Ästhetische Dimension religiöser Symbole

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Manfred Erjautz, Your own personal Jesus

Wo gegenwärtig von religiösen Symbolen die Rede ist, stößt man alsbald auf  Fragen von Macht, Identitätsgebung, Ab- oder Ausgrenzung. Demgegenüber tritt Jakob Deibl für eine verstärkte künstlerische Rezeption religiöser Symbole ein. Fragen um Macht und Identität werden dadurch nicht bedeutungslos, vermögen aber die Thematik religiöser Symbole nicht mehr ausschließlich zu besetzen.

Religiöse Symbole in öffentlichen Diskursen

Gegenwärtig wird in zahlreichen europäischen Ländern eine Diskussion über die Präsenz religiöser Symbole im öffentlichen Raum sowie bei Handlungen, die in den Hoheitsbereich des Staates fallen, geführt. Dabei stehen Burka und Niqab im Fokus der Aufmerksamkeit, aber auch das Zeichen des Kreuzes wird immer wieder angefragt, etwa im Hinblick auf seine Anbringung in Klassenzimmern und anderen öffentlichen Einrichtungen. Kürzlich ist die Debatte neu entbrannt an einem ohnehin umstrittenen Großprojekt in Berlin: Im Zuge des Wiederaufbaus des im Zweiten Weltkrieg zerstörten und in der Zeit der DDR abgerissenen Berliner Stadtschlosses, das 2019 als „Humboldt-Forum“ eröffnet werden soll, stellt sich die Frage, ob an der Spitze der weithin sichtbaren Kuppel dem historischen Vorbild entsprechend ein Kreuz angebracht werden soll.

Der dominierende Diskurs, in welchem gegenwärtig über religiöse Symbole gesprochen wird, ist nicht selbst ein religiöser, sondern einer, der um Subjektwerdung, Macht und Souveränität kreist: Stiftet die sichtbare Präsenz religiöser Symbole Identität und schenkt Teilhabe oder ist sie Ausdruck verhinderter Entfaltung von Individualität und bringt Formen des Ausschlusses mit sich? Damit verbunden ist die Frage, wer die Definitionsmacht über religiöse Symbole hat – die einzelnen Gläubigen, die religiöse Community, der weltanschaulich neutrale Staat, eine diffuse mediale Öffentlichkeit? Inwieweit sind religiöse Symbole integraler Bestandteil gelebter Religiosität und Bereicherung eines pluralen öffentlichen Raumes und inwieweit kommt in ihnen ein bestimmter Machtanspruch auf Dominanz des öffentlichen Raumes zum Ausdruck? Nicht selten werden religiöse Symbole als Identitätsmarker angesehen, welche die Zugehörigkeit zu einer Gruppe symbolisieren, oder als Projektionsfläche für Zuschreibungen („Wer einen Gesichtsschleier trägt, ist …“) dienen.

Diese Fragen, die sich noch lange fortsetzen ließen, sind zweifelsohne wichtig, und sie müssen diskutiert werden. Darüber hinaus möchte ich jedoch auf eine andere Beschäftigung mit religiösen Symbolen verweisen, die gegenwärtig wieder an Bedeutung zu gewinnen scheint, nämlich eine ästhetisch-künstlerische Betrachtungsweise.

Nährer Holy miscellany

Florian Nährer, Holy miscellany. Installation shot, 2011

Das Kreuz in aktuellen künstlerischen Kontexten

Paradigmatischen Charakter für eine Annäherung an den Umgang zeitgenössischer Kunst mit religiösen Symbolen – ich muss mich auf das Kreuz bzw. den Corpus Christi beschränken – kann die Installation Holy miscellany des Künstlers Florian Nährer haben. Der abgelegte, etwas ramponierte Corpus Christi taucht in dieser Installation unter anderen künstlerischen Artefakten wieder auf und beginnt in deren Ensemble seinen Platz zu suchen. Was entsteht, ist vielleicht anfänglich nicht mehr als ein Heiliges Durcheinander (Holy miscellany). Dennoch scheint der abgelegte Corpus darin noch genug prägende Kraft entfalten zu können, um diesem Durcheinander eine gewisse Ordnung und ein Zentrum zu geben. Festzuhalten ist jedoch, dass er nur ein Motiv unter anderen bleiben wird, dem sich die Kunst auch, d.h. neben anderem, (wieder) zuwendet. Und sie kann das heute in einer freien, ungezwungenen Weise tun.

