{"id":966,"date":"2020-10-07T10:49:45","date_gmt":"2020-10-07T10:49:45","guid":{"rendered":"http:\/\/rat-blog.at\/?p=966"},"modified":"2023-07-06T09:48:45","modified_gmt":"2023-07-06T09:48:45","slug":"nationalismus-religion-und-hegemonialkonflikte-die-drohende-katastrophe-im-kaukasus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/?p=966","title":{"rendered":"Nationalismus, Religion und Hegemonialkonflikte: Die drohende Katastrophe im Kaukasus"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass eingefrorene Konflikte jederzeit wieder eskalieren k\u00f6nnen, wenn sich das internationale Kr\u00e4ftegleichgewicht verschiebt, demonstriert der aktuelle Krieg zwischen Armenien und Aserbeidschan um die umstrittene Bergregion Nagorny-Karabakh, wie die flexible Nutzung vor Religion und Konfession zur Mobilisierung. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mehrheitlich armenisch besiedelt, stellte die Region Nagorny-Karabakh in der Sowjetunion eine autonome Region innerhalb der Aserbeidschanischen Sozialistischen Sowjetrepublik dar. Noch vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden ArmenierInnen in Aserbeidschan Opfer von Pogromen. Bis dahin hatten ArmenierInnen nicht nur in Nagorny-Karabakh gewohnt, sondern auch in der Aserbeidschanischen Hauptstadt Baku, in Sumgait, der Region Nachitschenwan oder Kirowabad, das heutige G\u0259nc\u0259. \u00dcber 200.000 ArmenierInnen lebten in den 1980er-Jahren noch allein in Baku. Die Pogrome gegen ArmenierInnen in Sumgait und Kirowabad 1988 und Baku 1990 versch\u00e4rften bereits bestehende Autonomieforderungen der ArmenierInnen in der zu \u00fcber 77% von ArmenierInnen bewohnten Region Nagorny-Karabakh, die am 3. September 1991 ihre Unabh\u00e4ngigkeit erkl\u00e4rte. Aserbeidschan hob daraufhin die Autonomie der Region auf. Ein milit\u00e4rischer Konflikt zwischen den neuen, unabh\u00e4ngigen Republiken Armenien und Aserbeidschan endete mit dem Armenischen Sieg und der Eroberung eines etwa doppelt so gro\u00dfen Gebietes durch Armenien. Nicht nur fast die gesamte ehemalige Autonomieregion Nagorny-Karabakh, sondern auch der dazwischen liegende, mehrheitlich von Aseris und KurdInnen bewohnte Latschin-Korridor wurden von armenischen Truppen besetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach der armenischen Eroberung Nagorny-Karabakhs wurden von dort muslimische AserbeidschanerInnen und KurdInnen vertrieben. Obwohl Aseris, anders als die Osmanen, Schiiten sind, schwingt in dem Konflikt auch die unbew\u00e4ltigte Geschichte des Genozids von 1915 mit, da die T\u00fcrkei sich zunehmend als Schutzmacht der ebenfalls turksprachigen Aseris verstand. Auf der anderen Seite bildete Russland lange die Schutzmacht Armeniens und der Iran r\u00fcckte trotz gemeinsamer schiitischer Religion mit dem wachsenden t\u00fcrkischen Einfluss auf Aserbeidschan immer mehr auf die Seite Armeniens.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Religion und Nation<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Religion spielte seither gemeinsam mit Nationalismus immer wieder eine Rolle als mobilisierendes Element, das allerdings kaum von der Nation zu trennen war. F\u00fcr ArmenierInnen bildet das armenische Christentum einen integralen Bestandteil ihrer Nation. Selbst v\u00f6llig atheistische ArmenierInnen, die keinerlei pers\u00f6nlichen Bezug zu Religion haben, betrachten sich kulturell als ChristInnen und sehen im Christentum einen zentralen Eckpfeiler der armenischen Identit\u00e4t. Aber auch Aserbeidschan sah im Christentum der ArmenierInnen ein zentrales Element des Feindes. So flohen nicht nur armenische ChristInnen aus den aserbeidschanisch kontrollierten Regionen, sondern auch andere christliche Minderheiten, wie der Gro\u00dfteil der christlichen Uden (UdinInnen), deren Sprache \u2013 eine Sp\u00e4tform der mittelalterlichen Alwanischen Sprache \u2013 durch die folgende Assimilation der Muslime an das Aseri und der Christen an das Armenische heute stark bedroht gilt. Etwa 3000 christliche Uden waren 1991 aus der heute O\u011fuz genannten Stadt Aserbeidschans vertrieben worden und leben heute in Armenien. Umgekehrt flohen aus Armenien und den nun armenisch besetzten Gebieten Aserbeidschans fast alle Muslime, darunter nicht nur Aseris, sondern auch muslimische KurdInnen, w\u00e4hrend die ebenfalls kurdischen \u00caz\u00eed\u00ee\u200e bis heute in Armenien pr\u00e4sent sind und sich sogar an den aktuellen K\u00e4mpfen mit Aserbeidschan beteiligen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dies bedeutet allerdings nicht, dass alle ChristInnen aus Aserbeidschan oder alle Muslime aus Armenien vertrieben worden w\u00e4ren. In der armenischen Hauptstadt Jerewan gibt es bis heute eine vom Iran verwaltete schiitische Moschee, die vor allem von iranischen StudentInnen aufgesucht wird. In Aserbeidschan gibt es bis heute kleinere russisch-orthodoxe Gemeinden und Molokanen, die sich im 18. Jahrhundert von der russisch-orthodoxen Kirche abgespalten haben und partielle \u00c4hnlichkeiten zum Protestantismus aufweisen. Vor knapp 20 Jahren gr\u00fcndete sich schlie\u00dflich in der aserbeidschanischen Stadt Nij