelebte Religiosit\u00e4t stellt zunehmend eine Herausforderung f\u00fcr die &#8211; zu Religion dieser Tage auf Distanz stehenden &#8211; Gesellschaften Europas dar. Gleichzeitig wird zugeschriebene und reklamierte Religionszugeh\u00f6rigkeit zum Spielball der Politik und ein Merkmal zur Grenzziehung zwischen \u201euns\u201c und \u201eden anderen\u201c.<\/p>\n<p><strong>Neue alte Fragen an die Religionsforschung<\/strong><\/p>\n<p>Die Fragen, die sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts an die Religionsforschung stellen, werden zeitgleich zum Gegenstand von gesellschaftlichen und politischen Aushandlungsprozessen sowie von Auseinandersetzungen innerhalb und zwischen Religionsgemeinschaften. Nicht selten werden diese Fragen au\u00dferhalb des akademischen Feldes hoch emotional gef\u00fchrt und stark politisiert. Deutlich zeigt sich dabei das Bed\u00fcrfnis nach wissenschaftlicher Expertise: ReligionsforscherInnen werden befragt, wenn es zu begutachten gilt ob oder ob nicht eine Gruppe eine Religionsgemeinschaft ist, wenn Religions-Symboliken eingesch\u00e4tzt werden sollen, wenn religi\u00f6se Fundamentalismen analysiert werden m\u00fcssen oder der Ruf nach der Benennung von Grundwerten laut wird. Dieser Bedarf an Religions-Expertise d\u00fcrfte angesichts der zuvor skizzierten polarisierenden Fragestellungen auch weiter wachsen. Wer aber liefert diese Expertise?<\/p>\n<p>ForscherInnen aus unterschiedlichen Disziplinen haben ganz vielf\u00e4ltige Zug\u00e4nge zu diesen Fragen. Expertise gibt es etwa (und sicherlich nicht nur) in den Rechtswissenschaften, der Philosophie, den Theologien, den Sozialwissenschaften und den Kultur- und Religionswissenschaften. Die Ausgangspunkte und Zielvorstellungen der Religionsforschung in den einzelnen Disziplinen liegen h\u00e4ufig weit auseinander.<\/p>\n<p><strong>Religion als Kernthema, zentrales Konzept oder <em>special interest<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Jene Disziplinen, f\u00fcr die Religion ein Kernthema darstellt, insbesondere die Theologien, begegnen den an sie herangetragenen Fragestellungen h\u00e4ufig mit der Vorannahme, dass Religion eine Sonderstellung als spezifische Weltanschauung, als spezielle Form der Vergemeinschaftung, als eigener Typus der Lebenspraxis einnimmt und insgesamt ein genuin eigenes Ph\u00e4nomen darstellt. In den Rechtswissenschaften wird diese Sonderstellung insofern auch angenommen, da Religion grundrechtlichen Schutz genie\u00dft und zahlreiche legislative Regelungen besondere Bestimmungen bez\u00fcglich Religionsfragen beinhalten. Diese Sonderstellung wird jedoch rechtsgeschichtlich als das Ergebnis historischer Aushandlungsprozesse und Ausdruck der normativen Grundlagen liberaler Demokratien verstanden und nicht im Ph\u00e4nomen Religion begr\u00fcndet. Eben solche Normen besch\u00e4ftigen politische Theorie und Philosophie, wenn nach dem guten Miteinander einerseits und der Beschaffenheit von Subjekten andererseits gefragt wird, was sowohl innerhalb religi\u00f6ser Sinngebungsstrukturen \u00fcberlegt wird als auch mit distanzierterem Blick auf diese. Die sozialwissenschaftliche Religionsforschung stellt hingegen meist den Anspruch Religion als soziales Ph\u00e4nomen \u201evon au\u00dfen\u201c zu betrachten und ist an religi\u00f6sen Organisations- und Gemeinschaftsformen, Machtstrukturen, Willensbildungsprozessen und Gesellschaftsvorstellungen interessierter. \u00c4hnlich wie in der kulturwissenschaftlichen Perspektive, sind h\u00e4ufig auch diskursive Konstruktion von (Religions-)Zugeh\u00f6rigkeit und ihre Konsequenzen von Interesse.