Anarchie der Freundschaft. Dank an Gianni Vattimo

Philosophie als Gespräch

Immer wieder hat Gianni Vattimo, der von 1964 bis 1982 Professor für Ästhetik und danach für theoretische Philosophie an der Universität Turin war, in seine Texte ein Wort aus Hölderlins Hymne „Friedensfeier“ eingeflochten:

Viel hat von Morgen an,

Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander,

Erfahren der Mensch; bald sind wir aber Gesang.

(Friedensfeier, VV 91–93)

Als Menschen sind wir nicht bloß sprechende Wesen – wir sind ein Gespräch und nur von diesem her verstehbar. Wir sind ein Gespräch und voneinander Hörende. Darin machen wir von Morgen, d.h. von Beginn an, unsere Erfahrungen. Erfahrungen, die wir aber auch überschreiten können: Wir sind Gespräch und können auch zum Gesang werden. Als Menschen sind wir nicht auf ein Wesen festgelegt, sondern für dessen immer neue Gestaltung offen. Darin besteht das ästhetisch-offene Wesen des Menschen. In seinem philosophischen Denken hat Vattimo dieses Gespräch in ungewöhnlichen Konstellationen erprobt. In zahlreichen Texten initiierte er einen Dialog von Positionen, die zunächst weit auseinander zu liegen scheinen – nicht, um die verbindende Schnittmenge zu finden, sondern weil aus dem offenen Gespräch von durchaus Unvereinbarem etwas Neues entstehen kann: So brachte Vattimo Marx mit Nietzsche zusammen, Nietzsche mit Heidegger, Heidegger mit Benjamin und auch mit Paulus, um nur einige Beispiele zu nennen. Und so suchte Vattimo schließlich auch Kommunismus und Katholizismus, Postmoderne und Christentum in einem Dialog zu halten.

Daraus erwächst ein bestimmtes Verständnis von Philosophie. Für Vattimo bedeutete Philosophie nicht zuletzt, mit den Verstorbenen im Gespräch zu bleiben. In beeindruckender Weise hat er dies 1980 in einem Interview mit der links-revolutionären italienischen Tageszeitung „Lotta continua“ ausgedrückt: „der Ort, auf den das Dasein zusteuert, ist der Tod“, nicht das „Sein mit den Attributen der Ewigkeit und Beständigkeit“. Doch frägt er:

Ist das also eine pessimistische, verzweifelte, „nihilistische“ Philosophie? Ich glaube nicht. Heidegger spricht vom Tod als „Schrein“, einem Hort von Schätzen. Nicht nur die Lust an den Dingen des Lebens ist eng an deren Unbeständigkeit und Vergänglichkeit, an deren Werden und Vergehen gebunden. Auch der Reichtum der menschlichen Geschichte in seiner Veränderung und Anreicherung (an Bedeutungen und Nuancen) durch die Abfolge der Generationen und die Vielfalt der Interpretationen hindurch steht in strenger Abhängigkeit zum Sterben. Der Tod ist der Schrein, in dem die Werte aufbewahrt sind: die Lebenserfahrung der vergangenen Generationen, die Großen und Schönen der Vergangenheit, mit denen wir zusammen sein und sprechen wollen, die Personen, die wir liebten und die verschwunden sind. Selbst die Sprache als Kristallisation von Wortakten, Erfahrungsweisen liegt im Schrein des Todes aufbewahrt. Dieser Schrein ist im Grunde auch die Quelle der wenigen Regeln, die uns helfen können, uns in unserem Dasein nicht chaotisch und ungeordnet zu bewegen, obgleich wir um unsere Ziellosigkeit wissen. Die neuen Erfahrungen, die wir machen, haben nur Sinn als Fortführungen des Dialogs mit dem, was der Todesschrein – die Geschichte, die Tradition, die Sprache – uns überliefert hat. (Vattimo: Jenseits vom Subjekt, 17f.)

Nicht aus der Berufung auf einen absoluten Ursprung, ein unerschütterliches Fundament oder ein allumfassendes Ziel gewinnen all die Dinge Bedeutung und Sinn. Zu tief ist die Sterblichkeit in alle Beziehungen eingeschrieben, mit ihr zerbrechen sämtliche Sinnstrukturen. Gerade das kann aber auch als ein hoffnungsvolles Moment verstanden werden. Wir lieben die Anderen, wir lieben die Dinge aufgrund ihrer Vergänglichkeit, Verletzlichkeit und Fragilität. Es gibt – das ist das Hoffnungsmoment in Vattimos Denken – ein schwaches Band, das die Menschen in ihrer Sterblichkeit umfasst. Kontinuität ist nicht die Linie, die einen metaphysischen Grund mit einem utopischen telos verbindet, sondern die Verwobenheit sterblicher Menschen in ein Gespräch, in dem wir uns aneinander adressieren und einander antworten. Die Toten sind Teil dieses Dialogs.

