{"id":950,"date":"2020-09-18T19:00:51","date_gmt":"2020-09-18T19:00:51","guid":{"rendered":"http:\/\/rat-blog.at\/?p=950"},"modified":"2023-07-06T09:48:37","modified_gmt":"2023-07-06T09:48:37","slug":"uber-klaus-heinrich-sucht-und-sog","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=950","title":{"rendered":"\u00dcber Klaus Heinrich: Sucht und Sog"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/heinrich_schreibtisch_zeichnung.jpg?w=680\" alt=\"Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist heinrich_schreibtisch_zeichnung.jpg.\"\/><figcaption>Zeichnung von Klaus Heinrich<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Beginnend mit Sommer 2020 werden die Werke des Berliner Religionswissenschaftlers und Religionsphilosophen Klaus Heinrich bei \u00e7a ira (Freiburg\/Wien) neu aufgelegt und bisher unver\u00f6ffentlichte Schriften publiziert. Das RaT-Team nimmt die mit einem neuen Nachwort versehene Zweitauflage von \u201eanfangen mit Freud. Reden und kleine Schriften I\u201c zum Anlass, um in ein Gespr\u00e4ch mit einem Werk einzutreten, das nicht nur reich an Bez\u00fcgen ist, sondern auch Motive der Religionsgeschichte konsequent als (partiell gelingende) Versuche einer Zeit, sich ein Bewusstsein ihrer selbst zu geben, interpretiert. Mit Klaus Heinrich werden Herakles, die biblischen Propheten, Lukrez, Francis Bacon, Hegel, Freud und viele andere zu Bundesgenossen in dem Bem\u00fchen einer Gesellschaft um Selbstaufkl\u00e4rung. (Einleitung von <a href=\"https:\/\/jakob-helmut-deibl.at\/\"><strong>Jakob Deibl<\/strong>)<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em><strong>Martin Eleven<\/strong> macht sich diese Woche \u00fcber Klaus Heinrichs Analysen zu den Selbstzerst\u00f6rungsprozessen unserer Gesellschaft Gedanken.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ausgangspunkt des hier referierten Textes von Klaus Heinrich bilden die Selbstzerst\u00f6rungsprozesse unserer Gesellschaft. Der gro\u00dfe Verdienst dieses 1993 gehaltenen Vortrags welcher \u2013 abgedruckt in anfangen mit Freud \u2013 im \u00e7a ira-Verlag neu erschienen ist, darf nicht nur darin gesehen werden, dass Heinrich in kritischer Manier auf die aktuellen Selbstzerst\u00f6rungsprozesse unserer Konsumgesellschaft aufmerksam macht, sondern, dass er den Versuch unternimmt, dazugeh\u00f6rige Einzelph\u00e4nomene (wie im vorliegenden Fall die Sucht) \u00fcber ihre symptomatische Engf\u00fchrung hinaus, wieder in ihrem kulturhistorischen Zusammenhang lesbar zu machen. Dabei gelingt es ihm, die Sucht als ein derartiges Ph\u00e4nomen, einer vorschnellen (pathologischen) Kategorisierung zu entziehen und wieder in einem breiteren Kontext einzubetten. Heinrich beweist in diesem Text einmal mehr seine Bewandertheit in der abendl\u00e4ndischen Geistesgeschichte und durchquert in seinen Analysen Psychoanalyse, Philosophie und Literatur gleicherma\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Zun\u00e4chst geht es ihm dabei aber weniger um die Frage, ob das Ph\u00e4nomen der Sucht gesellschaftlich determiniert ist, noch spielt das triviale Diktum, der Rausch geh\u00f6re zur anthropologischen Konstante des Menschen, hierbei eine besondere Rolle \u2013 bekanntlich wird angenommen, dass seit den Anf\u00e4ngen der Menschheit Substanzen konsumiert wurden, die eine berauschende Wirkung hatten, und dass diese auch f\u00fcr rituelle Zwecke von Bedeutung waren. Klaus Heinrich geht es aber um Weitreichenderes. Er sp\u00fcrt dem Niedergang des Fortschrittglaubens im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert nach und zeigt dabei, wie an Stelle desselben Phantasien der Selbstausl\u00f6schung treten, die in enger Verbindung mit der Suchtthematik gedacht werden m\u00fcssen. Das Ph\u00e4nomen der Sucht sieht Heinrich eng mit dem Ph\u00e4nomen des Sogs verkn\u00fcpft, will hei\u00dfen, die Sucht findet ihren Reiz in einem Verlust und einer Art