<\/p>\n<p>Wenngleich Religion als disziplin\u00e4res Kernthema noch keine ph\u00e4nomenologische Perspektive bedeutet, ist insbesondere theologische Religionsforschung doch zumeist religi\u00f6s musikalisch, um Max Webers ber\u00fchmter Formulierung zu bem\u00fchen. Diese Musikalit\u00e4t k\u00f6nnen sich andere Disziplinen in der Zusammenarbeit zu Nutze machen. Umgekehrt kann die gr\u00f6\u00dfere Distanz zum Forschungsobjekt ein Mehrwert sein, den es aber zu kommunizieren gilt. Hier tun sich schnell T\u00fccken der interdisziplin\u00e4ren Forschung auf, beginnend bei der Frage nach gemeinsamen Grundkonzepten.<\/p>\n<p><strong>Wie Disziplinen wirken <\/strong><\/p>\n<p>Obwohl auch innerhalb der einzelnen Disziplinen gro\u00dfe Auffassungsunterschiede vorherrschen k\u00f6nnen, sorgt die disziplin\u00e4re Bindung doch f\u00fcr eine gemeinsame Sprache. Begrifflichkeiten sind zumeist ohne umfassendere Kl\u00e4rung verst\u00e4ndlich und auch f\u00fcr die jeweiligen Disziplinen typische Arbeits- und Publikationsformen bieten Rahmenbedingungen, die gemeinsames Arbeiten erleichtern.<\/p>\n<p>Auch universit\u00e4re Strukturen tragen dazu bei, dass sich interdisziplin\u00e4re Herangehensweisen oft &nbsp;scheinbar nicht bezahlt machen, weil die Mehrleistung in den Institutionslogiken nicht sichtbar wird. Einrichtungen wie die interdisziplin\u00e4ren Forschungsplattformen und Zentren an der Universit\u00e4t Wien sind sicherlich ein erster Schritt, um dieser Situation strukturell entgegen zu wirken. Gleichzeitig bleibt der Spielraum durch die an Universit\u00e4ten allgegenw\u00e4rtige Ressourcenknappheit, die zur Regel gewordenen prek\u00e4ren Anstellungsverh\u00e4ltnisse und die \u00d6konomisierung von Forschung gering. Wir sind darauf angewiesen, dass die Mitglieder der Plattform trotz des notwendigen Aufwandes miteinander arbeiten wollen, dass Institute und Fakult\u00e4ten die Leistung anerkennen und w\u00fcrdigen und dass die Universit\u00e4tsleitung die F\u00f6rderung interdisziplin\u00e4rer Projekte weiterhin vorantreiben m\u00f6chte. Vor dem Hintergrund all dieser Herausforderungen ist es dann Aufgabe einer interdisziplin\u00e4ren Forschungseinrichtung wie RaT, Pfeiler f\u00fcr den inhaltlichen Br\u00fcckenbau bereitzustellen.<!--more--><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-85\" src=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/seil.jpg\" alt=\"Seil\" width=\"1385\" height=\"1039\" srcset=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/seil.jpg 1385w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/seil-300x225.jpg 300w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/seil-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/seil-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1385px) 100vw, 1385px\" \/><\/p>\n<p><strong>Der steinige Weg der Interdisziplinarit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Wie schwierig interdisziplin\u00e4res Arbeiten tats\u00e4chlich ist, wissen alle, die es bereits versucht haben. \u00c4hnlich wie in den Debatten um interreligi\u00f6sen Dialog stellt sich hier die Frage, wie man zu echter Auseinandersetzung mit anderen Perspektiven gelangen kann, ohne rein additiv zu arbeiten. Diese anderen Wissenschaftstraditionen ernst zu nehmen und&nbsp; ihnen ebensolchen wissenschaftlichen Anspruch zuzuerkennen wie man ihn f\u00fcr die eigene Forschung in Anspruch nimmt, ist gleichzeitig Voraussetzung und Herausforderung. Obwohl man meinen k\u00f6nnte, dass das Zugestehen von Ebenb\u00fcrtigkeit in der interdisziplin\u00e4ren Forschung leichter f\u00e4llt als im interreligi\u00f6sen Dialog \u2013 immerhin sollte in der Wissenschaft der Wahrheitsanspruch wegfallen &#8211; gibt es oft gro\u00dfe Ber\u00fchrungs\u00e4ngste. Und wie so oft hilft es, einander kennenzulernen, den anderen zuzuh\u00f6ren und sich in bisher unvertraute \u00dcberlegungen hineinzudenken.