Wie junge Menschen glauben: Zugehörigkeitswelten religiöser Jugendlicher erkunden

Für viele Jugendliche ist Religion überhaupt kein Thema. Wie aber halten es die, für die Glaube eine Rolle spielt? Die Zugehörigkeitswelten religiöser Jugendlicher aus Wien lassen sich in einer neuen Applikation, der YouBeOn Map, erkunden. YouBeOn steht für „Young Believers Online“ und ein innovatives Forschungsprojekt, das digitale Welten mit der Offline-Umgebung und den da wie dort vertretenen Ideen in Verbindung setzt. Durchgeführt wurde das Projekt am Institut für Stadt- und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Kooperation mit dem Forschungszentrum RaT. Grundlage dafür sind Interviews mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus sieben religiösen Traditionen in Wien. Christlich-orthodoxe, katholische, evangelische, jüdische, muslimische, alevitische und sikh Jugendliche wurden im Rahmen des Projektes über ihre Lebenswelten, ihre Social-Media-Aktivitäten und wichtige Orte in Wien und rund um den Globus befragt.

Junge religiöse Menschen in Wien wachsen in einem superdiversen Umfeld auf, in dem ihre Religion eine von vielen ist und in dem sich der Großteil der Menschen als nicht-religiös versteht. So gehört die Mehrheit der Wienerinnen und Wienern nach jüngsten Daten der Statistik Austria gar keiner Religionsgemeinschaft an. Gleichzeitig geistern in der Politik Vorstellungen einer ganz bestimmten Form von „österreichisch sein“ herum, in denen Referenzen auf das Christentum nicht fehlen und der Islam als „ganz anders“ und Musliminnen und Muslime häufig als nicht zugehörig porträtiert werden. Diesen engen Identitätsvorstellungen stehen die Möglichkeiten für Jugendliche durch Digitalisierung und wachsende räumliche Mobilität diametral entgegen.

Die ganze Welt am Smartphone

Wenn junge Gläubige Instagram öffnen, sehen sie im Feed – dem fortlaufend angezeigten Content ihrer individuellen Profile – religiöse Inhalte, die ihre Interessen und Erfahrungen widerspiegeln. Da findet sich etwa die Moschee, die eine junge Frau während ihres Auslandjahres besucht hat, oder die Kirchengemeinde im Heimatdorf der Großeltern, Bekanntschaften vom Weltjugendtag, online Gebetsgruppen und vieles mehr. Gerade das Mobilitätsverhalten junger Menschen führt zu vielfältigen Kontakten an verschiedensten Orten der Welt, die dann digital aufrechterhalten werden können. Die ganze Welt, inklusive der anderswo gemachten Glaubenserfahrungen, wird so über das Smartphone zugänglich und bleibt auch dauerhaft verfügbar.

Dazu kommen Vorschläge des Algorithmus auf Basis des bisherigen Nutzungsverhaltens. Wer etwa einem Account zu einem heiligen Ort folgt, bekommt ähnliche Accounts angezeigt. Wer oft die Beiträge eines Predigers ansieht, dem wird mehr Content dieser Art vorgeschlagen. Die Religion junger Menschen spiegelt sich also in ihren Social Media Accounts wider und entwickelt sich gleichzeitig auch über ihr Nutzungsverhalten sozialer Medien weiter. Diese „translocal feeds of faith“ stellen einen neuen Aspekt gelebter Religion dar, der in Zukunft wohl noch an Bedeutung gewinnen wird.

Konfessionelle Grenzen verschwimmen

Konfessionelle Grenzen, wie sie offline im Religionsunterricht und in Glaubensgemeinschaften ganz stark gezogen werden, verschwimmen online zusehends. Der Algorithmus scheint ein religiöses Interesse zu erkennen und sich bei Vorschlägen an die präferierte Religionstradition zu halten, konfessionelle Unterschiede aber zu vernachlässigen. Anders gesagt, wer dem Papst folgt, der wird nicht auch unbedingt der Dalai Lama als Account, dem man folgen sollte, vorgeschlagen. Selbst dann nicht, wenn Jugendliche ihrer Überzeugung nach gegenüber anderen Religion aufgeschlossen sind. Religion im digitalen Raum zu konsumieren, scheint aber andere Funktionen zu haben als das religiös-ethische Weltbild einfach nur abzubilden. Influencer besprechen Themen, die Jugendlichen am Herzen liegen und offline kaum vorkommen. Die Konfession scheint dabei zweitrangig. Ob eine Modebloggerin Schiitin oder Sunnitin ist, war für die Teilnehmenden nicht so wichtig, wie ihr Gespür für Stil. Genauso verhält es sich bei christlichen Rockbands. Und auch die Produzent*innen der Inhalte sind oft an einer genaueren Verortung innerhalb einer Religionstradition nicht interessiert.

Dagegen haben religiöse Autoritäten und offizielle Accounts von Gemeinschaften oft einen schweren Stand. Trotz vielfach stark professionalisierter Social Media Auftritte werden ihre Inhalte von vielen Jugendlichen als unauthentisch, langweilig oder irrelevant beschrieben. Junge Gläubige folgen daher vergleichsweise selten religiösen Autoritäten auf Instagram, sondern präferieren Influencer*innen, religiösen Meme-Seiten und Accounts, die inspirierende religiöse Zitate verbreiten.