Entgrenzung des je Eigenen. Sog meint hier \u2013 wie es uns beispielsweise in der Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts begegnet (Heinrich f\u00fchrt hierf\u00fcr Jules Vernes phantastische Erz\u00e4hlungen an sowie die Werke Edgar Allan Poes) \u2013 die Faszination des Hineingezogenwerdens in einen Abgrund, den der Mensch nicht mehr zu \u00fcberblicken vermag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>In mehreren Anl\u00e4ufen zeigt Heinrich, wie diese Verbindung von Sucht und Sog ihre Vorl\u00e4ufer bereits in (den lebensphilosophischen Entw\u00fcrfen) der europ\u00e4ischen Geistesgeschichte hat (zu denken w\u00e4re hier an Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche sowie sp\u00e4ter an Wilhelm Dilthey). Der moderne Mensch steht im Wiederstreit: Auf der einen Seite dem Erbe der Aufkl\u00e4rung verpflichtet, eine vernunftbegr\u00fcndete Welt trotz Limitationen unserer Erkenntnis (sowie der Last der Endlichkeit) selbst gew\u00e4hrleisten und verantworten zu m\u00fcssen, dr\u00e4ngt es ihn auf der anderen Seite nach Entgrenzung und Verlust des eigenen Ichs. Verschmelzungs- und Todessehnsucht werden zum literarischen Programm, der Mensch leidet an einer Welt, die auseinandergebrochen ist; alles ist von Trennungen und Gegens\u00e4tzen durchwaltet, eine Einheit ist nicht mehr auffindbar (Gott als letzter Referent und Fluchtpunkt menschlichen Denkens und Handelns verliert an Plausibilit\u00e4t). Folgerichtig kommt Heinrich auch auf jenen Denker zu sprechen, der vielleicht wie kein anderer polarisiert und dessen Philosophie bis heute von politischer Brisanz ist: Martin Heidegger. Heinrich verortet \u201eHeideggers Fundamental(istische)-Ontologie\u201c genau in diesem Bereich des Widerstreits, wobei ihm Heidegger dabei zum exemplarischen Fall wird, welche destruktiven Irrungen ein Denken annehmen kann, verschreibt es sich ganz einer Bewegung (Heinrich spielt in seinem Text mit dem Substantiv Bewegung auch auf die Bewegung des Nationalsozialismus an). Heidegger gilt Heinrich dabei als Seismograph einer Epoche, die fasziniert und gebannt ist vom Sog des Abgrunds. Heideggers Ereignis-Philosophie, das Mithineingenommen-sein in die Bewegung und das Geschick des Seyns, zeichne etwas vor, was ebenso f\u00fcr das Streben des S\u00fcchtigen und dessen \u201eleerlaufenden Begehrensprozess\u201c charakteristisch ist, n\u00e4mlich den Versuch, auf dem Weg zur Vereinigung alles beiseite zu schaffen. Bei Heidegger geht es freilich darum, abzusehen von allem Seienden in der Art der Bestimmbar- und Beherrschbarkeit und so vorzubereiten f\u00fcr das Gewahrwerden der Wesung des Seyns, der S\u00fcchtige dar\u00fcber hinaus, m\u00f6chte sich schlichtweg ganz der Sogbewegung hingeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Halten wir hier ein wenig inne und sehen uns Heinrichs Kritik am Ereignis-Denken ein wenig n\u00e4her an. Von besonderer Brisanz ist f\u00fcr ihn vor allem die N\u00e4he von Heideggers Ereignis-Denken zum Katastrophischen, denn so vordergr\u00fcndig gelassen, wie dieses erscheinen mag, ist es bei weitem nicht. Heinrich hat Recht, wenn er auf dessen \u201eent-setzende\u201c Kraft aufmerksam macht. Das Ereignis, in seiner Gewalt, wenn man so m\u00f6chte, hebt alle vorherigen \u201eSetzungen\u201c auf, d.h., die bisherigen Zusammensetzungen und Verweisungszusammenh\u00e4nge, in denen sich der Mensch vorfindet (welche dieser heute oftmals schon gar nicht mehr zu \u00fcberblicken vermag) werden aufgebrochen. Das Verlangen nach \u201eEnt-Setzung\u201c wird Heinrich zum Synonym f\u00fcr die modere Form der Ereignis-Sucht, welche durch das Angebot der medialen Welt \u2013 mit ihrer M\u00f6glichkeit an virtuellem R\u00fcckzug \u2013 noch verst\u00e4rkt wird; die Lust am Katastrophischen hat den sexuellen Reizen bereits den Rang abgelaufen. Bei all der Richtigkeit, die man Heinrichs \u00dcberlegungen zusprechen kann, bleibt hier