{"id":917,"date":"2020-08-27T11:13:52","date_gmt":"2020-08-27T11:13:52","guid":{"rendered":"http:\/\/rat-blog.at\/?p=917"},"modified":"2023-07-06T09:48:29","modified_gmt":"2023-07-06T09:48:29","slug":"hegel-denker-der-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/hegel-denker-der-freiheit.htm","title":{"rendered":"Hegel \u2013 Denker der Freiheit"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"565\" height=\"533\" src=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/hegel_zugesch.jpg?w=565\" alt=\"\" class=\"wp-image-922\" srcset=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/hegel_zugesch.jpg 565w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/hegel_zugesch-300x283.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 565px) 100vw, 565px\" \/><figcaption><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0);\" class=\"has-inline-color has-cyan-bluish-gray-color\">Hegel, Georg Wilhelm Friedrich. Universit\u00e4tsbibliothek Leipzig, Portr\u00e4tstichsammlung IIAIV, 737a Bl. Ernst Ludwig Riepenhausen (zugeschrieben), Radierer (Bild: <a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/ubleipzig\/16435395184\/in\/photolist-r3kGou-xeacqL-xeafHs-yafw2Y-xTxWrj-xe8iFW-xTEdbc-y8QLV3-y8RvtE-yafXYN-ybbwTx-xehw54-xTzHd9-xTDLDR-xTx925-xTzQsE-yagUP9-ybS6YD-yaiaKE-y8Smuq-xTFKN8-ybbXUz-xTwmEU-ybRHAH-y8Sxmq-xTyKJ5-yag1Wb-xTDrpZ-xTy2yS-owsLcG-wCtLv7-hNZscr-ouHpwf-owrsnX-y8Rg6G-xTzY7N-xehZqB-y8Qz2y-xTEiMc-xegqBx-ybRwvX-xeiJG6-xTxZrY-ybRs4v-ybbZzZ-ybaQY2-ybSqyz-ybPUs6-xTErv8-ybSB9n\">flickr<\/a>)<\/mark><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Vor 250 Jahren, am 27. August 1770, wurde G.W.F. Hegel geboren.  Doch weshalb kommt seinem Werk bei Kritikern und Anh\u00e4ngern so hohe Bedeutung zu und warum erf\u00e4hrt das Interesse an Hegel heute eine Renaissance? <strong>Kurt Appel<\/strong> gibt einen Einblick in die Gr\u00fcnde f\u00fcr diese erstaunliche Entwicklung.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis heute geh\u00f6rt Hegel zu den meistzitierten Autoren. Das ist insofern erstaunlich, als Hegels Hauptwerke, die <em>Ph\u00e4nomenologie des Geistes<\/em> und die <em>Wissenschaft der Logik<\/em>, vor mehr als 200 Jahren ver\u00f6ffentlicht wurden und zu den schwierigsten philosophischen Schriften geh\u00f6ren, die jemals geschrieben wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wirkung und Kritiker Hegels<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hegels \u00f6ffentliches Wirken begann in Jena und erlebte seinen H\u00f6hepunkt in Berlin, wo er 1831 als ber\u00fchmter, aber zunehmend kritisierter Philosoph starb. Er galt als letzter Systemdenker der abendl\u00e4ndischen Welt, der versuchte, alle Bereiche unserer Welt (Natur, Kunst, Religion, Philosophie, Gesellschaft und Geschichte) gedanklich zu durchdringen und ein allgemein g\u00fcltiges Wissensfundament \u00fcber die Funktionsweise des Seins zu gewinnen, welches in seiner Totalit\u00e4t auf einen dem Denken zugrundeliegenden <em>Logos<\/em> (Geist) gr\u00fcndete. Dar\u00fcber hinaus wurde er als preu\u00dfischer Staatsphilosoph betrachtet, der Preu\u00dfen idealisierte, wenngleich er seitens der Regierung unter Verdacht stand, religions- und damit staatszersetzend zu sein. Nicht zuletzt auf Grund zunehmender Repression spielte er am Ende seines Lebens mit dem Gedanken, Preu\u00dfen zu verlassen. Nach seinem Tod bildeten sich Schulen, die je nach Stellung zur Religion als rechts- und linkshegelianisch kategorisiert wurden. Der bedeutendste Hegelrezipient des 19. Jahrhunderts war zweifelsohne Karl Marx, der seinen dialektischen Materialismus in Auseinandersetzung mit Hegels Dialektik entwickelte. Ab dem sp\u00e4ten 19. und im 20. Jahrhundert wurde Hegels Philosophie zum negativen Symbol eines Denkens, von dem man sich abzugrenzen trachtete. Liberalen Denker*innen galt Hegels Systementwurf als ideologischer Wegbereiter einer totalit\u00e4ren Gesellschaft. Die marxistische Philosophie w\u00fcrdigte Hegels Dialektik, sah aber darin einen quasireligi\u00f6sen Weltgeist am Werk, der die wahren \u00f6konomischen Dynamiken der Geschichte verschleierte und damit revolution\u00e4rem Denken entgegenstand. B\u00fcrgerlich-existentialistische Traditionen konstatierten an Hegels Geschichtsphilosophie ein Fortschrittsdenken zulasten der W\u00fcrde und der Leiderfahrungen des Individuums, &nbsp;postkolonialistische Philosophien kritisierten Hegels Geschichtskonzeption als eurozentristisch. Analytische Philosophie verstand sich urspr\u00fcnglich geradezu als Gegenprogramm zur holistischen Dialektik Hegels, das postmoderne Denken identifizierte in Hegels Schriften einen Panlogismus, der die Welt ins Denken aufheben w\u00fcrde. Theolog*innen warfen Hegel Pantheismus oder Atheismus vor. Materialistische Philosophien, die die Physik als Grundlage allen Seins betrachten, k\u00f6nnen mit Hegel ohnehin nichts anfangen, da sein Geist- und Subjektbegriff