Arbeiten an der eigenen Religion

Dabei ist das Verhältnis von Jugendlichen zu ihrer Religion keineswegs einfach. Fast alle Studienteilnehmer*innen schildern eine sehr kritische Auseinandersetzung mit den Inhalten und Praktiken, die sie im Elternhaus, in den Gemeinschaften und im Religionsunterricht kennengelernt haben. Ganz häufig passt das, was dort geglaubt, praktiziert und gelehrt wird nicht in ihre Lebensrealität. In diesem Zusammenhang werden oft der Umgang mit Geschlechterrollen, aber auch bestimmte Kleidungs- und Speisevorschriften oder zu hierarchische Gemeinschaftsstrukturen genannt.

Über die Religionsgrenzen hinweg ist zu beobachten, dass Jugendliche ihre Religion adaptieren. Dies tun sie teilweise nach innen hin, also im Hinblick auf religiöse Inhalte und Praktiken. Zum Beispiel lehnen einige das, was sie als unpassend ansehen, einfach ab, während andere sich intensiv darum bemühen, einen „wahren Kern“ der Religion auszumachen und problematische Traditionen davon zu unterscheiden. Wieder andere finden in der Auslegung einer spezifischen Gemeinschaft oder in der möglichst intensiven Auseinandersetzung mit ihrer Religion Wege um mit Ungereimtheiten umzugehen.

Religiöse in der Minderheit

Jugendliche adaptieren ihre Religion aber auch aufgrund ihrer sozialen Situation und einem Anpassungsdruck, den sie in ihrem Umfeld erleben. Jugendliche aller Religionsgruppen sehen sich in einer Minderheitensituation, wobei sich unterscheidet, wer als Mehrheit verstanden wird. Viele Katholik*innen erleben sich als Minderheit in einer säkularen Gesellschaft. Für nicht-christliche Gruppen, ist dagegen das christliche (manchmal auch spezifisch katholische) Österreich das Gegenüber. Für Gruppen die außerdem noch rassistische, antisemitische, islamfeindliche oder andere Anfeindungen erfahren, ist die Situation nochmals komplexer: sie erleben Marginalisierung in unterschiedlichen Kontexten und Konstellationen.

Manche Jugendliche und junge Erwachsene suchen dann verstärkt den Kontakt zu religiös Gleichgesinnten, während andere auch gegenüber andersgläubigen oder nicht-religiösen Personen sehr offen mit dem eigenen Glauben umgehen. Unter den Studienteilnehmer*innen gibt es auch situative Konfliktvermeidungsstrategien, wie das Ablegen religiöser Symbole oder die Vermeidung des Themas Religion in Gesprächen. Insgesamt zeigt sich deutlich, wie religiöses Leben junger Menschen von Sozialstrukturen geprägt wird, die nicht als religionsfreundlich wahrgenommen werden. Auch das gilt es zu bedenken, wenn man über Religion in einer superdiversen, aber eben auch zunehmend säkularen Stadt spricht. 

„Gemeindehopping“ und Freundeskreise

Die vielfältigen Möglichkeiten, die eine Metropole wie Wien auch im Hinblick auf Religion bietet, machen sich die Jugendlichen bewusst zu eigen. Viele praktizieren etwa in unterschiedlichen Gemeinschaften und häufig verschwinden auch hier konfessionelle Grenzen. Ganze Freundeskreise besuchen, je nachdem wo sie unterwegs sind, die nächstgelegene Moschee oder gehen in die Synagoge, in der sie nebenan zum Essen eingeladen werden. Katholische Jugendliche nehmen an freikirchlichen Feiern teil, weil ihnen die Musik gefällt, schätzen aber auch das Pfarrleben in bestimmten Gemeinden.

Einige Jugendliche erzählen zwar auch über ganz klassische Formen der Religionsausübung und die Bindung an eine Gemeinschaft; die hohe Mobilität in der religiösen Praxis ist aber in ganz unterschiedlichen religiösen Kontexten aufgekommen, sodass anzunehmen ist, dass ein solches „Gemeinde/Gemeinschaftshopping“ ein Zukunftsphänomen urbaner Religionspraxis darstellt.

Forschung mit, statt über Jugendliche

Die Forschungsergebnisse wurden auf der YouBeOn Map visualisiert und erfahrbar gemacht, Die Map versteht sich auch als Angebot an all jene, die zu den Themen Jugendreligiosität, Religionsvielfalt in der Stadt und den digitalen Welten junger Menschen bisher keinen Zugang hatten. Die Teilnehmer*innen des YouBeOn Projektes machen ihre Welt für Interessierte ein Stück weit auf. Dabei war es besonders wichtig, im Konsens mit den Jugendlichen zu arbeiten und sie in den Forschungsprozess einzubinden. Im Rahmen der Auswertungshase und im Zuge der Erstellung der YouBeOn Map hatten die Teilnehmer*innen wiederholt die Möglichkeit, mitzusprechen und auch jederzeit Einspruch zu erheben. Ziel dieser partizipativen Vorgansweise war es, ein Forschungsprojekt mit Jugendlichen, anstatt einer Studie über diese Gruppe zu machen. Im Unterschied zu anderen Mapping-Projekten stellt die YouBeOn Map das dar, was die Menschen, die dazu beigetragen haben, zeigen wollen und ist somit auch eine Einladung zum Kennenlernen.


Bildquelle: YouBeOn-Projekt


RaT-Blog Nr. 02/2023

Astrid Mattes

Astrid Mattes ist Tenure Track Professorin für Sozialwissenschaftliche Religionsforschung am Forschungszentrum Religion and Transformation in Contemporary Society der Universität Wien.