Florian Nährer hatte von Februar bis Mai 2017 in der Galerie der Bezirkshauptmannschaft Melk eine Ausstellung, welche einige Bilder aus seinem großangelegtem Zyklus Civitas Dei zeigte. Die Gestaltung der großformatigen Bilder weist auf ältere Arbeiten des Künstlers zurück, die ihren Ausgangspunkt bei biblischen Motiven und Symbolen christlicher Frömmigkeitsgeschichte nehmen. Etwa zur selben Zeit, von März bis April 2017, war im Jesuitenfoyer in Wien I eine Ausstellung mit dem Titel „Es ist ein Kreuz“ – 500 Jahre eines Zeichens zu sehen, die Kreuze unterschiedlichster Art aus der als Neuzeit bezeichneten Epoche zeigte. In der Konzilsgedächtniskirche in Wien XIII befand sich zeitgleich eine Skulptur von Manfred Erjautz, welche Christus in Gestalt einer Uhr (Titel: Your own personal Jesus) darstellt. Im Mai 2017 wurde im Stift Melk eine Ausstellung des Künstlers Josef Sochurek eröffnet, die den Titel Crux trägt und lediglich aus Kreuzen besteht.

Es geht im Folgenden nicht darum aufzuzeigen, dass Kunst nach langer Abwendung von der Religion wieder religiös werde. Vielmehr soll für einige Augenblicke eine Verschiebung der Diskussion um religiöse Symbole von Macht- und Identitätsdiskursen hin zur Kunst angeregt werden. Diese Verschiebung könnte für eine Erleichterung und Entspannung des Umgangs mit religiösen Symbolen stehen, weil Kunst mit einer Vervielfältigung von Perspektiven einhergeht. Kant zeigt in den ersten Paragraphen der Kritik der ästhetischen Urteilskraft, dass ein ästhetisches Urteil zwar allgemeine Verständlichkeit und Zustimmungsfähigkeit voraussetzt, sich aber von einer Erkenntnis unterscheidet, welche mithilfe eines definierten Begriffsrahmens eindeutige und überprüfbare Bestimmungen eines Gegenstandes vornimmt. Was könnte es bedeuten, wenn der ästhetische Blick auf religiöse Symbole zu einer spielerischen Vervielfältigung von deren Bedeutung führte?

Sochurek Crux Duplex

Josef Sochurek, „Crux Duplex“ / “Double Cross” / „DOPPELKREUZ“, 2014. Kruzifixe, Acrylfarbe auf Acrylplatte, 68 x 53 cm

Das Kreuz zwischen religiösem und künstlerischem Umgang

Die beiden Ausstellungen „Es ist ein Kreuz“ und Crux gestalten „Museumsräume“ ausschließlich mit Kreuzen. Wie verändern sich religiöses Symbol und Raum dabei? Wird das Kreuz seiner religiösen Dimension entkleidet? Veranschaulichen die Ausstellungen den Prozess der Musealisierung des religiösen Symbols, das zu einem rein künstlerischen Ausdrucksmittel wird? Oder aber verwandelt die Fülle der Kreuze den Ausstellungsraum in einen Sakralraum? In Anschluss an den Philosophen Gianni Vattimo könnte man fragen, ob es zu konkurrierenden Betrachtungsweisen der religiös-künstlerischen Symbole kommen muss: einer ästhetischen und einer religiös motivierten. Kann einer der beiden Perspektiven der Vorzug gegeben werden oder aber lassen sich diese Sphären gar nicht streng voneinander trennen? Was würden wir sagen, wenn sich jemand in den genannten Ausstellungen zum Gebet niederknien würde? Würde er oder sie damit gerade dem eigentlichen Sinn des religiösen Symbols gerecht werden, aber dessen aktuellem Kontext nicht?