Wie dieser Dialog aussehen kann, hat Vattimo an einem Beispiel deutlich gemacht: Es gehe ihm nicht darum zu fragen, ob Platon mit seiner Ideenlehre Recht habe, und von unserem Standpunkt aus über seine Philosophie zu urteilen, sondern darum, die subversiven Potentiale seines Denkens für unsere Zeit freizulegen. Damit verbunden ist Vattimos Verständnis von Philosophie als Hermeneutik, welche Texten einer fernen Vergangenheit zutraut, dass sie sich uns noch heute in einer produktiven – d.h. kritisch-subversiven – Lektüre eröffnen können. Dabei geht es aber gerade nicht um eine Legitimation der eigenen Position aus den Quellen der Vergangenheit. Vielmehr hat Vattimo es sich zur Aufgabe gemacht, immer wieder neu eine Geschichte der Schwächung starker metaphysischer, theologischer, ideologischer und politischer Ansprüche und des ihnen innewohnenden Gewaltpotentials nachzuzeichnen. Er gab diesem Verständnis von Philosophie den Namen „pensiero debole“ („schwaches Denken“) und wurde damit (gemeinsam mit Pier Aldo Rovatti) zum Initiator einer italienischen Ausdrucksform postmoderner Philosophie.

Wiederkehr der Religion?

Als Vattimo im oben zitierten Interview über den Tod sprach, verstand er sich als Atheist, der sich vom katholischen Glauben seiner Jugend abgewandt hatte. Nach 1989 näherte er sich diesem wieder an. 1995 schreibt er in „Credere di credere“:

Wie aber kehrt dann das Religiöse in meiner/unserer gegenwärtigen Erfahrung wieder, wenn es denn „wiederkehrt“, wie es für mich den Anschein hat? Was mich persönlich betrifft, so schäme ich mich nicht zu sagen, daß die Erfahrung des Todes damit zu tun hat – des Todes geliebter Menschen, von denen ich dachte, ich würde ein viel längeres Stück Weges mit ihnen gemeinsam gehen; in einigen Fällen von Menschen, die ich mir immer an meiner Seite vorgestellt hatte, wenn die Reihe zu gehen an mich kommen würde, die mir liebenswert erschienen gerade auch aufgrund ihrer Gabe […], den Tod selbst annehmbar und lebbar zu machen (wie in dem Hölderlin-Vers: „heilend, begeisternd wie du“). (Glauben – Philosophieren, 10)

Die Frage nach dem Tod geliebter Menschen zählt für Vattimo zu einem Ensemble von Motiven, die ihn von einer „Wiederkehr der Religion“ sprechen lassen. Diese ist für ihn jedoch nicht unbedingt eine soziologische Tatsache (als würden die Menschen wieder religiöser) und schon gar keine normative Forderung (als sollten wir zu einer Zeit vor der Säkularisierung zurückkehren). Zunächst ist für Vattimo Religion gar nicht anders denn als Wiederkehr zu denken: Niemand fange in der Frage des religiösen Glaubens bei null an. Die religiöse Erfahrung sei kein absoluter Nullpunkt, wäre das doch, mit dem Berliner Religionsphilosophen Klaus Heinrich gesagt, die Beschwörung eines Ursprungsmythos, der uns aus den Erfordernissen der Geschichte heraushalten wolle: „Sie ist die Vergegenwärtigung von etwas, das wir endgültig vergessen zu haben meinten, das Wiederauftauchen einer verwehten Spur, das Aufbrechen einer Wunde, die Wiederkehr eines Verdrängten, die Offenbarung eines für überwunden (wahr geworden und folglich für abgetan) Gehaltenen als eines bloß Verwundenen, eine lange Konvaleszenz, in der wir die Rechnung mit der unauslöschlichen Spur der Krankheit noch einmal aufmachen müssen.“ (Die Spur der Spur, 107) Sie bietet darum keine absolute Sicherheit, sondern ist an das Lesen und Interpretieren der Botschaften gebunden, die uns von anderen Menschen – vor und um uns – erreichen.