doch jegliche Form einer Ereignis-Philosophie negativ konnotiert, und so wird vielleicht auch das Potenzial, das ein derartiges Denken mit sich bringen kann, \u00fcbersehen. Blickt man beispielsweise in die gegenw\u00e4rtige Diskurslandschaft, so ist der Begriff des Ereignisses nicht nur mit Heidegger verbunden, sondern auch in der franz\u00f6sischen Gegenwartsphilosophie von Bedeutung, deren wohl zurzeit am meisten diskutierter Exponent Alain Badiou hei\u00dft. Bei ihm, nicht un\u00e4hnlich dem Denkweg Heideggers, geht es ebenso um die Neuartikulation einer Ontologie, die sich auf der H\u00f6he ihrer Zeit befindet, jedoch mit dem wesentlichen Zusatz, dass dies mit R\u00fcckgriff auf die Mathematik geschieht und er sich entschieden der \u201eLinken\u201c zuordnet. Bei Badious Ereignis \u2013 gerade entgegen Heinrichs These von der Katastrophen-Sucht \u2013 geht es aber nicht um die Ausl\u00f6schung jeglicher Subjektivit\u00e4t im Schlund des Sogs, sondern gerade um den Umschlag, oder vielleicht besser gesagt, die Transformation bisheriger Verh\u00e4ltnisse, die sich erst durch ein dem Ereignis entwachsendes (und diesem die Treue haltendendes) Subjekt einstellt. Zwar lie\u00dfe sich hier mit Heinrich \u2013 und vielleicht w\u00e4re dies auch sein Einwand \u2013 von einer Faszination f\u00fcr das Abgr\u00fcndige (im Sinne eines nicht im Vorhinein kalkulierbar und kausal r\u00fcckf\u00fchrbaren Realen) sprechen, welcher Heinrich in seinem Text gekonnt nachsp\u00fcrt, jedoch scheinen mir hier seine \u00dcberlegungen auch eine Grenze zu erreichen. Denn das Ereignis ist nicht nur \u2013 wie Heinrich es sieht \u2013 verkl\u00e4rter Ort des Mysteriums und Schlund, welcher jegliche Form von Subjektivit\u00e4t in sich hineinsaugt, es ist vielmehr auch der (notwendige) Bruch innerhalb einer gegebenen Ordnung, die in unseren Tagen einen nihilistischen und \u201erasenden Stillstand\u201c (P. Virilio) erreicht hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Aus diesem Blickwinkel betrachtet, lie\u00dfe sich vielleicht auch sagen, dass die Versuche jener \u201es\u00fcchtigen Subjekte\u201c (derer es unserer Gesellschaft nicht ermangelt) auszusteigen, nicht nur im Sinne einer phantasmagorischen Erf\u00fcllung des eigenen Genie\u00dfens (bis in den Tod) verstanden werden k\u00f6nnen, sondern auch einen revoltierenden Aspekt zum Ausdruck bringen. Dies mag Heinrichs abschlie\u00dfenden \u00dcberlegungen im Text nahekommen, denn auch er sieht die M\u00f6glichkeit das Verhalten der S\u00fcchtigen nicht allein auf gesellschaftliche Prozesse und deren Endzeitphantasien zur\u00fcckf\u00fchren zu m\u00fcssen. \u201e[\u2026] es w\u00e4re vorschnell, zu urteilen, sie agierten nur deren Probleme aus, steuerten nur eben auf ihre eigene, private Katastrophe zu.\u201c Es lie\u00dfe sich n\u00e4mlich hierin auch ein erster \u2013 wenn auch verzweifelter \u2013 Versuch sehen, mittels Sucht einer Gesellschaft zu entkommen, f\u00fcr die die Erf\u00fcllung (durchaus auch im Sinne der \u201eUnsterblichkeit\u201c) des eigenen Verlangens zum h\u00f6chsten Ma\u00dfstab geworden ist. Mit dieser abschlie\u00dfenden Ambivalenz h\u00e4lt Heinrich seine \u00dcberlegungen offen und bietet so den Raum, um in ein gemeinsames Gespr\u00e4ch einzusteigen; es sei ihm daf\u00fcr gedankt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bildquelle: https:\/\/www.ca-ira.net\/verlag\/klaus-heinrich\/<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Rat-Blog Nr. 17\/2020<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beginnend mit Sommer 2020 werden die Werke des Berliner Religionswissenschaftlers und Religionsphilosophen Klaus Heinrich bei \u00e7a ira (Freiburg\/Wien) neu aufgelegt und bisher unver\u00f6ffentlichte Schriften publiziert. Das RaT-Team nimmt die mit einem neuen Nachwort versehene Zweitauflage von \u201eanfangen mit Freud. 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