{"id":959,"date":"2020-10-02T18:16:32","date_gmt":"2020-10-02T18:16:32","guid":{"rendered":"http:\/\/rat-blog.at\/?p=959"},"modified":"2023-07-06T09:48:41","modified_gmt":"2023-07-06T09:48:41","slug":"die-angst-vor-dem-weiblichen-als-verdrangte-realitat-der-spaltung-des-mannlichen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=959","title":{"rendered":"Die Angst vor dem Weiblichen als verdr\u00e4ngte Realit\u00e4t der Spaltung des M\u00e4nnlichen"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"543\" height=\"426\" src=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/grafik-klaus-heinrich.jpg?w=543\" alt=\"\" class=\"wp-image-962\" srcset=\"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/grafik-klaus-heinrich.jpg 543w, https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/grafik-klaus-heinrich-300x235.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 543px) 100vw, 543px\" \/><figcaption><sub>Bild: Courtesy Klaus Heinrich und Galerie Klaus Gerrit Friese, Berlin, via sueddeutsche.de<br>Zeichnung von Klaus Heinrich<\/sub><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em><strong>Julius G\u00fcnther<\/strong> gibt im dritten Teil <a href=\"https:\/\/rat-blog.at\/2020\/09\/02\/on-the-return-to-freud-in-post-war-german-philosophy\/\">unserer Reihe zu Texten Klaus Heinrichs <\/a>eine Vorstellung von und Anmerkung zu Klaus Heinrich: Von Nutzen und Nachteil der Spaltung \u2014 Religionsphilosophische Er\u00f6rterung eines gattungsgeschichtlichen Symbols.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der im \u00e7a-ira-Verlag erschienene Band \u201eanfangen mit freud\u201c von Klaus Heinrich stellt als dritten Text Heinrichs \u00dcberlegungen zum psychoanalytischen Begriff der <em>Spaltung<\/em> vor, den er religionsphilosophisch auf seine mythologische und christologische Tiefendimension hin \u00f6ffnet und daraus einen Problemhorizont bestimmt sichtbar macht, der sich in mancher zeitgen\u00f6ssischen Institution zwar bekannt, aber unbeachtet manifestiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Ph\u00e4nomen Spaltung<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was haben griechische Mythologie, Platons \u201eSymposion\u201c, sp\u00e4tantike christliche Dogmenbildung und r\u00f6mische Apotheosenphantasie gemeinsam? Heinrichs Antwort hierauf kommt einer scharfen Diagnose gleich: sie alle spalten ab. Dem Wesen des Vorgangs der Spaltung entsprechend, der als eine psychische Radikalisierung der Verdr\u00e4ngung skizziert werden kann, ist das Abgespaltene (sobald es ein solches ist) <em>unbewusst<\/em>. Vom Abgespalteten bekommt der Organismus, der den Vorgang der Spaltung vollzogen hat, erst im Nachhinein wieder etwas mit. Insofern nun Heinrich die Geschichte der (Gattung der) Menschheit als einen solchen spaltenden Organismus betrachtet, sind die \u00dcberbringer der vielleicht nicht gewollten, aber dennoch wahren Botschaft dieser Spaltung <em>Propheten<\/em>, <em>Philosophen<\/em> oder <em>Psychoanalytiker<\/em>. Dieselbe Bestimmung andersherum formuliert, um deren Pointierung noch deutlicher sichtbar zu machen, l\u00e4sst sich sagen, dass die gesamtsystemische Funktion von \u201eechten\u201c <em>Propheten<\/em>, <em>Philosophen<\/em> und <em>Psychoanalytikern<\/em> darin besteht, auf eine <em>Spaltung (in) der Gattung hinzuweisen<\/em>, was auch einsehbar macht, warum gerade diese als schismatische H\u00e4retiker bezeichnet wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dogmatik und H\u00e4resie<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Moment der Bewusst-Machung einer Spaltung (welche einer \u201eUnbewusst-Machung\u201c gleichkommt) trifft den Betreffenden das gleiche Schicksal wie sein Anliegen: er wird abgespaltet, da sich der spaltenden Organismus paradoxerweise gerade vom Bewusstsein seines Spaltens spaltet, um nichts von seinem Spalten wissen zu m\u00fcssen. Wer auf eine Spaltung aufmerksam macht, kann unversehens als der Urheber der Spaltung angeklagt werden. Denn insofern der Akt des Spaltens vom \u201ewahren\u201c spaltenden Subjekt selbst mitabgespaltet wird, wird dieser Akt im Folgenden auf das Abgespaltete projiziert. Die Abspaltung k\u00f6nnte allerdings auch als ein Heilungsversuch der Selbstimmunisierung gedeutet werden, der hier aber seiner paradoxen Bewegung entsprechend einer kontinuierlichen Vergiftung gleichkommt, die stets aufs Neue sterilisiert werden muss. Konkreter macht dies Heinrich anhand der (christlichen) Dogmenbildung sichtbar, bei der \u2013 in seinen Worten \u2013 Spaltung als ein Mysterium der Nicht-Spaltung umkreist wird. Letztlich gelten Schismen als zu vermeidende Realit\u00e4t, die nur qua Dogma gebannt werden kann. Ironischerweise ist das christologische Dogma des Wesens Christi dabei selbst die Realit\u00e4t einer Spaltung in zwei Naturen, Willen oder Momente von Drei-Einigkeit. Gerade um die h\u00f6chste Einheit sowohl Gottes als auch der sich auf jenen berufenden Gemeinschaft zu garantieren, ben\u00f6tigt es den Vorgang, der vermieden werden soll. Bemerkenswert ist hierbei, dass die eine H\u00e4lfte des Resultats einer Spaltung <em>h\u00e4retisch<\/em>,<em> <\/em>die andere <em>orthodox<\/em>, die Spaltung selbst aber infolge <em>dogmatisch<\/em> ist. Mit methodisch wertvoller Naivit\u00e4t fragt Heinrich, wie es zu einer solchen Konstellation kommen konnte, und findet hierauf in den antiken Vor-Bildern der Wesensbestimmungen des G\u00f6ttlichen und Archaischen folgenschwere Weichenstellungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hesiod und Platon als Meister des Spaltens?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So stellt sich heraus, dass das Freudsche innerpsychische Paradigma des \u00d6dipus gleichsam ein Beispiel seiner selbst ist, insofern die wesentlichen strukturellen Momente des popul\u00e4ren Komplexes die (griechische) Mythologie bereits ab ihren fr\u00fchsten und tiefsten Schichten pr\u00e4gen. Demnach findet sich schon in den ersten Passagen der Theogonie ein inzestu\u00f6ses Verh\u00e4ltnis der drei Ursprungsmomente des werdenden Kosmos: Chaos und Gaia sind qua Eros miteinander verbunden und zugleich gespalten in die Prototypen des M\u00e4nnlichen und Weiblichen, die sich als Uranos und Urania manifestieren werden. Eine weiteres Beispiel f\u00fcr Spaltung beschreibt Heinrich mit der Apotheose des Hercules, bei der der sterbliche Leib vom zu verg\u00f6ttlichenden Geist abgespaltet und somit die m\u00fctterliche Erde der Endlichkeit sowie der v\u00e4terlichen Himmel der Unendlichkeit vindiziert wird. Am emphatischsten ist die Spaltung der Geschlechter, die als die urspr\u00fcnglichste Spaltung der Gattung Mensch erscheint, welche in der platonischen \u201eGastmahl\u201c-Erz\u00e4hlung des Aristophanes herausgehoben wird: aus drei Arten von Kugelmenschen (Frau-Frau, Mann-Frau\/Frau-Mann, Mann-Mann) wird qua Spaltung die Verschiedenheit der menschlichen Erotik mit dem namentlichen dreigeschlechtlichen Eros erkl\u00e4rt. Nach der Spaltung in die drei m\u00f6glichen Paarungen sucht jeder Teil seine\/ihre jeweilige komplement\u00e4re Erg\u00e4nzung. Zu betonen ist hier nun aber, dass nicht die geschlechtliche Dualit\u00e4t, sondern nur eine Seite der beiden <em>abgespaltet <\/em>wird, insofern allein in der Dopplung der anderen H\u00e4lfte wahre Einheit stattfinden kann. Abgespalten wird die Weiblichkeit und verdoppelt die M\u00e4nnlichkeit: So kann nach Platons Erz\u00e4hlung nur eine m\u00e4nnlich-m\u00e4nnliche Paarung wahrhaft dem ebenso wahrhaft Einen entgegenstreben. Dabei wird sowohl die Weiblichkeit <em>ab<\/em>&#8211; wie die M\u00e4nnlichkeit f\u00fcr und qua Verdopplung <em>ge<\/em>-spalten. Die Spaltung des M\u00e4nnlichen ersetzt in diesem Sinne das Weibliche und kann ebenso umgekehrt formuliert werden: Die Abwesenheit (mit und nach Abspaltung) des Weiblichen <em>ist <\/em>einer m\u00e4nnlichen Selbstzerspaltung gleichgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ist das Weibliche nur optional?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nehmen wir die inzestu\u00f6se Konfiguration der Theogonie mit dem platonischen Mythos zusammen, pr\u00e4sentieren sich in der Ideengeschichte auftauchende Bestimmungen beinahe schon von selbst. So kann das M\u00e4nnliche aus sich selbst heraus sich (bzw. ein weiteres M\u00e4nnliches) produzieren bzw. <em>geb\u00e4ren<\/em>, wof\u00fcr das christologische Dogma der innertrinitarischen Beziehung von Vater und Sohn den Titel <em>Zeugung<\/em> bereitstellt. So l\u00e4sst sich \u00fcberhaupt erst denken, wie und dass ein Sohn aus einem Vater hervorginge, dabei eine Mutter gleichsam optional, wenn nicht \u00fcberfl\u00fcssig, w\u00e4re und gleichsam nur mehr dem \u00dcberschuss des M\u00e4nnlichen entspringend also selbst als ein Geschaffenes Wesen fungiert. Was Platon dem rein-m\u00e4nnlichen Mysterium der Philosophie, das reserviert die fr\u00fche christliche Dogmatik der