Die Ausstellungen führen vor die Frage, ob sich ein an und für sich neutraler Raum durch starke Präsenz religiöser Symbole zu verändern vermag; sie thematisieren vor allem aber auch, ob religiöse Symbole durch ihre künstlerische Bearbeitung zu einem Allgemeingut werden können, welches sich säkulare Gesellschaften produktiv aneignen können. Das religiöse Symbol gehört dann nicht mehr einer Religionsgemeinschaft alleine, sondern geht in den symbolischen Ausdruckschatz der Allgemeinheit über. Vielleicht verliert es dadurch etwas an identitätsbildender Kraft; muss es aber deshalb seine genuin religiöse Dimension einbüßen? Könnte es vielleicht sogar von der ungeheuren Last erleichtert werden, als Identifikationssymbol für eine ganze religiöse Tradition dienen zu müssen? Eine Aufgabe, die für ein Symbol ohnehin zu groß und überfordernd ist: Will man das Christentum allein im Zeichen des Kreuzes oder gar den Islam im Zeichen des Schleiers zusammenfassen, muss man überaus differenzierte und reiche Traditionen der symbolischen und künstlerischen Ausdrucksweise, wie sie sich in den jeweiligen Religionen finden, unterlaufen. Kann die künstlerische Bearbeitung religiöse Symbole für einen neuen Zugang und erleichterten Umgang öffnen?

Diese Dimension der Öffnung für einen neuen Umgang ist in den Arbeiten von Nährer, Sochurek und Erjautz präsent. Alle drei nehmen alte, teilweise Jahrhunderte alte Teile von Kreuzen auf (zumeist den Corpus), um diese in verfremdende neue Zusammenhänge zu stellen. Somit eröffnet sich ein spielerisches Gespräch verschiedener Zeiten.

Sochurek Aspectus

Josef Sochurek, „Aspectus“ / “Aspects” / „ASPEKTE“, 2016. Stahlplatte, Kruzifix aus Sainte-Menehould bei Verdun. Lack, Lego-Bausteine, 84 x 50 cm

Übersetzung religiöser Symbole?

Die künstlerische Auseinandersetzung mit religiösen Symbolen bewirkt eine Verschiebung des Fokus von Macht- und Identitätsdiskursen zu ästhetischen Fragestellungen. Freilich können dabei Machtfragen nicht gänzlich ausgeklammert werden (und werden von den Künstlerinnen und Künstlern auch selbst provoziert). Allerdings vermögen diese Fragen die Thematik religiöser Symbole nicht mehr alleine zu besetzen.

Ein von Manfred Erjautz gefertigtes Lego-Kreuz, das in der Jesuitenkirche in Wien I aufgestellt war, wurde mehrmals zerstört. Die Trümmer des zerschmetterten Kreuzes, dem man wiederholt abgesprochen hat, ein Kreuz zu sein, waren sodann als Zerstörte im Rahmen der Ausstellung „Es ist ein Kreuz“ im Jesuitenfoyer zu sehen. Der Titel der Ausstellung wirkt wie eine Antwort auf die Frage, ob etwas wie die Skulptur von Erjautz denn ein Kreuz sein könne. Er stellt die Frage, ob das, was eindeutig wie ein Kreuz aussieht, gleichwohl aber ungewohnte Züge trägt, auch als ein solches gelten dürfe. Wer hat darüber die Deutungsmacht?