nicht aus einer objekthaft verstandenen Welt ableitbar ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die gegenw\u00e4rtige Renaissance des Hegelschen Denkens<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Umso erstaunlicher ist die Renaissance, die das Hegelsche Denken in den letzten Jahren erf\u00e4hrt: Sowohl in der gegenw\u00e4rtigen analytischen Philosophie als auch in der aktuellen kontinentalphilosophischen Tradition spielt Hegels Denken eine bedeutende Rolle: Ganz unterschiedliche Philosoph*innen aus aller Welt wie \u017di\u017eek, Malabou, Buck-Morss, Butler, Fukuyama, Lilla oder Brandom beziehen sich auf Hegels Werk. Dazu beigetragen hat sicher die mittlerweile global gef\u00fchrte Auseinandersetzung um die Selbstbestimmung des Subjekts und die Frage nach einer Sinngebung der Geschichte angesichts von Bedrohungsszenarien, die die gegenw\u00e4rtige Weltordnung fundamental in Frage stellen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ein Narrativ der Freiheit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Zentrum der Hegelschen Philosophie steht ein philosophischer Narrativ der Freiheit. Der Freiheitsgedanke ist dabei nicht auf die Handlungsfreiheit des Subjekts oder dessen M\u00f6glichkeit des unbeschr\u00e4nkten Konsums zu reduzieren: Vielmehr besteht er darin, selbstbestimmt allgemein g\u00fcltige Handlungen zu setzen und Teil eines umfassenden kreativen Prozesses zu werden, der sich in Kunst, Religion und Wissenschaft zum Ausdruck bringt und entsprechende politische und \u00f6konomische Rahmenbedingungen erfordert. Hegel war der Auffassung, dass Freiheit mit einem individuellen und kollektiven Selbsterkenntnisprozess einhergeht, dabei aber nicht auf die menschliche Sph\u00e4re reduziert werden kann, sondern sich bereits in biologischen und physikalischen Abl\u00e4ufen manifestiert, was eine holistische Weltsicht erfordert. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Dialektik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zentrales Moment der Hegelschen Methodik ist die Dialektik, die versucht, die Transformation von relationalen Inhalten und darin auftretende Widerspr\u00fcchlichkeiten und Diskontinuit\u00e4ten zu denken. Die ber\u00fchmte doppelte Negation (Negation der Negation) Hegels ist nicht einfach eine R\u00fcckkehr zu immer neuen Synthesen, vielmehr versucht sie offene Prozesse als solche in ihrer Dynamik zu denken. Wenn jede Bedeutung in der Abgrenzung gegen\u00fcber anderen negierend ist, so richtet sich diese Negation auch noch einmal gegen sich selbst (und damit die eigenen Abgrenzungen) und bewahrt dadurch eine fundamentale Offenheit. Dieser offene und dynamische Charakter der Hegelschen Philosophie, verbunden mit einem extrem reichhaltigen Instrumentarium an Denkbestimmungen, wird gegenw\u00e4rtig neu entdeckt in Philosophie, Soziologie, Politikwissenschaften, Theologie und Geschichtswissenschaften. Hegels Philosophie, die einen st\u00e4ndigen \u00dcbersetzungsprozess erfordert, scheint hervorragend geeignet, inter- und transkulturell gepr\u00e4gte Gesellschaften, in denen solche \u00dcbersetzungen fundamentale Bedeutung erlangen, geistig zu erfassen. Eine Dimension des Hegelschen Denkens, die m\u00f6glicherweise noch neu zu entdecken und zu reformulieren sein wird, ist Hegels Naturphilosophie, da in ihr Trennungen des 19. Jahrhunderts von Materie und Geist, Natur und Freiheit, Gesetz und Zufall hinter sich gelassen wurden. So vereinigt Hegels Denken viele Widerspr\u00fcche in sich: Der Idealist Hegel kann auch als materialistischer Denker angesehen werden, der holistische Systemphilosoph steht f\u00fcr eine radikale Offenheit des Seins, in dem auch Br\u00fcche und Diskontinuit\u00e4ten Platz haben und Hegels Geistkonzeption l\u00e4sst Raum f\u00fcr theistische, atheistische und pantheistische Deutungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum Abschluss sei noch die Bemerkung angebracht, dass dem Standort Wien seit Jahrzehnten eine gewisse Bedeutung in der Hegelforschung zukommt und die Wiener Universit\u00e4t auch immer die daf\u00fcr notwendigen Freir\u00e4ume zur Verf\u00fcgung gestellt hat. Stellvertretend f\u00fcr diese Tradition soll Herta Nagl-Docekal genannt sein, die nicht zuletzt auf Grund umfassender Kenntnis Hegelscher Kategorien den feministischen und geschichtsphilosophischen Diskurs international mitbestimmt hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Beitrag ist in leicht \u00fcberarbeiteter Form auch auf dem <a href=\"https:\/\/medienportal.univie.ac.at\/uniview\/wissenschaft-gesellschaft\/detailansicht\/artikel\/hegel-denker-der-freiheit\/\">Medienportal der Universit\u00e4t Wien<\/a> erschienen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Rat-Blog Nr. 15\/2020<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 250 Jahren, am 27. August 1770, wurde G.W.F. Hegel geboren. 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