zudem eine eigene Udisch-albanische Kirche in Aserbeidschan, um die verbliebenen christlichen UdinInnen von der armenisch-apostolischen Kirche loszul\u00f6sen. Als die alte Kirche des Heiligen Elis\u00e6us in Nij 2004 renoviert wurde, wurden armenische Inschriften absichtlich zerst\u00f6rt, um jede historische Verbindung der kaukasischsprachigen UdinInnnen mit den ArmenierInnen zu vernichten. Historisch waren die meisten christlichen UdinInnen nach dem Niedergang ihrer eigenen Kirche ab dem 8. Jahrhundert n\u00e4mlich \u00fcberwiegend Teil der armenisch-apostolischen Kirche geworden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Transnationale Hegemonialkonflikte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis 2018 stand Armenien massiv unter dem Einfluss Russlands, die samtene Revolution brachte jedoch mit Nikol Paschinjan einen prowestlich orientierten Ministerpr\u00e4sidenten an die Macht, w\u00e4hrend zugleich der Einfluss der USA und Europas in der Region schwand. Die unberechenbare Au\u00dfenpolitik der USA unter Trump und die Erpressbarkeit der vor Fl\u00fcchtlingsangst zerfressenen EU gegen\u00fcber der T\u00fcrkei machten das Vorhaben einer Westorientierung genauso unrealistisch, wie die mit den \u00d6l- und Gaseinnahmen finanzierte Aufr\u00fcstung Aserbeidschans. Die fr\u00fchere Schutzmacht Russland sieht nun wiederum zu und betrachtet den Angriff Aserbeidschans als M\u00f6glichkeit, Armenien eine Lektion zu erteilen. Angebliche Waffenlieferungen des Iran an Armenien nimmt Israel wiederum zum Anlass, Aserbeidschan zu beliefern und die T\u00fcrkei hat ohnehin von Anfang an jihadistische S\u00f6ldner aus Syrien nach Aserbeidschan gebracht. Diese fordern nun von der schiitischen Lokalbev\u00f6lkerung, die einen postsowjetischen S\u00e4kularismus gewohnt ist und durchaus auch Wein und Schnaps nicht abgeneigt ist, die Einhaltung dessen ein, was sie unter Scharia verstehen. Sunnitische Islamisten k\u00e4mpfen damit nicht nur an der Seite s\u00e4kular-nationalistischer Schiiten, sondern ecken auch an deren Lebensgewohnheiten an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Milit\u00e4risch entscheidender als die S\u00f6ldner aus Syrien d\u00fcrfte allerdings die Milit\u00e4rtechnologie der T\u00fcrkei sein. Aserbeidschan setzt seit Beginn des Krieges massiv auf Drohnentechnologie, die die T\u00fcrkei an die \u201eT\u00fcrkischen Br\u00fcder\u201c geliefert hat und selbst teilweise aus Israel bezogen hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine solche Konstellation ist explosiv und versch\u00e4rft den gesamten Regionalkonflikt enorm. Ohne einen robusten Mediator von au\u00dfen droht der Krieg diesmal zu einer humanit\u00e4ren Katastrophe zu werden. Sollte Aserbeidschan, das sich derzeit milit\u00e4risch im Vorteil befindet, die Republik Arzach, wie sich die seit bald 30 Jahren unter armenischer Kontrolle befindliche abtr\u00fcnnige Region Aserbeidschans heute nennt, tats\u00e4chlich erobern, w\u00fcrde wohl niemand von den knapp 150.000 dort lebenden ArmenierInnen in der Region bleiben k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bildquelle: Thomas Schmidinger: Das Gedenken an den Genozid der Jungt\u00fcrken 1915 nimmt in der armenischen Kultur einen zentralen Ort ein: Genozidgedenkst\u00e4tte Zizernakaberd in Jerewan.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Rat-Blog Nr. 19\/2020<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thomas Schmidinger gibt einen informativen Einblick in eine politisch, historisch und kulturell \u00e4u\u00dferst komplexe Situation.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":968,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[137,146,138,143,162],"tags":[36,85],"ppma_author":[312],"class_list":["post-966","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-christentum","category-gesellschaft","category-islam","category-politik","category-sozialwissenschaften","tag-gewalt","tag-politik","eq-blocks"],"authors":[{"term_id":312,"user_id":0,"is_guest":1,"slug":"thomas-schmidinger","display_name":"Thomas Schmidinger","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/?s=96&d=mm&r=g","author_category":"","user_url":"https:\/\/homepage.univie.ac.at\/thomas.schmidinger\/php\/bio.php","last_name":"Schmidinger","first_name":"Thomas","job_title":"","description":"Thomas Schmidinger ist Politikwissenschaftler und Kultur- und Sozialanthropologe in Wien."}],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/966","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=966"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/966\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3283,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/966\/revisions\/3283"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/968"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=966"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=966"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=966"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/rat-blog.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fppma_author&post=966"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}