Vattimo entdeckt, dass seine Weise des Philosophierens, nämlich die Schwächung starker, absoluter Ansprüche, ihn zurück zur Religion führt. In den Propheten Israels, in den Evangelien von Jesus und in der Verkündigung des Paulus erkennt der Philosoph die Herkunft des bereits erwähnten schwachen Denkens, wie er es im Ausgang von Nietzsche und Heidegger entwickelt hatte. Wenn Gott, das Absolute, selbst in die Geschichte eingehe, wie das die Erzählung von Jesus besagt, verliere auch jeder andere absolute Anspruch seine Legitimation und werde dadurch infrage gestellt. Entscheidende Bedeutung hat für Vattimo dabei das Wort des Paulus, dass Christus nicht daran festhielt, wie Gott zu sein, sondern sich entäußerte und die Gestalt eines Knechtes annahm (Brief an die Gemeinde von Philippi, 1,5–9). An Jesus wird die Schwächung des Absoluten in einer Weise erfahrbar, die geschichtlich bis in die postmoderne Philosophie nachwirke und auch von autoritären Auslegungen des Christentums, deren es zur Genüge gab und gibt, nie zum Verstummen gebracht werden konnte. Vattimos Annäherung an die biblische Tradition ist nicht die Rückkehr zu einem metaphysischen Fundament und den ihm korrespondierenden Autoritäten, sondern die Einladung zur subversiven Relektüre des Christentums und der abendländischen Tradition.

Freundschaft

Zentral ist für Vattimo auch ein Wort Jesu aus dem Johannes-Evangelium, wo es heißt: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut; euch aber habe ich Freunde genannt“ (Joh 15,15). Diese Freundschaft hat Vattimo mit vielen Verstorbenen über ihren Tod hinaus verbunden. Es ist eine Freundschaft, die sich durch keinen Grund, keine arché rechtfertigen lässt und deshalb als an-archisch bezeichnet werden kann. Wenn manche Texte Vattimos in einer Anarchie der Freundschaft weiterhin gelesen und interpretiert werden, verstummt auch seine Stimme nicht.

Epilog (Erinnerungen)

Als ich Vattimo 2013 bei der Tagung Zukunft Religion. Zur gesellschaftlichen Relevanz des Christentums im 21. Jahrhundert, veranstaltet von Karlheinz Ruhstorfer, traf, kam ich beim Abendessen neben ihm zu sitzen. An zwei der Fragen, die ich Vattimo im Gespräch stellen konnte, erinnere ich mich noch. Auf meine Frage, was er denn vom neugewählten Papst halte, äußerte er sich grundsätzlich erwartungsvoll und meinte auch, er würde sich freuen, wenn ihn Papst Franziskus einmal anriefe, wie er dies bereits mehrmals getan hat, wo es nicht zu erwarten war. Was ich damals nicht wusste – fast hätten Vattimo und Bergoglio einander kurz zuvor getroffen, wäre nicht etwas dazwischengekommen, was Santiago Zabala später so beschreibt: „We knew that Vattimo and the man born Jorge Mario Bergoglio in Argentina have many friends in common; they were even supposed to be on the same panel at a conference when Bergoglio was elected to the papacy in March 2013.” Als 2018 Vattimos letzte große Veröffentlichung, das Buch „Essere e dintorni“ (Sein und Umgebung), erschien, gratulierte ihm der Papst telefonisch dafür. Meine zweite Frage betraf Hegels „Phänomenologie des Geistes“. Ich wollte wissen, was Vattimo von diesem Werk halte. Ohne Umschweife sagte mir der Philosoph, er sei sich nicht sicher, was er darüber denken solle und welchen Einfluss es auf sein Denken ausgeübt habe, habe er doch dieses Werk nie ganz verstanden. Ein so ehrliches Wort aus dem Mund des weltbekannten Denkers zu hören, hat mich sehr beeindruckt. In den 1990er Jahren, als Vattimo sich wieder mit Religion zu beschäftigen begann, war er einer der bekanntesten gegenwärtigen Philosophen. Kaum ein anderer säkularer Philosoph hat ein so weitreichendes Gesprächsangebot an die Kirchen und Theologien gemacht wie er, das jedoch weitgehend ungehört verhallte, wenn es nicht sogar explizit zurückgewiesen wurde. Zum letzten Mal bin ich Vattimo bei einer Konferenz begegnet, die 2016 in Sant’Anselmo, der Universität des Benediktinerordens in Rom, anlässlich seines 80. Geburtstags von Philippe Nouzille veranstaltet wurde. Dass eine päpstliche Universität ein Symposium zu Ehren des halbgläubigen Philosophen – so bezeichnete er sich gelegentlich – ausgerichtet hat, war für ihn sichtlich eine große Freude.


Photocredits: Ministerio de Cultura de la Nación Argentina, CC BY-SA 2.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0, via Wikimedia Commons


RaT-Blog Nr. 13/2023

  • Assoz-Prof. DDr. Jakob Helmut Deibl lehrt Theologie mit Schwerpunkt "Religion und Ästhetik" an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien und ist wissenschaftlicher Manager des Forschungszentrums RaT.

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