Theologie der sogenannten <em>V\u00e4ter<\/em> alleine der Dynamik von <em>Vater<\/em> und <em>Sohn<\/em>, welche die m\u00e4nnlich-m\u00e4nnliche Paarung der wahrhaften Einheit Platons wiederholt ausspricht. In beiden F\u00e4llen ersetzt eine m\u00e4nnliche Spaltung sowohl eine weibliche Realit\u00e4t sowie deren wesentliches \u201eCharakteristikum\u201c der M\u00f6glichkeit einer leiblichen Geburt. Spaltung statt Geburt, \u201e<em>herrlich<\/em>\u201c statt \u201e<em>d\u00e4mlich<\/em>\u201c lautet demnach das von Heinrich entdeckte geheime Dogma einiger gewichtiger Quellen der Kultur des Abendlandes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Angst als Grund der Spaltung<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch wieso, so k\u00f6nnten wir fragen, \u00fcberhaupt die Notwendigkeit das Weibliche abzuspalten, woher der m\u00e4nnliche Geburtsneid? Heinrich stellt hier eine Angst an den Anfang, die sich indirekt als Negativ der Abwehr, die sie vermeiden soll, abzeichnet. Die (dogmatischen) Abspaltungen sollen demnach Todlosigkeit garantieren bzw. diese bruchlos zug\u00e4nglich machen und gleichzeitig eine Reinheit garantieren, die nur in einer Isolierung des M\u00e4nnlichen auf sich m\u00f6glich sein darf. Sind wir Teil der \u201ewahren Institution\u201c (welche diese n\u00e4herhin auch immer sein mag, wie etwa jegliche \u201eSchule\u201c der Psychoanalyse oder einer der \u201ekatholischen\u201c oder \u00fcberhaupt \u201echristlichen\u201c Kirchen oder noch fundamentaler \u201eReligionen\u201c \u00fcberhaupt) und nicht nur St\u00fcckwerk einer abgespalteten (schismatischen) Gruppierung, ist auch das versprochene Heil gepachtet wie versichert. Die immer spezifischere Spaltung, die sich auch in den begrifflichen Feindifferenzierungen manifestiert, die zu ontologischen Wirklichkeitsbekenntnissen gerinnen, ist Werkzeug und Ersatz zugleich. Es ist Werkzeug der Immunisierung gegen das Falsche, Tote, Heillose, zu Verdammende und im Fall der Geschlechter \u2013 Weibliche. Es ist Ersatz f\u00fcr die <em>leibliche<\/em> Geburt, die unter eine schmerzfreie <em>geistige<\/em> subsumiert wird und mit einem Schlag auch den Nachteil der wirklichen Geburt \u2013 den Tod, die Verletzbarkeit und Endlichkeit des Geborenen \u2013 zu vermeiden wei\u00df. Letztlich wird damit allerdings, selbst im \u201eblo\u00df\u201c christlichen Rahmen gesprochen, die<em> Inkarnation und Menschwerdung <\/em>unterhalb der <em>ewigen Zeugung<\/em> des Sohnes aus dem Vater gesetzt und damit eine unvermeidbare Entfremdung der Menschheit gegen sich selbst perpetuiert, die sich in einer grundlegenden Problematik mit dem und gegen das Weibliche zeigt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Rat-Blog Nr. 18\/2020<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Julius G\u00fcnther gibt im dritten Teil unserer Reihe zu Texten Klaus Heinrichs eine Vorstellung von und Anmerkung zu Klaus Heinrich: Von Nutzen und Nachteil der Spaltung \u2014 Religionsphilosophische Er\u00f6rterung eines gattungsgeschichtlichen Symbols.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,161,151,150],"tags":[12,34,82,88],"ppma_author":[339],"class_list":["post-959","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-beitraege","category-gender","category-philosophie","category-theologie","tag-buecher-neuerscheinungen-und-rueckblicke","tag-geschlecht-zwischen-sex-und-gender","tag-philosophie","tag-psychoanalyse","eq-blocks"],"authors":[{"term_id":339,"user_id":0,"is_guest":1,"slug":"julius-guenther","display_name":"Julius G\u00fcnther","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/?s=96&d=mm&r=g","author_category":"","user_url":"","last_name":"G\u00fcnther","first_name":"Julius","job_title":"","description":"Julius G\u00fcnther promoviert in Wien zu Schelling und forscht zu psychoanalytischen Themen."}],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/959","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=959"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/959\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3478,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/959\/revisions\/3478"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=959"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=959"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=959"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fppma_author&post=959"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}