<\/p>\n<p>Der Lohn f\u00fcr diese Anstrengung ist ein besseres Verst\u00e4ndnis des eigenen Forschungsgegenstandes. Forschungsergebnisse werden robuster und im Allgemeinen besser, weil sie vielseitiger, aus mehreren Perspektiven heraus begr\u00fcndet sind. Diese Ergebnisse erreichen dann oft auch neue Zuh\u00f6rerInnen, da sich der Pool der Interessierten erweitert. Und nicht zuletzt ist Interdisziplinarit\u00e4t auch eine Notwendigkeit unserer Zeit. Weder die Universit\u00e4ten an sich noch einzelne ForscherInnen sitzen heute noch im Elfenbeinturm. Au\u00dferhalb der Universit\u00e4ten herrscht wenig Bewusstsein und wohl kaum Verst\u00e4ndnis f\u00fcr H\u00fcrden in der Zusammenarbeit. Zudem ist die Nachfrage nach Religionsforschung nicht an Disziplinen, sondern an inhaltlicher Expertise orientiert.<\/p>\n<p>Diese Expertise wird durch Interdisziplinarit\u00e4t umfassender und sensibler f\u00fcr verschiedene Blickwinkel. Gerade in den komplexen Fragestellungen, die an die Religionsforschung herangetragen werden, ist Interdisziplinarit\u00e4t notwendig, um die gesellschaftliche Aufgabe, die WissenschaftlerInnen haben, verantwortungsvoll wahrzunehmen. Daher gilt es \u00fcber disziplin\u00e4re Tellerr\u00e4nder zu schauen, die eigenen Annahmen zur Diskussion zu stellen und die \u201eExtra-Meile\u201c der Interdisziplinarit\u00e4t nicht zu scheuen.<\/p>\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>RaT-Blog Nr. 1\/2017<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Forschung soll dazu beitragen, Fragen zur Rolle von Religion in unseren Gesellschaften zu beantworten. Da diese Fragen komplex sind, lohnt es sich, sie aus mehr als einer wissenschaftlichen Disziplin heraus zu stellen um gemeinsam eine umfassendere Perspektive zu bekommen. Was einfach klingt erweist sich in der Praxis aber oft als steiniger Weg. Ein Pl\u00e4doyer warum sich Interdisziplinarit\u00e4t dennoch lohnt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":84,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,136,156],"tags":[93,95,113],"ppma_author":[317],"class_list":["post-82","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-beitraege","category-religion","category-religionswissenschaft","tag-religionsbegriff","tag-religionswissenschaft","tag-transformation","eq-blocks"],"authors":[{"term_id":317,"user_id":0,"is_guest":1,"slug":"astrid-mattes","display_name":"Astrid Mattes","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/744c72f27eb7ef16e569cfd0b84e81732a94a01eb7e068a54e11bce6a6700487?s=96&d=mm&r=g","author_category":"","user_url":"","last_name":"Mattes","first_name":"Astrid","job_title":"","description":"Astrid Mattes ist Tenure Track Professorin f\u00fcr Sozialwissenschaftliche Religionsforschung am Forschungszentrum Religion and Transformation in Contemporary Society der Universit\u00e4t Wien. "}],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/82","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=82"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/82\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3556,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/82\/revisions\/3556"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/84"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=82"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=82"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=82"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fppma_author&post=82"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}