Erjautz treibt mit einer neuen Installation, welche den Titel Your own personal Jesus trägt, diese Frage noch weiter. Ein alter, aus dem 19. Jahrhundert stammender, weggeworfener Corpus, der nicht mehr in religiösem Gebrauch war, wurde vom Künstler gerettet und neu arrangiert in Gestalt einer Uhr: Der Rumpf bildet den Stundenzeiger, der sich langsam bewegt und an welchem Minuten- und Sekundenzeiger, die beiden Arme des Corpus, rascher vorbeiwandern. Der Rumpf verweist nicht mehr wie der vertikale Balken eines Kreuzes auf eine Verbindung von Himmel und Erde, sondern rotiert im Raum, ohne dass er noch eine bestimmte ausgezeichnete Richtung anzeigen könnte. Die Arme vermögen nicht mehr als horizontal ausgestreckte eine Umarmung der Welt als ganzer anzudeuten, sondern der eine enteilt dem anderen ständig. War das Legokreuz noch eindeutig als Kreuz erkennbar, so ist bei der Gestalt Christi als Uhr auch die klare Kreuzesform aufgelöst. Der Titel der Skulptur Your own personal Jesus, ein Liedtitel der Gruppe Depeche Mode, thematisiert genau die Frage, ob die Skulptur noch als Kreuz Jesu angesehen werden kann. Die Frage wird gleichsam an jede und jeden Einzelnen zurückgegeben, ob er/sie persönlich darin noch ein Kreuz zu erblicken vermag.

Your own personal Jesus_2

Manfred Erjautz, Your own personal Jesus

Zu gewissen Zeiten ist die Skulptur leichter als verschobener Corpus Christi erkennbar, bisweilen geht die Verfremdung fast bis zur Unkenntlichkeit. Die über Jahrhunderte stabile Kreuzesform droht ihren inneren Zusammenhalt zu verlieren, geht in immer neue Verschiebungen ihrer Bestandteile ein. Gelingt jene Übersetzungsarbeit, welche das Kreuz als wesentliches Symbol christlicher Religion über Jahrhunderte weitergereicht hat, heute nur mehr momenthaft und partiell?

Erjautz Personal Jesus
Manfred Erjautz, Your own personal Jesus

Im Zwischenraum von Kunst und Religion

Neben all den zu klärenden und immer wieder neu auszuhandelnden (gesellschafts)politischen Fragen, welche die Präsenz religiöser Symbole im öffentlichen Raum begleiten, halte ich eine neue künstlerische „Aneignung“ religiöser Symbole für essentiell. Diese Aneignung meint nicht in erster Linie ein Ausloten der Grenzen dessen, was in einer Gesellschaft als künstlerisch noch gangbar erscheint (etwa die Frage der künstlerischen Provokation mit religiösen Symbolen), und soll nicht einem politischen Zweck unterworfen sein nach dem Motto, Kunst müsse dieses und jenes aufzeigen. All das gibt es auch und all das hat seine Berechtigung. Mit künstlerischer Aneignung ist jedoch noch etwas anderes gemeint.

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Josef Sochurek, „Discidium“ / „Broken“ / „BRUCH“, 2017, Aluformrohre eloxiert, Acrylfarben, 85 x 68 cm

Religion ohne künstlerische Durchdringung ihres Symbolschatzes (und zwar durch eine freie, autonome Kunst) kann nicht mehr lebendiger Ausdruck einer bestimmten Zeit und Gesellschaft sein und droht in Tendenzen der Selbstabschließung abzugleiten. Religion muss sich immer auch in den und durch die jeweiligen Formen aktueller Kunst zum Ausdruck bringen. Die Kunst ist dabei nicht allein passives Medium, sondern hat auch (produktiv) verändernden Charakter gegenüber der Religion. Religionen brauchen vor diesem transformativen Charakter der Kunst keine Angst zu haben. Sie sind als Systeme stabil genug, um diesen Vorgang aushalten zu können. Und vielfach kann er auch zu einer Bereicherung werden. Vielleicht darf man sogar die These wagen, dass Religion ohne Kunst auf längere Zeit hin nicht existieren kann.

Zu diskutieren wäre ferner die Frage, ob eine autonome und freie Kunst sich auf Dauer gänzlich dem symbolischen Reichtum gegenüber verschließen kann, der sich über Jahrhunderte in den Religionen sedimentiert hat, oder ob es auch für sie essentiell ist, sich diesen Symbolschatz immer wieder neu verwandelnd anzueignen.

 


Rat-Blog Nr. 6/2017

  • Assoz-Prof. DDr. Jakob Helmut Deibl lehrt Theologie mit Schwerpunkt "Religion und Ästhetik" an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien und ist wissenschaftlicher Manager des Forschungszentrums RaT.

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